Erklärung des Bundestreffens der Ökologischen
Plattform zum Programmentwurf der PDS in Strausberg 16./17. Juni
2001
Wenn wir uns überwiegend positiv zum vorliegenden Programmentwurf
des Parteivorstandes äußern, dann betrifft das ausschließlich
die Behandlung ökologischer Fragen. Wir haben uns nicht vorgenommen,
den Entwurf insgesamt zu bewerten, obwohl viele von uns erhebliche
Bedenken auch zu anderen Fragen sowohl des Inhaltes als auch des Werdeganges
bis hin zu Entwurf haben. So äußerten Teilnehmer des Bundestreffens
ihr Unverständnis dafür, daß die Programmkommission
den Prozeß einer längerfristigen demokratischen Erarbeitung
nicht fortführen konnte oder wollte, was der Beschlußlage
der Parteitage entsprochen hätte. Auf unserem speziellen Gebiet
möchten wir uns mit einigen Anregungen in die Debatte einschalten.
Das Bundestreffen begrüßt, daß die dringenden Anforderungen
der Umwelt an heutige und künftige Politik, zumal sozialistische,
im vorliegenden Entwurf gebührenden Niederschlag gefunden haben.
Zurecht wird überzeugend und wiederholt darauf hingewiesen, daß es
die herrschende profitbestimmte Produktions- und Lebensweise ist, die
die natürlichen Voraussetzungen unseres Lebens bedroht und daß ein
Wandel dieser Produktions- und Lebensweise daher dringend geboten ist.
Logisch ergibt sich daraus die formulierte Schlußfolgerung, daß die
nachhaltige Bewahrung oder Wiederherstellung einer lebenswerten Umwelt
heutiger und zukünftiger Generationen, der Menschen im Süden
und Norden unseres Planeten, zu den zentralen Fragen sozialistischer
Programmatik und Politik gehört.
Die Ökologische Plattform begrüßt, daß sich folglich
dieses Anliegen nicht nur im Abschnitt „Umwelt“ sondern
durchgehend in allen relevanten Abschnitten des Programmentwurfs wiederfindet.
Die Größe und Bedeutung dieser Aufgabe wird treffend mit
der Feststellung unterstrichen, daß es um nicht weniger geht,
als um eine Revolution im Verhältnis des Menschen zur Natur.
Das Durchhalten dieses Anspruches in allen beschriebenen Relationen
ist durchaus schwierig, was durch das weiter Dargelegte nicht verkannt
werden soll.
Wenn es im Programmentwurf heißt, daß eine deutliche Verminderung
der Naturbelastung und des Ressourcenverbrauchs in den reichen Ländern
zugunsten der Entwicklung der ärmeren Länder geboten ist,
so verbindet die Ökologische Plattform damit auch ein sehr kritisches
Verhältnis zum Wirtschaftswachstum in den reichen Ländern.
Eine ökologische Effizienzrevolution, d.h. mit weniger Energie
und Ressourcen mehr zu produzieren, erscheint ihr nicht ausreichend
für einen von maßgeblichen Instituten berechneten Umfang
notwendiger Reduzierung des Naturverbrauchs, zumal die Effizienzrevolution
ihrerseits einen erheblichen „ökologischen Rucksack“ mit
sich herumtragen wird.
Wenn völlig zurecht im Entwurf festgestellt wird, daß das
Wachstum der Massenproduktion in eine globale Umweltkrise mündete,
kann das als Absage an eine Fortsetzung der Wachstumspolitik aufgefaßt
werden. Das wäre eine zu begrüßende neue Position.
Verbunden mit den Ausführungen über Wirtschaftsdemokratie,
vermittels welcher der Weg zu einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung,
also zur Lösung der Frage, was die Gesellschaft benötigt
und was nicht, gefunden werden müßte, ergäbe dies ein
stimmiges Konzept. Ausdrücklich wird aber über Wachstumsregulierung
nicht gesprochen, es bleibt immerhin die Möglichkeit, diese in
die Darlegungen über Nachhaltigkeit an dieser Stelle hineinzudeuten.
Erfreulich deutlich wird der Entwurf dort, wo jene Wirtschafts- und
Finanzbranchen aufgezählt werden, die dem sozialökologischen
Wandel entgegenstehen und deren Eigentums- und Machtstrukturen deshalb
schrittweise zu überwinden sind.
Die Ökologische Plattform begrüßt, daß im Entwurf
der Terminus „ökologisch verantwortbare Erwerbsarbeit“ verwandt
wird. Die PDS würde damit dokumentieren, daß es ihr nicht
um Arbeitsplätze um jeden Preis geht, daß Vollbeschäftigung
nicht eine Frage der Ökologiepolitik, sondern einer richtigen
Wirtschafts- und Sozialpolitik des Staates ist, wiewohl auch zurecht
dargelegt wird, daß der ökologische Umbau wichtige neue
Felder der Erwerbsarbeit schaffen würde. Der Ehrlichkeit halber
müßte man den an PDS-Politik Interessierten auch sagen,
daß sich bei konsequenter ökologischer Politik auch viele
jetzt noch bestehende Arbeitsplätze verbieten. Das wäre umso
leichter als festgestellt wird, daß der Gesellschaft die Arbeit
ohnehin nicht ausgeht.
Die Ausführungen zur Wissenschaftspolitik lassen an Deutlichkeit
noch zu wünschen übrig. So wird die Grundforderung einer
zukunftsfähigen Politik, daß die Gesellschaft als Ganzes
ihre Souveränität in der Entscheidung über die Hauptrichtungen
der wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung, die die regierenden
Parteien an die Konzerne abgegeben haben, zurückgewinnen muß,
nur sehr vorsichtig im Zusammenhang mit Bildungspolitik angesprochen.
D.h. eine entscheidende Zukunftsfrage, der sich dringend ein Bündnis
zwischen demokratischer Öffentlichkeit und Wissenschaft annehmen
müßte, wird zunächst mal der Ausbildung des Nachwuchses überlassen.
In die Offensive muß man mit solchen Aussagen nicht unbedingt
gehen.
Wenn zurecht auf die Verantwortung der Wissenschaft für unsere
Zukunft hingewiesen wird - wer würde dem nicht zustimmen? - fehlt
dann doch die energische Forderung, Bedingungen dafür zu schaffen,
daß diese auch wahrgenommen werden kann. In diesem Zusammenhang
könnte auch ein deutliches Wort zur „grünen“ Gentechnologie
gesagt werden. Die Debatte ist soweit gediehen, daß man sich
dazu grundsätzlich äußern sollte, zumal in der PDS
auch prizipielle Positionen erarbeitet sind.
Die Ökologische Plattform unterstützt die Aussagen im Programmentwurf,
daß im Interesse unserer Umwelt auch ein Wandel der Lebensweisen
in den reichen Industrieländern gefordert ist. Zu vorsichtig wird
in diesem Zusammenhang auf die immer weitere Ausdehnung des materiellen
Konsums verwiesen und darauf, daß es für manche vielleicht
auch wichtigere Dinge im Leben, wie Gesundheit, saubere Umwelt, Bildung,
Lebenssicherheiten, Kultur, solidarische zwischenmenschliche Beziehungen
u.a. geben könnte. Im Grunde wird nur beschrieben und es werden
Hoffnungen ausgedrückt, keine damit verbundene Forderung oder
Absichtserklärung. Das reicht u.E. für ein Programm nicht
aus.
Wenn dann an anderer Stelle die Forderung nach Einkommenszuwächsen
anstatt nach den genannten Dingen, die ein menschenwürdiges Leben
im Einklang mit der Natur ausmachen, unterstützt wird, dann will
die PDS die Spirale Preis - Einkommen - Massenproduktion weiter mitgehen.
Damit bliebe sie, wie übrigens auch alle Menschen in Deutschland,
ob arm oder reich, weiterhin Teil des weltweiten Problems Umwelt. Es
wird nicht verkannt, daß der Gegenstand für eine Partei
der sozialen Gerechtigkeit außerordentlich kompliziert und diffizil
ist. Denn zurecht wird festgestellt, daß Umweltpolitik ohne Lösung
der sozialen Frage scheitern muß. Aber die Lösung der sozialen
Frage steht auch unabhängig von der Ökologie an.
In diesem Zusammenhang noch ein Wort zum bezogenen Standpunkt: Einheit
von sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit.
Es ist sehr wichtig, diese Einheit zu unterstreichen, in einem Sinne,
wie sie die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung in ihrem
Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ 1987 verstanden hat.
Im Unterschied zu einseitiger Interpretation vornehmlich durch Vertreter
der Wirtschaft muß dabei jedoch deutlich gemacht werden, daß im
Rahmen dieser Dreiecksbeziehung zwei Komponenten die Variablen sein
müssen, d.h. daß sich die Nutzung der Natur, also die wirtschaftliche
und soziale Entwicklung, den Bedingungen und dem Zustand der Natur
anpassen muß.
Die Weltkommission ging davon aus, daß dies möglich und
notwendig ist. Die Ökologische Plattform wird bestrebt sein, die
Debatte bis zur Annahme des Programms mit weiteren kritischen Beiträgen
zu begleiten und hofft, daß sich auch weitere Ökoaktivisten
daran beteiligen werden.