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Dokumentiert:
Hermesbürgschaft vom Ilisu-Staudammprojekt
zurückziehen
An die deutsche Bundeskanzlerin Frau Angela Merkel!
An den Wirtschaftsminister Herrn Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg!
An die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Frau Heidemarie Wieczorek-Zeul!
An den Bundesminister der Finanzen Herrn Peer Steinbrück!
An den Bundesminister des Auswärtigen Herrn Frank-Walter Steinmeier!
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin!
Sehr geehrte Frau Ministerin und sehr geehrte Herren Minister!
Ziehen Sie endgültig die Hermesbürgschaft vom Ilisu-Staudammprojekt
zurück!
Mit diesem Schreiben ersuchen wir Sie, dass die deutsche Hermesbürgschaft
für das Ilisu-Staudamm- und Wasserkraftprojekt im kurdischen Teil
der Türkei sofort zurückgezogen wird. Dieses Projekt hat inakzeptable
negative soziale, ökologische und politische Folgen, und die türkische
Regierung verletzt offenkundig immer wieder die von Ihnen für die
Umsetzung des Projektes gestellten Auflagen.
Auf internationaler Ebene würde der Bau des Ilisu-Staudammes den
Konflikt um das Wasser des Tigris zwischen der Türkei, dem Irak
und Syrien im ohnehin von Konflikten und Kriegen geplagten Mittleren
Osten anheizen. Denn zwischen diesen drei Staaten gibt es keine Abkommen über
die Nutzung des Flusses. - Auch hat die Türkei bisher die „UN-Konvention über
die nichtschiffbare
Nutzung grenzüberschreitender Wasserwege“ von 1997 nicht unterzeichnet.
Der am Tigris Fluss geplante Ilisu-Staudamm hätte erwiesenermaßen
massive negative Auswirkungen auf das Leben der Menschen in der betroffenen
Region. Sollte das Projekt wie geplant umgesetzt werden, machen Sie sich
mitschuldig daran, dass bis zu 78 000 Menschen ihren angestammten
Lebensraum verlieren, ohne eine angemessene Entschädigung zu erhalten,
und in Folge dessen eine Massenflucht in die bereits jetzt völlig überforderten
Städte der Umgebung einsetzt – mit katastrophalen sozio-ökonomische
Folgen.
Ü
ber 80 % der direkt Betroffenen und alle betroffenen Gemeinden der
Region stellen sich gegen dieses Projekt. Sie glauben nicht den Versprechungen
der Regierung über die Schaffung vieler Arbeitsplätze. Das
ist schon an anderen in der Region bereits umgesetzten Talsperrenprojekten
deutlich zu sehen.
Der Ilisu-Staudamm ist auch in menschenrechtlicher Hinsicht ein großes
Problem, weil seit den 80er Jahren in der betroffenen Region systematisch
die Menschenrechte verletzt werden und die staatliche Repression in den
letzten zwei bis drei Jahren nochmals zugenommen hat.
Darüber hinaus hätte der geplante Staudamm die Zerstörung
des vielfältigen Ökosystems im Tigristal zur Folge. Der Stausee
würde durch die Versalzung und Vergiftung des Wassers weitreichende
irreparable Schäden an der Umwelt verursachen. In dem betroffenen
Gebiet wären viele endemische und global bedrohte Arten wie die
Euphrat-Weichschildkröte (Rafetus euphraticus) und der Rötelfalke
(Falco naumanni) betroffen. Auch unterhalb des Staudamms bis weit in
den Irak wären negative ökologische Folgen sicher. Das lokale
Klima in der Stauseeregion könnte sich auf eine gefährliche
Art verändern und die wenigen Waldbestände bedrohen.
Das Umkippen des Stausees könnte zur Ausbreitung von Krankheiten
wie Malaria und Typhus und damit zu einer ernsthaften Gefährdung
der umliegenden Bevölkerung, d.h. von mehreren hunderttausenden
Menschen führen.
Auch auf kulturellem Gebiet würde das Projekt irreparable Schäden
verursachen. Mit der antiken Stadt Hasankeyf und ihrer mehr als 10 000
Jahre zählenden Siedlungsgeschichte wäre ein einzigartiger
Ort verschiedenster Kulturen zerstört. In diesem wichtigen Teil
Obermesopotamiens sind darüber hinaus über 300 uralte archäologische
Stätten von der Überflutung bedroht. So hat eine Anfang April
2009 von mehreren Wissenschaftlern in der Türkei veröffentlichte
Untersuchung ergeben, dass Hasankeyf und das Tigristal 9 von 10 Kriterien
für eine Aufnahme in das UNESCO-Weltkultur- und -naturerbe erfüllen.
(Zum Vergleich: Venedig bzw. die ägyptischen Pyramiden erfüllen
5 bis 6 Kriterien.) Kurz gesagt wäre der Bau von Ilisu ein Verbrechen
an einem wichtigen Teil der Zeugnisse der Menschheitsgeschichte.
Wir rufen Sie daher eindringlich auf zu überdenken, ob Ihre Regierung
als Mitverursacherin einer humanitären, ökologischen, politischen
und kulturellen Katastrophe dastehen möchte. Handeln Sie verantwortungsbewusst,
und ziehen Sie sich endgültig von der Kreditversicherung des Ilisu-Staudamms
zurück!
Hochachtungsvoll!
Die Teilnehmer des Bundestreffens der Ökologischen Plattform bei
der LINKEN,
Warmensteinach (Fichtelgebirge), 09. Mai 2009
f.d.R. Manfred Wolf
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