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Sprecherrat
der Ökologischen
Plattform bei der LINKEN
Fraktion DIE LINKE im Deutschen Bundestag
Vorsitzenden der Fraktion Genossen Oskar Lafontaine
Lieber Oskar,
im 100-Punkte–Programm der Fraktion DIE LINKE sind von Aktienoptionen
für Managergehälter bis Zumutbarkeitskriterien für Hartz-IV-Empfänger
alle konkreten Aufgaben der Fraktion auf den Gebieten der Sozial- und
Friedenspolitik, der Gesundheits- und Rentenpolitik usw. fast lückenlos
enthalten.
Auf dem Gebiet der Umweltpolitik ist das nicht der Fall. Die drei enthaltenen
Aufgaben sind zudem noch unvollständig oder unkonkret.
Eine Forderung des „Umstiegs“ auf öffentliche Verkehrsmittel
genügt nicht. Öffentliche Verkehrsmittel müssen vorrangig
ausgebaut werden und nicht Autobahnen.
Ein Tempolimit von 130 km/h löst die Probleme des Schadgasausstoßes
der Autos bei Weitem nicht. Die Autokonzerne müssen zum Bau von
Elektroautos verpflichtet werden, wie es die Automobilkonzerne in Japan
planen.
Die Forderung, den Schadgasausstoß bis 2020 um 40 % zu senken,
hat ohne Nennung der notwendigen Maßnahmen, die das garantieren,
keine politische Wirkung.
Wir haben den Eindruck, dass die Fraktion ökologische und landwirtschaftliche
Forderungen den GRÜNEN überlassen will. Dabei sind doch zahlreiche
GRÜNE zur LINKEN gewechselt, weil die GRÜNEN bereits zum
Establishment gehören und zum zahnlosen Tiger verkommen sind.
Die Möglichkeit, bei den GRÜNEN Mitglieder und Wählerstimmen
zu gewinnen, wurde mit eurem 100-Punkte-Programm vertan.
Welche Forderungen hätten auf dem Gebiet der Umwelt und der Landwirtschaft
aufgenommen werden müssen? Hierzu eine Auswahl
Zunächst einmal die Forderungen, die von dir selbst stammen und
auf der Hamburger Energiekonferenz geäußert wurden.
Die Nutzung der Atomkraft ist nicht geeignet, die Energieversorgung
der Zukunft zu sichern. Wir fordern eine Energieversorgung ohne Atomkraft
und den kurzfristigen Ausstieg,
Wir lehnen den Bau neuer Kohlekraftwerke als Großprojekte ab.
Wenn schon neue Kraftwerke geplant werden, dann als Blockheizkraftwerke
mit Kraftwärmekopplung bei kommunalen Projekten.
Wir sind für die Übernahme der Stromnetze und Gasnetze in
die öffentliche Hand und für ein deutschlandweites Stromnetz
mit unbehindertem Zugang für die Energieerzeuger.
Die Energieversorgung muss dezentralisiert, regionalisiert und rekommunalisiert
werden.
Energiepreise müssen staatlich überprüft und genehmigt
werden.
Zusätzlich zu diesen Forderungen schlägt die Ökoplattform
vor, die in der Wahlkampfbroschüre „Wessen Welt ist die
Welt? Unsere umweltpolitischen Vorschläge“ enthaltenen Forderungen
in das 100-Punkte-Programm aufzunehmen, denn diese Broschüre wurde
von der LINKEN im Parlament herausgegeben.
Die erneuerbaren Energien sind so zu fördern, dass Windenergie,
Biogasgewinnung, Erdwärmegewinnung und Wellenenergie bis 2020
50 % des Strombedarfs decken. Die technischen und finanziellen Voraussetzungen
existieren bereits. Bis 2050 streben wir eine 100%ige Energieversorgung
aus erneuerbarer Energie an.
Die Regierung muss eine Strategie verfolgen, die weg vom Erdöl
führt und Rohstoffkriege vermeidet.
In Forschung und Entwicklung für die Energieversorgung ist ein
Prioritätenwechsel notwendig. Anstatt 70 % der Mittel in die Nuklearforschung
zu stecken, müssen 70 % in die erneuerbare Energieforschung fließen.
Forschungen für die Kernfusion sind zu beenden.
Wir sind für die Einführung einer ökologisch gewichteten
Primärenergiesteuer bei den fossilen und nuklearen Stromerzeugern
als Ausgleich für die externen Kosten für die Beseitigung
der Umweltschäden.
Die Reduktion des Schadgasausstoßes bis 2020 um 50 % (Basisjahr
1990) und bis 2050 um 90 % ist notwendig, um den Klimawandel hinauszuzögern.
Wir sind gegen die kostenlose Ausgabe von Zertifikaten für den
Klimagasausstoß.
Der Neubau von fossilen und nuklearen Großkraftwerken muss verhindert
werden.
Wir sind gegen Atommülltransporte und ein Atommüllendlager.
Atommüll soll an den jeweiligen KKW gelagert werden. Die kosten
für die gefahrlose Lagerung haben die Betreiber für 25 000
Jahre vorzuschießen.
Die Risiken der Atomenergiegewinnung und der Nuklearabfallbeseitigung
bzw. –lagerung dürfen nicht aus Steuermitteln gedeckt werden.
Die Heizung von Räumen ist schrittweise mit jährlich 3% des
Wohnungsbestandes auf Thermosolarheizung bei verbesserter Wärmedämmung
umzustellen. Dieses Ziel ist durch zinsgünstige Kredite und Zuschussmittel
der Bundesregierung zu sichern.
Der Boom des LKW-Verkehrs ist zu stoppen. Transporte sind nach Schweizer
Vorbild von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Bei Transportentfernungen
von über 200 km muss das verbindlich gemacht werden. Durch Mauterhöhungen,
Tempolimits für LKW und Nachtfahrverbote muss diese Entwicklung
gefördert werden.
Streckenstilllegungen und Bahnhofsschließungen müssen rückgängig
gemacht werden und das dichte Eisenbahnnetz muss erhalten werden.
Dem Flugverkehr muss eine Kerosinsteuer auferlegt werden. Inlandflüge
sind so zu besteuern, dass der Anreiz zum Umstieg auf den ICE entsteht.
Wir lehnen es ab, dass aus naturnahen Flüssen Schiffsautobahnen
gemacht werden.
Wir fordern die Entwicklung und Großserienproduktion von Elektroautos
für den Stadtverkehr, die mit Strom aus erneuerbarer Energie betankt
werden.
Wir sind für den Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten.
Die deutsche Agrarproduktion ist in jährlichen 5 %-Schritten auf
Biolandwirtschaft umzustellen und dementsprechend zu fördern.
Grüne Gentechnik ist weder notwendig noch vom Verbraucher gewünscht.
Wir lehnen sie ab.
In den Schulen muss die Umweltbildung in alle Lehrfächer Einzug
halten.
Stillgelegte Flächen sollen für die Futterproduktion genutzt
werden und nicht für die Biospritgewinnung. Die Futtermittelimporte
aus dem Ausland sind schrittweise einzustellen.
Subventionen für Agrarexporte sind abzuschaffen.
Der große Flächenverbrauch in der Siedlungspolitik und bei
Verkehrswegen muss durch verdichtete Strukturen gestoppt werden.
Nationale und internationale Aktivitäten zum Schutz der Urwälder
werden von uns unterstützt.
Wir sind für die flächenmäßige und qualitative
Ausdehnung und Verknüpfung von Nationalparks, Naturparks und Biosphärenreservaten
zur Erhaltung der biologischen Vielfalt.
Zusätzlich zu diesen in den Parteidokumenten bereits verankerten
Forderungen, die in der Mitgliedschaft einen breiten Konsens gefunden
haben, schlägt die Ökologische Plattform noch darüber
hinausgehende Forderungen vor, die sicherlich noch einer parteiinternen
Diskussion bedürfen. Diese Forderungen sind dem „Ökosozialistischen
Manifest“ der Ökoplattform von 2006 entnommen.
Wirtschaftlichem Wachstum kann bei zunehmendem Raubbau an Rohstoffen,
der damit einhergehenden Umweltzerstörung und dem absehbaren Rohstoffmangel
durch Erschöpfung der Lagerstätten auch im Hinblick auf den
massenhaften Ausstoß überflüssiger und überschüssiger
Produkte und auch aus Rücksicht auf den Bedarf zukünftiger
Generationen nicht mehr zugestimmt werden.
Schrittweise muss der Verbrauch an Rohstoffen durch innovative Forschung
und Entwicklung um 80 % gesenkt werden. Es ist ungerecht, wenn 20 %
der Bevölkerung in den Industrieländern 80 % der Ressourcen
verbrauchen. Allein durch die Umstellung der Produktion auf langlebige
und reparaturfähige Güter und den Verzicht auf Rüstungsproduktion
könne die Hälfte des Materials eingespart werden.
Wachstum auf den Gebieten Kultur, Bildung, Gesundheit, soziale Betreuung
und anderen nicht materialintensiven Gebieten der Volkswirtschaft findet
unsere Zustimmung.
Der Lebensstandard muss durch Neuentwicklung material- und enrgiesparender
Produkte gehalten werden, wobei die Produktion nicht lebensnotwendiger
Güter eingespart werden muss. Soziale und ökologische Gerechtigkeit
sind unvereinbar mit dem Erwerb überflüssiger und selten
genutzter Güter mit hohem Ressourcenverbrauch.
Die Transformation der kapitalistischen Großindustrie in eine
regionale, kleinteilige, humane und umweltverträgliche Produktionsweise
unter Nutzung aller bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse ist
notwendig, um den zukünftigen Entwicklungen des Klimawandels,
der Rohstoffknappheit und des Energiemangels zu begegnen.
Es muss eine alternative Technik entwickelt werden, die eine Selbstverwirklichung
der Menschen ermöglicht, Befriedigung bei der Arbeit schafft,
die Natur und ihre Ressourcen schont, alle Erkenntnisse der Wissenschaft
und Technik schrankenlos nutzt, autonome kollektive Aktivitäten
fördert und Vollbeschäftigung schafft. Dazu ist ein Systemwechsel
Voraussetzung.
Wir sind für die Entwicklung einer alternativen Wissenschaft und
für ein Finanzierungs- und Mitbestimmungsmodell, bei dem die Gesellschaft
als Ganzes die Hauptrichtungen der technischen Entwicklung bestimmt.
Es muss ein Recht geben, dieser Forderung nicht entsprechende geplante
Vorhaben nicht zu beginnen, laufende Vorhaben abzubrechen und eingeführte
Neuerungen zurückzurufen.
Technikfolgenabschätzung muss staatlich institutionalisiert und
auf prophylaktische Untersuchungen ausgerichtet werden, um Technikanwendung
politisch steuern zu können.
Ein Umwelt-TÜV ist zu schaffen, der vor der Einführung von
Produkten durchlaufen werden muss, um Umweltschäden zu vermeiden
und einen minimalen Stoff- und Energieeinsatz durchzusetzen.
Lieber Oskar, wie du aus unseren Vorschlägen entnehmen kannst,
wollen wir nicht nur die Genossen und Sympathisanten unserer Partei
sondern auch das ganze Spektrum linker Grüner und Mitglieder von
Umwelt-NROs mit unseren Forderungen ansprechen. Das sind Wählergruppen,
die uns sonst verloren gehen.
Wir bitten um eine Ergänzung der Aufgaben der Fraktion bei nächstbietender
Gelegenheit, spätestens aber bei der Erarbeitung des Wahlprogramms
für die Bundestagswahl.
Für den Sprecherrat der Ökologischen Plattform
(Manfred Wolf)
Nachrichtlich an:
MdB Eva Bulling- Schröter
MdB Kerstin Tackmann
Parteivorstandsmitglied Thiess Gleis
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