Gründungserklärung der Ökologischen
Plattform bei der PDS
I. Für eine Kursänderung
Die Menschheit ist infolge eines gigantischen ökologischen Anschlages
der großen Industrienationen auf unserem Planeten in ihrer Existenz
bedroht. In tiefer Sorge über diesen Zustand wie auch über
die offensichtliche Unfähigkeit der regierenden politischen Klassen
zur ökologischen Umkehr in der Welt und in unserem Land haben
sich Mitglieder und SympathisantInnen der PDS sowie VertreterInnen
der ökologisch orientierten Linken zur Ökologischen Plattform
bei der PDS konstituiert.
Wir, die Gründungsmitglieder der Ökologischen Plattform,
wollen, daß unser Planet für unsere und die kommenden Generationen
wieder bewohnbarer wird und das Verhalten der Gesellschaft bereits
heute auf dieses Ziel eingestellt wird. Die offizielle Politik auf
dem Gebiet des Umweltschutzes läuft letztendlich auf eine Alibipolitik
hinaus. Sie kann die verhängnisvolle Entwicklung nicht stoppen.
Wir sind jedoch entschlossen, gerade dies von den politisch Verantwortlichen
einzufordern.
Die Ökologische Plattform bei der PDS will Fragen und
Zusammenhänge,
die sich aus der existentiellen Bedrohung der Menschheit infolge der
ungelösten Umweltprobleme ergeben, zum Ausgangspunkt ihrer theoretischen,
programmatischen und politischen Arbeit machen. Sie will dadurch vor
allem erreichen, daß diese Fragen stärker als bisher ins
Blickfeld der PDS und ihres Umfeldes gerückt werden und
ihren Niederschlag im politischen Wirken dieser Partei finden. Dafür
gibt es eine gute Grundlage im Programm der PDS, in dem es
u.a. heißt:
"Die ökologische Krise spitzt sich in raschem Tempo zur
weltweiten Überlebensfrage zu. Sie entspringt dem immer expansiveren
Austausch zwischen Mensch und Natur, dem ausbeuterischen Charakter
des kapitalistischen Produktions- und Konsummodells und der Zerstörung
traditioneller Lebensformen in den unterentwickelt gehaltenen Ländern.
In den nächsten Jahrzehnten drohen regionale und globale Zusammenbrüche
der Ökosysteme. Deshalb muß alles getan werden, damit die
Zeit zum radikalen Umbau der Produktions- und Lebensweise nicht unwiederbringlich
verlorengeht."
Ausgehend davon gilt es, eine zukunfts- und linksorientierte Strategie
zu erarbeiten und konkrete Politikansätze für eine schrittweise ökologische
Umgestaltung der Gesellschaft wie auch aktuelle Forderungen an die
herrschenden Parteien für eine nachhaltig wirksame ökologische
Politik abzuleiten.
Die Ökologische Plattform bei der PDSi kann sich bei ihrem
Start bereits auf zahlreiche, an ökologischen Fragen interessierte
Mitglieder und SympathisantInnen der Linkspartei wie auch auf umfangreiche
Aktivitäten
ihrer Mitglieder in Interessen- und Arbeitsgemeinschaften und in kommunalen
und Landesparlamenten stützen. Wir sind jedoch der Auffassung,
daß das bisherige Engagement der Partei für ökologische
Fragen nicht ausreicht . Für eine Partei wie die PDS,
die politisch keinen ökologiefeindlichen Profitinteressen verpflichtet
ist, sehen wir auf diesem Gebiet eine besondere Aufgabe und Verantwortung,
nicht zuletzt auch eine besondere Chance.
Jede linke Politik kann heute nur eine zutiefst ökologische sein.
Deshalb wird und muß sich die Rolle einer linken Partei für
die Durchsetzung einer wahrhaften Umweltpolitik verstärken. Ende
des 20. Jahrhunderts einen demokratischen Sozialismus anzustreben,
kann nur den Weg zu einer Gesellschaft bedeuten, die sich im Einklang
mit der Umwelt entwickelt. Dieser Weg führt über tiefgreifende ökologisch
orientierte Veränderungen, die an heutigen marktwirtschaftlichen
Grenzen nicht haltmachen können.
II. Chancen für eine Rettung
Oberstes Ziel unserer Plattform ist die Verhinderung des ökologischen
Zusammenbruchs des Planeten Erde. Die bisherige Produktions- und Konsumtionsweise
der Industrieländer hat die Welt an den Abgrund gebracht. Die
hemmungslose Verschwendung von Rohstoffen und Energie in einem Drittel
der Welt, die durch Kriege und ein gigantisches Wettrüsten enorm
verschärft wurde, beruht auf einer ungeheuren Ausplünderung
der anderen zwei Drittel sowie der gesamten Biosphäre und vernichtet
die Existenzgrundlage heutiger und kommender Generationen.
Die Ökologische Plattform erklärt die Abkehr von dieser
Entwicklung zum Ziel ihres Wirkens . Die bisherige selbstzerstörerische
Entwicklung auf unserem Planeten muß endlich beendet und in grundsätzlich
andere, lebenserhaltende Bahnen einer "nachhaltigen Entwicklung" gelenkt
werden.
Dem politischen Handeln in Deutschland kommt dabei eine besondere
Verantwortung zu. In einem Land mit hoch entwickelter Industrie und
Rüstung sowie einem der höchsten materiellen Lebensniveaus
der Welt muß das Handeln darauf gerichtet werden, den hohen Pro-Kopf-Verbrauch
an Rohstoffen (zweiter Rang in der Welt) und Energie deutlich zu senken,
die Rüstungsproduktion sowie den Waffenexport schrittweise abzubauen
und die gefährliche Nuklearpolitik zu beenden: Allein in deutschen
nuklearen Zwischenlagern befinden sich schon heute etwa 60.000 Kubikmeter
radioaktiven Mülls. Eine Änderung dieser gefährlichen
Entwicklung in Deutschland hätte beträchtlichen Einfluß auf
Europa und die gesamte Welt.
Die Durchbrechung der bisherigen Entwicklungs"logik" ist
nur durch einen grundlegenden ökologischen Umbau der Gesellschaft
möglich. Die industrielle Grundlast, die sich die reichen Länder
zumuten, ist weltweit untragbar. Unser Material- und Energieverbrauch
ist auf einen Bruchteil des heutigen Standes zu senken und weitestgehend
aus regenerativen Ressourcen zu decken. In vielen Bereichen der Produktion
müssen entschiedene Schritte in Richtung auf eine Kreislaufwirtschaft
unternommen werden. Das erfordert auch eine Energie- und Verkehrswende,
denn bisherige überzentralisierte Produktions-, Ver- und Entsorgungsstrukturen
sind auf Dauer nicht tragbar. Prestigeprojekte wie den Transrapid lehnen
wir ab.
Wir wollen deshalb eine ökologische Politik befördern, die
einerseits alle Möglichkeiten marktwirtschaftlicher Regularien
voll ausschöpft, ja die Nutzung wirtschaftlicher Mechanismen sehr
entschieden einfordert, andererseits jedoch über eben deren Barrieren
hinausgeht. Dabei müssen die innovativen und effektiven Aspekte ökologischen
Wirtschaftens entwickelt und für eine künftige Gesellschaft
bewahrt werden. In dieser ist die Produktion durch die ProduzentInnen
und KonsumentInnen demokratisch zu verwalten und zu kontrollieren.
Die existierenden Tendenzen der Vollvermarktung des menschlichen Lebens
und der Gewinnsucht als dominantes Menschenbild sind zurückzudrängen.
Darüber hinaus brauchen wir ein neues Verständnis von Lebensqualität.
National begrenztes Wohlstandsdenken, das weltweit jedes Jahr Millionen
Hungertote akzeptiert und zugleich immer höhere Lohn- und Profitbestände
im eigenen Land einfordert, ist eine Form sozialer Apartheid. Für
uns ist überhöhter materieller Konsum auf Kosten der natürlichen
Umwelt, anderer Völker oder künftiger Generationen nicht
akzeptabel.
Das bedeutet die radikale Änderung der Lebensweise in den Industrieländern.
Ausgehend von der stofflichen Struktur der Produktion muß eine
andere Konsumtionsweise entwickelt werden, die sich an Gebrauchswerten
der Produkte orientiert und Qualität, Langlebigkeit und Nützlichkeit
in den Vordergrund stellt. Das bedeutet eine Veränderung des Wertesystems
, die Abkehr von der Wegwerfmentalität. Der öffentliche Verkehr
muß Vorrang vor dem privaten erhalten. Vom Ersatz schädlicher
Haushaltchemikalien bis hin zu ökologisch verträglichen Formen
des Tourismus müssen viele Lebens- und Freizeitbereiche umgestaltet
werden.
Ökologisch verträgliches Konsumverhalten kommt nicht primär
durch Appelle an die Vernunft zustande, sondern durch die bewußte
Einflußnahme auf alle ökonomischen, sozialen und kulturellen
Prozesse. Die Ökologische Plattform setzt sich dafür ein,
daß Rahmenbedingungen geschaffen werden für alternative
Lebensweisen, die einen Bruch mit dem heutigen Konsummodell vollziehen
wollen, denn um gesellschaftlich tragfähige Lösungen zu finden,
bedarf es einer Vielzahl sozial-ökologischer Projekte und Experimente,
in denen Alternativen erprobt werden. Die Ökologische Plattform
versteht sich auch als Forum für die Verarbeitung und politische
Umsetzung der verschiedensten Erfahrungen auf diesem Gebiet.
Eine neue Lebensweise ohne Verschwendung und Raubbau an der Natur
kann nur schrittweise auf der Basis eines Konsenses erkämpft werden,
der möglichst viele gesellschaftliche Kräfte umfaßt.
Bei Verwirklichung einer ökologisch verträglichen Produktions-
und Konsumtionsweise werden viele existierende technische Systeme überflüssig,
andere müssen erst entwickelt werden. Bisher sind Technik und
Technologien weitestgehend auf die "immer bessere Beherrschung" der
natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt des Menschen gerichtet.
In einer scheinbar unendlichen Spirale wurden immer neue technische
Lösungen gefunden, die immer mehr von den notwendigen Bedürfnissen
abheben und neue Scheinbedürfnisse geweckt haben. Die Technik
ist daher Ausdruck der patriarchalen, der "Beherrschung" der
Umwelt zugrundeliegenden Organisation der Menschheit. In Anbetracht
der Begrenztheit unserer Welt ist offenkundig, daß diese Entwicklungsrichtung
geändert werden muß.
Technik und Technologien befriedigen auch lebensnotwendige Bedürfnisse
und tragen in vielfältiger Weise zur Erleichterung der Arbeits-
und Lebensbedingungen bei. Aus dieser Ambivalenz der Technik ergeben
sich Bedrohungen, auf die die Menschheit wirksam reagieren muß.
Dazu ist ein geeigneter gesellschaftlicher Mechanismus zu entwickeln.
Eine ökologisch verträgliche gesellschaftliche Entwicklung
erfordert Neu- und Weiterentwicklungen "sanfter" Technologien
sowie die generelle Überprüfung und teilweise Veränderung
der Nutzung vorhandener (z.B. regenerative Energien). Entwicklung und
Nutzung von Wissenschaft und Technik sind auf eine aktive Reproduktion
und Verbesserung der natürlichen Umweltbedingungen und den Erhalt
der natürlichen Ökosysteme und Strukturen auszurichten.
Die Ökologische Plattform sieht es daher als eine wichtige Aufgabe
an, ihren Beitrag zu einer differenzierten Technikdiskussion zu leisten
und dabei die Kriterien der Überlebensfähigkeit unseres Planeten
sowie sozialer Gerechtigkeit im globalen und lokalen Maßstab
in den Mittelpunkt zu stellen.
Die angestrebten Ziele sind nur erreichbar, wenn ein neues Umweltbewußtsein
weltweit wirksam wird . Dazu will die Ökologische Plattform einen
Beitrag leisten.
Die Menschheit hat mit ihrer Fähigkeit, sich gegenüber der übrigen
Natur durchzusetzen, eine schreiende Diskrepanz zwischen sich und ihren
eigenen Grundlagen geschaffen. Aber die bisher erfolgreiche Strategie
der Lösungen von Problemen, die aus ihren Zusammenhängen
gerissen wurden, ist auch eine der Ursachen für die Gefahr, in
einer zunehmend komplexen Welt nicht zu überleben. Daher bedarf
es eines Bewußtseins, dem nicht isolierte Einzelprobleme, sondern
Zusammenhänge wichtig sind. Die Zukunft verlangt nicht einfache
Antworten, sondern das Ringen um die Beantwortung zunehmend komplexer
Fragen. Altbewährte Lösungsstrategien taugen dafür immer
weniger und wer so tut, als gebe es auf alle Fragen Antworten, betrügt
sich und andere. Die Dialektik von Natur und menschlicher Entwicklung
setzt sich jedoch durch - auch gegen die Lebensinteressen der Menschheit.
In Gesamtzusammenhängen zu denken, heißt daher für
uns, die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensgrundlagen nicht
nur zu begreifen, sondern ihr durch aktives Handeln entgegenzuwirken.
In Gesamtzusammenhängen denken und handeln bedeutet auch eine
andere Kultursicht. Die sozialpsychologischen Dimensionen des Aufbruchs
zu einer neuen Kultur (z. B. Sein statt Haben) gehören stärker
in den Mittelpunkt menschlichen Handelns und politischen Disputs. Wie
es gelingt, den kalten zwischenmenschlichen Umgang durch eine bewußt
kommunikative innere Haltung zu überwinden, hat eine zentrale
Bedeutung dafür, wie die Menschen miteinander und mit der natürlichen
Umwelt umgehen.
III. Laßt uns gemeinsam beginnen!
Alle, die sich mit der ökologischen Problematik befassen oder
an ihr interessiert sind, werden gebraucht , um das Raumschiff Erde
in Richtung einer "nachhaltigen Entwicklung" umzusteuern,
die auch unseren Kindern und Kindeskindern eine lebenswerte Zukunft
sichert. Die Gründungsmitglieder der Ökologischen Plattform
bei der PDS streben im Rahmen ihrer Möglichkeiten eine
breite Öffentlichkeit
für ihre Arbeit an. Im Rahmen von Arbeitsgruppen werden sie sich
sowohl mit Fragen der Zukunftsgestaltung und alternativer Lebensweisen,
mit mittel- und langfristig anstehenden Fragen einer ökologischen
Umgestaltung der Gesellschaft als auch mit aktueller politischer und ökologischer
Bildungsarbeit befassen. Anzahl und inhaltliche Ausrichtung der Arbeitsgruppen
wie auch die Mitarbeit in ihnen sollen abhängig von den bestehenden
Interessenlagen und politischen Erfordernissen prinzipiell variabel
gestaltet werden.
Die Gründungsmitglieder wenden sich an alle, die sich den in
dieser Erklärung dargelegten Aufgaben und Zielen verpflichtet
fühlen, und laden sie zur Mitarbeit ein. Zur Beförderung
und Durchsetzung übereinstimmender Ziele bieten sie politischen
Parteien und Organisationen, Kreisen und Strömungen, wie auch
Verbänden, Bürgerinitiativen, sozialen Bewegungen und anderen ökologisch
tätigen Gruppierungen Zusammenarbeit und Aktionsgemeinschaft an.
Die Ökologische Plattform will sowohl auf parlamentarischem als
auch auf außerparlamentarischem Gebiet die Diskussion und einen
kulturvollen Meinungsstreit zu ökologischen Fragen fördern
und den Konsens in der Sacharbeit suchen. Dabei sollen Identität
und Autonomie jeder Gruppierung und jedes Mitstreiters gewahrt bleiben
und die Suche nach neuen Lösungsmöglichkeiten von gegenseitiger
Achtung und Toleranz geprägt sein. Für die Weiterentwicklung
des ökologischen Ansatzes ist es jedoch gleichzeitig erwünscht,
daß unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, sich aneinander
reiben und entzünden.
Inwieweit die heutige Kapitaldominanz eingedämmt und durchbrochen
werden kann, muß die Praxis zeigen. Der Streit darüber,
ob und inwieweit es einen "grünen Kapitalismus" geben
kann, sollte keinen hindern, hier und heute für die Bewohnbarkeit
unseres Planeten aktiv zu werden. Entscheidend ist nicht, auf der Grundlage
welcher demokratischen Gesellschaftsordnung ökologischer Fortschritt
errungen, sondern daß das Überleben unseres Planeten gesichert
wird .
Wir sind uns bewußt, daß es für diese Auseinandersetzung,
für das Auffinden geeigneter Lösungsmöglichkeiten, die
von gesellschaftlichen Mehrheiten getragen werden können, eines
langen Atems bedarf. Laßt uns dennoch gemeinsam beginnen!
Berlin, den 24. Juni 1994