Naturschutz ist kein Luxus
Partei ergreifen - Für Mensch und Natur
Leif Miller
(Gastbeitrag vom Bundesgeschäftsführer des NABU Naturschutzbund
Deutschland e. V.)
Für Mensch und Natur - nach diesem Prinzip handelt der Naturschutzbund
NABU als Deutschlands ältester und größter Naturschutzverband.
Unser Programm ist eine lebenswerte Umwelt. Kommende Generationen sollen
eine Erde vorfinden, die lebenswert ist, die über eine große
Vielfalt an Lebensräumen und Arten sowie über gute Luft, sauberes
Wasser, gesunde Böden und ein Höchstmaß an endlichen
Ressourcen verfügt.
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen die Mitbürger und
Mitbürgerinnen durch anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, die Probleme
einer alternden Gesellschaft und die damit verbundene ungewisse Zukunft
des Sozialstaats verunsichert sind, scheint der Natur- und Umweltschutz
wieder zu einem Nebenschauplatz der Politik zu verkommen. Auch im Bundestagswahlkampf
des vergangenen Jahres war Umweltpolitik kaum ein Thema. Doch Naturschutz
ist kein Luxusartikel, den man sich nur in guten Zeiten leistet, sondern
betrifft uns alle und andauernd. Es geht darum, in Deutschland auch in
Zukunft saubere Flüsse, gesunde Wälder und eine artenreiche
Pflanzen- und Tierwelt vorzufinden.
Der Schutz des Klimas ist die zentrale Herausforderung für eine
nationale und internationale Politik, die es mit der Sicherung unserer
Lebensgrundlagen ernst meint. Die Weiterentwicklung des Kyoto-Protokolls,
die Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen Deutschlands um 40 Prozent
bis zum Jahr 2020 sowie nachhaltige Strategien für den Umgang mit
den Konsequenzen des Klimawandels für die Landwirtschaft oder die
Artenvielfalt gehören ganz oben auf jede umweltpolitische Tagesordnung.
Eine zukunftsweisende und umweltverträgliche Energiepolitik bedeutet
das Festhalten am Atomausstieg und den konsequenten Ausbau der erneuerbaren
Energien. Der jüngste Störfall im schwedischen Atomkraftwerk
Forsmark hat einmal mehr vor Augen geführt, dass es zum Ausstieg
aus der Atomenergie keine Alternativen gibt. Umso ärgerlicher sind
aktuelle Vorstöße von Politikern, die den beschlossenen Atomkonsens
in Frage stellen. Weg von der Atomkraft und fossilen Energieträgern
- hin zu mehr Energieeffizienz und erneuerbaren Energien. Das hat unserem
Land bereits heute einen Innovationsschub gegeben, von dem es keinen
Weg zurück geben darf.
Als ein Erfolg für den Naturschutz ist die Entscheidung der Bundesregierung
zu bewerten, 125.000 Hektar wertvoller Naturschutzflächen im Eigentum
des Bundes nicht zu privatisieren, sondern als nationales Naturerbe in
einer Bundesstiftung oder durch die Bundesländer dauerhaft zu sichern.
Dazu gehören vor allem frühere Truppenübungsplätze
und Bergbaufolgelandschaften in Ostdeutschland, für deren Erhalt
sich der NABU seit den 90er Jahren stark gemacht hat. Auf einem ehemaligen
Truppenübungsplatz in der Lausitz leben heute beispielsweise wieder
Wölfe. Der NABU unterstützt die Rückkehr der Wölfe
in Deutschland mit einer Aufklärungs- und Bildungskampagne, um Akzeptanz
in der Bevölkerung für die scheuen Tiere zu schaffen. Wenn
es gelingt, Wölfe wieder dauerhaft bei uns heimisch zu machen, ist
das ein erfolgreiches Beispiel für gelungenen Artenschutz. Auch
international betreibt der NABU effizienten Artenschutz, wie zum Beispiel
mit einem Projekt zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Schneeleoparden
in Kirgistan.
Ökodumping nicht Tür und Tor öffnen
Anlass
zur Sorge bereitet die im Bundestag beschlossene Föderalismusreform,
da sie die Ziele im Umweltbereich verfehlen wird. Die Länder können
künftig bei der Umweltgesetzgebung in vielen Bereichen von den Vorgaben
des Bundes abweichen, was dem so genannten Ökodumping und damit
dem Wettlauf um die niedrigsten Umweltstandards Tür und Tor öffnen
wird. Auch die aktuelle Verkehrs- und Agrarpolitik stimmen bedenklich.
Die beschlossenen finanziellen Kürzungen beim klimafreundlichen öffentlichen
Nahverkehr sind umso unverständlicher, wenn gleichzeitig am Bau
teurer Prestigeobjekte im Straßen- und Schienenverkehr festgehalten
wird. Das geplante Gesetz zur Beschleunigung von Bauvorhaben für
Infrastrukturprojekte stellt einen massiven Eingriff in die demokratischen
Mitwirkungs- und Beteiligungsrechte von Bürgern und Verbänden
dar. Die finanziellen Kürzungen für den ländlichen Raum
und fehlende Gelder für den Vertragsnaturschutz machen es den Naturschützern
vor Ort zunehmend schwer. Wird das Gentechnikgesetz zugunsten einer verstärkten
Förderung des Genpflanzen-Anbaus sowie der Gen-Forschung gekippt,
wäre das ein herber Rückschlag für den Natur- und Verbraucherschutz.
Für Mensch und Natur - als überparteilicher Verband messen
wir Parteien und Politiker an ihrem Engagement für unsere Ziele.
Wir werden auch in Zukunft aktiven Naturschutz leisten. Dazu suchen wir
den Dialog mit Politik und Gesellschaft, um gemeinsam die komplexen Umweltprobleme
anzugehen.
Der NABU ist der älteste und größte Naturschutzverband
Deutschlands. Er unterhält eigene Forschungsinstitute und betreibt
Umweltbildung. Seit 1899 realisiert er konkrete Naturschutzprojekte und
meldet sich zu Wort, wenn die Natur einen Anwalt braucht. Der NABU beteiligt
sich an behördlichen Naturschutzverfahren und begutachtet Eingriffe
in die Natur, um Umweltschäden zu vermeiden und Lösungen vorzuschlagen.
Mehr als 400.000 NABU-Mitglieder setzen sich für die Natur ein -
als aktive Umweltschützer oder engagierte Förderer. Sie sind
in rund 1.500 lokalen Kreisverbänden und Gruppen in ganz Deutschland
organisiert und vornehmlich ehrenamtlich tätig. www.NABU.de
Disput, Nr. 9/2006