| Klimaveränderungen
und die Ozeane
Stefan Rahmstorf
„
... welche Rolle spielen die Ozeane im Klimasystem? Im wesentlichen
tun sie fünf entscheidende Dinge: Sie speichern Wärme, sie
transportieren Wärme rund um den Globus, sie geben Wasser an die
Atmosphäre ab, sie gefrieren, und sie speichern Gase wie Kohlendioxid
und tauschen diese mit der Atmosphäre aus. Die Ozeane sind daher
integraler Bestandteil des Klimasystems und genau so wichtig wie die
Atmosphäre. ... Weil der größte Teil der Erde von Meeren
bedeckt und die Atmosphäre für Sonnenstrahlen durchlässig
ist, wird der größte Teil der eingestrahlten Sonnenenergie
zunächst von den Ozeanen absorbiert. Die Meere speichern die Wärme,
transportieren sie mittels Strömungen rund um den Erdball und
geben sie schließlich wieder an die Atmosphäre ab. Die Ozeane
kontrollieren daher, wie die Sonnenenergie in das Klimasystem gelangt
und dieses antreibt. Die große Speicherkapazität der Meere
stellt einen Puffereffekt dar, der jede Veränderung des Klimas
abmildert.“ (S. 43)
„... die absolute Menge des im Meerwasser ... vorhandenen Kohlenstoffs
ist fünfzig mal größer als die in der Atmosphäre.
Bedenkt man nun den beständigen CO2-Austausch zwischen Ozeanen
und Atmosphäre, wird deutlich, dass es für die Hochrechnung
künftiger CO2-Konzentrationen nicht nur wichtig ist zu wissen,
wie viel CO2 in die Atmosphäre freigesetzt wird, sondern auch,
wie viel ins Meer gelangt – und wieviel dort verbleibt! Daher
werden die Prozesse, die die Kohlenstoffaufnahme und Speicherung („Sequestration“)
im Meer bestimmen, derzeit intensiv erforscht. ... Es lohnt sich, noch
einen Blick auf die ungeheure Kohlenstoffmenge zu werfen, die sich
auf dem Meeresboden befindet. Dieses Reservoir, das auf 30 Millionen
Gigatonnen geschätzt wird, stellt die bei weitem größte
Kohlenstoffanhäufung auf der Erde dar. ... Das meiste davon stammt
natürlich aus herabgesunkenem organischem Material (größtenteils
abgestorbene Pflanzen und Tiere)“ (S.87/88)
„Die Kohlendioxidkonzentration der Erdatmosphäre ist in
den vergangenen 150 Jahren um ein Drittel gestiegen, von 280 ppm (parts
per Million = Teile pro Million Teile) auf inzwischen 380 ppm im Jahr
2006. Damit hat die CO2-Konzentration den höchsten Wert seit mindestens
650000 Jahren erreicht (so weit gehen die genauen CO2-Daten aus Eisbohrkernen
zurück), wahrscheinlich aber sogar seit Millionen von Jahren.
Dieser Anstieg ist vollständig vom Menschen verursacht worden:
Die zusätzlichen 100 ppm in der Atmosphäre entsprechen sogar
nur etwa der Hälfte der Menge, die wir emittiert haben. Hätten
die Ozeane und die Wälder nicht einen Teil unserer Emissionen
aus der Atmosphäre aufgenommen, dann hätten wir also bereits
den nahezu doppelten Anstieg der atmosphärischen Konzentration
verursacht. ... Die Konzentration von Methan hat sich mehr als verdoppelt,
während die Stickoxidkonzentrationen um ein Fünftel gestiegen
ist. Andere Gase kommen von Natur aus gar nicht in der Atmosphäre
vor und sind überhaupt erst durch den Menschen dorthin gelangt:
Die Flurkohlenwasserstoffe (FCKW).“ (S.105/106)
„Könnte es noch schlimmer kommen? Wenn auch nach gegenwärtigem
Kenntnisstand nicht sehr wahrscheinlich, ist leider auch dies nicht
ausgeschlossen – neuere Studien, die seit der Publikation des
letzten IPCC-Berichtes (2001) durchgeführt wurden, deuten auf
die Gefahr einer größeren Freisetzung von CO2 aus der Biosphäre
infolge der Erwärmung hin. Dadurch würde die Konzentration
auf noch höhere Werte steigen, und sogar eine Erwärmung um
7 bis 8 °C wäre möglich. Könnte es auch glimpflicher
ausgehen als 2°C Erwärmung? Nichts spricht dafür, dass
die Natur uns auf einmal einen noch größeren Anteil unserer
Emissionen abnehmen wird als bislang.“ (Quelle 2, S.49-50)
„Tatsächlich beobachtet man in Teilen des Polarmeeres in
den letzten Jahrzehnten eine Erwärmung von über 3 °C,
also ein Mehrfaches des globalen Trends. Gleichzeitig schrumpft die
Fläche des Eises immer mehr – bislang um 20 % seit Beginn
der Satellitenbeobachtungen im Jahr 1979. Eine neue, 2006 veröffentlichte
Studie kommt zum Ergebnis, dass bereits im Jahr 2040 das Polarmeer
im Sommer weitgehend eisfrei sein könnte. Frühere Modellrechnungen
sagten dies erst für das letzte Viertel des Jahrhunderts voraus.“ (S.114/115)
„Die Erde hat derzeit zwei große kontinentale Eisschilde,
in Grönland und der Antarktis. Dies war nicht immer so – vor
Jahrmillionen zu Zeiten höherer CO2-Konzentrationen und wesentlich
wärmeren Klimas, war die Erde praktisch eisfrei. Die derzeitigen
Eisschilde sind 3 bis 4 km dick. Wie wird sich die aktuelle Erwärmung
auf die Eismassen auswirken? Das Grönlandeis erhält in den
zentralen Bereichen durch Schneefälle ständig Nachschub;
an den Rändern schmilzt es hingegen. Normalerweise sind beide
Prozesse im Gleichgewicht. Erwärmt sich das Klima, dehnt sich
die Schmelzzone aus und das Abschmelzen beschleunigt sich; auch Niederschläge
können zunehmen. Insgesamt verändert sich die Massenbilanz
so, dass das Eis (ähnlich wie die ... Gebirgsgletscher) an Masse
verliert. ... Modellrechnungen haben ergeben; das bei einer lokalen
Erwärmung von 3 °C (die schon bei einer globalen Erwärmung
um global weniger als 2 °C erreicht werden könnte) wahrscheinlich
das gesamte Grönlandeis allmählich abschmelzen wird. Dabei
spielt eine verstärkende Rückkopplung eine zentrale Rolle:
Sobald der Eispanzer dünner wird, sinkt seine Oberfläche
in niedrigere und damit wärmere Luftschichten ab, was das Abschmelzen
noch beschleunigt. Das Grönlaneis war bisher deshalb so stabil,
weil auf Grund seiner Dicke große Bereiche in mehreren tausend
Metern Höhe und damit in sehr kalter Luft liegen. ... In den letzten
Jahren beobachtet man in Grönland dynamische Prozesse, insbesondere
ein schnelleres Fließen des Eises, die ein rascheres Abschmelzen
ermöglichen als bislang erwartet.“ (Quelle 2, S.61)
„Das Grönlandeis bindet eine Wassermenge, die bei seinem
kompletten Abschmelzen einen weltweiten Meeresspiegelanstieg von 7
m bedeuten würde. Im westantarktischen Eisschild sind 6 m Meeresspiegel
gespeichert, im Ost-Antarktischen Eisschild (das bislang als weitgehend
stabil gilt) sogar über 50 m. Die Stabilität der Eisschilde
in Grönland und der West-Antarktis ist daher die große Unbekannte
bei Abschätzungen des künftigen Meeresspiegelanstiegs.“ (Quelle
2, S.64)
„Neben den Treibhausgasen gibt es noch einen weiteren wichtigen
Einfluß des Menschen auf das Klima zu berücksichtigen: Die
Verschmutzung der Atmosphäre mit Partikeln (Staub, Ruß,
Schwefelteilchen und so weiter.), den sogenannten Aerosolen, die der
Volksmund auch Smog nennt. Diese Teilchen reflektieren Sonnenlicht
und haben dadurch eine abkühlende Wirkung auf das Klima. Sie läßt
sich deutlich weniger leicht bestimmen als die Wirkungen der Treibhausgase – die
Zahl ist daher unsicherer, doch liegt sie nach den besten Abschätzungen
bei etwa 1,2 W/m2. Dadurch wird etwa ein Drittel der Treibhauswirkung
kompensiert – allerdings nur, wenn man globale Mittelwerte betrachtet,
denn im Unterschied zu den langlebigen und deshalb in der Atmosphäre
gut durchmischten Treibhausgasen ist das Vorkommen von Smog regional
sehr unterschiedlich – und damit auch seine Strahlungswirkung
auf das Klima.“ (S.107/108)
„ ... das entstandene Ungleichgewicht führt zwangsläufig
zu einer Erwärmung der Klimas. Das genaue Ausmaß der Erwärmung
ist nicht einfach zu berechnen, da es von mehreren Rückkopplungseffekten
abhängt, die es verstärken oder abschwächen können.
Zu diesen zählen Veränderungen in der Wasserdampfkonzentration
in der Atmosphäre, denn Wasserdampf ist das wichtigste Treibhausgas
und seine Konzentration steigt bei wärmeren Temperaturen – jede
Erwärmung (oder auch Abkühlung) des Klimas wird dadurch also
verstärkt. Dazu zählen auch Veränderungen bei der Bewölkung – Wolken
in unterschiedlicher Höhe und unterschiedlichen Typs können
die Erwärmung sowohl abschwächen als auch verstärken.
Und dazu zählen schließlich Veränderungen in der Schnee-
und Eisbedeckung unseres Planeten. Da helle Eisflächen viel Sonnenstrahlung
reflektieren, führt eine Abnahme der Eisbedeckung zur Aufnahme
von mehr Sonnenwärme und verstärkt damit die Erwärmung,
insbesondere natürlich in hohen Breitengraden. ... In der Summe
wirken sich die Rückkopplungen verstärkend auf den Klimawandel
aus. Dies sagen einerseits alle Modellrechnungen. Vor allem wird dies
aber durch die Klimageschichte belegt, in der es immer wieder drastische
Klimaveränderungen gab (zum Beispiel die bekannten Eiszeiten).
Wirkten die Rückkopplungen im Klimasystem insgesamt abschwächend
und nicht verstärkend, dann wären auch diese natürlichen
Klimaveränderungen in der Vergangenheit wesentlich schwächer
und unspektakulärer ausgefallen.“ (S.108/109)
„Wenn der Kohlendioxidgehalt in der Luft weiter unkontrolliert
zunimmt, wird es voraussichtlich bis 2065 in den Weltmeeren keine Regionen
mehr geben, wo die chemischen Verhältnisse noch die Bildung von
Calciumcarbonat durch Korallen zulassen. ... Als Folge der höheren
atmosphärischen CO2-Konzentration wird ein abnehmender pH-Wert
(das heißt zunehmende Versauerung) der Oberflächenwasser
des Ozeans vorhergesagt, und in einigen Gegenden ist dies in der Tat
auch schon gemessen worden. ... Je niedriger der pH-Wert des Ozeans
wird, desto weniger Kohlenstoff in Form von CO32- ist vorhanden. ...
CO32- ist ein notwendiger „Baustein“ des Calciumcarbonats,
und es gibt sehr viel Meeresorganismen, die Calciumcarbonat produzieren.
Dazu zählen Muscheln, einige Seegrasarten, Seesterne, Korallen
und – wohl am wichtigsten – die winzigen Lebewesen wie
Coccolithophoriden, Pteropoden und Foraminiferen, die die Carbonatpumpe
antreiben ..., mit denen Kohlenstoff in Form von Calciumcarbonat von
der Oberfläche in das Bodenwasser transportiert wird. Wenn der
pH-Wert sinkt und weniger CO32- zur Verfügung steht, fällt
es solchen Organismen immer schwerer, ihr Calciumkarbonat herzustellen
und auch zu behalten, denn unter sauren Bedingungen wird Calciumcarbonat
aufgelöst.“ (S.162-164)
„Wie sehen die Langzeittrends bei den Tropischen Wirbelstürmen
aus? In der Gesamtzahl dieser Stürme weltweit lässt sich
bislang keine eindeutige Entwicklung erkennen, auch wenn die Häufigkeit
im Atlantik in den letzten 10 Jahren deutlich über dem Durchschnitt
lag. Auswertungen von Satellitendaten und Flugzeugmessungen zeigen
jedoch eine deutliche Zunahme der Stärke von tropischen Wirbelstürmen
seit 1970. Eine amerikanische Forschergruppe um Peter Webster fand,
dass die Zahl der Tropenstürme der beiden stärksten Kategorien
(4 und 5) sich nahezu verdoppelt hat, von 10 pro Jahr in den 1970er
Jahren auf 18 pro Jahr im vergangenen Jahrzehnt. Die Anzahl der schwächsten
Hurrikane (Kategorie 1) hat dagegen deutlich abgenommen ...“ (S.141)
„Auf Stürme in den mittleren Breiten wirken widerstreitende
Trends ein. So vermindert die besonders starke Erwärmung der Pole
das Temperaturgefälle zwischen Äquator und hohen Breiten,
was die Sturmstärke verringern sollte. Andererseits kühlt
sich die Stratosphäre ab, was den vertikalen Temperaturgradienten
erhöht und die Stürme verstärken könnte. Dies sind
nur zwei von mehreren Faktoren. Klimamodelle und selbst die höher
auflösenden Wettermodelle geben gerade die Windgeschwindigkeiten
der stärksten Stürme bislang nur mangelhaft wieder. Ob außertropische
Stürme weltweit eher zu- oder abnehmen werden, ist daher bislang
unklar. Schaut man eine bestimmte Region an, kommt es darüber
hinaus weniger auf eine mögliche globale Zu- oder Abnahme an,
sondern darauf wie sich die Zugbahnen von Stürmen verlagern. Für
Europa ist damit zu rechnen, daß die Wege der atlantischen Tiefdruckgebiete
sich eher nach Norden verlagern, so daß in Nordeuropa mehr, in
Südeuropa dagegen eher weniger Stürme auftreten.“ (S.145)
„... der Golfstrom wird überwiegend vom Wind angetrieben
und ist ein Teil des großen Subtropenwirbels. Er kann daher niemals
versiegen, solange die Winde weiter wehen (was außer Frage steht).
Die Medienberichte über sein Versiegen sind einfach auf eine begriffliche
Unschärfe zurückzuführen. Ozeanographen unterscheiden
zwischen dem Golfstrom im westlichen Atlantik und seinem verlängerten
Arm, dem Nordatlantikstrom, der im Nordatlantik bis an die europäischen
Küsten strömt. Der Nordatlantikstrom könnte tatsächlich
versiegen ...“ (S.146)
„
Die globale Erwärmung könnte das Absinken von Tiefenwasser
und damit das ganze thermohaline Zirkulationssystem auf zwei Arten
stören. Erstens erschwert die Erwärmung ein Absinken, weil
wärmeres Wasser leichter ist als kaltes. Zweitens bringt die
Erwärmung mehr Niederschläge in die hohen Breiten, der
Abfluß von Flüssen erhöht sich (ein bereits gemessener
Trend), und durch Abschmelzen von Eis gelangt zusätzliches Süßwasser
ins Meer. Dadurch nimmt im nördlichen Atlantik der Salzgehalt
ab – auch dies ist ein seit Jahrzehnten anhaltender, beobachteter
Trend. Allerdings ist diese Salzgehaltsabnahme bislang nach Simulationsrechnungen
noch zu gering um einen Einfluß auf die Strömung zu haben.
Die entscheidenden Fragen sind: Wieviel Süßwassereintrag
ist erforderlich, um die Strömung zum Erliegen zu bringen? Und
wie viel Süßwassereintrag können wir – bei
ungebremster globaler Erwärmung – künftig erwarten?
Leider sind beide Fragen nur sehr unsicher zu beantworten. Modelle
und Daten aus der Klimageschichte deuten darauf hin, dass ein Süßwassereintrag
von 100000 Kubikmetern pro Sekunde wohl eine kritische Menge darstellt – aber
dies ist nur eine grobe Größenordnung. Und der künftig
zu erwartende Süßwassereintrag hängt vor allem vom
Schmelzen des Grönlandeises ab, über dessen Zukunft man
... keine gesicherten Aussagen machen kann. Ein Abschmelzen über
1000 Jahre hinweg wäre gerade mit einem mittleren Abfluß von
Schmelzwasser von 100000 Kubikmetern pro Sekunde verbunden. In den
heutigen Klimamodellen ist dies in der Regel gar nicht enthalten,
so dass diese Modelle kaum für Prognosen über das Verhalten
der Strömung geeignet sind. Angesichts dieser Unsicherheiten
muß man von einem schwer kalkulierbaren Risiko sprechen. ...
Wir haben bereits Mitte der 1990er Jahre in Publikationen darauf
hingewiesen, dass die globale Erwärmung (die ja Voraussetzung
dieser Szenarien ist) eine Abkühlung durch die ausbleibende
Strömungswärme mehr als kompensieren würde. Nur unter
ganz bestimmten Voraussetzungen könnte es in Teilen Europas
kälter werden als heute: Zum einen, wenn die Strömung wider
Erwarten sich rasch verändert, etwa um die Mitte des 21. Jahrhunderts – wie
in einer holländischen Modellsimulation, bei der es dadurch
zu einer deutlichen Abkühlung über Skandinavien kam – ,
oder wenn die Atlantikströmung dauerhaft versiegt, die Treibhausgase
in der Atmosphäre aber in den kommenden Jahrhunderten wieder
abnehmen (ein durchaus realistisches Szenario). So könnte nach
Abklingen des Treibhauszeitalters Europa besonders im Nordwesten
um mehrere Grad kälter zurückbleiben als zuvor.“ (S.147-149)
„Der CO2-Ausstoß ist die Globalisierung negativer Folgen
par exellence: Wer im Auto, Heizung oder Kraftwerk fossile Brennstoffe
verbrennt, hat den Nutzen hier und heute. Die Folgen sind dagegen über
den ganzen Erdball und über viele Jahre in die Zukunft verteilt.
Denn CO2 ist ein langlebiges, in der Atmosphäre global gut vermischtes
Treibhausgas. Das meiste heute emittierte CO2 wird auch in Jahrzehnten
noch in der Atmosphäre sein – 7% davon sogar noch in 100000
Jahren.“ (Quelle 3, S.313)
„Die EU hat sich die Begrenzung der globalen Erwärmung
auf maximal 2 °C über dem vorindustriellen Niveau zum Ziel
gesetzt – ein meines Erachtens gerade noch Vertretbares und gerade
noch erreichbares Ziel. Angesichts der bereits erfolgten Erwärmung
um 0,7 °C bedeutet dies eine weitere Erwärmung um 1,3 °C.
Fast die Hälfte dieser weiteren Erwärmung wird auch dann
stattfinden, wenn wir sofort die Konzentration der Treibhausgase stabilisieren
(also die Emissionen weltweit um 50-60% vermindern, weil das Klimasystem
träge ist und noch verzögert auf den bereits erfolgten Anstieg
der Konzentration reagiert. Daher muss rasch und entschieden gehandelt
werden, um das EU-Klimaziel noch zu erreichen.“ (Quelle 3, S.
316)
„Bisher haben wir ... allerdings die Klimarechnung ohne den
Wirt, sprich: die vermiedenen/vermeidbaren Klimafolgen gemacht. Und
dieser Wirt dürfte darauf bestehen, dass die Zeche bezahlt wird – in
Form von wirtschaftlichen Schäden, sozialen Verwerfungen und großen
Verlusten an Menschenleben. ... Es ist ausgesprochen schwierig diese
Auswirkungen präzise als Funktion der Erderwärmung zu beziffern.
... Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für wirtschaftsforschung
können bei einem Anstieg der globalen Mitteltemperatur um 3,5 °C ökonomische
Verluste im Wert von 150 Billionen Dollar entstehen, bei einem Anstieg
um 4,5 °C können sich diese Verluste sogar noch verdoppeln.
Damit würden die volkswirtschaftlichen Einbußen rund zwanzigmal
so hoch liegen wie die Kosten der Klimastabilisierung auf akzeptablem
Niveau! Von praktisch unersetzlichen Werten wie menschlicher Gesundheit,
kulturelle Heimat oder Naturerbe ist bei diesem Kalkül noch nicht
mal die Rede.“ (Quelle 2, S.120/121)
„Das wahre Ausmaß des sich unerbittlich aufbauenden Anpassungsdrucks
ist leider kaum jemanden bewusst ... Um die drohende klimabedingte
Völkerwanderung im planetarischen Maßstab gewaltfrei zu „verarbeiten“,
bedarf es einer grundsätzlichen [Reform und Fortschreibung der
UN-Charta] und der Ausstattung mit höchsten politischen Kompetenzen.
In ähnlicher Weise ist die WHO an die Bedürfnisse der Zukunft
anzupassen. Beispielsweise kann man sich schwer vorstellen, dass das
heutige ... internationale Quarantänesystem dafür taugt,
die Herausforderungen einer hochmobilen Welt im Klimawandel zu bestehen.
... Eine der größte Bewährungsproben für die institutionelle
Elastizität der Menschheit wird im Übrigen die Neuregelung
der nationalen Fischfangquoten darstellen. Das jetzige System der Hochseefischerei
steht auch ohne massive Klima- und Meeresveränderungen (Versauerung!)
vor dem Kollaps. (Quelle 2, S.122/123)
„Im Grunde müssten sämtliche Planungsmassnahmen zu
Raumordnung, Stadtentwicklung, Küstenschutz und Landschaftspflege
unter einen obligatorischen Klimavorbehalt gestellt und durch geeignete
Anhörungsverfahren („Climate Audits“) zukunftsfähig
gestaltet werden. Das Gleiche gilt für alle privaten und öffentlichen
Infrastrukturgroßprojekte (wie Talsperren und Hafenanlagen),
für die Fortschreibung von Verkehrswegeplänen, für regionale
Industriepolitik (welche künftige Standortbedingungen antizipieren
muss, für die Überarbeitung nationaler Tourismuskonzepte
etc. Eine riesige Aufgabe türmt sich beispielsweise vor der EU
auf, welche ihr sündtueres und ohnehin reformbedürftiges
Herzstück – die gemeinsame Agrarpolitik – mit den
Klimabedingten Veränderungen in Europa und Übersee kompatibel
machen muss. Die zuständigen Regierungen und Behörden haben
noch gar nicht erfasst, dass da eine gewaltige Lawine auf sie zukommt,
bzw. beschlossen, den fernen Donner zu überhören. ... Die
oft geführt Diskussion um „Anpassung statt Vermeidung“ erweist
sich bei näherem Hinsehen rasch als Scheinalternative. In Wahrheit
ist beides unerlässlich: Erheblich Anpassung an den Klimawandel
wird auch bei einer Erwärmung von „nur“ 2 °C notwendig
sein. Und ohne eine Begrenzung des Klimawandels auf 2 °C wäre
eine erfolgreiche Anpassung an den Klimawandel kaum möglich. Würde
es global 3, 4 oder gar 5 °C wärmer, würden wir Temperaturen
erreichen, wie es sie seit mehreren Jahrmillionen auf der Erde nicht
gegeben hat. Die Grenzen der Anpassungsfähigkeit würden nicht
nur für viele Ökosysteme überschritten.“ (Quelle
2, S.123/124)
(Einzelne Anteile der Auszüge können auch von Katherine
Richardson und Hans Joachim Schnellnhuber stammen. )
Quelle:
Stefan Rahmstorf/ Katerine Richardson: Wie bedroht sind die Ozeane.
Biologische und physikalische Aspekte, Fischer Taschenbuch Verlag,
2007, 9,95€
(Im Band wird nicht nur ein Überblick zu den Ozeanen und seinen
Lebewesen vermittelt und wie sich alles mit dem Klimawandel verändert,
sondern auch zu anderen Umweltgefährdungen, wie Ölverschmutzungen
und anderen Belastungen Stellung genommen. Resümiert wird wie
eine günstige und eine zerstörerische Perspektive für
die Welt der Ozeane aussehen könnte.)
Quelle 2:
Stefan Rahmstorf/ Hans Joachim Schellnhuber: Der Klimawandel. Diagnose,
Prognose, Therapie, Verlag C.H. Beck, 2006, 7,90 €
Quelle 3:
Treibhaus Erde. Buchbeitrag zum Kirchentag 2005
Stephan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane an der Universität
Potsdam, ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen
(WBGU) und im amerikanischen „Panel on Abrupt Climate Change“.
Er ist zudem einer der Leitautoren des 4. IPCC-Berichtes.
Webseiten:
http://www.pik-potsdam.de/~stefan (Stefan Rahmstorf)
http://www.pik-potsdam.de (Potsdam-Institut für Klimaforschung)
(Zusammenstellung: Marko Ferst)
|