Mehr Blackouts durch Intelligente Stromzähler?

Pressemitteilung der Universität Bremen

Nr. 203 / 24. Juli 2015 SC

Seit Anfang 2010 ist es in Deutschland Pflicht, sogenannte „Intelligente Stromzähler“ in Neubauten oder grundsanierten Gebäuden zu installieren. Zusammen mit Tarifen, die je nach Tageszeit unterschiedlich sind, soll mit ihnen aktives Stromsparen möglich werden: Die programmierbare Waschmaschine beispielsweise soll dann laufen, wenn der Strom am billigsten ist. Wissenschaftler des Instituts für Theoretische Physik der Universität Bremen äußern jedoch Zweifel daran, dass dieser Ansatz immer das leistet, wozu er erdacht wurde – nämlich Stromschwankungen im Netz zu verringern. Sie haben den Markt, der bei massenhaftem Einsatz von Intelligenten Stromzählern entsteht, simuliert und sind zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Danach wird durch die Intelligenten Stromzähler ein neuer künstlicher Strom-Markt geschaffen, der – wie alle Märkte – auch Blasen und sogar Crashs produzieren kann. Publiziert haben die Bremer Physiker ihre Untersuchungsergebnisse jetzt in der größten und ältesten Physikzeitung der Welt, der Physical Review der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft.

Den günstigsten Strompreis für die Wäsche nutzen

Es ist eine Folge der Energiewende und des technischen Fortschritts: Statt eines 24 Stunden geltenden Einheitsstrompreises können Haus-und Wohnungsbesitzer ihre Verbrauchsgeräte heute so programmieren, dass diese den günstigsten Strompreis nutzen – beispielsweise, um ihre Wäsche zu waschen. Voraussetzung sind ein Intelligenter Stromzähler, der den aktuellen Strompreis übermittelt, und ein entsprechender Tarif, der die Schwankungen im Stromnetz berücksichtigt.

Strom ist noch nie gleichmäßig ins Netz eingespeist worden; Wind- und Solarenergie sorgen aber mittlerweile dafür, dass diese Schwankungen im Netz noch markanter sind. Die Idee hinter dem vorgeschriebenen Einsatz Intelligenter Stromzähler ist, diese Schwankungen zu dämpfen: Wird viel Strom ins Netz eingespeist – zum Beispiel weil der Wind stark bläst –, wird der Strom günstiger. Steht wenig Strom zur Verfügung, ist er teurer und wird daher seltener abgerufen.

Für den Nutzer einer Waschmaschine heißt dies ganz konkret, diese zu programmieren. In Verbindung mit dem Intelligenten Stromzähler bekommt sie erst dann ein Startsignal für die Wäsche, wenn eine vorher definierte Preisgrenze unterschritten wurde.

So weit, so gut. „Die Grundidee dahinter stammt aus der Wirtschaftstheorie, nach der Angebot und Nachfrage den Preis regeln. Und darüber soll dann wiederum die Stromnachfrage angepasst werden: Viel Strom – viele Abnehmer, wenig Strom – wenige Abnehmer“, sagt Professor Stefan Bornholdt vom Institut für Theoretische Physik der Universität Bremen. „Die Standardtheorie von Angebot und Nachfrage ist jedoch unvollständig, wenn eine riesige Zahl Konsumenten gleichzeitig um den günstigsten Preis konkurriert. Denn natürlich wollen alle ihre Wäsche waschen, wenn der Strom am billigsten ist.“

Neuer Markt „chaotisch, wild und zappelig“

Doch das, so haben der Bremer Hochschullehrer und seine Mitarbeiter Stefan Börries und Sebastian Krause herausgefunden, könnte womöglich nicht klappen. Sie haben die Konkurrenzsituation der Konsumenten im Computer simuliert und herausgefunden, dass es in diesem neu entstehenden Segment des Strommarktes „chaotisch, wild und zappelig“ zugehen kann – ähnlich wie an einer Finanzbörse.

Ein Beispiel: „Wenn wenig Strom im Netz und der Preis daher teuer ist, wird das Waschen einfach verschoben. Aber das geht nicht unendlich lang, weil es sich beim Waschen um ein Grundbedürfnis handelt“, erläutert Stefan Bornholdt. „Je mehr von den Menschen vorprogrammierte Waschmaschinen nun auf ihren Start warten, desto höher steigt die potentielle Nachfrage: Eine Nachfrage-Blase bildet sich.“ Und die platzt spätestens, sobald der Preis wieder etwas absinkt: Weil viele Konsumenten aufgrund des sich aufstauenden Waschbedürfnisses ihre „Schmerzgrenze“ nach oben angepasst haben, starten plötzlich unzählige Waschmaschinen auf einmal. „Dann wird ein kollektiver Lawinen-Mechanismus ausgelöst, der die Stromnetze extrem belastet – Blackouts wegen unerwarteter Überlastung nicht ausgeschlossen“, so der Bremer Physiker.

Versorger vor dem Ansturm warnen

Nach Meinung seines Teams ist der massenhafte Einsatz der neuen Intelligenten Stromzähler „ein Schnellschuss, der nicht sorgfältig bis zum Ende durchdacht ist“. Man müsse die Versorger darauf aufmerksam machen, dass sich derartige Szenarien abspielen könnten. „In unserem Computermodell haben wir mit verschiedenen Variablen das nachvollzogen, was reale Menschen in solchen Situationen logischerweise tun würden“, so Bornholdt. „Der Einzelne weiß in solch einer Situation natürlich nicht, welche Folgen sein Verhalten hat, wenn es sich potenziert. Und leider wissen es auch diejenigen noch nicht, die den Strom bereitstellen.“

Sebastian M. Krause, Stefan Börries, Stefan Bornholdt: „Econophysics of adaptive power markets: When a market does not dampen fluctuations but amplifies them” (Wirtschaftsphysik der adaptiven Strommärkte: Wenn ein Markt Schwankungen nicht dämpft, sondern verstärkt), Physical Review E 2015, http://journals.aps.org/pre/abstract/10.1103/PhysRevE.92.012815

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Institut für Theoretische Physik
Prof. Dr. Stefan Bornholdt
Tel: 0421/218-62060
E-Mail: bornholdt@itp.uni-bremen.de
www.itp.uni-bremen.de/complex

Marc Elsberg hat die Entstehung eines großflächigen Stromausfalls durch gleichzeitiges Abschalten von Lasten bereits in seinem Bestseller Blackout beschrieben.
Der Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages hat vor einer möglichen nationalen Katastrophe gewarnt, wenn dieser Zustand länger andauert.
Smartmeter sollen dazu beitragen, dass das Stromnetz bei schwankender Stromeinspeisung stabil bleibt, indem sie den Verbrauchern die notwendigen Informationen liefern, um leistungshungrige Prozesse in Billigstromzeiten (hohes Angebot, geringer Verbrauch) zu legen. Jetzt wurde nachgewiesen, dass sie das Gegenteil bewirken (können): Zusätzlich zu den Schwankungen der Stromerzeugung werden Verbrauchsschwankungen angeregt – die den Erzeugungsschwankungen naturgemäß hinterherlaufen und diese daher nicht (unbedingt) kompensieren. Das Stromnetz kann dadurch destabilisiert werden.


Es gibt die Bremer Stadtmusikanten und das Institut für Theoretische Physik der Universität Bremen, nach dem „intelligente“ Stromzähler neue Märkte schaffen.

Fakt ist:

Bisher gibt es für die vielen Stromkonsumenten, zu denen auch die Institutsmitglieder gehören, keinen wirklichen Strommarkt sondern nur Preisdiktate, die dem Börsenhandel mit Stromlieferversprechen geschuldet sind. Es wäre ein Wunder wie im Märchen, wenn Stromzähler und Waschmaschinen einen „künstlichen“ Strommarkt schaffen könnten.

Als Strompreissignale können Abweichungen von Netzspannung und Netzfrequenz genutzt werden. Diese Signale sind zur Gewährleistung der Netzsicherheit erforderlich, um Stromverbraucher zu- oder abzuschalten. Es ist sinnvoll, an Stelle Untergliederung des Verbundnetzes in Bilanzkreise, autonome Netze von Energieselbstversorgern zuzulassen. Stromselbstversorger aus regenerative Quellen haben ihre Selbstversorgernetze  systemsynchron mit dem Verbundnetz zu betreiben, so dass nur bei Havarie das Verbundnetz  beansprucht wird.

Soziale Strommärkte bedingen, dass erst nach vereinbarten Zeitabschnitten die Stromrechnung aus der Summe des Aufwandes für Stromerzeugung und Netzdienstleistung (Aufwand für Übereinstimmung  von Stromeinspeisung und Stromentnahme) erstellt wird.

Einheitsstrompreise für das Gesamtnetz schließen die überwiegende Mehrzahl der Verbraucher  von der Teilnahme am Strommarkt aus.

Dieter  Brendahl

Erklärung zum Diskussionsbeitrag für eine gemeinsame Position der Energiewende-Akteure zum „Grünbuch Strommarktdesign“ und zur Vorbereitung des EEG 3

Der Inhalt des Diskussionsbeitrages zum „Grünbuch Strommarktdesign“ und zur Vorbereitung der nächsten EEG-Novellierung sollte zu einem Forderungskatalog der Partei DIE LINKE qualifiziert werden, um das Börsenpreisdiktat der Energiekonzerne und der Übertragungsnetzbetreiber abzulösen.
Das Diskussionspapier des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ist offensichtlich von der Lobby der konventionellen Energiekonzerne zur Verhinderung eines Strommarktes für die Energiewende diktiert.

Marktpreise werden immer von Angebot und Nachfrage bestimmt. Andernfalls sind es Preisdiktate. Demnach sind die EU-weit gehandelten Börsenpreise für Strom keine Marktpreise: Keine Börse kann vorausbestimmen, wann und in welchem Zeiträumen am Angebotsort die kostengünstigsten Quellen und Gestehungskosten für Nutzenergie (unter Einbeziehung der externen Kosten, Netzdurchleitungskosten und Speicherkosten) vorhanden sind.
(siehe: „Verkehrte Welt an der Strombörse“)

Nur mit digitalen Erfassungssystemen (sie sind bereits Stand der Technik: „Intelligente Steuerung von Verbrauchseinheiten – Smart Metering in Forst“) können zeit-und ortsbezogene Gestehungskosten am Verbrauchsort dokumentiert und für die Preisbildung genutzt werden.

Die Gestehungskosten sind objektiv zu jeder Zeit und an jedem Ort unterschiedlich. Sie unterliegen dem Einfluss der zeitbezogen unterschiedlichen Quellenverfügbarkeit und den ortsbezogen unterschiedlichen Übertragungskosten.
Im Grünbuch bleibt dieser Zusammenhang ebenso wie die Notwendigkeit der Speicherung von Überschussenergie aus regenerativen Quellen unberücksichtigt.

Die gegenwärtigen Energiepreise sind von privatwirtschaftlichen Kapitalverwertungsinteressen bestimmte Erzeugerpreise konventioneller Energiekonzerne und Übertragungsnetzbetreiber. Durch Aufrechterhaltung des Börsenhandels wird ein Markt nur vorgetäuscht, um Preisbetrug zu Gunsten von Großverbrauchern zu verschleiern. Gleichzeitig werden Initiativen der Eigenversorgung aus erneuerbaren Quellen dieser Großverbraucher mit Sonderabgaben belastet, um langfristige versorgungstechnische Notwendigkeit klima- und umweltschädlicher Großkraftwerke und die Errichtung zusätzlicher Fernübertragungsleitungen auf Kosten der Allgemeinheit zu begründen.

Das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vorgelegte Diskussionspapier soll offensichtlich die Erhaltung der bisherigen Wählertäuschung über die Existenz eines Strommarktes sichern. Vom Ministerium wird damit die Priorität der Erhaltung von Atom- und Braunkohlenkraftwerken im Interesse der Betreiber fortgesetzt, wie sie mit dem EEG 2012 begonnen und mit dem EEG 2014 fortgesetzt wurde (siehe hierzu auch „Unbegrenztes Festhalten an Verstromung atomarer und fossiler Energieträger ist Energiekonterrevolution“).

Die im Diskussionspapier enthaltene Verwerfung überschüssiger Nutzenergie aus regenerativen Quellen wegen Netzengpässen ist Perversion der Energiewende. Im Sinne der Energiewende sind Überschüsse Speichern zuzuführen, um Anteile atomarer und fossiler Energien zu reduzieren, sowie Versorgungssicherheit und transparente Preise entsprechend der Gestehungskosten am Verbrauchsort zu gewährleisten.

Das Zieldreieck im Grünbuch unterschlägt ein wesentliches Ziel der Energierevolution:
Die Beendigung des Wettlaufes zur Ausbeutung atomarer und fossiler Ressourcen und der damit verbundenen globalstrategischen Auseinandersetzungen mit geheimdienstlichen und militärischen Mitteln.

Dieser Wettlauf verursacht unsägliches Leid durch Terror und Kriege, die von Magnaten der Konzerne und Oligarchen gegeneinander verursacht werden. Die Kosten der Kriege und die Kriegsfolgen werden den Völkern von willfährigen Politikern und Diktatoren auferlegt. Die damit verbundenen Flüchtlingsströme haben die vom II. Weltkrieg bereits übertroffen.

Dieter Brendahl

Ergänzung

In Cottbus werden „Zukunfts-Technologie-Tage“ durchgeführt.
Auf dem Kongress „Technologische Herausforderungen der Energiewende“ am 5.11.2014 hielt Prof. Krautz den Vortrag „Integration Erneuerbarer Energien im Verbund mit kohlenstoffbasierten Speichertechnologien„.
Dieser Vortrag verdeutlicht ein Beispiel für die Abhängigkeit der BTU von Drittmittelfinazierung der Energiekonzerne: Es werden mit großem Aufwand verbundene Entwicklungsvorhaben zur Erhaltung des Systems konventioneller Großkraftwerke angeboten, um die erforderliche Umstellung auf Dezentralisierung des Energieversorgungssystems zu vermeiden und die Steuerlast zu vergrößern, anstatt sie abzusenken. Bemerkenswert ist  darin die Gegenüberstellung der Energiedichte unterschiedlicher Speichersysteme und die Ignorierung von Brennstoffzellenkraftwerken.

Nestle, Monsanto, BASF freuen sich schon

Am Montag verhandeln EU-Vertreter mit der US-Regierung über das TTIP-Freihandels-Abkommen. Durchgesickerte Papiere zeigen, dass die Unterhändler die größten Wünsche der Konzerne erfüllen wollen: Hormonfleisch, Fracking, Gen-Essen, laxer Datenschutz und eine privatisierte Wasserversorgung sollen in Europa einziehen.

Auf demokratischem Weg wäre das nie möglich. Nun soll es ein Vertrag richten, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgehandelt wird. Ich habe gerade einen Appell unterschrieben, um die Verhandlungen zu stoppen. Unterzeichne bitte auch Du den Appell.

Gilbert Siegler

Smartmeter und intelligente Stromnetze – Beitrag zu Energiewende, Kostensteigerung oder „gläsernem Bürger“?

Technische Probleme beim verstärktem Aufkommen erneuerbarer Energien

Die Energiewende ist nicht nur von dem Ersatz fossiler und atomarer Energiequellen durch regenerative gekennzeichnet, sondern auch durch Änderung der Struktur der Netze: Statt weniger großer Stromerzeuger nimmt die Zahl kleinerer Erzeuger zu. Darauf sind insbesondere die Niederspannungs-Ortsnetze nicht ausgelegt, an die die meisten (kleineren) Solaranlagen angeschlossen sind.
Das führt dazu, dass die zulässige Netzspannung zu Zeiten starker Einspeisung (viel Sonne und Wind) überschritten wird. Die Verteilungsnetzbetreiber müssen, um die Versorgungssicherheit zu garantieren, kostspielige Netzausbaumaßnahmen realisieren. Solange das noch nicht ausreichend erfolgt ist, sieht § 11 EEG vor, dass die Netzbetreiber  PV-Großanlagen ab 100 kWp (ebenso, wie Windkraftanlagen) unter bestimmten Voraussetzungen per Einspeisemanagement drosseln oder ganz abschalten können. Sinnvoll ist es aber nicht, erst Solar- und Windenergie in Elektroenergie zu wandeln und dann nicht zu nutzen. Bei einem Unterangebot von Sonne und Wind müssen dagegen andere Erzeuger die „Deckungslücke“ füllen.
Abhilfe können Energiespeicher schaffen, aber auch das ist aufwändig. Die meisten Speicher elektrischer Energie entladen sich mit der Zeit selbst, die Speicherdichte ist oft zu gering und einige benötigen seltene Erden in den Elektroden. Um sie in Verteilnetzen einsetzen zu können, sind, da sie typischerweise Gleichstrom speichern, außerdem noch Gleich- und Wechselrichter erforderlich. Viel versprechend für die Langzeitspeicherung ist die  Redox-Flow-Batterie. Redox-Flow-Zellen sind grundsätzlich verwandt mit Brennstoffzellen und auch mit Akkumulatoren. In diesen Batterien wird die Energie in zwei verschiedenen Elektrolyten außerhalb der Zelle gespeichert, die in getrennten Tanks gelagert werden können. Dadurch ist die Selbstentladung ausgeschlossen und die speicherbare Energiemenge kann (im Prinzip) beliebig vergrößert werden. Eine bereits angebotene Containerlösung mit 100 KWh (10 kW x 10 Stunden) ist mit einem Preis ab 80.000 € netto aber auch nicht gerade billig. Die Bundestagsfraktion der LINKEN setzt dagegen auf Demokratisierung der Energiewirtschaft und in diesem Zusammenhang auf dezentrale Speicherung. Damit würden Potentiale der Bürger stärker genutzt und Monopolstrukturen entgegen gewirkt. Sie hat diesen Vorschlag als Bestandteil des Entschließungsentwurfes unter der Überschrift „Mut zum Aufbruch ins solare Zeitalter“ als Drucksache  17/8892 in den Bundestag eingebracht.
Eine Alternative stellen regelbare Ortsnetztransformatoren (RONT – https://de.wikipedia.org/wiki/Regelbarer_Ortsnetztransformator) dar. Es handelt sich dabei grundsätzlich um einen konventionellen Transformator, dessen Ausgangsspannung dynamisch regelbar ist. Wenn der eingebaute Regler Informationen aus dem Verteilnetz verarbeitet, kann die geforderte Spannung auf Ortsnetzebene ohne zusätzliche Speicher gewährleistet werden.

Intelligente Netze und Zähler (Smart Grids und Smart Meter)

Seit einiger Zeit wird in den Medien über intelligente (Strom-) Zähler, sogenannte Smartmeter, berichtet. Sie sollen  Verbrauchern helfen, ihre Energiekosten zu senken. Zu diesem Zweck sollen die Stromzähler die Verbrauchsdaten in kurzen Zeiträumen messen und den Verbrauchern anzeigen. Damit ist es möglich, Stromfresser im Haushalt zu identifizieren und diese auszutauschen oder – zeitvariable Tarife vorausgesetzt – in Billigtarifzeiten zu betreiben. (Auch bei Gaszählern gibt es so eine Entwicklung.)
Und ihre Daten sollen zukünftig dazu dienen, intelligente Stromnetze und die effiziente Nutzung erneuerbarer Energien zu steuern. Dafür liefern Smart Meter Verbrauchsdaten an die Energieversorger, damit diese den Bedarf ihrer Kunden besser vorhersehen und flexibel darauf reagieren können. Das kann dazu führen, dass geringere Reservekapazitäten vorgehalten werden müssen und diese effektiver ausgenutzt werden.

Mit der Kenntnis der Verbrauchswerte sollen „von der Tageszeit abhängige und gegebenenfalls billigere Energiekosten angeboten werden um damit dem Energieversorger im Gegenzug die Möglichkeit zu geben, die vorhandene Kraftwerkinfrastruktur besser ausnutzen zu können sowie Investitionen für Spitzenlastausbau vermeiden oder zurückstellen zu können:“ (Wikipedia)

So weit – so gut.

Smartmeter sollen es den Energieversorgern aber auch ermöglichen, die Versorgung der Verbraucher aus der Ferne zu unterbrechen – vordergründig, um die Netzstabilität bei verstärkter Einspeisung erneuerbarer Energien zu gewährleisten. Diese Möglichkeit kann aber auch dazu genutzt werden, säumigen Stromkunden sofort „den Saft abzudrehen“.

Wirtschaftlichkeit von Smartmetern

Damit steht vor Verbrauchern zunächst die Frage, ob sie wirklich einen merklichen Nutzen von Smartmetern haben, oder nur das Versorgungsunternehmen.

In anderen Ländern sind Smartmeter breiter eingeführt als in Deutschland. Was sagen die Erfahrungen dort?

  • In Australien sind die Energiepreise nach Einführung von Smartmetern explodiert (Wikipedia):
    „Insbesondere ärmere, ältere Personen und Familien sind benachteiligt, da sie den Tagesverlauf komplett umstellen müssen um den Strombezug in den Zeiten niedriger Strompreise – z. B. der Wasch- und Geschirrspülmaschine – zu verlegen.[4] Der Strompreis am Tag ist dann z. B. viermal so hoch wie in der Nacht. Die Umstellung des Tagesablaufs und damit des Strombezugs ist bei Jüngeren und Kinderlosen wesentlich leichter und somit ist das System eine neue Form der sozialen Ungerechtigkeit gegenüber Familien und Älteren.“
  • Nach Angaben der Energiewirtschaft in Österreich kann ein durchschnittlicher Haushalt ca. 12 € pro Jahr einsparen.
    CapGemini hat in einer Studie Kosten und Nutzen für Österreich ermittelt:
    „Die 2,533 Milliarden Mehrkosten für die österreichischen Stromnetzbetreiber bis 2028 würden bei einer Finanzierung der Unterdeckung nach der Annuitätenmethode eine jährliche Annuität von 268 Mio. EUR oder 43 EUR pro Zählpunkt p.a. bedeuten. „
  • Das Immobilienportal news.immobilo.de berichtete am 7. März 2011 unter der Überschrift Smart Meter: mangels attraktiver Stromtarife nur wenig Sparpotential, dass sich lautVergleichsportal Verivox zeitlich gestaffelte Stromtarife für den Verbraucher derzeit kaum lohnen.
    Wird das „Standardlastprofil“ eines privaten Musterhaushaltes mit einem Verbrauch von jährlich 4.000 kWh zugrundegelegt, lassen sich mit einem zeitvariablen Stromtarif durchschnittlich gerade einmal 18 Euro pro Jahr sparen. Dabei nicht eingerechnet sind die Kosten für den Einbau des „intelligenten“ Stromzählers, der mit Kosten von 80 bis 150 Euro zu Buche schlägt.“ Bei maximal möglicher Anpassung können Verbraucher ca. 10% der Stromkosten einsparen: ca. 44€ im Jahr.
    Verivox kommt zu dem Ergebnis: „Der Aufwand werde derzeit noch nicht ausreichend mit günstigen Preisen belohnt.“
  • Am 8.10 12 berichtet Verivox über eine Gesprächsrunde von EnCT GmbH (Forschungsgruppe für Energie- und Kommunikationstechnologien) mit führenden Interessenvertretern der Energiewirtschaft zum Thema intelligente Stromzähler.
    Das Fazit: „Die Suche nach interessanten Verwendungsmöglichkeiten von Smart Metern geht weiter.

Da ist es doch logisch, dass nach EnWG § 21, in Neubauten ab 2010 und ab 2013 generell Messsysteme (=“im Sinne dieses Gesetzes ist eine in ein Kommunikationsnetz eingebundene Messeinrichtung zur Erfassung elektrischer Energie, das den tatsächlichen Energieverbrauch und die tatsächliche Nutzungszeit widerspiegelt.„) einzubauen sind – oder nicht? (Die unterstrichenen Formulierungen beschreiben eben die Smartmeter.)

Mein Deja Vu: In der DDR gab es einen Witz über die staatliche Plankommission, der ging so:
Häschen rennt schreiend durch den Wald und ruft: „Versteckt Euch, die staatliche Plankommission kommt und hackt allen Tieren das fünfte Bein ab.“ Die anderen Tiere sagen: „Kein Problem, wir haben nur vier.“
Häschen: „Ja, aber die hacken erst ab und zählen dann.“

In Deutschland wurde im Juli dieses Jahres ein seit August 2011 laufender Test abgeschlossen, an dem ca. 200 Haushalte aus Südhessen teilgenommen haben. Diese wurden an ein so genanntes intelligentes Netz (Smart Grid) angeschlossen. In einer Informationsveranstaltung am 12.9.12 berichtete der Projektleiter Bernhard Fenn von der HSE (Südhessische Energie AG): „Dank dieser Technik wussten die Teilnehmer immer, wann sie wie viel Strom verbrauchen.“ Zudem erfuhr jede Familie auf der Grundlage von Wetterprognosen bereits am Vorabend, ob und zu welchem Zeitpunkt am nächsten Tag besonders viel regenerativer Strom erzeugt würde. Die ständige Selbstkontrolle und Sensibilisierung für das Thema hat bei einigen Verbrauchern zum Stromsparen geführt, aber: „Einige Kunden stellten jedoch auch fest, dass sie sich nicht immer an die Ampelphasen halten können, wenn sie nicht auf ihre täglichen Gewohnheiten verzichten möchten.“ Die Umstellung des normalen Tagesablaufes, z.B. durch Einschalten der Waschmaschine zu der Tageszeit, in der laut Wetterprognose viel regenerativer Strom zur Verfügung steht, war nicht immer möglich. Programmierbare Haushaltsgeräte können das Problem lösen helfen; zukünftig sollen Haushaltsgeräte so weit entwickelt werden, dass sie die Stromdaten automatisch auswerten. Fenn: „Jeder Kunde soll dann Energie verbrauchen, wenn sie regenerativ erzeugt wird, denn Strom wird künftig günstiger sein, wenn er üppig zur Verfügung steht. … Durch ein intelligentes Stromnetz können die Kunden aktiv mitwirken und sind in der Lage, Tarife und Verbräuche besser zu steuern.

Einen anderen, groß angelegten Test mit 10.000 Wohnungen hat Vattenfall seit Sommer 2010 in Berlin durchgeführt. Vattenfall erklärt dazu: „Neben den Zählern mit Basistechnik können sich die Anwohner im Rahmen einer Aktion für spezielle Zusatztechniken bewerben, die das Ablesen von Verbrauchsdaten noch komfortabler machen. Unabhängig vom Stromlieferanten haben die Anwohner damit die Möglichkeit, ihren Stromverbrauch besser zu kontrollieren und zu steuern.
Auch bei dem Vattenfall-Test wurden jedoch bisher keine Zahlen (Kosten der Installation, Einsparungen etc.) bekannt gegeben.

Die realen Einsparungen sind bisher nur (?) Theorie. In der Praxis werden aber merkliche Effekte nur dann auftreten, wenn die erwähnten „intelligenten“ Haushaltsgeräte angeschafft werden.
Auf Grund der Erfahrungen mit den bisherigen Bundesregierungen ist zu befürchten, dass diejenigen, die sich diese Geräte nicht leisten können, von dieser Technik keine Vor- sondern nur finanzielle Nachteile haben, dass damit die Umverteilung „von unten nach oben“ weiter geht.

Datenschutz

Smartmeter sind seit längerem aber auch aus Datenschutzgründen in der Kritik. Das fasst Wikipedia folgendermassen zusammen:

Das Profil des Stromverbrauchs gestattet je nach Schaltvorgängen, Stromstärken oder Frequenzmustern eine Analyse des Verbrauchers. So ist erkennbar wann Personen im Hause anwesend sind (Einbruchgefahr, behördliche Ermittlungen), wie viele Personen zum Haushalt gehören (Steuern, Miete), welcher Film auf dem TV angeschaut wird (Überwachung von Urheberrechte), welche zeitlichen Gewohnheiten der Verbraucher hat (Werbung) usw. Da Daten digitalisiert selbst noch nach Jahrzehnten zur Verfügung stehen, können rückwirkend unerwartete Problematiken für den Verbraucher entstehen. (Abruf 23.10.12)

Um diese Problematik näher zu untersuchen, hat das Labor für IT-Sicherheit der FH Münster im Rahmen des Projektes DaPriM (=Data Privacy Management) eine Untersuchung darüber durchgeführt, inwieweit Smartmeter den Nutzer zum „gläsernen Bürger“ macht. Nach einer Vorab-Version der Untersuchungsergebnisse im September 2011 berichtete nano auf 3sat am 12.1.2012.

Im Vorabbericht heißt es auf Seite 2:

… können Daten, die ca. viertelstündlich erhoben werden, in einer Weise ausgewertet werden, dass feststellbar ist, wann sich Personen zuhause aufhalten, wann sie dort schlafen und wann sie Mahlzeiten zubereiten. Erhöht man die Granularität in den Minuten- oder Sekundenbereich, sind auch Aussagen möglich, ob das Frühstück warm oder kalt zubereitet wurde, wann Wäsche gewaschen oder der Fernseher eingeschaltet wurde – oder ob die Kinder alleine zu Hause waren.“

Der abschließende Bericht wurde auf der Fachtagung „Sicherheit 2012 – Sicherheit, Schutz und Zuverlässigkeit“ in Darmstadt 7. – 9. März 2012 vorgestellt und ist auch im Internet verfügbar unter http://1lab.de/pub/GrJuLo_Smartmeter.pdf.

Die Forscher erklären: „Wir können experimentell nachweisen, dass neben der Erkennung von im Haushalt befindlichen Geräten eine Erkennung des Fernsehprogramms und eine Identifikation des abgespielten Videoinhalts möglich ist.“

Der weiterhin festgestellte Mangel, dass – abweichend vom Vertrag – die Übermittlung der Daten ins Internet unverschlüsselt (und unsigniert) erfolgte, wird möglicherweise bei zukünftigem breiten Einsatz der Geräte behoben. Ohne entsprechende IT-Qualifikation kann der „normale Nutzer“ das jedoch nicht überprüfen.

Schlussfolgerung zum Datenschutz: Insbesondere bei sekundengenauer Ablesung ist der Datenschutz der Nutzer von Smartmetern nicht gewährleistet.

 

 

Wolfgang Borchardt
24.10.2012