Hiroshima + 70 und Fukushima + 4

Was hat die japanische Regierung aus Atomkatastrophen gelernt?

Das muss mensch sich fragen, wenn 2015 – 70 Jahre nach dem ersten verheerenden Einsatz einer Atombombe mit ca. 140.000 Toten –  das japanische Jahr der „Rückkehr zur Atomkraft“ werden soll.
Die Begründung: Begrenzung der Treibhausgasemissionen.

Zwar hat im April 2015 das Bezirksgericht der Provinz Fukui dem Energiekonzern Kansai Electric verboten, zwei Reaktoren des Atomkraftwerks Takahama westlich von Tokio hochzufahren. Dennoch will die Regierung an ihren Plänen festhalten, die AKW wieder an Netz zu nehmen, die den neuen Sicherheitsbestimmungen entsprechen: Die Rückkehr zur Atomenergie sei ein wichtiger Schritt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Angesichts der in einigen Jahrzehnten durch die Folgen des Klimawandels zu erwartenden weltweiten Opferzahlen sind die 19.000 Toten durch die Reaktorkatastrophe in Fukushima möglicherweise „nicht viel“. Doch aus Profitgründen wird so getan, als gäbe es nur eine Wahl zwischen Klima- und nächster Atomkatastrophe. Das ist einfach nur eine Lüge. Sie soll verschleiern, dass – wie der Papst meint: „die Stunde gekommen [ist], in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann.“

Die „komplexe sozio-ökologische Krise“ (Franziskus) kann nur zusammen mit dem Kapitalismus überwunden werden. Eine solche Einsicht ist von der japanischen Regierung allerdings nicht zu erwarten (von unserer natürlich auch nicht).

Wolfgang Borchardt
6.8.2015

Windkraftausbau

Hiermit führen wir die Diskussion über den Windkraftausbau weiter.

Kommentare und Diskussion zum Offenen Brief

der Volksinitiative “Rettet Brandenburg” und Waldkleeblatt-Natürlich Zauche e.V.

27.10.2014

Lieber Wolfgang Borchardt,

es ist nicht so, dass wir die Probleme der Tagebauregionen ignorieren – ganz im Gegenteil! Der Ausbau der Windkraft wird nur keinen Quadratzentimeter Tagebau weniger mit sich bringen! Deutschland hat 24.000 Windkraftanlagen im Betrieb und Brandenburg davon 3.400. Auch das große Ziel von ca. 73.000 Anlagen wird uns nicht die sichere Versorgung bringen, wenn kein Wind weht, denn “0 x 73.000 = 0”.
Speicher sind nicht in Sicht!! Sie sind nur ein Traum bisher, der sehr weit entfernt von der Realität ist. Der Kapitalismus zwingt uns aber, jede Minute der Realität ins Auge zu sehen.
Es ist auch unverantwortlich, die Bürger mit angeblicher Wertschöpfung bestechen zu wollen, denn diese hat Karl Marx ganz eindeutig definiert. Mit Subventionen jeglicher Art gibt es keine Wertschöpfung, sondern nur geschöpfte Bürger und ein paar wenige “Bereicherte”. Das ist gegen die Philosophie der Partei DIE LINKE. Fragen Sie bitte den Genossen Christoffers nach seinem eigentlichen Ziel beim weiteren Ausbau.
Dann ist da noch die Frage offen, wo, meinen Sie, wollen die Bürger künftig leben? In total zerstörter Natur, ohne schützende Wälder, zwischen lärmenden Rotoren? Rechnen Sie mal aus, wie viele Windräder Deutschland bräuchte für sein so leicht ausgesprochenes Klimaziel, die zusätzlich zum Tagebau sein müssen.
Als Grundlastsicherung wird weiter Kohle, Öl oder Gas gebraucht, wenn keiner AKW will. Die Forschungen für die nicht radioaktive Kernfusion sind allerdings recht weit fortgeschritten, sie kann eine Lösung werden.

Mit freundlichen Grüßen
Waltraud Plarre

27.10.2014

Lieber Wolfgang Borchardt,

ich versichre Ihnen, dass ich ihre Position akzeptiere, aber den Apell von Waltraud Plarre sehr ernst zu nehmen bitte!
In der Regionalversammlung werde ich WKA-Wildwuchs widersprechen.
Wird TTIP so eingeführt wie befürchtet, haben wir mit der Nachordnung des Umweltministeriums unter einem Landwirtschaftsministerium in Brandenburg umweltpolitisches Chaos und müssen zudem als Stromnettoexporteur völlig unnötig Katstrophen im Mikroklima bei weiterem ungeregelten WKA-Ausbau befürchten! Hier kann ganz schnell eine ehemals richtige Entscheidung durch Anhäufung von Quantitäten zu einer neuen, nicht gewollten Qualität werden.
Was wir aber brauchen, ist eine NEUE LINKE!!!!

Freundliche Grüße
H.J. Börner

27.10.2014

Liebe Waltraud Plarre,

aus dem Offenen Brief geht Ihre Ablehnung der BK-Verstromung nicht hervor; was Sie sozusagen im Hinterkopf haben, konnte ich daher nicht beurteilen.
Was Flauten (und Wolken bzw. Nächte – da gibt es auch noch Fotovoltaik) angeht, so haben Sie bereits Speicher ins Gespräch gebracht. Allerdings teile ich Ihre Auffassung nicht, dass Speicher bisher nur ein Traum sind – ihre energiewirtschaftliche Bedeutung ist aber noch VIEL zu gering. Daher ist unser Ansatz (der Ökologischen Plattform), mit der Speicherkonferenz einen (uns möglichen) Beitrag zur Beschleunigung des Speicherausbaus zu leisten.
Zu der Realität, der wir ins Auge sehen müssen, gehören übrigens auch die Gefahren des Klimawandels – auch wenn sie erst in einigen Jahr(zehnt)en ihre volle Wucht entfalten werden. Deshalb gehören die Förderung der Energiewende – und hier zur Zeit insbesondere der Speicherausbau – und die Ablehnung weiterer BK-Verstromung unmittelbar zusammen. Mit DIESER Argumentation den Koalitionsvetrag abzulehnen, damit bin ich völlig einverstanden.
„Windkraftausbau“ weiterlesen

BAYER: unlautere Werbung in sozialen Netzwerken

Diese Presseinformation der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) vom 12. November 2014 liest sich wie eine Illustration zu unserem Beitrag „Klimaskeptiker geben nicht einfach auf„:

Jubel-Postings unter falscher Identität

Die Wiener PR-Agentur Mhoch3 hat über Jahre hinweg mit gefälschten Identitäten Postings in Onlineforen platziert. Positive Kommentare wurden unter anderem im Auftrag von Opel, TUI, Red Bull und BAYER verfasst. Der Geschäftsführer von Mhoch3 bestätigte, dass das „Online-Reputationsmanagement“ seit zehn Jahren angeboten und weiterhin betrieben werde. Nach Recherchen des österreichischen Magazins DATUM veröffentlichte die Agentur mehrere hunderttausend Postings unter falschen Namen.

Die gefakten Kommentare finden sich vor allem auf deutschen Foren, darunter Plattformen und soziale Netzwerke wie YouTube oder GuteFrage.net, Nachrichtenseiten wie Spiegel.de und Focus.de sowie Sparten-Angebote wie MeinAuto.de. Die PR-Profis geben sich meist als unbedarfte Nutzer/innen aus, die aus Freundlichkeit Unterstützung anbieten. Rechtschreibfehler und persönliche Fragen sollen Authentizität suggerieren.

Im Fall von BAYER warb Mhoch3 unter anderem für Flohmittel wie Advantix, Advantage und Kiltix aus der Veterinärsparte des Konzerns. Zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit sollten die Mitarbeiter/innen eigens ein Haustier erfinden. In Interneteinträgen heißt es dann etwa: „Benny was hast du deiner katze letztendlich gegeben damit die Flöhe verschwinden? Wir behandeln immer mitn Spot On von Bayer namens Advantage- kennst du das?…wünsch Euch viel Glück!“.

weiter lesen

weitere Informationen:
=> Artikel „Die Netzflüsterer“ (http://www.datum.at/artikel/die-netzfluesterer) 1)
=> BAYER verschleiert Marketing-Ausgaben
=> Pharmamarketing bei BAYER
=> Social Marketing bei BAYER


Fussnote

[1↑] Der Chemieriese ist anscheinend dünnhäutig geworden und versucht (wie schon Vattenfall in der Vergangenheit – klick), unliebsamen Publikationen die Grundlage zu entziehen. Neuerdings funktionieren einige unserer Links zu verwendeten Quellen nicht mehr. Das kann aber natürlich auch mit routinemäßigen Umgestaltungen der betreffenden Internetseiten zusammenhängen.
Der Artikel „Die Netzflüsterer“ ist noch bei Reporterforum verfügbar (klick).

Klimaskeptiker geben nicht einfach auf

Zwei Jahre nach der ZEIT[1] hat die Süddeutsche Zeitung das Thema „Klimaskeptiker“ aufgegriffen. Sie brachte am 4.11.2014 ein Interview mit der Harvard-Historikerin Naomi Oreskes. Diese hat die Strategien der sogenannten Skeptiker analysiert. Sie zeigt auch, dass  Lobbyisten selbst Denkmuster des Kalten Krieges nutzen.

Aus der Sicht eines linken Ökologen wäre hinzuzufügen:

Der Kampf gegen die Anerkennung des Mensch-gemachten Klimawandels als Begründung der Energiewende, diese „Spitze des Eisberges“ fällt nur deshalb besonders auf, weil erneuerbare, dezentrale Energiebereitstellung Profite und Macht der Energiekonzerne – die zu den mächtigsten überhaupt gehören – direkt schmälert.
Doch grundsätzlich die gleichen Methoden finden branchenübergreifend überall da Anwendung, wo Profite in Gefahr sind (Stichworte: Gentechnik, Rüstungsexporte/-begrenzung, Positvliste für Pharmaprodukte, Mobilfunkstrahlung, Reprivatisierung kommunaler Dienstleistungen, Finanzmarktregulierung, …).

Sie beinhalten

  • Zweifel streuen an wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Zielen geplanter Veränderungen
  • Gegengutachten von speziell gegründeten Einrichtungen (in Deutschland z.B. EIKE)
  • „Kauf“ von Wissenschaftlern
  • Diffamierung und Isolierung unliebsamer Wissenschaftler
  • massive Gegenpropaganda und Lobbytätigkeit – bis hin zur Beeinflussung gewählter PolitikerInnen bzw. Koalitionen
    (s. „Vereinbarung der Bundesregierung mit den Atomkonzernen„, „Die gekaufte Republik„)
  • Dabei werden auch gern berechtigte Bürgerinteressen, Initiativen (im Falle der Pharmaindustrie Selbsthilfegruppen) und auch Gewerkschaften unterstützt, wenn sie Konzerninteressen dienen.

Die selektive Unterstützung von Gewerkschaften, die Gründung „eigener“ Gewerkschaften (Stichwort „Union Busting“ oder „Arbeitsunrecht in Deutschland“ – bis hin zur gegenwärtigen Hetze gegen die GDL) passt nahtlos in diese Herangehensweise.

Gewöhlicher Kapitalismus. Doch diesen zu kritisieren – so weit geht die SZ nicht.


[1↑] siehe „Organisation einer Lüge

Die Kurve der Wut

Hinweis auf den sehr lesenswerten Kommentar von Rüdiger Haude (SFV) zu einem BILD-Artikel: Warum zahlen wir so viel für Strom?

Auszug:

„Die Bild-„Zeitung“ … erreicht über 12 Millionen Leser. … „Bild“ baut seinen Erfolg darauf auf, für komplizierte Probleme einfache Scheinerklärungen anzubieten. Dabei wird nebenbei ziemlich kräftig Politik gemacht. …
… Aber ein Boulevard-Medium, das auf der Seite der Vernunft und der Moral stünde, das müsste wohl erst noch erfunden werden. Vielleicht wäre es auch die Quadratur des Kreises. …“

RWE-Sanierung mit öffentlichen Mitteln?

Das Aufsichtsratsmitglied der RWE, Landrat Frithjof Kühn aus dem Rhein-Sieg-Kreis treibt den Kauf einer RWE-Tochter, der rhenag AG aus Köln voran, um damit letztlich die RWE zu sanieren. Nebenbei saniert er sich auch, mit 470.000 € für seine 4 Aufsichtsratssitzungen im Jahr in den letzten 4 Jahren. Mit im Boot: die CDU und Teile der GRÜNEN.

Raymund Schoen
Sandweg 16
53721 Siegburg

Protestaktion

Die Kreistagsgruppe DIE LINKE Rhein-Sieg ruft mit einer Aktion zum Protest gegen den Kauf von ca. 15 % Rhenag-Aktien ( für über 80 Mio. Euro) durch den Rhein-Sieg-Kreis (Kreisverwaltung) auf.

Sie kritisiert, dass

  • der gesamte Prozess völlig intransparent abläuft.
  • die Aktien kein Stimmrecht haben,
  • der Aktienkauf durch neue Schulden erfolgt.
  • der Landrat gleichzeitig ein Aufsichtsratsmandat bei der RWE AB ausführt, im Verwaltungsbeirat der Rhenag sitzt und auch einen Sitz im Beirat der Rhein-Energie besetzt.
  • der Landrat trotz des Mitwirkungsverbots wegen Befangenheit die Werbetrommel für den Kauf rührt.
  • das Kaufrisiko durch die Zinszahlung und die unsichere Unternehmensentwicklung hoch ist und
  • ökologisch mit diesem Kauf eine falsche Weichenstellung erfolgt.

Wir wollen lieber die verfügbaren Mittel in eine kommunale Gesellschaft einbringen und damit die Energieversorgung lokal mit regenerativen Energieformen organisieren.

Weitere Infos hier.

Kommentar

Eine Beteiligung des Rhein-Sieg-Kreises an der Rhenag – die Beteiligungshöhe wird bisher geheim gehalten – ist nicht das, was die Mitsprache der Bürger auf den Versorger erhöhen würde. Soweit bisher bekannt geworden, spielten auch nur finanzielle Fragen bei der Präsentation vor der Kämmerei eine Rolle, wobei sicher ist, dass sich der Kreis weiter verschulden muss, RWE davon profitiert und der Kreis eventuell einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen kann.

Die Alternative, dass die Kommunen ihre eigenen Stadt- oder Gemeindewerke gründen, würde dagegen die Demokratisierung der Energie- und Wasserversorgung voran treiben und potentiell bessere Bedingungen für erneuerbare Energien schaffen.

Die CDU agiert nicht nur im Rhein-Sieg-Kreis gegen die Bildung bürgernaher Versorgungsstrukturen.

So zieht sie z.B. im Osten der Republik gegen die Rehfelde-Eigenenergie eG zu Felde[1], indem sie die Notwendigkeit einer Energiewende und die „Klimabeeinflussung durch anthropogenes CO2“ prinzipiell in Frage stellt. Auf einer „Informationsveranstaltung“ der Partei wurde als Gesprächspartner der Vize-Präsident des Europäischen Instituts für Klima und Energie (EIKE) Michael Limburg eingeladen. Das EIKE ist für seine klimaspektischen Positionen bekannt.


[1↑] Die „Gemeinsame Erklärung der Fraktionen AWG und SPD in der Gemeindevertretung Rehfelde, des Ortsverbandes der CDU Rehfelde sowie der Ortsbeiräte von Werder und Zinndorf“ hat die CDU mit den anderen Oppositionsparteien gemeinsam beschlossen.

berechtigter Aufschrei?

oder Beispiel für das alte deutsche Sprichwort „getroffene Hunde bellen“?

„Klimaskeptiker“ protestieren gegen Namensnennung in einer neuen UBA-Broschüre

Das Umweltbundesamt (UBA) hat eine neue Broschüre zur Klimadebatte unter dem Titel „Und sie erwärmt sich doch – Was steckt hinter der Debatte um den Klimawandel?“ herausgebracht. Eigentlich nichts Besonderes. Doch die Broschüre sorgt für Wirbel, denn das Amt beschreibt nicht nur den Stand der Forschung, sondern es setzt sich auch auf drei Seiten (110-112 von 115 Textseiten) mit den sogenannten „Klimaskeptikern“ in Deutschland auseinander und nennt diese beim Namen.

Dabei werden neben dem Verein „Europäisches Institut für Klima und Energie“ (EIKE) auch bekannte deutsche Journalisten (Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Günter Ederer) und der Ex-Windkraft-, Shell- und RWE-Manager Fritz Vahrenholt genannt. Die Reaktion war Shitstorm. Nach Informationen von heute.de wollen die Betroffenen eventuell gegen die „Rufschädigung“ klagen. Der Publizist Henryk M. Broder nannte das UBA gar in Anlehnung an die faschistische Reichskulturkammer „Bundesklimakammer“ und stellt im gleichen Atemzug die Frage: „Sind wir auf dem Weg in eine zweite DDR, in der die Regierung auch für den Wetterbericht von heute und das Klima von übermorgen zuständig ist?“

Selbst klimaretter.info meint in einem Beitrag:

„Etwas übereifrig war das Umweltbundesamt bei der Erarbeitung einer neuen Broschüre. …
Die Behörde versteht sich zwar als ‚ein Frühwarnsystem, das mögliche zukünftige Beeinträchtigungen des Menschen und seiner Umwelt rechtzeitig erkennt, bewertet und praktikable Lösungen vorschlägt‘. Trotzdem hat sie kein Recht, Kritiker der Klimaforschung bloßzustellen.“

Verena Kern, Redakteurin bei klimaretter.info, titelt dagegen ihren Kommentar „Informationen sind keine Bloßstellung“ und schreibt

„Die UBA-Broschüre stellt lapidar fest, dass die Genannten Thesen (wohlgemerkt: Thesen, nicht Meinungen) vertreten, ‚die dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen‘. Das ist schlicht und einfach zutreffend. Im Übrigen tun es die Genannten oft genug mit der erklärten Absicht, dem wissenschaftlichen Konsens zu widersprechen.“

Wer die UBA-Broschüre selbst liest, wird dieser Einschätzung zustimmen. [1]

„berechtigter Aufschrei?“ weiterlesen

Organisation einer Lüge

Am 28.11.2012 brachte die ZEIT unter der Überschrift

Die Klimakrieger
Wie von der Industrie bezahlte PR-Manager der Welt seit Jahren einreden, die Erderwärmung finde nicht statt.
Chronologie einer organisierten Lüge.

eine sehr lesenswerte umfangreiche Chronologie darüber, wie, durch wen und in wessen Interessen gegen die Schlussfolgerungen aus dem Klimawandel gekämpft wird.

Die Methode ist nicht neu und wird nicht nur von den Vertretern der fossilen und Atomenergie angewandt:

  • erste Befunde werden – so lange es geht – einfach geleugnet, später als unwesentliche Einzelergebnisse dargestellt, die aus dem Zusammenhang gerissen sind (siehe auch Kabel statt Welle oder Strahlenfolgen)
  • verantwortliche (und verantwortungsbewusste) Wissenschaftler werden diskreditiert und in der Forschung behindert (Bericht von I. Schmitz-Feuerhake auf der Konferenz „Im Frieden und im Krieg – Militär zerstört Natur“) und/oder persönlich angegriffen und bedroht.
  • Durch (auch bezahlte) Gegengutachter werden wissenschaftliche Erkenntnisse in Zweifel gezogen.

Ziel ist es, die die öffentlichen Meinung so zu beeinflussen, dass persönliche Trägheit und private Interessen mit Zweifeln an unbequemen Wahrheiten und politischen Notwendigkeiten verbunden werden, um dadurch politische Veränderungen zu blockieren (siehe auch Auflage statt Wahrheit, Strompreis kann um 4 ct/kWh gesenkt werden, Die Strompreislüge oder Preisvergleich zeigt: Ökostrom meist günstiger als örtliche Grundversorger)

Den Artikel auf  ZEIT ONLINE lesen.

Auflage statt Wahrheit

Unter der Überschrift

Wenn die Sonne böse wird

versucht das Mitglied der Chefredaktion des Stern, Hans-Ulrich Jörges (Journalist des Jahres 2004 in der Kategorie Politik) in Heft 34/2012 die Leser gegen die Energiewende aufzuhetzen.  Seine „Argumente“ sind eine suggestive Mischung aus Fakten, Ungenauigkeiten und Halbwahrheiten. Er knüpft an die finanzielle Unsicherheit der „meisten Menschen“ an und beklagt: Dass es „wahnsinnig teuer“ werden könnte, „erklärt ihnen ja niemand.“ Auf diese Weise bietet er sich nicht ungeschickt als derjenige an, dem man vertrauen kann, um im nächsten Moment eine Verschwörung anzudeuten:

„Die Rechnung (der Energiewende) ist längst aufgemacht und sie wird immer teurer. Das ließe sich erklären. Doch es gibt eine mächtige Lobby, die das verhindert.“

Bis hier stimmt das, und wenn H.-U. J.  auf Bedrohungen durch Klimawandel, peak oil, Subventionierung großer industrieller Stromverbraucher und Monopolstrukturen in Stromerzeugung und -verteilung eingehen würde, könnte er tatsächlich sinnvolle Erklärungen geben. Stattdessen hat er sich die Sonnenenergie mit dem „schier unverwüstlichen strahlenden Image“ als Problemverursacher auserkoren. Nach Belanglosigkeiten über ihr Symbol, die Sonnenblume, und einem daran anknüpfenden Seitenhieb gegen die Grünen kommt er zu der Behauptung, dass

„die Sonnenenergie zu einem Monster herangewachsen ist, das die Energiewende zu verschlingen droht.“

Das macht so ein schön gruseliges Gefühl und „normale Menschen„, die von diesem Monster „keine Ahnung“ haben, noch aufnahmefähiger für die folgenden Erklärungen:

„Wer weiß schon, dass die Kollektoren, die sie auf den Dächern und Feldern sehen, nicht unbedingt der Stromversorgung ihrer Besitzer dienen?“

Was für eine atemberaubende Erkenntnis! Kollektoren dienen der Wärme- und nicht der Stromgewinnung – weder der Besitzer, noch anderen Menschen. Strom wird mit Solarpanels erzeugt. Aber solche Wissenslücken sind ihm offenbar ebenso egal, wie die Tatsache, dass Stromerzeuger immer den Strom (bis auf einen kleinen Eigenbedarf) verkaufen. Das ist im Kapitalismus eben so: Einer produziert und verkauft und ein Anderer kauft. Schon vor Einführung des EEG haben die Kraftwerksbetreiber Strom verkauft – wie denn sonst? Warum sollten Betreiber von PV-Anlagen das nicht tun? Und was wären der Stern und seine Mitarbeiter, ohne verkauft zu werden? …

Aber da sich der Autor gegen das EEG wendet, ist zunächst daran zu erinnern, warum es überhaupt eingeführt wurde. Die fossilen und atomaren Energieträger sind erschöpflich. Das ist eine einfache Wahrheit, die nicht ignoriert werden kann und darf. Daher soll das EEG lt. § 1 Abs. 1 „im Interesse des Klima- und Umweltschutzes

  •     eine nachhaltige Entwicklung der Energieversorgung ermöglichen,
  •     die volkswirtschaftlichen Kosten der Energieversorgung auch durch die Einbeziehung langfristiger externer Effekte verringern (Internalisierung externer Kosten),
  •     fossile Energieressourcen schonen und
  •     die Weiterentwicklung von Technologien zur Erzeugung von Strom aus Erneuerbaren Energien fördern.“1)

Weil die Wende zu nicht-fossiler und nicht-atomarer Stromerzeugung eine Notwendigkeit ist, musste das EEG eingeführt und die regenerativen Energien entsprechend gefördert werden. Und solange der Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtaufkommen gering war, hat das die Stromkonzerne auch nicht gestört. Inzwischen wurde jedoch der Atomausstieg beschlossen und im ersten Halbjahr 2012 betrug der EE-Anteil 25% der gesamten Stromerzeugung2). Da wird von den Verfechtern der fossil-atomaren Stromerzeugung schon mal versucht, die Gründe für das EEG vergessen zu machen. Hermann Scheer sagte dazu auf einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung3):

Die Energiedebatte ist im Kern seit geraumer Zeit und sich zuspitzend eine Debatte zwischen atomaren und fossilen Energien einerseits und erneuerbaren Energien andererseits. Viele wollen diese Debatte vernebeln, in dem sie so tun, also sei Energie gleich Energie. Und damit beginnt der große Irrtum, auch die große Vernebelung – und das große „Green Washing“, wie es so schön heute heißt. Zwischen diesen beiden Grundenergien – ich nenne das jetzt konventionelle Energien einerseits und erneuerbare Energien andererseits – liegen Welten. Und es sind nicht nur ökologische Welten, es sind soziologische Welten, es sind politische Welten. Und diejenigen, die dieses nicht wahrnehmen wollen, weil sie in der alten, in der gewohnten Energiewelt haften bleiben, lenken davon systematisch ab durch – sehr vordergründige – Debatten über Energiemärkte, über Energiepreise: Debatten, die von Grund auf verlogen sind, weil sie noch nicht mal im entferntesten die ökonomische Wahrheit sagen, nicht mal im entferntesten!

Zurück zu H.-U. J.

„Wer ahnt schon, dass die ihre Energie […] teuer ins Netz einspeisen – zu subventionierten Preisen, die für 20 Jahre garantiert werden? Und das mit Vorrang. Und bezahlt selbst dann, wenn das Netz voll ist und keinen Solarstrom mehr aufnehmen kann.“

Er tut so, als wären die Einspeisevergütungen („subventionierte Preise“) die Ursache steigender Energiepreise. Er könnte ja mal nachschlagen, was der britische Stern-Report 2006 beschrieben hat. Dort wurden die zu erwartenden Schäden allein durch den Klimawandel bis zum Jahr 2100 mit 5 % bis 20 % an der globalen Wirtschaftsleistung abgeschätzt, während das DIW auf volkswirtschaftliche Kosten 200.000Mrd$ bis zum Jahr 2050 kommt. Wenn wir annehmen, dass die realen Schäden nur halb so groß werden, wir den deutschen Anteil am weltweiten BIP zu Grunde legen und weiter annehmen, dass auf Grund der geografischen Lage und sonstiger Bedingungen nur 10% der Schäden in Europa auftreten, dann wären das Schäden in Höhe von 300Mrd€ in ca. 40 Jahren.
Hinzu kommt, dass nach Überschreiten des peak oil =(globales Erdölfördermaximum) alle fossilen Energieträger deutlich teurer werden – mit oder ohne politische Eingriffe. Und schließlich sind in dem EEG Subventionen in Höhe von „weit mehr als 20 Milliarden Euro über zehn Jahre für Teile des produzierenden Gewerbes“ enthalten (Quelle: DUH). Das sind Steuergeschenke für die Industrie, womit sich inzwischen die EU-Kommission beschäftigt – und auf die „normale Menschen“ ja auch hingewiesen werden könnten.

Wenn das Netz „voll ist und keinen Solarstrom mehr aufnehmen kann„, können die Netzbetreiber PV-Großanlagen ab 100 kWp (ebenso, wie Windkraftanlagen) per Einspeisemanagement drosseln oder ganz abschalten.In diesem Fall muss der Netzbetreiber den Anlagenbetreiber entschädigen, wenn der Strom nicht eingespeist werden konnte. Ohne Vereinbarung steht dem Anlagenbetreiber die entgangene Einspeisevergütung zu, abzüglich der ersparten Aufwendungen. Diese Regelung dient dazu, den Netzbetreibern, die ihrer Versorgungsaufgabe nicht nachgekommen sind und den Netzausbau schleifen lassen haben, finanziell „auf die Sprünge zu helfen“, was angesichts der Energiewende ebenfalls nötig ist.

 „Solarenergie ist zu einem gigantischen Geschäft geworden, […] Mieter zahlen zweimal, für Wohnen und Solarsubvention, an die Hauseigentümer.“

Das ist pure Demagogie, denn Miete und Stromkosten wurden immer schon getrennt bezahlt – mit dem einzigen Unterschied, dass die Gewinne der Stromkonzerne nicht ausgewiesen werden mussten, während das bei der Solarumlage der Fall ist.

„Mehr als 110 Milliarden Euro ist die 20-Jahre-Rechnung bislang schwer, bezahlt sind davon erst 15 Milliarden. Seit die rot-grüne Koalition im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verabschiedet hat, ist der Strompreis von rund 14 auf 25 Cent je Kilowattstunde gestiegen…“

H.-U. J.  liefert hier ein klassisches Beispiel, für das, was Hermann Scheer „diese Debatte vernebeln“ nennt. Vergleichen wir nur die Vermeidung von vorsichtig geschätzten Klimafolgeschäden in Höhe von 300 Mrd. € in 40 Jahren mit seiner Angabe für die Einspeisevergütung von 110 Mrd. €  – ein klarer Gewinn für die Energiewende. Bezüglich des Strompreises finden wir folgende zusätzliche Information in Wikipedia: „Abzüglich der allgemeinen Preissteigerung seit 1998 läge der Strompreis 2011 bei 20,7 Cent/kWh, also 21 % über dem Strompreis von 1998. Dies entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Preissteigerung von 1,6 % über der allgemeinen Preissteigerung.“

„Im Hochsommer, mittags, verstopft der Solarstrom dagegen die Leitungen, macht das Netz instabil und zwingt zum Abschalten von Kraftwerken, die für die Grundlast gebraucht werden, sich aber nun nicht mehr recht rentieren.“

Welche Grundlastkraftwerke sind das, die abgeschaltet werden müssen? In erster Linie Braunkohle- und Kernkraftwerke. Bezüglich der AKW ist die Mehrheitsmeinung in Deutschland inzwischen klar und Braunkohlekraftwerke haben den größten CO2-Ausstoß. Der schrittweise Ersatz bzw. die  Abschaltung dieser Kraftwerke ist genau das Ziel der Energiewende – aber nicht ihrer Betreiber. Im ersten Halbjahr 2012 haben die erneuerbaren Energien am Anteil der Stromerzeugung mit der Atomkraft gleich gezogen. Das weckt natürlich Widerstand der Lobby, von der Jörges mit der Hetze gegen „eine mächtige pseudogrüne Lobby“ (Hauseigentümer, Bauern , Hersteller und Handwerker) ablenken will. Für die Energiekonzerne legt er sich richtig ins Zeug. Und zwar so vehement, dass er sich selbst ad absurdum führt, indem er erklärt, dass sich die fossilen und AKW nicht mehr rentieren, dass die erneuerbaren Energien also (bei ausreichendem Angebot) an der Strombörse billiger sind. Die Strombörse hat aber überhaupt nichts mit der EEG-Umlage zu tun, da sprechen nur Angebot und Nachfrage. Nebenbei bemerkt. Die großen Stromverbraucher beziehen ihren Strom an der Strombörse und sind von der Umlage befreit. Sie profitieren also doppelt: durch Befreiung von der Umlage und den niedrigen Preisen an der Börse.

Das Ende des Artikels lautet

„Das Küstenland Schleswig-Holstein wird 2020 dreimal so viel Alternativstrom erzeugen, wie es selbst verbraucht. Für wen? Die Sache ich unhaltbar. Wettbewerb muss her, das EEG fallen. Wer eine Solaranlage installiert, soll den Strom gefälligst selbst verbrauchen. Sonnenwende“

Ob Herr Jörges mit diesem Artikel die Auflage des Stern positiv beeinflusst, ist schwer abzuschätzen. Möglich ist es schon. Schließlich ist der Artikel reißerisch genug. Aber mit unsolider Berichterstattung hat der Stern schon im Jahr 1983 so seine Erfahrungen gemacht. Es könnte also auch nach hinten losgehen…

Vielleicht sollte er künftig das, was er schreibt, nur noch „gefälligst selbst“ lesen?

 

W. Borchardt
21.9.2012

 


1) Quelle: Wikipedia – Erneuerbare-Energien-Gesetz
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2) Nach den Daten der Strombörse Leipzig erreichte der Anteil von Wind und Solar am 14.9.2012 in der Spitze einen Beitrag von 45 Prozent an der gesamten Kraftwerksleistung (rd. 69.400 MW zwischen 13:00 und 14:00 Uhr). Der Bedarf konventioneller Kraftwerke (Atom-, Kohle-, Gaskraftwerke) wurde dabei auf Nachtniveau (ca. 40.000 MW) gedrückt. Beide Energieerzeugungsarten waren an diesem Tag je zur Hälfte an dem neuen Rekord beteiligt. Zwar haben sowohl die Windenergie als auch die Solarenergie jeweils für sich betrachtet schon mit einer höheren Leistung Strom produziert (Windenergie: rd. 24.000 MW am 03.01.2012; Solarenergie: rd. 22.150 MW am 25.05.2012), aber im Zusammenspiel der beiden regenerativen Energiearten wurde die 30.000 MW-Schwelle bis heute noch nicht erreicht. (Quelle: CO2-Handel.de)
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3) Der komplette Vortrag „Power to the people! Neue Energie für linke Alternativen“ findet sich in der Tarantel Nr. 53
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Kommentar

Bei der Frage der Einspeisung statt Eigenbedarf (in dem Artikel wird das als Vorwurf gebracht) sollte man nicht vergessen, dass das von der Energielobby so gewollt wurde. Die Solar-Aktivisten waren 1990 durchaus noch auf dem Pfad der Selbstversorgung.

Statt EEG gab es das Modell der Einspeisung zum Selbstkostenpreis. Damals natürlich höher als heute. Oder ein Ausgleichsmodell, bei dem Bezug und Verbrauch zum gleichen Preis verrechnet werden sollten. Dank der Grünen bekamen wir das EEG mit allen Problemen.

Heute wären die Technik und Software reif für inteligentere Modelle. Aber den Grünen fällt dabei immer nur irgendwas mit Markt ein.

Gemeinwirtschaftliche Lösungen sehen anders aus, aber wer schlägt sie vor?

Roland Schnell, Berlin, DE