X9 - Neunter Castor-Transport nach Gorleben
Dieter Vogel
Zum 9. Male wurden aufbereitete Brennstäbe aus dem französischen
La Hague ins niedersächsische Gorleben (Wendland) transportiert.
Massive Proteste von Kernkraftgegnern und Umweltverbänden begleiteten
den Transport. Bereits am 5. November demonstrierten 7000 Menschen über
den Lüneburger Stadtring und kündigten damit an, daß der
eigentliche Transport zwischen dem 19. und 22. November nicht ungehindert
durchs Land fahren wird. Die sozialdemokratisch geführte Stadtverwaltung
verbannte Demonstration, Route und Kundgebung jedoch an den Rand
der Innenstadt. Begründet wurde dies mit einer zu erwartenden
Behinderung für Rettungskräfte bei einem etwaigen Notfall.
Daß bei den von der Stadt veranstalteten Kommerzfesten dieser
Platz zur Durchfahrt für Rettungswagen nicht zur Verfügung
steht, interessierte die Verwaltung nicht.
Unter dem Motto „Erneuerbare Energien statt Atomfantasien“ beteiligten
sich auch Vertreter der Linkspartei.PDS an der Auftaktdemonstration
in Lüneburg, unter ihnen die umweltpolitische Sprecherin im
Bundestag, Eva Bulling-Schröter, und die agrarpolitische Sprecherin
der Fraktion der Linkspartei.PDS im Thüringer Landtag, Dr. Johanna
Scheringer-Wright, sowie die niedersächsische Landessprecherin
und Bundestagsabgeordnete Dorothée Menzner. Nicht zuletzt
sollte mit der Demonstration Druck auf die Koalitionsverhandlungspartner
von SPD und CDU/CSU ausgeübt werden, uneingeschränkt am
Atomausstieg und der Förderung erneuerbarer Energien festzuhalten.
Vierzehn Tage später als angenommen startete der diesjährige
Castor-Transport am Samstag, den 19. November, im französischen
Verladebahnhof Valogene in Richtung Gorleben, womit er bezeichnenderweise
am Totensonntag mit zwölf Castoren durchs Land rollte. Nach
Einschätzung der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg
sollte durch die Terminänderung der Affront vermieden werden,
ausgerechnet am 7. November, dem Todestag von Sebastian Briat, den
Transport durch Trauerkundgebungen und Mahnwachen an der Bahnstrecke
zu schicken. Briat erlag beim letztjährigen Castortransport
nach Gorleben seinen schweren Verletzungen, als er in Frankreich
vom Fahrtwind des 98 km/h rasenden Atomzuges angesogen und überrollt
wurde. Auch in diesem Jahr raste der Zug wieder mit überhöhter
Geschwindigkeit und ohne Hubschrauberbegleitung durch Frankreich.
Entlang der 51 km langen, eingleisigen Bahnstrecke von Lüneburg
zum Entladebahnhof Dannenberg wurden durch die Behörden an den
Transporttagen Demonstrationsverbotszonen in Entfernung von 50 Metern
zu den Gleisen erlassen, die von den „grünen Atommüllmännern
und -frauen der Bundespolizei“ (O-Ton einer Rednerin) großzügig
behandelt wurde. So wurde eine Demonstration am Bahnhof Dahlenburg
bereits rund 200 m vor den Schienen angehalten. Zu diesem Zeitpunkt
konnte der Zug nahe des württembergischen Bietigheim-Bissingen
durch eine Sitzblockade vorübergehend gestoppt werden, wie auf
Radio „Freies Wendland“ berichtet wurde, was den Demonstranten
im „Zielgebiet“ Mut machte.
In den Folgestunden überschlugen sich die Ereignisse. Der zunächst
für ca. 4 Uhr am Montagmorgen in Lüneburg erwartete Zug
traf erst kurz nach 8 Uhr ein, nachdem er unterwegs noch mehrere
Male zum Anhalten gezwungen wurde. Währendessen erreichte auch
die Stimmung im Wendland ihre Höhepunkte. Brennende Strohballen
entlang der Bahnstrecke nach Dannenberg und Treckerblockaden auf
den Straßen nach Gorleben deuteten an, daß die Bevölkerung
auf eine derartige "staatlich subventionierte Fußbodenheizung" dankend
verzichten kann. Immer mehr Gutachten belegen, daß der Salzstock
Gorleben nicht über ein notwendiges Deckgebirge verfügt
und somit alles andere als geeignet ist, um hier Atommüll endzulagern. „Gorleben?
- Nicht ganz dicht!“ schlußfolgerte Greenpeace zweideutig.
Schlußendlich war es der Staatsmacht dennoch gelungen, die
tödliche Fracht bis zum Zielort durchzuprügeln. Im nächsten
Jahr sollen nach ersten Meldungen keine Castoren nach Deutschland
transportiert werden, um die Einsatz- und Kampfbereitschaft auf die
Fußball-WM zu konzentrieren. Statt dessen sollen bereits 2007
- ein Jahr früher als geplant - statt bisher 12 nunmehr 18 Behälter
je Transport durch Europa rollen. Der Widerstand wird bleiben.
aus: Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS,
12/2005