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Rede auf
der Energiekonferenz in Seelow am 23. September 2006
Dagmar Enkelmann
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Genossen,
vor gut einem Jahr fand nicht weit von hier entfernt – in Müncheberg – die
5. Ökologische Konferenz der Brandenburger Linkspartei.PDS statt.
Diese Konferenz trug die Überschrift „Umweltschutz ist soziale
Daseinsvorsorge.“ Geht es um den Umweltschutz, ist das Thema
Energie nicht weit. Schließlich hängen rund 80 Prozent aller
heutigen Umweltprobleme direkt oder indirekt mit der Erzeugung, dem
Transport oder dem Verbrauch von Energie zusammen. Energie ist aber
viel mehr als „nur“ eine ökologische Frage.
Zumindest in den Industrieländern war es bisher recht selbstverständlich,
dass aus Steckdosen Strom und aus Heizungen Wärme kommt. Selbstverständlich
ist das immer noch – nur ist diese Selbstverständlichkeit
nicht mehr für jeden finanzierbar. Die Regierung antwortet uns,
ja das wisse sie alles – ihre Vorschläge aber sind nur halbherzig.
Die FDP diffamiert unsere Vorstellungen z.B. einer staatlichen Energiepreiskontrolle
mit dem Vorwurf, dann müsse man auch für Brötchen regulierte
Preise einführen. Ich sage dazu: Gerade der auch von den Liberalen
beschworene Wettbewerb hat uns auf dem Energiesektor viele der heutigen
Probleme eingebrockt. Gerade bei den derzeit steigenden Energiepreisen
fragen sich viele Menschen, ob sie sich Strom und eine warme Wohnung
noch leisten können.
Für uns aber sollte die Versorgung mit Energie eine Frage der
sozialen Daseinsvorsorge sein. Oskar Lafontaine hatte in seiner Rede
am Freitag mit seiner Bemerkung, die Energiepreise hätten eine ähnliche
Bedeutung wie die Brotpreise, gar nicht so unrecht. Mehr noch: Es geht
um eines der zentralen Probleme der Zukunft, das nahezu alle Politikfelder
durchdringt. Es geht um den nachhaltigen Umgang mit den endlichen Ressourcen
unserer Erde.
Es wird aber auch immer deutlicher: Energie-, Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik
sind untrennbar verbunden. Hunderttausende Menschen sind jetzt schon
in dem Bereich tätig, und eine moderne Energiepolitik kann neue
Arbeitsplätze schaffen. Energie hat mit Ernährung und Landwirtschaft
zu tun. Die Agrarwirtschaft - selbst ein großer Energieverbraucher-
schafft mit Biomasse, Raps und anderen nachwachsenden Rohstoffen eine
wichtige Energiequelle der Zukunft. Der wissenschaftliche und technologische
Fortschritt findet seinen wichtigsten Ausgangspunkt in der Energiewirtschaft.
Mehr noch: Seitdem um den Zugang zu Energieressourcen Kriege geführt
werden, ist Energie auch eine Sache der Außen- und immer mehr
auch der Verteidigungspolitik geworden. Auf die Frage, ob die Bundeswehr
künftig Einsätze fahren müsse, um – Zitat - „wirtschaftliche
Interessen, Versorgungs- und Ressourcensicherung“ wahrzunehmen,
antwortete Minister Jung in der FAZ: „Das gehöre dazu … Wir
müssen uns auf solche Fragestellungen vorbereiten.“Damit
ist die Katze aus dem Sack gelassen! Es geht nicht um den Kampf gegen
den Hunger in der Welt. Es geht nicht um Beendigung blutiger Bürgerkriege.Es
geht um Märkte, es geht um Rohstoffe, um Einflusssphären – es
geht um Profit.
Auch deswegen ist mehr demokratischer Einfluss auf die Geschäfte
der großen Energieversorger so wichtig, die bekanntermaßen
eine der stärksten Lobbygruppen in diesem Lande sind. Und es geht
nicht zuletzt um Stärkung der Bürgerbeteiligung, um wirkliche
Transparenz und Kontrolle. Nicht die Konzerne dürfen uns ihre
Interessen als Energiestrategie der Zukunft verkaufen, sondern umgekehrt
wird ein Schuh draus: Die Interessen der Bürgerinnen und Bürger
an einer zukunftsfähigen, kommunal orientierten und preiswerten
Energieversorgung müssen bestimmend sein. Energiefragen sind also
mehr denn je komplexe Zukunftsthemen. Sie sind nur in einem gesamtgesellschaftlichen
Zusammenhang zu behandeln.
Meine Damen und Herren, der Energiebedarf nimmt global dramatisch zu.
Gegenwärtig ist der weltweite Energieverbrauch fast doppelt so
hoch wie zu Beginn der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Fossile Energieträger
decken noch immer den größten Teil des Bedarfs. Erneuerbare
Quellen haben weltweit erst einen Anteil von 14 Prozent. Wasserkraft
steht in diesem Zusammenhang mit Abstand an der Spitze. Geht es um
den Zugang zu den Energieressourcen, gehören die ärmeren
Ländern bislang zu den Verlierern. Die Trennlinie zwischen armen
und reichen Ländern bemisst sich immer mehr nach den Möglichkeiten
für einen ungehinderten Zugang zu Energierohstoffen. Die Konkurrenz
um die knapper werdenden Ressourcen verschärft bestehende politische
Konflikte und wird zunehmend in kriegerischen Auseinandersetzungen
ausgetragen.
Meine Damen und Herren, dass Energie eine zutiefst soziale Frage ist,
bekommen wir an den Folgen der steigenden Preise für Strom, Heizung
und Benzin deutlich zu spüren. Viele klagen über hohe Spritpreise.
Es geht aber nicht nur um die eigene Tankfüllung. So sind steigende
Preise für Lebensmittel zu erwarten, weil sich der Transport verteuert.
Die Deutsche Bahn bereitet höhere Fahrpreise vor mit dem Verweis
auf steigende Energiekosten. Millionen Mieter in diesem Land haben
hohe Nachzahlungsforderungen, weil die Heizungskosten faktisch explodierten.
Allein im Jahr 2005 mussten die privaten Verbraucher rund 7 Milliarden
Euro mehr für Energie ausgeben als im Jahr 2004.
Die vier größten Energiekonzerne dagegen – RWE, Vattenfall,
Eon und EnBW – haben ihre Profite in den letzten drei Jahren
mehr als verdreifacht - auf zuletzt jährlich 13,5 Milliarden Euro.
Mehrkosten in Milliardenhöhe für die Verbraucher – Milliardengewinne
für die Konzerne! Das ist zutiefst sozial ungerecht. Es ist nicht übertrieben
zu sagen: Die privaten Haushalte bezahlen derzeit zu weiten Teilen
die Extraprofite der Energiekonzerne! Damit nicht genug. Schon denken
einige der großen Versorger über weitere Preisanhebungen
Anfang 2007 nach. Augenscheinlich zählt für die Energiekonzerne
nur noch die blanke Rendite, sie haben sich aus jedweder Verantwortung
gegenüber der Gesellschaft verabschiedet. Um das zu begrenzen,
hat die Linksfraktion im Bundestag Vorschläge ausgearbeitet. Mein
Kollege Hans-Kurt Hill wird das im Einzelnen ausführen. Meine
Damen und Herren, die wesentlichen Antworten der Bundesregierung auf
die galoppierenden Preise sind: Wir brauchen mehr Wettbewerb und wir
brauchen neue Kraftwerke.
Kommen wir zunächst zum Wettbewerb. Ich erinnere daran: Die Bundesrepublik
war das erste europäische Land, das Ende der 90er Jahre den Strommarkt
faktisch von heute auf morgen hundertprozentig für alle Anbieter
geöffnet hatte. Die damit verbundenen Hoffnungen auf eine preiswerte
Energieversorgung haben sich nicht erfüllt – im Gegenteil:
Unter dem Deckmantel der Liberalisierung nahm die Machtfülle weniger
Konzerne zu. Heute kontrollieren die großen Vier - Eon, RWE,
Vattenfall und EnBW - 80 Prozent der bundesdeutschen Stromerzeugung.
Der Hoffnungsträger für die Bundesregierung ist nun die neu
geschaffene Bundesnetzagentur. Diese verordnet - wie jetzt in Berlin
und Hamburg geschehen - geringere Netzgebühren für die Stromdurchleitung.
Dieser Preisvorteil soll dann an die Verbraucher weitergegeben werden.
Von diesem Preisvorteil wird aber nicht viel bei den privaten Haushalten
ankommen. Die Netzgebühren sind zum einen nur ein kleiner Teil
der Stromrechnung. Zum anderen verteuert die Bundesregierung mit ihrer
Mehrwertsteuererhöhung selbst die Stromrechnung.
Auch für Strom müssen ab 2007 die 19 Prozent Mehrwertsteuer
gezahlt werden. Viele Familien und Haushalte werden beim Blick auf
die Stromrechnung mit Wehmut an den Wahlkampfslogan der SPD zurückdenken,
der da hieß: „Merkelsteuer – das wird teuer!“ Nun „dank“ der
SPD wurden nach der Wahl aus dem 2-Prozent-Aufschlag der Union am Ende
3 Prozent. Nicht ganz uneigennützig hat der Vattenfall-Chef jetzt
eine halbierte Mehrwertsteuer für Strom vorgeschlagen. Auch die
Energiekonzerne sehen offenbar, dass die privaten Haushalte an der
Grenze der Belastbarkeit angekommen sind.
Es ist ja wirklich nicht zu verstehen, warum für Katzenfutter
nur 7 Prozent Mehrwertsteuer zu zahlen sind, für so notwendige
Dinge wie Medikamente oder eben Strom 19 Prozent. Meine Damen und Herren,
das andere marktwirtschaftliche Mittel, um den Strompreis zu senken,
ist für die Bundesregierung der Bau neuer Kraftwerke. Das wäre
eine gute Gelegenheit, um Anbieter moderner Technologien kräftig
zu fördern. Es passiert aber das genaue Gegenteil.
Ende August legte die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zur Änderung
des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes vor und der atmet ganz den alten
Geist. Für große Stromabnehmer sollen die ohnehin geringen
Kosten aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz weiter reduziert werden.
Begünstigt werden Unternehmen, die mehr als 10 Gigawattstunden
Strom jährlich abnehmen oder bei denen der Anteil der Stromkosten
bei mehr als 15 Prozent der Gesamtkosten liegt. Weil die Förderung
insgesamt nicht reduziert wird, muss das Geschenk an die Großverbraucher
irgendwo hergeholt werden. Nach der Lesart der Bundesregierung soll
das beim so genannten „nicht privilegierten Letztverbraucher“ geschehen – im
Klartext: bei den privaten Haushalten, also bei uns allen.
Damit verschärft sich die soziale Schieflage. Familien, Haushalte
und auch Gewerbetreibende dürfen den Billig-Strom für die
Großunternehmen subventionieren. Das ist nicht nur eine zutiefst
ungerechte Umverteilung. Bewusst streut die Bundesregierung unter der
Bevölkerung das Image der Erneuerbaren als angebliche Kostentreiber
und Luxus-Energie. Tatsächlich hat die Bundesregierung vor allem
verlängerte Laufzeiten der Atomkraftwerke im Blick und den Neubau
fossiler Großanlagen. So feierte sie jüngst die Grundsteinlegung
für das künftig größte Braunkohlenkraftwerk der
Welt in Neurath in Nordrhein-Westfalen. Nach Schätzungen von Greenpeace
wird dieses Kraftwerk in den nächsten zwei Jahrzehnten mit mehr
als 3 Milliarden Euro öffentlicher Gelder subventioniert.
Meine Damen und Herren, die Energiepolitik dieser Bundesregierung ist
in weiten Teilen rückschrittlich und nicht zukunftsfähig.
Sie lässt die Potenziale für eine moderne und ökologische
Energieversorgung brachliegen. Der Anteil erneuerbarer Energien am
Kraftstoffbedarf im Straßenverkehr z.B. beträgt derzeit
gerade mal 3 Prozent. Und die Bundesregierung erschwert mit der Aufhebung
der Steuerbefreiung für Biokraftstoffe auch noch deren Einsatz.
Das gefährdet Arbeitsplätze gerade im ländlichen Raum.
Wärme aus erneuerbaren Energien könnte nach heutigen Schätzungen
50 Prozent des gesamten Wärmebedarfs der Bundesrepublik decken.
Real liegt dieser Anteil derzeit aber bei nicht mehr als 5 Prozent.
Ein Drittel der hierzulande genutzten Wärme und mehr als die Hälfte
des Stroms könnte in umweltfreundlicher Kraft-Wärme-Kopplung
erzeugt werden. Real stagniert dieser Anteil der Kraft-Wärme-Kopplung
bei Strom mit 9 und bei Wärme mit 7 Prozent.
Der Anteil der erneuerbaren Energien am Wärmemarkt ist noch viel
zu gering, er nahm von 2003 bis 2005 nur von 5,1 auf 5,4 Prozent zu.
Dabei ist es gerade hier technisch und wirtschaftlich kostengünstig
fossile Energien durch regenerative zu ersetzen. Bei diesem Schneckentempo
darf es nicht bleiben. Wir brauchen ein besonderes Wärmenutzungsgesetz.
Wäre das Wärmegesetz ähnlich wirksam wie beim Strom
das Erneuerbare-Energien-Gesetz, könnten im Jahr 2020 rund 13
Prozent der Wärme regenerativ erzeugt werden. Also mehr als doppelt
soviel wie heute.
Auch bei Wissenschaft und Technologie versagt die Bundesregierung.
Wie sie im jüngsten Statusbericht Energieversorgung selbst einräumt,
sind die Fördermittel des Bundes für Forschung und Entwicklung
moderner Energietechnologien in den letzten Jahren – ich zitiere – „beträchtlich
zurückgefahren worden.“ Zudem floss bislang der größere
Teil des Etats in den nuklearen Sektor. Hier ist ein Wechsel der Prioritäten
längst überfällig.
Meine Damen und Herren, es ist allerhöchste Zeit für eine
zukunftsfähige Wende in der Energiepolitik. Was sind Ansprüche
an eine moderne Energiepolitik? Klar ist: Eine Energiewende kann nicht
vom heutigen Niveau des Energieverbrauchs ausgehen. Zuallererst geht
es um sinnvolle Maßnahmen zu einer deutlichen Senkung des Energieverbrauchs,
um die weitere Förderung von Maßnahmen zur Wärmesanierung
bei Gebäuden, um die Erstellung von Energiebilanzen mit entsprechenden
Konsequenzen. Ein Verbot von Stand-by-Schaltungen ist längst überfällig.
Solche Schaltungen verschlingen, was sicher nicht jedem klar ist, bis
zu 10 Prozent des Stroms in den Haushalten. Rund fünf Prozent
der Haushalte heizen noch mit Strom. Auch diese Stromfresser gehören
durch erneuerbare Quellen ersetzt. Energie einzusparen, ist auch ein
weites Feld für kommunale Energiepolitik.
Meine Damen und Herren, die größten dezentralen Energieerzeuger
der Bundesrepublik sind die Stadtwerke. Ihr Stellenwert für die
wirtschaftliche, arbeitsmarktpolitische, soziale und ökologische
Entwicklung einer Region ist kaum zu überschätzen. Wenn Energie
für uns zur sozialen Daseinsvorsorge gehört, gehören
die Stadtwerke auch in kommunale Hand. Privatisierungen, bei denen
die Kommune die Geschäftsaufsicht aus der Hand gibt, sind für
Linke nicht akzeptabel.
Den „Zugriff“ auf die kommunale Energie-Infrastruktur brauchen
wir auch, um eine zukunftsorientierte kommunale Energiepolitik durchzusetzen.
Linke KommunalpolitikerInnen sollten sich einbringen bei der Initiierung
kommunaler Energiekonzepte und dabei die Forderung, regenerative Quellen
zu entwickeln, stärker einbinden.
Vorschläge dazu sind unter anderem:
- die Einrichtung von Energieausschüssen in den Kommunalvertretungen
von Städten, Gemeinden und Landkreisen;
- die Bildung von Energieagenturen in größeren Städten
oder die Beschäftigung von Energieberatern in kleineren Orten;
- die Aufstellung von Energiehaushalten, in denen alle Ausgaben für
Energie gesondert festgehalten werden.
- die Prüfung einer Re-kommunalisierung oder Re-regionalisierung
von Versorgungsnetzen;
- die Neugründung kommunaler Energieversorger dort, wo sie vielleicht
nicht mehr vorhanden sind.
In diese Vorhaben sollten nach unserer Auffassung die Bürgerinnen
und Bürger von Anfang an einbezogen werden. Anregungen von Bürgerinitiativen
für eine kommunale Energiepolitik sind aufzugreifen. All dies
könnte ein wichtiger Teil des lokalen Agenda-Prozesses werden.
Meine Damen und Herren, natürlich benötigen insbesondere
die Kommunen finanzielle Hilfen, um in ihren Regionen moderne Energiekonzepte
zu fördern. Geld dafür ist reichlich vorhanden. Dazu bräuchte
Herr Steinbrück nicht einmal neue Schulden machen oder die neuerdings
sprudelnden Steuereinnahmen anzapfen. Die Linkspartei hat, ich erinnere
daran, im letzten Jahr ein Steuerkonzept vorgelegt, mit dem sich auch
Zukunftsinvestitionen im Energiebereich finanzieren ließen.
Es gibt aber auch andere Finanzquellen. Es würde reichen, wenn
der Umweltminister beim Emissionshandel die Zertifikate wenigstens
zu einem Teil per Auktion versteigern würde. Die Bundesregierung
aber will ihre Praxis aus der ersten Periode des Emissionshandels in
der kommenden zweiten Periode ab 2008 fortsetzen. Nach wie vor sollen
die Emissionsrechte kostenlos ausgegeben werden. Damit verschenkt die
Bundesregierung bis zu 8 Milliarden Euro an die Unternehmen. Allein
mit dem Abschöpfen solcher Extragewinne ließe sich eine
Energiewende locker finanzieren, die auf eine dezentrale und regenerative
Energieerzeugung setzt. Die Linksfraktion hat entsprechende parlamentarische
Initiativen gestartet.
Meine Damen und Herren, eine ökologisch orientierte Energiewende
steigert auch die regionale Wertschöpfung. Strom aus erneuerbaren
Energien hat sich bereits als Jobmotor schon einen Namen gemacht. Im
Jahr 2005 verfügte die Branche bereits über 170 000 Arbeitsplätze.
Geht diese Entwicklung allein beim Strom so weiter, könnten es
im Jahr 2020 rund 300 000 Arbeitsplätze sein. Bei einem konsequenten
Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung könnte die Zahl der dort
Beschäftigten von 40 000 auf 100 000 ansteigen.
Meine Damen und Herren, angesichts steigender Energiepreise fragen
sich aber auch viele Menschen, ob sich die Bundesrepublik Klimaschutz,
Atomausstieg und den Umstieg auf erneuerbare Energien noch leisten
kann. Einige linke Politiker fragen sich in dem Zusammenhang, ob es
nicht besser wäre, länger auf einheimische Energieträger
wie die Braunkohle zurückzugreifen. Als Brandenburgerin bewegt
mich die Braunkohle-Frage besonders. Ich kann mich noch gut erinnern:
In den 90er Jahren hat sich gerade die Brandenburger PDS in Kräfte
zehrenden Debatten auf die Position geeinigt: Kein Aufschluss neuer
Braunkohletagebaue mehr in Deutschland. Ich finde: Bei diesem Konsens
sollte die Linkspartei.PDS bleiben.
Strom aus Braunkohle ist keineswegs billig. Das betrifft nicht nur
die enormen Mengen des Klimagases Kohlendioxid, die bei der Verbrennung
der Kohle frei werden. Die Großtagebaue erfordern auch weiträumige
Grundwasserabsenkungen. Wieder müssten Menschen und Orte den Kohlebaggern
weichen. Zudem ist es nicht sehr innovativ, fossile Großkraftwerke
zu bauen, die nichts anderes tun, als wertvolle fossile Rohstoffe zu
verbrennen und dann noch die Hälfte der eingesetzten Energie nutzlos
an die Umwelt abgeben. Nein, wirklich innovativ ist, Strom preiswert
aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen, Strom massiv einzusparen und
die entsprechende Forschung dazu zu fördern. Übrigens ist
eine Forderung aus Anfang der 90er Jahre, die Lausitz zum Silicon Valley
der Energiewirtschaft zu entwickeln, immer noch aktuell.
Meine Damen und Herren, ich komme noch einmal auf die eingangs erwähnte Ökologische
Konferenz zurück: Dort stellte der Schweriner Umweltminister Wolfgang
Methling unser Energie-Konzept „100 Prozent regenerativ bis zum
Jahr 2050“ vor. Nach Ansicht der Linkspartei könnte die
Bundesrepublik ab dem Jahr 2050 ihren Bedarf an Strom und Wärme
weitgehend aus regenerativen Quellen decken. Das langfristige Ziel
besteht in der solaren Vollversorgung der Bundesrepublik. Als einzige
Partei in diesem Land verfügt die Linkspartei.PDS über eine
konkrete Vision, in welchem Zeitraum die Energiewende wirklich vollzogen
werden könnte. Was vor einem Jahr noch wie Utopie klang, könnte
künftig zu einem grünen Markenzeichen der Linkspartei werden.
Wir sind nicht blauäugig und sehen die enormen Widerstände
und auch noch ungelösten Fragen auf diesem Weg. Aber die Vision
ist richtig.
Meine Damen und Herren, auch die Zukunft der Mobilität hat viel
mit dem Thema Energie zu tun. Schließlich verbraucht der Verkehr
rund ein Drittel der eingesetzten Energie in Deutschland. Ohne eine
Verkehrswende ist deswegen eine Energiewende nicht zu haben. So wie
der Energieverbrauch real zu senken ist, muss auch der „Verbrauch“ von
Transport real verringert werden. Verkehrsvermeidung ist hier das Stichwort.
Was Energieverbrauch, Klimaemissionen und die gesamten so genannten
externen Kosten betrifft, sind Bus und Bahn dem Auto deutlich überlegen.
Eine reale Chance werden sie aber nur haben, wenn nicht weiter Strecken
stillgelegt, Taktzeiten verlängert und Verkehr aus der Fläche
gezogen wird. Nötig ist deswegen eine Verlagerung des Verkehrs
auf die umweltfreundliche Schiene und eine bessere Vernetzung der Verkehrsträger.Leider
läuft der Trend derzeit insbesondere gegen die Schiene. Heute
werden nur noch 15 Prozent der Güter auf der Schiene transportiert.
Meine Damen und Herren, auch im Personenverkehr hat sich die Situation
verschlechtert. Mit der Kürzung der Regionalisierungsmittel um
3,2 Milliarden Euro bis zum Jahr 2010 sorgt die Bundesregierung dafür,
dass der öffentliche Verkehr in der Fläche weiter ausgedünnt
wird. Auch Arbeitsplätze gehen verloren, so muss die Barnimer
Busgesellschaft sechs Mitarbeiter entlassen. Das Land Brandenburg spielt
hier bekanntermaßen einen unrühmlichen Vorreiter. Schon
zum nächsten Fahrplanwechsel soll eine Reihe von Linien nicht
mehr bedient werden. Der jetzt gefundene Kompromiss, bei dem ein Teil
der Strecken mit veränderten Taktzeiten oder verkürzt weiter
bedient werden, ist ein fauler Kompromiss. Er bedeutet ein Sterben
auf Raten.
Für die mobile Zukunft auf dem flachen Land sieht es schlecht
aus: Keine Bahnverbindung mehr, der Bus kommt, wenn überhaupt,
zweimal täglich als Schülerverkehr. Das Auto verbleibt den
meisten Familien als einziges mobiles Mittel. Das hat nichts mit einer
nachhaltigen Mobilitätspolitik zu tun. Und der Trend, dass sich
die Bahn aus der Fläche zurückzieht, würde mit dem Börsengang
eine neue Dimension bekommen. Die Linksfraktion hat sich klar gegen
die Privatisierung der Bahn positioniert und lehnt einen Börsengang
folgerichtig ab.
Meine Damen und Herren, es geht in den nächsten Jahren in erster
Linie darum, die energetische Infrastruktur dieses Landes völlig
umzukrempeln. Wir brauchen keine neuen Großkraftwerke, sondern
intelligente Lösungen zum Energiesparen, mehr Energie aus Sonne
und Wind, aus Erdwärme und Biomasse. Die Energieversorgung der
Zukunft muss eine Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge sein,
sie ist dezentral und kommunal. Die Linksfraktion hat sich auf energiepolitischem
Gebiet bereits stark engagiert. Das zeigt die Fülle von Anfragen
und Anträgen, die auch hier vorliegen. Ich bin deswegen froh,
dass mein Kollege Hans-Kurt Hill uns heute hier für einen Vortrag
und zur Debatte zur Verfügung steht. Ich wünsche uns jetzt
eine fruchtbringende und erfolgreiche Debatte. Ich danke Ihnen für
die Aufmerksamkeit.
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