PDS-Einsatz
für solare Energiewende verstärken
Aus dem Klimawandel darf kein Klimaumsturz werden
Marko Ferst
Inzwischen kommt in Deutschland rund 9% des Stroms aus alternativen
Quellen, vor allen Dingen Wind- und Wasserkraft. 15400 Windräder
waren Anfang 2004 bereits in Betrieb und erzeugten 3 % der Elektrizität.
Das erfolgreiche rot-grüne Erneuerbare Energiegesetz fand
modifizierte Nachahmung unter anderem in Ungarn, Spanien, Portugal,
Griechenland, Frankreich und Tschechien. 2004 installierte Deutschland
weltweit die meisten Fotovoltaikanlagen für Solarstrom.
Die Solarkollektorfläche für die Bereitstellung von
warmen Wasser verdoppelte sich in Deutschland seit 1998. Unter
einer schwarz-gelben Regierung wird es vermutlich erhebliche
Rückschläge geben. Deshalb ist es wichtig, daß sich
auch die PDS für den Erhalt des EEG einsetzt und den Quotenmodellen
der Energiekonzerne eine klare Absage erteilt.
PDS-Umweltminister Wolfgang Methling stellt völlig richtig
die Weichen, wenn er als Politikziel formuliert, 100 Prozent
erneuerbare Energie bis 2050 müssen erreicht werden. (ND
8.11.04) Mojib Latif verweist in seinem neuen Buch „Klima“ darauf,
wir müssen den Ausstoß von Klimagasen fast vollständig
beenden. Betrachtet man die vielfältigen Quellen der wichtigen
Treibhausgase Kohlendioxid und Methan, so wird klar, eine vollständige
solare Stromversorgung ist ein wichtiger Meilenstein. Jedoch
die Wärmeversorgung, der Verkehrsbereich, die Landwirtschaft
aber auch Hochöfen und andere Prozeßenergie werden
erhebliche Probleme bereiten, will man sie vollständig erneuerbar
gestalten. Nimmt man die Herstellung von Metallen, Glas, Beton
und Kunststoffen, also einem großen Teil der Infrastruktur
der Industriegesellschaft, so sind bisher keine Verfahren absehbar,
die auf Null Emissionen hinauslaufen. Im Wärmebereich gibt
es Möglichkeiten über solares Bauen, Geothermie, Biomasse
und Solarkollektoren sowie die Einrichtung von Nahwärmenetzen
diesem Ziel näher zu kommen. Völlig gescheitert ist
die jetzige rot-grüne Bundesregierung im Verkehrsbereich.
Dort nahmen die CO2-Emissionen zu. Auch bei der Förderung
von mehr ökologischer Energieeffizienz sind die bisherigen
Ansätze der Regierung völlig unzureichend.
Die Ökologische Plattform arbeitete ausführliche Positionspapiere über
den Ist-Stand der erneuerbaren Energien aus. (siehe: tarantel,
Nr. 28) Die Kernfrage ist, mit welchen Politikinstrumenten, kann
ein schnellerer Umstieg erreicht werden. Etwa bei kleinen Wasserkraftwerken,
könnten dies verbesserte Vergütungssätze für
den Strom sein. Ist es sinnvoll wie in Israel seit langem und
in Spanien jetzt geplant, für neue Häuser Solarthermieanlagen
verpflichtend vorzuschreiben oder sind verbesserte Förderinstrumente
der sinnvollere Ansatz? In einer Arbeitsgruppe wird der Ausbau
der solaren Energien und die dazu effektivsten Maßnahmen
weiter diskutiert, Beteiligung ist möglich.
Angegriffen werden muß Rot-Grün in ihrer Atompolitik.
Immerhin genehmigt diese Regierung, daß in Gronau Brennelementekapazitäten
für 35 AKW aufgebaut werden, Hermesbürgschaften wurden
für zwei chinesische Reaktoren in Lianyungang genehmigt
und nach wie vor darf Atomforschung Finanzmittel verschlingen.
Rund 95% der Menge an Atomstrom werden produziert wie unter der
Kohlregierung. Bei einer CDU/CSU-geführten Regierung ab
2005 ist man allerdings auch vor einem Rückfall in die „atomare
Steinzeit“ nicht gefeit. In jedem Fall werden sie den Ausstieg
auf Eis legen. Ob wirklich keine neuen Atomkraftwerke, wie von
Siemens/Frameatom gewünscht, gebaut werden muß sich
noch zeigen. 5 – 6 neue AKWs kann sich der Konzern vorstellen.
Vermutlich würde eine schwarz-gelbe Regierung auch darauf
hinarbeiten Gorleben als Endlager für hochradioaktive Stoffe
weiter auszubauen. Das wäre russisches Roulette. Teils fehlen
Deckschichten, die abdichten könnten. Salzhaltige Grundwasserströme
führen bis an die Oberfläche. Wir brauchen länderübergreifend
eine Diskussion über die hochradioaktiven Abfälle atomarer
Energieerzeugung. Es zeichnet sich ab, es gibt keine sichere
Möglichkeit die Stoffe über 15-20 Millionen Jahre risikofrei
zu lagern. Einige hochradioaktive Nuklide bzw. deren Zerfallsprodukte
sind extrem dauerhaft und ähnlich gefährlich wie Plutonium.
Noch ein pikantes Detail: Rot-Grün hat die Strahlenschutzverordnung
abgeschwächt. Deshalb können jetzt leichter radioaktive
Abrißstoffe aus AKWs beim Straßenbau verwendet oder
in Alltagsgegenständen recycelt werden. Sebastian Pflugbeil
rechnet dadurch mit mehreren tausend zusätzlichen strahlenbedingten
Todesfällen in der Bundesrepublik.
Man vermutet, daß ab ungefähr 2010 die Mengen an gefördertem
Erdöl nicht mehr gesteigert werden können. In Ländern
wie Iran, Libyen, Rumänien und Indonesien ist dieser Punkt
lange überschritten, der jetzt weltweit eintritt. Der Verbrauch
in China, Indien u. a. Ländern wächst aber rasant.
In 35-40 Jahren sind die letzten Reserven an herkömmlichem Öl
aufgebraucht. Deutliche Preissteigerungen werden aber schon im
kommenden Jahrzehnt zwangsläufig die Folge sein, ebenso
bei Erdgas, das an den Ölpreis gekoppelt ist. Bereits heute
werden Kriege geführt um die Energieressourcen.
Wir müssen also nicht nur wegen der Klimagefahr vollständig
auf solare Energien umsteigen. Der Primärenergieverbrauch
weltweit basiert zu 35 % auf Erdöl, dazu kommen 21,2% Erdgas,
zusammen 56,2 % (2001). Die Ölpreise sind auch hochspekulativen
Prozessen an den Finanzmärkten unterworfen. Da kann es schnell
passieren, daß aus einer kleinen Ölkrise eine große
Weltwirtschaftskrise sich entwickelt. Der zügige Ausbau
der erneuerbaren Energien ist zudem wichtig, weil ein Drittel
der herkömmlichen Kraftwerke im nächsten Jahrzehnt
ihre technische Lebensdauer überschreiten und ersetzt werden
müssen. Eine dezentrale Versorgung mit Strom und Wärme,
auch durch die Haushalte selbst, wird in wenigen Jahren eine
eminent soziale Sicherung sein.
Unstrittig ist es besser moderne Gaskraftwerke zu bauen, als
noch ein einziges Kohlekraftwerk, weil dessen CO2-Ausstoß mengenmäßig äquivalent
weit darüber liegt. Mit einem Gaskraftwerk legt man sich
jedoch für 30-40 Jahre fest, auch mit immer teureren Gasimporten.
Das kann nur eine sehr kurzfristige Notlösung sein, insbesondere
wenn man bei 100 Prozent solarer Stromerzeugung 2050 ankommen
will. In Kohlekraftwerken das Kohlendioxid abzuscheiden und in
Endlager zu verbringen, ist viel teuerer als solare Alternativen
und außerdem sehr unsicher.
Die Offshore-Windräder in Nord- und Ostsee sollten zum Zuge
kommen. Natürlich sind Naturschutzprobleme beim Schweinswal
oder den Vogelflugrouten streng zu beachten, ebenso wie die Sicherheit
des Schiffsverkehrs. Wenigstens 20% des derzeitigen Stromverbrauchs
könnten auf mittlere Sicht so gedeckt werden. Insgesamt
kommt es auf einen sinnvollen Mix an erneuerbaren Energien an.
Manches Wasserkraftwerk könnte aktiviert werden und eine
effizientere Generation von Fotovoltaikanlagen zum Zuge kommen,
verringerte Kosten durch effizientere Produktionsabläufe
entstehen.
Gelänge es darüber hinaus bis 2030 um den Faktor Vier
beim Stromverbrauch zu reduzieren, also eine Ökoeffizienzrevolution
in Technik und Sozialverhalten, käme man mit sehr viel weniger
Energie aus und 100 Prozent Solarenergie wäre um viele Jahre
schneller erreichbar. Freilich darf man nicht vergessen, alle
Wachstumsprozesse der heutigen Industriegesellschaft sind an
CO2-Ausstoß gebunden und in einigen Bereichen kommt man
um intelligenten, kreativen Verzicht überhaupt nicht herum.
Vor allen Dingen eine neoliberale Politik, die Aktienkurse und
Finanzmarktwünsche zur Zentralsteuerung der Gesellschaft
macht und damit ökonomischen Aktionszwang bis in die letzten
sozialkulturellen Freiräume hineinzwingt, ist geradezu ein
Amoklauf gegen die Belastungsgrenzen der Natur.
Selbst das Bundesumweltministerium schätzt die Situation
sehr kritisch ein. Der Klimawandel selbst ist nicht mehr verhinderbar,
man kann nur noch abbremsen. Die Gesellschaft muß heute
beginnen, ihre Bauweise den kommenden Stürmen anzupassen.
Zunehmende Starkregenereignisse sprechen für entsiegelte
Flächen und barrierefreie Flüsse. Entscheidend ist,
ob es gelingt die Ernähungssicherheit mit einer grundlegend
anders ausgelegten Landwirtschaft zu sichern. Gerät der
Klimawandel zum Klimaumsturz, dann wird in vielen Fällen
nur die Flucht in noch intakte Regionen möglich sein, solange
es noch welche gibt. Deshalb müssen heute alle Register
gezogen werden, um das Lenkrad noch ein Stück rumzureißen.
erschienen in Disput und Widerspruch