Kleine
Gemeinde mit großen Ambitionen
Der Bürgermeister der Solarkommune Viernau wirbt für
eine Idee
Peter Liebers
Die Straße windet sich in steilen Serpentinen durch herbstkahlen
Mischwald. Graue Regenwolken streifen die Baumwipfel. Kein Sonnenstrahl
findet den Weg in die kleine thüringische Gemeinde, an deren
Ortsschild der Titel »Solarkommune Viernau« prangt.
Der wirkt bei diesem Wetter reichlich deplatziert. Zweifel erwachen
auch bei einem Gang durch das Dorf. Nur wenige Dächer tragen
Solaranlagen.
Ist die Solargemeinde eine Mogelpackung? Natürlich nicht,
versichert Bürgermeister Manfred Hellmann (Linkspartei.PDS)
und wischt wortgewaltig alle Zweifel weg. Der Titel werde von
der Stiftung Deutsche Umwelthilfe verliehen, wenn eine Gemeinde
mehr als 30 Kilowatt Solaranlagen installiert habe. Dieser Kampagne
hat sich der Ort angeschlossen und eine große Photovoltaikanlage
für die sanierte Mehrzweckhalle angeschafft.
Selbst bei trübem Wetter läuft der Zähler
Hellmann lädt zur Ortsbesichtigung ein. Erste Station ist
die Mehrzweckhalle. In deren Schalt-raum blinken bunte Lämpchen.
Der Zähler, der die ins Netz eingespeiste Energie misst,
dreht sich langsam. Wider Erwarten liefert die Anlage auch bei
diesem trüben Wetter Strom. Bei Sonnenschein sei es natürlich
mehr, sagt der Bürgermeister. Pro Jahr immerhin bis zu 25
000 Kilowattstunden.
Die Idee mit dem Solarstrom sei anfangs aus ganz anderen Überlegungen
entsprungen, sagt Hellmann. Als er 1999 mit einer hauchdünnen
Mehrheit zum ehrenamtlichen Bürgermeister von Viernau gewählt
worden war, habe er überlegt, »wo die Reise hingehen
soll«, wo die gravierendsten Probleme des Ortes liegen.
Da sei ihm zunächst die dramatisch gesunkene Geburtenrate
aufgefallen. Während 1989 im Ort noch 24 neue Erdenbürger
das Licht der Welt erblickten, waren es 1999 nur noch halb so
viele. Zwischendurch war die Zahl sogar auf fünf gesunken.
Im Gemeinderat sei man nach ausführlichen Beratungen zu
dem Schluss gekommen, das die Gemeinde attraktiv und zukunftsfähig
gemacht werden müsse, um jungen Menschen Zuversicht zu vermitteln.
So sei man schließlich auf die Photovoltaik gekommen. Damit
solle ein Zeichen gesetzt werden, dass man »auf Draht« ist
und nicht hinter dem Mond lebt.
Der Ort liegt am Südhang des Thüringer Waldes, hinter
den Bergen - zumindest von Erfurt aus gesehen. In der Landeshauptstadt
wirbt Hellmann immer wieder für seine Idee, möchte
seine Parteigenossen für die Photovoltaik begeistern. Bisher
leider erfolglos, ärgert er sich. Man höre höflich
zu und nicke, das war es dann.
Dabei gibt es in Thüringen 31 Bürgermeister mit dem
Mandat der Linkspartei.PDS. Von denen sei bisher aber noch keiner
dem Viernauer Beispiel gefolgt. Das sei doch eine tolle Chance,
versichert der diplomierte Elektroingenieur und wirft mit Zahlen
um sich, dass es dem Zuhörer schwindlig wird.
Nach heutigen Marktpreisen belaufe sich der Gesamtenergieverbrauch
je Bundesbürger auf 2500 Euro. In Viernau mit seinen 2300
Einwohnern entspräche die Eigenproduktion dieses Bedarfs
einer jährlichen Wertschöpfung von sechs Millionen
Euro mit steigender Tendenz. Im volkswirtschaftlichen Sinn seien
das Einnahmen, betriebswirtschaftlich gesehen Eigenleistungen,
die uns reicher machen, rechnet Hellmann vor, der dieses Modell
für durchaus realistisch hält.
Wären auf allen Dächern Solaranlagen installiert und
zusätzlich eine Windenergieanlage vorhanden, dann hätte
man ausgesorgt, versichert er. Der Strommix könne dann noch
durch Biogaserzeugung ergänzt und stabilisiert werden. Regionale
Energieerzeugung gehe zu Lasten der Konzerne. Sie könne
so zu einem Kristallisationspunkt für die umfassende Regionalisierung
der Wirtschaft werden und einen Gegenpol zur Globalisierung bilden.
Als höchst kontraproduktiv wertet er in diesem Zusammenhang
die Energiesubventionen des Bundes. Während für die
Steinkohleförderung bisher jährlich 200 Milliarden
Euro und für die Atomindustrie etwa 60 Milliarden Euro aufgewendet
wurden, seien es für erneuerbare Energie nur magere zehn
Milliarden Euro. Das verschiebe die Prioritäten in die falsche
Richtung. Ärgerlich findet er es auch, dass es in Deutschland
- im Gegensatz zu Japan - keine nennenswerte Forschung zur Energiespeicherung
gibt.
Die Ortsbesichtigung führt hinaus auf einen von jungen Bäumchen
gesäumten Feldweg. Jeder Baum steht für ein im Ort
neu geborenes Kind und trägt dessen Namensschild. Wie viele
es inzwischen sind, kann Hellmann nicht genau sagen. Mehr als
60, schätzt er und versichert, dass die Idee bei den Bürgern
sehr gut ankommt.
Die Gemeinde belässt es allerdings nicht bei diesem symbolischen
Akt. Sie zahlt jedem Kind ein »Patenschaftsgeld« von
250 Euro. Ursprünglich war das als »Begrüßungsgeld« deklariert.
Das hat die Kommunalaufsicht untersagt, weil es dafür feste
Regularien gibt.
Dann hätten sie den Tipp erhalten, die Sache umzubenennen,
nun bleibt es unbeanstandet, berichtet der Bürgermeister.
Eine knappe halbe Million Euro wurde in den Kindergarten mit
65 Plätzen investiert. Dank einer Sondergenehmigung können
die Kleinen hier schon ab dem ersten Lebensjahr aufgenommen werden.
Die Elternbeiträge sind seit 1999 unverändert. Für
45 Euro pro Monat und 1,30 Euro Essengeld pro Tag werden die
jüngsten Viernauer umsorgt.
Ü
berlegungen, die Beiträge um zehn Euro zu erhöhen,
seien schnell wieder vom Tisch gewesen, sagt der Bürgermeister.
Die maximal 8000 Euro jährliche Mehreinnahmen hätten
mehr kaputt gemacht als genützt. Ob diese Strategie beibehalten
werden kann, wenn die CDU-Landesregierung ihre als »Familienoffensive« getarnten
Sparpläne durchgepeitscht hat, steht in den Sternen.
Der Weg führt an der »Wuhlheide« vorbei, einem
vormaligen Ferienobjekt, das jetzt der Gemeinde gehört.
Mit dem Versuch, daraus ein Ausflugslokal zu machen, ist ein
Wirt kläglich gescheitert. Wer läuft schon hier herauf
auf den Berg, wenn schlechtes Wetter ist, sagt Hellmann. Schließlich
gibt es im Ort mehrere Gaststätten, die sich nur mühsam über
Wasser halten.
Früher sei das anders gewesen, sagt die Bedienung im »Grünen
Baum«. 180 FDGB-Urlauber seien seinerzeit täglich
beköstigt worden. Heute halte sich die Gaststätte mit »Essen
auf Rädern« über Wasser, sagt sie und verschwindet
in der Küche.
Natürlich hat Hellmann auch eine Solaranlage
Inzwischen haben zwei Neuankömmlinge zur besten Mittagszeit
die Gästezahl verdreifacht. Als sich nach zehn Minuten noch
immer niemand nach ihren Wünschen erkundigt hat, verlassen
sie murrend und hungrig das Lokal. So pingelig waren FDGB-Urlauber
nicht. Von der »Wuhlheide« aus, die jetzt zu besonderen
Anlässen von einem Verein bewirtschaftet wird, bietet sich
ein schöner Blick auf den in einer weiten Mulde gelegenen
Ort. Im Hintergrund liegt ein kleines Gewerbegebiet. Hier hat
unter anderem eine alteingesessene Firma ihren Sitz, die Mehrspindelbohrköpfe
für Werkzeugmaschinen herstellt. Mit ihren anspruchsvollen
Arbeitsplätzen ist sie ein Glücksfall für den
Ort.
Die Ortsbesichtigung führt natürlich auch am Haus des
Bürgermeisters vorbei. Eine Solaranlage auf dem Dach, eine
weitere an der Fassade. »Ich wollte ein Beispiel schaffen«,
sagt Hellmann, obwohl sein nach Osten gerichtetes Dach dafür
nicht optimal ist. Reichlich vier Kilowatt hat er hier installiert,
hoffend, dass ihm viele folgen. Bisher allerdings wurde die Hoffnung
enttäuscht.
Vorerst arbeitet die Sonne nur für die Bank
Dabei wird im Ort viel gebaut. Allerdings verfällt auch
manches Gebäude. Zwei Häuser musste die Gemeinde zur
Gefahrenabwehr schon abreißen. Auch Hellmann hat ein abrissreifes
Haus geerbt. Bewohnbar sei es zwar nicht mehr, als »Ständer« für
eine Solaranlage aber bestens geeignet, sagt er. Neun Kilowatt
hat er hier installiert und sich als Stromerzeuger angemeldet.
Vorerst arbeitet die Anlage allerdings für die Bank. Mehr
als 4000 Euro Einspeisungsvergütung schlagen jährlich
zu Buche. Damit amortisiere sich die Nettoinvestition von rund
43 000 Euro in rund zwölf Jahren, rechnet Hellmann vor.
Dann habe er den Ertrag für sich. Bei einer voraussichtlichen
Haltbarkeit zwischen 30 und 50 Jahren und 20 Jahren Garantie
sei diese Investition eine geradezu ideale Altersvorsorge, an
der keine Versicherung verdient. Deshalb versteht er auch die
Häuslebauer nicht, die auf diese Einnahme verzichten. Die
bekämen ihr Dach praktisch geschenkt. Für das kommenden
Jahr deute sich aber eine Trendwende an.
Auch im Gemeinderat, in dem die Linkspartei.PDS inzwischen die
stärkste Fraktion stellt, sei man sich erst im Laufe der
Zeit bewusst geworden, dass die Einführung erneuerbarer
Energien zu einer Lebensnotwendigkeit wird, bekennt Hellmann.
Mit Fug und Recht könne man sagen, dass es ohne erneuerbare
Energie keinen Klimaschutz, ohne Klimaschutz keinen Naturschutz
und ohne Naturschutz keine Lebensgrundlage für die Menschen
gibt.
Neues Deutschland, 5.12.2005
www.nd-online.de