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Anbellen gegen die Gentech-Karawane?

PDS-Agrarpolitiker diskutierten Risiken und Nutzen gentechnisch veränderter Organismen (GVO)

Rosi Blaschke

Beim gegenwärtigen Wissensstand sollte die PDS die Einführung gentechnischer Produktionsverfahren in der Landwirtschaft ablehnen. So steht es im Entwurf eines Gemeinsamen Standpunktes der einschlägigen Arbeitsgemeinschaften des PDS-Parteivorstandes. Über diesen Entwurf beriet Ende der Woche die Arbeitsgemeinschaft »Agrarpolitik und Ländlicher Raum« der Partei.Es ging kontrovers bei dem Treffen zu, und es wird noch viel Beratung nötig sein, um einen endgültigen Standpunkt zu finden. Das Papier – von Prof. Götz Brandt von der Ökologischen Plattform der PDS zusammengestellt – ist schon eine wertvolle Faktensammlung zum Thema, die die Rolle der Konzerne darstellt und die Ängste der Bauern und Verbraucher berücksichtigt, lautete das Fazit. Doch die PDS sollte sich davor hüten, erklärte der Agrarpolitiker Wolfgang Jahn, die Gentechnik pauschal als ein Übel zu deklarieren, das man verhindern müsse. Allzu schnell könne die Partei in die Schublade Wissenschaftsfeindlichkeit gesteckt werden. Der Einsatz von wissenschaftlich-technischem Fortschritt ist notwendig, auch um die Ernährungsprobleme auf der Welt zu lösen, gab ebenso der Agrarwissenschaftler Prof. Helmut Schieck zu bedenken.
Das Aber folgte auf dem Fuße. Die Bauernschaft will keinen Anbau gentechnisch veränderter Organismen (GVO), wie er jetzt auf geheimen Versuchsfeldern mit Mais betrieben wird, betonte der PDS-Landtagsabgeordnete Hans-Jörg Krause. Die GVO-freien Agrarbetriebe und die Imker würden einseitig belastet und auf ihre bohrenden Fragen keine Antworten bekommen. Die Anwendungsforschung stehe im Vordergrund, die Risikoforschung dagegen hintan, kritisierte Krause. Auch Johannes Scheringer aus Mecklenburg-Vorpommern meinte, eine Ablehnung der Gentechnik aus Unkenntnis sei nicht statthaft, doch fehle es eben an Forschungsvorlauf. Die Vorteile der Gentechnik für Landwirtschaft und Verbraucher seien nicht erkenn- und abwägbar. Einig war sich die Runde darin, dass die Haftung für gentechnische Verunreinigung auf Nachbarfeldern ungeklärt ist. Nicht der Verursacher, sondern der Betroffene – ob Öko-Landwirt oder konventionell wirtschaftender Bauer – werde damit konfrontiert. Die Gentechnik werde inzwischen weltweit angewandt – auf 66 Millionen Hektar Ackerfläche bei 20-prozentiger Steigerung jährlich, konstatierte Dr. Hans Watzek. Das komme vorrangig den Konzernen von Monsanto bis Syngenta zugute. Die Karawane zieht zwar weiter, doch man muss sie anbellen, bestätigte Watzek eine oft geäußerte Ansicht. Deshalb sollte die PDS auf gesellschaftliche und gesetzliche Regelungen dringen und sich weniger auf fachliche Debatten einlassen. So sei vom Staat ein gezieltes Forschungsprogramm zu fordern, das sich vor allem auf mögliche ökologische, biologische und gesundheitliche Risiken der grünen Gentechnik sowie anbaubegleitendes Monitoring konzentriert. Die Freisetzung von GVO müsse, so Watzek, beim gegenwärtigen Kenntnisstand »in der Masse der Fälle« abgelehnt werden. Regelungen der EU und und der Bundesregierung in dieser Hinsicht seien Stückwerk.
Götz Brandt begründete die Ablehnung der Gentechnik damit. dass Bauer, Verbraucher und Natur keinen Nutzen davon haben. Die Natur könne sich nicht wehren, sie sei kein Kostenfaktor. »Gift gegen Schädlinge in einer Pflanze erfordert immer mehr Gift gegen resistente Unkräuter und Schadinsekten.« Ein Zurückholen genveränderter Kulturen gebe es nicht. Die Bildung GVO-freier Zonen, wie es sie in Sachsen-Anhalt und Brandenburg gibt, muss unterstützt werden. Für Brandt könne die PDS hier die bessere Grünen-Partei sein.

(Neues Deutschland, 07.06.2004)