Eigentor befürwortet
Stellungnahme der Ökologischen Plattform der PDS zur „Grünen
Gentechnik“
Die befürwortende Haltung der PDS-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt
zur „Grünen Gentechnik“ (ND berichtete) schlägt
weiterhin hohe Wellen. Im Folgenden gibt ND gekürzt eine
Stellungnahme von Prof. Götz Brandt und dem Koordinierungsrat
der Ökologischen Plattform bei der PDS wieder.
Es ist mit der Gentechnologie wie mit der Atomtechnologie. Menschlicher
Schöpfergeist schafft Technologien, die die Natur überlisten
sollen. Aber es ist wie mit Goethes Zauberlehrling: Wir werden
die Geister, die gerufen wurden, nicht mehr los. Deshalb hat
sich die PDS in ihren programmatischen Aussagen auch klar gegen
die Gentechnik ausgesprochen. Zitat: „Da mit einem Anbau
gentechnisch veränderter Organismen unkalkulierbare Gefahren
für die Biodiversität verbunden sind, ihre unkontrollierbare
Ausbreitung auf gentechnikfreie Flächen nicht verhindert
werden kann, gehören diese Organismen nicht auf die Felder
der EU“.
Petra Sitte und ihre anhaltischen FraktionskollegInnen sind der
Meinung, dass die Vorteile der Gentechnik höher einzuschätzen
seien als die Risiken. Und: Petra Sitte ist von einer „ursprünglichen
Gegnerin der Gentechnik“ zu einer „neuen Position
der Befürwortung gekommen“. Abgesehen davon, dass
damit im Europawahlkampf ein Eigentor geschossen wird, ist es
notwendig zu fragen, wieweit die Beliebigkeit in der PDS gehen
darf, insbesondere bei Spitzenfunktionären, die ja vielleicht
das EU-Wahlprogramm mit beschlossen haben.
Petra Sitte und ihre KollegInnen irren in einem grundlegenden
Problem bei der Einführung gentechnisch veränderter
Kulturpflanzen: eine gefahrlose Koexistenz von gentechnikfreier
und gentechnischer Produktion ist nicht möglich. Genmanipulierte
Pflanzen breiten sich unkontrollierbar aus. In den USA hat man
versucht, die Gen-Mais-Sorte „Starlink“ zurückzuholen,
weil sie Allergien auslöste. Es wurden 1 Milliarde Dollar
aufgewendet, um bei einem regionalen Anbau nur für ein Jahr
den Mais zurückzuholen. Es ist nicht gelungen. Im benachbarten
Mexiko tauchten die freigesetzten Gene in Landmaissorten auf.
Gentechnisch veränderte Pflanzen sind, einmal freigesetzt,
nicht mehr rückholbar. Auch das neue Gentechnikgesetz ist
in dem Glauben entworfen worden, gentechnisch veränderte
Pflanzen seien rückholbar. Damit der Glaube an die Koexistenz
nicht erschüttert wird, ist im Entwurf des Gesetzes festgelegt,
dass das produktbegleitende Monitoring sich nicht mit der Koexistenz
befasst. Außerdem: Die nahezu ausschließliche Reflexion
der Problematik Koexistenz lenkt von der eigentlichen Gefahr
für die Biodiversität auf den für Gentech-Pflanzen
freigegebenen Flächen ab und versucht zu suggerieren, dass
es nur am Verbraucher liegt, die weitere ständige Ausdehnung
dieser Flächen zu verhindern. Wer letzteres glaubt, hat
den Mechanismus der globalen kapitalistischen Wirtschaft nicht
begriffen.
Richtig ist, dass Chancen und Risiken der Gentechnologie wissenschaftlich
untersucht werden müssen. Aber fast alle Untersuchungen
werden von den Gentech-Multis bezahlt. Nur positive Ergebnisse
werden veröffentlicht. Selbst vom Staat finanzierte Wissenschaftler
werden behindert, wenn sie negative Ergebnisse vorweisen. Ein
Beispiel: Gentechnisch veränderte Kartoffeln wurden von
einem britischen Wissenschaftler an Ratten verfüttert und
er stellte Magen- und Darmentzündungen fest. Den Kartoffeln
war ein Schneeglöckchen-Gen übertragen worden, das
das Insektengift Lektin produziert. Die Krankheiten entstanden
nur, wenn die Genkartoffeln verfüttert wurden, aber unerwarteter
Weise nicht bei der Kontrollgruppe, die das Gift Lektin ohne
Kartoffeln im Futter hatten. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse
wurde der Wissenschaftler gefeuert. Wer die Risiken der Gentechnologie
- die nicht vorhersehbare Einnistung der Fremdgene, die unkontrollierte
Auskreuzung, die Risiken für die Fauna, Flora und den Menschen
bei Einsatz insektizid-, herbizid- und fungizidresistenten Genpflanzen
und die Auswirkungen auf das Bodenleben usw. - in „einem
erheblichen Bildungsteil absolviert“ hat, wie Petra Sitte
von sich sagt, dem muss klar geworden sein, dass Gentechnologie
nur grundsätzlich abgelehnt werden kann. Selbstverständlich
ist das allein mit Technologieverboten nicht getan. Da hat Petra
Sitte völlig recht. Aber wenn sie auch die anderen Wege,
derer es dazu bedarf, kennt, hoffen wir auf gute Zusammenarbeit.
Von der Gentechnikindustrie wird immer behauptet, sie würde
den Hunger und die Unterernährung in der Welt mit Gentechnik überwinden.
Das ist eine reine Werbelüge. Gentechnik gibt es nun schon
seit zwei Jahrzehnten und die Zahl der Hungertoten hat nicht
abgenommen. Bisher wurde noch keine gentechnisch veränderte
Kultursorte entwickelt, die eine höhere Ertragsfähigkeit
bringt. Das hat bisher nur die herkömmliche Pflanzenzucht
fertig gebracht. Bisher haben Gentech-Pflanzen nur der Saatgut-
und Chemieindustrie mehr Gewinn gebracht und allenfalls haben
die Farmer einen Vorteil. Der Verbraucher hat keinen Nutzen,
allenfalls einen Schaden, wie beispielsweise das Erkranken an
Allergien. Nunmehr sollen vermehrt Inhaltsstoffe und Aromen in
Gen-Pflanzen hineingebracht werden, damit der Verbraucher einen
Vorteil erkennt. Von Ertragserhöhung ist keine Rede. Was
armen Bauern in den Entwicklungsländern helfen würde,
wäre die Rückbesinnung und Weiterentwicklung der vorhandenen
Sorten, die für Grenzstandorte geeignet sind: Dürre-,
Kälte- und Salzbodenresistenz usw. Aber auf diesen Böden
wirtschaften nur arme Bauern, die von den Großfarmern,
Latifundistas und Lebensmittelkonzernen von den guten Böden
vertrieben wurden und mit denen man kein Geschäft machen
kann. Deshalb werden auch keine Sorten entwickelt, die den Hunger
eindämmen könnten, sondern nur Sorten, die durch gekoppelten
Saatgut- und Chemikalienverkauf Gewinn bringen.
Die Zustimmung der Magdeburger GenossInnen zur Genforschung und
zum Genanbau öffnet die Tore für die großen Konzerne,
die mit der Gentechnik unsere Lebensgrundlagen zerstören.
Da darf die PDS nicht mitmachen. Wir müssen für die
Schaffung gentechnikfreier Gebiete eintreten als einzig mögliche
Form der Koexistenz. Die Landtagsfraktion sollte die Schaffung
einer „Gentechnikfreien Magdeburger Börde“ vorschlagen.
Neues Deutschland, 22.03.2004