Risiken der Grünen Gentechnik – Seehofers
politisches Abenteuer
Bundestagsrede vom 11. Mai 2006
Kirsten Tackmann
Müssen wir die Risiken des Anbaus von Genmais eingehen, um dem
Maiszünsler den Garaus zu machen? Die Skepsis dagegen ist berechtigt,
denn die Grüne Gentechnik ist eine Risikotechnologie; durch sie
eingetretene Schäden sind nicht oder kaum zu beheben. Ich halte
Minister Seehofers politisches Abenteuer Freilandversuche mit 88 Millionen
Menschen und mit einer unwiederbringlichen Natur, um die Risiken der
Gentechnik bewerten zu können angesichts vorliegender bedenklicher
Daten für unverantwortlich.“ Rede zum Antrag „Bei gentechnisch
veränderten Pflanzen nationales Recht auf Einfuhrverbote und Schutzmaßnahmen
nutzen“, Bt.-DS: 16/1176.
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe
Gäste! Wer würde den Maiszünsler kennen, wenn es nicht
die intensive Diskussion über die Grüne Gentechnik und ihr
Für und Wider gäbe? Das zeigt uns, dass manche politische Debatte
durchaus Bildungswert hat. Zur Erinnerung: Der Maiszünsler ist ein
Schädling, der in allen Maisanbaugebieten heimisch ist. Deswegen
ist die Frage: Ergreifen wir Gegenmaßnahmen? Wenn ja, welche?
Wie einige wissen, komme ich aus der schönen Prignitz im Nordwesten
Brandenburgs. Die dortige SPD-CDU-Landesregierung hat meiner Kollegin
Carolin Steinmetzer im November 2005 auf eine Kleine Anfrage geantwortet,
dass es insbesondere in den östlichen Landesteilen Befallsschwerpunkte
mit Befallshäufigkeiten von zum Teil mehr als 50 Prozent gäbe.
Die Landesregierung kommt dann zum Schluss, dass ein genereller Einsatz
von Bt-Mais - also Gen-Mais - auf allen Befallsstandorten als
nicht erforderlich angesehen wird. Man könne nämlich ... mit
den zur Verfügung stehenden ackerbaulichen Maßnahmen ... das
Auftreten dieses Schaderregers unter der wirtschaftlichen Schadensschwelle
... halten.
(Beifall der Abg. Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN))
Es besteht also berechtigterweise die Frage: Müssen wir überhaupt
die Risiken des Anbaus von Genmais eingehen, um dem Maiszünsler
den Garaus zu machen? Eine ganze Reihe Brandenburger Landwirte hat unterdessen,
vielleicht gerade weil diese Frage im Raum steht, ihre Anbauanmeldungen
für dieses Jahr zurückgezogen. Die Skepsis ist berechtigt,
denn die Grüne Gentechnik ist eine Risikotechnologie; durch sie
eingetretene Schäden sind nicht oder kaum zu beheben.
(Beifall bei der LINKEN)
Diskussionen auf der Ebene der Totschlagargumente
Technologiefeindlichkeit versus blinder Fortschrittsglaube bringen
uns aber nicht weiter. Neben ethischen Aspekten und der Abhängigkeit
von den Saatgutmultis gehört vor allem die Bewertung der Risiken -
auch in Abwägung möglicher Nutzen - in das Zentrum dieser
Debatte. Die anfängliche Euphorie bei der Agro-Gentechnik wird
ohnehin zunehmend von nüchterner Skepsis abgelöst. So konnte
zum Beispiel in den neuesten Genmaisstudien im Oderbruch wie auch schon
in den USA kein positiver Ertragseffekt nachgewiesen werden. Prinzipiell
ist unsere Gesellschaft bereit, Risiken im Kontext des Lebensalltags
einzugehen. Trotz der Verkehrstoten wird niemand ernsthaft den Straßenverkehr
infrage stellen. Wenn zum potenziellen Risiko aber auch noch ein sehr
fraglicher Nutzen kommt, dann ist das einfach zuviel. Die Menschen
haben deswegen die völlig berechtigte Erwartung an die politischen
Entscheidungsträger, dass die ökologischen und die gesundheitlichen
Risiken des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen mit Abschluss
eines Zulassungsverfahrens objektiv geklärt sein müssen.
Es macht mich daher sehr nachdenklich, dass sich die EU-Kommission
jetzt zu tief greifenden Änderungen des Zulassungsverfahrens veranlasst
sieht. Dabei sind die von den EU-Kommissaren für Verbraucherschutz,
Markos Kyprianou, und für Umwelt, Stavros Dima, vorgeschlagenen
Korrekturen alles anderes als nur Schönheitsreparaturen. Er geht
unter anderem um den Umgang mit divergierenden wissenschaftlichen Gutachten,
die Ablehnung wissenschaftlich fundierter Einwände und die Klärung
spezifischer Protokolle zum Sicherheitsnachweis. Dieser Vorgang stellt
aus unserer Sicht alle bisher erfolgten Zulassungen ganz grundsätzlich
infrage - übrigens auch über die von den Grünen
in ihrem Antrag vorgebrachten Argumente hinaus.
Vizepräsidentin
Petra Pau: Frau Kollegin Tackmann, lassen Sie eine Zwischenfrage der
Kollegin Höfken zu?
Dr. Kirsten Tackmann (DIE LINKE): Ja.
Ulrike
Höfken (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich habe mich aus wirklich
sachlichem Grund gemeldet. Fast alle Ihre Ausführungen kann ich
wirklich begrüßen. Ich war gestern in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern
und frage mich, ob Sie als Beteiligte in der SPD/PDS-Landesregierung
bereit sind, diese Auffassung auch durchzusetzen; denn ich muss wirklich
sagen: Die Versuche, die dort von der Uni Rostock gemacht werden, gehen
an die Grenzen dessen, was man mit der Freiheit der Forschung im Hinblick
auf die Rechte der Menschen im Umfeld dieser Forschungseinrichtungen -
Recht auf Eigentum, Recht auf freie Berufsausübung und Ähnliches -
wirklich noch verantworten kann. Dort wird nämlich gentechnisch
veränderter Raps getestet und es werden zudem noch sehr umstrittene
Versuche mit einer Medikamentenkartoffel zum Zwecke der Impfstoffherstellung
mithilfe von Choleragenen durchgeführt. Meine Frage an Sie lautet:
Sind Sie bereit, dafür zu sorgen, dass in diesem Land eine andere
Haltung zur Agro-Gentechnik eingenommen wird?
Dr. Kirsten Tackmann (DIE
LINKE): Vielen Dank, Frau Höfken. - Sie kennen sicherlich
die Meinung von Professor Methling zu diesen Fragen, der hier ganz
dezidiert anderer Meinung ist als beispielsweise der Landwirtschaftsminister
Till Backhaus. Sie kennen auch die Zwänge, in die man in Koalitionen
teilweise gerät. Sie können sich sicher sein, dass wir
ganz bestimmt versuchen, Einfluss darauf zu nehmen, dass auch in
Mecklenburg-Vorpommern
Vernunft in diesen Dingen einkehrt.
(Beifall bei der LINKEN - Leo Dautzenberg (CDU/CSU): Forschungsfreies
Land oder wie?)
Im Übrigen ist natürlich klar, dass Daten, auf
deren Grundlage die Risikobewertung erfolgt, öffentlich zugänglich
sein müssen. Das ist selbstverständlich. Auch die Tatsache,
dass in neun Fällen EU-Mitgliedstaaten nationale Schutzmaßnahmen
nach § 23 der EU-Freisetzungsrichtlinie erlassen haben, zeigt
die Brisanz der Zulassungssituation. Die Risiken sind also nicht wegzudiskutieren.
Deshalb greifen Landwirte inzwischen zur Selbsthilfe und schaffen gentechnikfreie
Zonen. Auch der Wahlkreis von Minister Seehofer gehört dazu, wie
die Zeitungen schreiben. Unbeirrt davon hält Herr Seehofer aber
an seiner abenteuerlichen Haltung fest, man müsse gentechnisch veränderte
Pflanzen anbauen, damit das Risiko bewertet werden kann. Ich halte ein
solches politisches Abenteuer - Freilandversuche mit 88 Millionen
Menschen und mit einer unwiederbringlichen Natur - angesichts der
vorliegenden bedenklichen Daten für unverantwortlich.
Vielen Dank.
(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg. Ulrike Höfken (BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN))