Zwischen
Prognosen und Pragmatismus
Werkstatt der Ökologischen Plattform
der PDS wollte über die Macht des Einzelnen nachdenken
Kathrin Schanze
»Inwieweit sind unsere Utopien vom Sozialismus übergegangen
auf unsere Vorstellungen von einer nachhaltigen Gesellschaft?« Babette
Scurrells Frage traf einen Dreh- und Angelpunkt der jüngsten Werkstatt
der Ökologischen Plattform der PDS. Ein halbes Hundert Menschen hatte
sich dazu Mitte Januar im Berliner Haus der Rosa-Luxemburg-Stiftung eingefunden.Die
Beantwortung ihrer Frage überließ die Dessauer Bauhaus-Soziologin
Scurrell letztlich ihrem Publikum. Wobei sie jedoch klarstellte: »Es
geht keinesfalls um ein Zurück, sondern es geht um die Frage: Wie
weiter?« Dass die westliche Zivilisation alles andere als ein Maßstab
für Zukunftsfähigkeit ist, hatte zuvor Otto Ullrich eindringlich
dargelegt. Auf ein Zehntel ihres jetzigen Verbrauchs und Schadstoffausstoßes,
zitierte der Publizist einschlägige Studien, müssten die Industrieländer »abrüsten«,
damit auch die kommenden Generationen ein Leben ohne ökologische Katastrophen
führen könnten. Und damit die Menschen in jenen Ländern
eine Chance auf Menschenwürde haben, auf deren Kosten wir unseren
Reichtum genießen. Genießen? »Zwischen suchtfreiem Genuss
und materieller Genügsamkeit gibt es einen großen Zusammenhang«,
so Ullrich. Seine Forderung nach einem Paradigmenwechsel statt weiterer
Effizienzsteigerung als Ausweg aus der globalen Krise blieb jedoch nicht
unwidersprochen.
Jede Menge Patente gebe es, wurde ihm entgegengehalten, die eine
immense Reduzierung des Ressourcenverbrauchs versprächen. Sie würden
zurückgehalten. Wo zu wenig verbraucht werde, fließe zu wenig
Geld. »Das System ist nicht reparierbar«, befand denn auch
Achim Ecker aus dem Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung
in Belzig, einer Gemeinschaft von rund 85 Menschen. »Es braucht Orte,
wo andere Systeme gelebt werden.« Seine These: Neben einer globalen
Partnerschaft müssten Räume relativer regionaler Autarkie entstehen.
Kleine, weitgehend nachvollziehbare Kreisläufe für Energie, Wasser,
Abfälle. Ein Klima von Gemeinschaft und Vertrauen in überschaubaren
Räumen anstelle einer »Kultur« des Misstrauens, der Vereinzelung,
des täglichen Kämpfens.
»
Und wenn ich aber nicht in eine Kommune ziehen will?« – so
die etwas trotzige Frage einer engagierten älteren Dame. Der Konferenzssaal
aus vielen eher älteren PDS-MitstreiterInnen, eher jüngeren SympatisantInnen
und Suchenden war sich einigermaßen einig: Es lohnt sehr wohl, die
Macht des Einzelnen in die Waagschale zu werfen – die Macht des Konsumenten.
Denn längst folgt nicht die Produktion dem Bedarf. Die produzierende
Wirtschaft muss ständig neue Bedürfnisse künstlich herstellen,
um ihre, so Ullrich, »Material- und Energielawine« über
uns auszuschütten. »Wir müssen diesen Produktionszwang überwinden
und eine Rückkehr zum Leben wagen!« Rückkehr zum Leben
heiße dabei nicht nur für ihn, dass die Institution der Lohnarbeit
einen weit geringeren Stellenwert bekommt, ja, dass man sich vom Mythos
der Vollbeschäftigung verabschieden müsse.
Eine solche These freilich war kaum hinnehmbar für so manchen Werkstattteilnehmer,
denn wie anders als mit Vollbeschäftigung wolle man denn Wähler überzeugen. »Ich
halte gerade eine Vielfalt von Arbeits- und Wirtschaftsformen für
zukunftsfähig«, plädierte Babette Scurrell in ihrem Beitrag
zur Verknüpfung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit. Der Umbau der
Arbeitsteilung in der Gesellschaft ist für sie jedoch keine Einführungs-,
sondern eine experimentelle Frage. »Die Resultate dessen wird man
nicht verallgemeinernd politisch einführen können. Politische
Maßnahmen sollten vielmehr auf Differenzierung hinauslaufen.« Gerade
die undifferenzierte Gesetzgebung, die beispielsweise dem kleinen Tischler
eben solche Standards vorschreibt wie einem ungleich größeren
Betrieb der gleichen Branche, mache die kleinen und mittleren Unternehmen
in Deutschland kaputt.
Beispiele neuer, aber auch traditionell nachhaltiger Lebensweisen
stellte schließlich neben Babette Scurrell in Kurzfassung noch der Publizist
Ulrich Grober vor. Von Tauschringen war da die Rede, von den Hermannsdorfer
Landwerkstätten der Schweißfurt-Stiftung in Bayern, von Brodowin
in Brandenburg, vom LebensGut Pommritz bei Bautzen, der Kommune Niederkaufungen
nahe Kassel und anderen mehr. Das Wissen über gelebte Alternativen
ist sehr gering, pflichtete Grober seiner Vorrednerin bei. Die übrigens
hatte die pikante Idee, statt der täglichen Börsenminuten in
der Tagesschau möge doch jeden Tag ein anderes Projekt nachhaltiger
Lebensweise vorgestellt werden.
Möglicherweise hätte es ja noch weit mehr pikante Ideen in dieser
Werkstatt gegeben, wenn es denn eine gewesen wäre. Die Struktur dieses
Tages, die Flut von Fakten und Thesen ließ den TeilnehmerInnen jedoch
wenig Raum, ihre eigenen Sichten zu einzelnen Themen wirklich konzentriert
zusammenzutragen. Die Werkstatt war eine Vortragsveranstaltung. Dafür
war sie gut. Im Herbst dieses Jahres will die Ökologische Plattform
wieder einladen, dann zu speziell zu Fragen von Ökonomie und Ökologie.
Und hoffentlich zu einer Werkstatt.
(Neues Deutschland, 21.01.2002)