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Zur “Finanzkrise”
Birgt sie keine Chance auf eine bessere Zukunft?
Friedrich W. Sixel
Zur Beantwortung dieser Frage hat der Durchschnittsbürger kaum
eine andere Möglichkeit als die, davon auszugehen, was über
Entstehung und Konsequenzen dieser Krise in den Medien verkündet
wird. Vielleicht gelingt es ihm ja, sich daraus einen Reim zu machen.
Demnach ist die Finanzkrise dadurch entstanden, dass Kredite vergeben
worden sind, deren Finanzierung den Kreditnehmern unmöglich
war oder wurde. Anrechte auf die Zahlung bzw. die Zinsbedienung dieser
Schulden sind auf dem Finanzmarkt weltweit gehandelt worden ( „Derivate“ ).
Auf diese Weise wurden von großen Banken ungeheure Zahlungserwartungen
akkumuliert. Als die primären Kreditnehmer aus Gründen,
die uns gleich kurz beschäftigen werden, ihre Zahlungsunfähigkeit
erklären mussten, erwies sich das erwartete, aber nur papieren
akkumulierte Kapital der Kreditgeber als bloßer Schein. Banken
wurden zudem „mangels Masse“ unfähig, weitere Kredite
zu gewähren, oder die Kredite zu bedienen, die sie selbst aufgenommen
hatten, um am Finanzmarkt agieren zu können. Als Folge wurden
Kredite selbst da nicht mehr gewährt, wo einerseits Gelder vorhanden
waren und andererseits der potentielle Kreditnehmer Bonität
zu haben schien. Der Kreditfluss, ohne den, so wird uns gesagt, die
herrschende Wirtschaftsform nicht funktionieren kann, versiegte bedrohlich.
Etliche der riesigen Kreditbanken, die durch das gegenseitige Kaufen
und Verkaufen von Krediten aller möglichen Art miteinander verbunden
waren, gingen pleite oder mussten durch staatliche Finanzhilfe vor
dem Zusammenbruch gerettet werden. Da aber auch Kredite an die „reale Ökonomie“,
also an Produzenten materiell konkreter Güter knapp wurden,
geriet auch dieser Wirtschaftsbereich in Schwierigkeiten. Das Herunterfahren
der Produktion wurde schon aus diesem Grunde unausweichlich.
Die Unfähigkeit, aufgenommene Kredite zu bedienen, hatte zuerst
auf der Konsumentenseite, und zwar auf dem US-Immobilienmarkt, eingesetzt.
Hypotheken, zunächst „sub-prime“ aufgenommen, verteuerten
sich, nicht zuletzt nach deren Weiterverkauf seitens primärer
Kreditgeber an die nächsten. Mit spätestens von da an nicht
mehr bezahlbaren Hypotheken belastet, mussten die betroffenen Familienhäuser
aufgegeben werden („foreclosures“) und wurden seitens
der Banken auf den Markt gebracht. Da Käufer für Immobilien
aber kaum zu finden waren, verfiel deren Marktwert rapide. Das einsetzende
Absacken des Finanzvolumens der daran beteiligten – und weltweit
verbundenen – Banken leitete die internationale Finanzkrise
ein und verbreitete sich in der eben skizzierten Weise auf alle Wirtschaftsbereiche.
Die Verschuldung der primären Kreditnehmer war (und ist) keineswegs
auf den Immobilienmarkt beschränkt. An dieser Stelle sei nur
darauf hingewiesen, dass US-amerikanische Haushalte auf ihren Kreditkarten
durchschnittlich 8-9000 Dollar Schulden haben. Diese Schulden werden
oft dadurch „beglichen“, dass man mit der einen Kreditkarte
die Schulden der anderen bezahlt. Trotz der exorbitanten Zinsen im
Kreditkartenwesen, hat das zu Schwierigkeiten bei entsprechenden
Finanzinstituten geführt. American Express z. B. soll der Bankrott
drohen.
Der aus diesen und anderen Gründen notgedrungener Weise einsetzende
Rückgang im Kaufgebaren der Konsumenten bedrohte schnell den
Absatz von Industrieprodukten. Die Autoindustrie z. B. ist bei weitem
nicht nur in Nordamerika gefährdet und bedarf wie etliche Banken
der staatlichen Finanzhilfe. Auch die Hersteller anderer, vor allem
langfristiger Produkte wie etwa Kühlschränke und Spülmaschinen
beginnen „auf Halde“ zu produzieren. Einsetzende oder
nur drohende Entlassungen von Arbeitnehmern, also von Konsumenten,
dienen selbstverständlich nicht der sogenannten „Konjunktur“,
ganz zu schweigen von deren „Wachstum“. Ohne Wachstum
aber kommt die herrschende Wirtschaftsform nicht aus. Ohne Wachstum
kein Kapitalismus, schon gar kein Finanzkapitalismus!
Hier soll der Staat nun retten, was zu retten ist. Ein Bündel
von Hilfsmaßnahmen wird von der Wirtschaft gefordert, vom Staat
angeboten und zwischen beiden mit großer Umsicht, wie es heißt,
verhandelt. Den Medien ist zu entnehmen, dass es bei diesen Verhandlungen
vor allem darum geht, wie viel der Staat bedrohten Banken („Finanzwirtschaft“)
und absatzgefährdeten Produzenten („Real-Ökonomie“)
zuschießen soll und was diese Unterstützungsempfänger
dafür zu leisten haben. Dem Steuerzahler, der doch letzten Endes
all diese Hilfsmaßnahmen finanzieren muss, wird Klarheit hierzu
aus den Medien kaum zuteil. Die Höhe der Geldsummen, die in
diesem Zusammenhang genannt werden und zur Behebung der angerichteten
Finanzschäden erforderlich sein sollen, scheinen zwar zwischen
den einzelnen Staaten und auch von Zeit zu Zeit zu schwanken, liegen
aber durchgängig in der schwindelerregenden Höhe von Hunderten
von Milliarden Euro, Dollar oder Pound. Gelegentlich sickert dann
die Nachricht durch, dass diese riesigen Summen von den Regierungen
nur bereitgestellt werden können, wenn sie Geld drucken lassen.
Es ist aber auch die Möglichkeit nicht auszuschließen,
wenngleich nicht medienkundig, dass Besitzer riesiger Vermögen
dem Staat zu Hilfe kommen; wenn ja, dann kaum aus „philantropischen“ Gründen.
Bezüglich der Gegenleistungen seitens der Wirtschaft ist in
den Medien vage die Rede von diesem und jenem, z. B. vom „Ende
der Deregulierung“ der Finanzwirtschaft, was wohl die Einführung
eingrenzender Gesetze bedeuten soll. Auch soll „mehr Transparenz“ auf
den Finanzmärkten geschaffen werden, offenbar in der hoffnungsfrohen
Annahme, dass dann allgemein bekannt wird, wer denn eigentlich wem,
wie viel und für was schuldet. Gelegentlich wird dann auch von
der einen oder anderen öffentlichen Figur vor Kamera und Mikrofon
erwogen, ob die Finanzhilfe nicht als Staatsbeteiligung an den Finanz-
und Produktionsunternehmen gewährt werden soll. Geschähe
dies, wäre damit außer der oft geforderten gesetzlichen
Kontrolle all dieser Firmen auch deren wirtschaftliche Kontrolle
hergestellt. Nebenher klingt auch an, dass dann auch Umweltschutz
politisch besser durchgesetzt werden könne. Daran ist gewiss
Vieles plausibel, zumal man nicht vergessen sollte, dass sowohl die
Banken wie auch die Unternehmer der „Real-Ökonomie“ an
ihren Schwierigkeiten selbst schuld sind; die Banken wegen dubioser
Kredite und die „Real“-Unternehmer wegen ihrer falschen
Einschätzung des Marktes (Paradebeispiel: GM) und/oder ihrer
Beteiligung an den Spielen der Investitionsbanken. Z. B. kann über
die Siemens AG ironisch gesagt werden, dass sie eine Bank wäre,
die nebenher auch noch ein Interesse an Elektronik habe. Selten ist
jedoch davon zu lesen, zu hören oder zu sehen, dass, und wenn
ja wie, diese unternehmerischen Fehler abgebüßt werden
sollen.
Nun mögen all diese Machenschaften der Bosse nicht justiziabel
sein, - Profit ist ja das höchste Gut, zumal nach der „De-Regulierung“ – ,
erstaunlich aber ist dennoch, dass darüber Volkszorn, inklusive
dem der Volksvertreter, kaum laut wird, wenn er überhaupt zu
vernehmen ist. Besonders der Gedanke einer einzuführenden staatlichen
Kontrolle großer Unternehmen der Finanz- und „Real“-Ökononie
scheint sich keiner allzu großen Beachtung und medialer Öffentlichkeit
zu erfreuen. Dieser Gedanke widerspricht wohl noch mehr dem inzwischen
eingetrichterten Neoliberalismus als die traditionelle Idee vom Auseinanderhalten
von Politik und Wirtschaft. Wie soll man auch zwischen „Freiheit
soviel wie möglich“ und „Freiheit soviel wie nötig“ abwägen
? Offensichtlich ist indes an der veröffentlichten Diskussion
zur Finanzkrise, dass sie Mangel leidet an dem Gut, was sie selbst
einklagen will: Transparenz. Es darf befürchtet werden, dass
dies Absicht ist. Aber wir sollten in diesem Zusammenhang auch nicht
unbeachtet lassen, dass dieser Mangel hingenommen wird. Liegt das
am Desinteresse ? Wohl kaum, denn die aufkommenden schweren Zeiten
treffen ja den Normalbürger am stärksten; und er weiß es.
Es scheint sich wohl eher um eine Resignation derer zu handeln, die
sich daran gewöhnt haben, keinen Durchblick mehr zu haben und
sich deswegen den „Verhältnissen“ anpassen müssen.
Hat der „mündige Bürger“, also der, der Durchblick
verlangt und den die Demokratie voraussetzt, nicht schon seit geraumer
Zeit seine Mündigkeit der Anpassungsrationalität, von der
Niklas Luhmann soviel verstand, geopfert ?
Politik und Medien, darin sind sich Fachwelt und öffentliche
Meinung einig, gehören nur zum Umfeld der Wirtschaft, nicht
zu ihr selbst. Wenn wir das für den Augenblick einmal akzeptieren,
dann können wir aber in unseren jetzigen Überlegungen immer
noch davon ausgehen, dass die Wirtschaft nicht allein aus Kapital
und Produktion besteht, sondern auch und in nicht geringerem Maße
aus Konsum. Er wird ja auch dementsprechend unter die Lupe der Auswegsuchenden
genommen. In dieser Hinsicht ist der fragende Blick offensichtlich
darauf gerichtet, wie die schrumpfende Konsumfähigkeit wieder
angekurbelt werden kann, um das jetzige Wirtschaftsvolumen wenigstens
zu erhalten, und zwar mit dem Ziel, - so viel ist unausgesprochen
klar -, es später wieder zu vergrößern. Deswegen
erscheint es der Öffentlichkeit plausibel, dass nicht nur von
offiziellen Vertretern der Arbeitnehmerseite „Konjunkturspritzen“ gefordert
werden. So ist denn auch die Rede davon, die Staatsausgaben zu erhöhen
und die Steuern zu senken, um die Rezession aufzufangen.
An dieser Stelle sei unterstrichen, dass man es allerseits als fraglos
hinzunehmen scheint, dass unter der drohenden „Rezession“ das
nicht hinreichende „Wachstum“ verstanden wird. Offenbar
gilt Wachstum, und nach Möglichkeit ein rasantes, als Selbstverständlichkeit
und wird kaum einmal hinterfragt. Auch wird höchst selten die
Frage gestellt, für wen eigentlich das derzeitige Wachstum der
Wirtschaft nicht hinreichend ist. Wenn man sich aber diese Frage
stellt, dann kommt man sehr schnell auf die Zusatzfrage, ob denn
die traditionelle Antwort auf die erste Frage, nämlich: es ist
das Kapital, das Wachstum braucht, noch so ohne weiteres und so einseitig
stimmt. Kann es nicht sein, dass sich heute alle darin einig sind,
immer mehr zu wollen, und zwar vom Kapitaleigner bis hin zum arbeitnehmenden
Konsumenten ? Es kann ja kein Zweifel sein, dass die einstige Arbeiterklasse
sich in der westlichen Welt seit Jahrzehnten ins kapitalistische
System integriert fühlt. „Wenn die Rechung des Chefs stimmt,
stimmt meine auch“, so wurde weithin geglaubt und entsprechend
Geld ausgegeben.
Außerdem fällt auf, dass beim Reden über Kapital-
und Konjunkturspritzen der sonst oft angemahnte Umstand an den Rand
geschoben wird, dass unsere Wirtschaft, also nicht zuletzt unsere
Produktion und Konsumtion, die Natur unbehausbar zu machen droht.
Muss in diesem Zusammenhang nicht mit Verblüffung notiert werden,
wie sehr die Öl- und Benzinpreise seit Einsetzen der Finanzkrise
gefallen sind ? Dies, so darf befürchtet werden, geschieht wohl
auch nicht ohne Absicht. Soll da etwa nicht der Autoindustrie, so
wie sie ist, geholfen werden, obwohl ihre Produkte bislang zu den
Umweltverschmutzern gehörten ? Erst, so scheint man zu glauben,
muss das gewohnte Wirtschaften wieder in Gang kommen, bevor man sich
Umweltschutz wieder leisten kann, obwohl fraglos ist, dass gerade
dasjenige Wirtschaften, das wir uns seit geraumer Zeit angewöhnt
haben, der Verursacher unserer Umweltprobleme ist. Es ist diese an
Schizophrenie grenzende Trennung von Wirtschaft und Ökologie,
die es erlaubt, in der Krise des jetzt herrschenden Kapitalismus
keine Chance für eine Art von Wandel zu sehen, und zwar eines
solchen, der die Tür zu einer auf Dauer bewohnbaren Zukunft
aufstoßen kann. Entsprechend ist von kaum jemandem zu hören,
dass gerade jetzt die „Systemfrage“ gestellt werden muss
und gestellt werden kann, und zwar weil das Krisen geschüttelte
System offensichtlich für einen grundlegenden Wandel reif ist.
Wie aber kommt es, dass die hier in so besonderem Maße zuständige
Linke so wenig zu hören ist ? Zum Verstehen des herrschenden
Globalkapitalismus lohnt es sich, dieser Frage kurz nachzugehen.
Meiner Beobachtung nach hat das nicht hinreichende politische Eingreifen
der Linken zwei Gründe:
1.- Es gibt zwar Stimmen bei der Linken, die die „Systemfrage“ stellen
und sie mit den scheinbar so weit auseinanderliegenden Krisen der
Finanzen und der Umwelt zu verknüpfen suchen, sie sind aber
wegen der nun schon üblich gewordenen Ausblendung und Marginalisierung
linken Gedankengutes kaum öffentlich vernehmbar. Dies ist Konsequenz
der herrschenden Medienpolitik, also Teil des globalen Kapitalismus.
Diese Behinderung kann nur überwunden werden, indem die Linke
die Medien unterläuft. Hier bietet sich zunächst der Weg über
das Internet an. Seine intensive Nutzung könnte zu einer weit
stärkeren Vernetzung und engerem politischen Zusammenschluss
der erreichbaren Gruppen und Individuen führen als dies derzeit
der Fall ist. Hier sei angefügt, dass Barack Obama in dieser
Hinsicht ein beeindruckendes Beispiel gesetzt hat, was immer seine
politischen Zielsetzungen sein mögen.
2.- Die Linke muss sich aber auch fragen, ob ihr Begreifen der jetzigen
Krise gedanklich schlüssig und auf der Höhe der Zeit ist.
Kann die Linke z. B. plausibel machen, dass es für den, der
eine gangbare Zukunft will, eben nicht gangbar ist, erst die Finanzkrise
mit systemimmanenten Mitteln zu überwinden, um sich danach wieder
dem Umweltschutz zuzuwenden ? Oder anders, und auch allgemeiner gefragt:
Wo gibt es denn eine Kritik der Politischen Ökonomie des Globalkapitalismus,
die nicht nur mit Marx weiß, dass alle sozialen Beziehungen ökonomische
Beziehungen sind, sondern die sich auch Klarheit darüber geschaffen
hat, dass alle Beziehungen, - in dem Sinne global -, materiell konkrete
Beziehungen sind, und deswegen den gesamten Naturhaushalt einbeziehen
? Dies aber ist genau das, was der Globalkapitalismus uns vorlebt
und uns gleichzeitig verschleiert. Wie sonst könnte seine Politik,
seine Medienpolitik zumal, und seine Denkweise unbegrenzter Flexibilität
so durchgreifende materielle Folgen haben ? Diese unheimlichen Folgen
beschränken sich ja offensichtlich nicht aufs bloße Geld,
sondern greifen tief in die Natur hinein, nicht nur in die Natur
um den Menschen herum, sondern auch in die, die er selbst ist.
Mit anderen Worten: wir hätten längst über die Dialektik
von Arbeit und Kapital hinaus die von Natur und Mensch stärker
durchdenken müssen. Für Karl Marx war jedenfalls deutlich,
dass der Dialektik von Arbeit und Kapital die Dialektik von Natur
und Mensch, - letzterer oft von ihm als „Andere Natur“ erfasst
-, zugrunde liegt. Er hat diese grundlegende Dialektik nicht weiter
ausgeführt, weil sie sich in der Praxis seiner Zeit primär
in der Dialektik von Arbeit und Kapital manifestierte. Diese Beschränkung
ist aber heute von der Praxis längst abgestreift worden. Das
hat Marx kommen sehen, z. B. wenn er vom Wissen sagt, dass es schon
zu seinen Lebzeiten dabei war, sich von einem Produktionsmittel zu
einer Produktionskraft zu wandeln. Er sah, dass dieser Schritt die
Produktivität enorm vergrößern würde. Angesichts
der inzwischen rasant gewordenen Produktivität des Globalkapitalismus
müssten wir uns jetzt klar machen, was denn dieses Ding „Wissen“ seiner
Natur nach ist, wie es materialiter praktiziert wird und wie zu begreifen
ist, dass dieses geistige Ding „Wissen“ so stark auf
die Materie, die Natur einwirken kann. Ohne diese Hausaufgabe zu
machen, kann eine Kritik der Politischen Ökonomie des Globalkapitalismus
nicht geleistet werden.
Nun kann ein Aufsatz wie dieser hier eine solche Arbeit nicht liefern;
andernorts habe ich sie versucht (1). Hier vermögen wir aber
immerhin der Frage nachzugehen, wie der Globalkapitalismus sein so
unbremsbar scheinendes Wachstum zustande bringt. Dabei können
sehr wohl die grundlegenden materiellen Widersprüche dieser
Produktionsweise zutage treten, und daraus können dann vielleicht
Schlussfolgerungen für einen grundlegenden Wandel dieses Systems
gezogen werden.
Angesichts des wirtschaftlichen Wachstums im Globalkapitalismus
ist es üblich, die Profitgier des Kapitals, vor allem des Finanzkapitals,
als Ursache zu benennen. Dies trifft gewiss zu, ist aber heute offensichtlich
zu einseitig. Wie oben schon angemerkt, ist das permanente Anwachsen
des Konsums genauso wichtig für das Wachsen des wirtschaftlichen
Umsatzes. Fraglos wäre die steigende Akkumulation des Kapitals
ohne steigenden Konsum nicht möglich. Deshalb ist es nicht gerechtfertigt
und zu engstirnig, nur das Finanz- und das mit ihm verwobene Produktionskapital
für die Wirtschaftskrise verantwortlich zu machen. Der Konsument
trägt seine Schuld an der aufkommenden Misere des „Systems“ und
deswegen müssen wir uns alle einige kritische Fragen gefallen
lassen.
Es geht nur wenig über die traditionelle Kapitalismuskritik
hinaus, der Werbung, wie es oft geschieht, die Schuld dafür
zu geben, dass die Menschen mehr und mehr und immer wieder Neues,
gerade erst Entwickeltes, kaufen wollen. Die ubiquitäre Verführung
zum Konsum, wie sie in der offensichtlichen Werbung und darüber
hinaus praktiziert wird, z. B. in der Ausstattung, ja im gesamten
Milieu etwa von Fernsehshows und vielen Kinofilmen, reizt zweifellos
zu unserer Form von Konsum an und liegt genau so zweifellos im Interesse
des Kapitals. Aber, so muss man sich doch fragen, hängt Verführung
immer nur vom Verführer ab ? Wer verführt wird, hat zumindest
nichts dagegen. Werbung übt ja keinen Zwang aus, zumindest keinen
offensichtlichen. So darf sie denn in Demokratie und im Globalkapitalismus üppig
florieren.
Oft wird der Erfolg der Werbung auch darauf zurückgeführt,
dass der Anpassungsdruck in der Gesellschaft das Interesse am öffentlich
beobachtbaren Konsum fördert. Das mag sehr wohl zutreffen, aber
die eben gestellte Frage, ob zur Verführung durch Werbung nicht
auch Bereitschaft bei den Verführten vorliegen muss, harrt trotzdem
noch der Antwort. Es erhebt sich dann auch die weitere Frage, wie
es denn kommt, dass der Anpassungsdruck jetzt eine so fatale Macht über
Menschen ausübt. Statt jedoch diesen Fragen nachzugehen, scheint
es ergiebiger zu sein, den jetzigen Globalkapitalismus als eine Weiterentwicklung
der oben erwähnten Kooptation der Arbeit durch das Kapital zu
sehen. Dieser Schritt hat sich in den ersten Jahrzehnten nach dem
2. Weltkrieg im Westen Europas vollzogen und folgte dem vorauseilenden
Beispiel Nordamerikas. Jetzt ist diese Entwicklung an dem Punkt angelangt,
an dem die Sucht nach Wachstum, die dem Kapital wesenseigen ist,
auch den Konsum ergriffen hat. Kapitalist und Konsument sind im Globalkapitalismus
von gleicher Art geworden; sie sind beide gleich auf Wachstum programmiert.
Mit einer immer noch bestehenden Phasenverschiebung zwischen Europa
und Nordamerika, aber auch gegenüber vielen Bevölkerungsteilen
im Rest der Welt, hat das Interesse an Immer-Mehr und Immer-Neuem
dazu geführt, dass in zunehmenden Maße auf Ratenzahlung
gekauft wird. Für unsere Großeltern war das Kaufen „auf
Pump“ undenkbar, für einige von unserer Generation wurde
es akzeptabel, weil praktisch, für die meisten ist es heute
vor allem eine weitere Möglichkeit, sich mehr zu leisten und – sich
dabei finanziell zu übernehmen. Auf diese Weise hat der Konsumismus
in den letzten Dezennien einerseits eine neue Form der Ausbeutung
mit sich gebracht, - eine vom Ausgebeuteten selbst herbeigeführte! – und
andererseits dem Finanzkapital eine neue Akkumulationsmöglichkeit
eröffnet. Im Verein mit anderen Kreditvergaben, z. B. bei Autokauf,
Hauserwerb, etc , ganz zu schweigen von „Futures“, „Derivatives“, „Hedgefonds“ etc.,
konnte das Finanzkapital die führende Rolle im Globalkapitalismus übernehmen.
Es dürfte deutlich sein, dass Werbung und Anpassungsdruck das
Wollen des Einzelnen beeinflussen. Angesichts des Ausmaßes
der Folgen, darf gefragt werden, ob der Einzelne nicht längst
vergessen hat, was er/sie denn wirklich will. Hinzu kommt noch, dass
der Instrumentalismus, also das zum Prinzip gewordene Interesse an
Mitteln, ohne den das Kapital und der Kapitalismus nicht sein können,
ein „Um-zu“-Denken propagiert hat, das jetzt weiteste
Teile der modernisierten Menschheit erfasst hat. Beim Erwerb von
allem und jedem wird die Frage gestellt, wozu es denn gut sei, was
man damit erreichen kann, und nicht wird gefragt, ob das Gekaufte
direkten Genuss in sich selbst verspricht und so Befriedigung gewährt.
Wie dem Kapitalisten der Profit von vorneherein nur Mittel zu dem
Zweck sein konnte, der sich augenblicklich wieder in ein Mittel verwandeln
ließ, nämlich zur Investition für mehr Profit, so
gilt dem Konsumenten ein erworbenes Gut nicht zum selbst genügenden
Genuss, sondern nur als Potential, als Mittel, zu etwas anderem,
das dieses erworbene Gut eben nicht selbst ist. Man trinkt, um betrunken
zu werden; kauft den „cool look“ oder das „coole“ Auto,
um zur Clique zu gehören, oder erwirbt das tolle Haus, die 12
Meter Jacht, um die Konkurrenz zu bewirten und sichtbar auszustechen.
Dies ist hier zweifellos sehr vereinfacht gesagt, aber trotzdem kann
man grosso modo festhalten: Alles Erworbene ist nicht nur in der
Gefahr dem Erlebnis der Befriedigung zu entgleiten, sondern es wird
damit auch ein unstillbar gewordener Hunger generalisiert, also global
auf Dauer gestellt. Das heißt, die Ausbeutung ist nicht nur
finanziell in den Konsum eingedrungen, sie ist zur Ausbeutung des
eigenen Selbst geworden, eben Selbstausbeutung.
Klar sollte sein, dass ohne das „Um-zu“-Denken dieser
globalkapitalistische Albtraum verschwände, und doch gilt es
noch weitere Fragen zu stellen: was passiert da eigentlich im „Um-zu“-Denken
? Welche Art von Wissen, von Weltverständnis, wird von diesem
Denken produziert ? Was ist eigentlich dem menschlichen Willen widerfahren,
dass er diese Art von Erkennen, Denken und Wissen hervorbringt ?
Auch beim „Um-zu“-Denken kann der Wille ja nicht einfach
verschwunden sein. Ist er also nur abgelenkt und verdreht ? Ohne
Klärung dieser Fragen, die hier nur umrisshaft geschehen kann,
bleibt eine Kritik der Politischen Ökonomie des Globalkapitalismus
unmöglich und damit das Stellen der „Systemfrage“.
Wie in aller Natur geschieht auch im Menschen nichts ohne treibende
Kraft. Eine, wenn auch nicht die einzige, treibende Kraft im Menschen
ist der Wille. Wie immer er im einzelnen in uns entsteht, ohne unsere
Körperlichkeit, ohne selbst lebendige Natur zu sein, gäbe
es Willen in uns nicht. Ja, man kann mit Fug und Recht der Redensart
zustimmen: „Ohne Wille läuft gar nichts“. Das gilt
auch für das Erkennen, das Wissen und das Denken, also für
die geistigen Fähigkeiten des Menschen: Ohne wissen zu wollen
kein Wissen. Daran (unter anderem) zeigt sich, dass unser Wissen
in dieser Welt verankert ist, im Willen seinen Primat hat. Wissen
erwächst aus der körperlichen Natur des Menschen und kann
ohne sie nicht sein. Deswegen habe ich weiter oben bewusst gefragt,
welcher Art von Ding denn das Wissen ist; was Wissen also materialiter
ist.
Nun kann man zweifellos einwenden, dass das Wissen ohne Bedeutung,
ohne geistigen Inhalt, ein Unding wäre. Aber genau so zweifellos
bleibt, dass der geistige Inhalt für und in sich selbst, also
ohne von einem menschlichen Gehirn gedacht zu werden, für uns
keinen Sinn hat. Als solcher ist er nicht von dieser Welt, vielleicht
von einer anderen. Dieses zu unserer Welt Andere nimmt greifbare
Form jedoch nur an, wenn es in der Welt erscheint, in der wir zuhause
sind: in der Materie, in der Natur. Da, so weit wir sehen, nur der
Mensch zur geistigen Tätigkeit fähig ist, also erkennen,
wissen und denken kann, hat Karl Marx vom Menschen und nur von ihm
als „Anderer Natur“ gesprochen.
Wegen dieses „Anderen“ an ihm kann der Mensch bewusst
in die Natur um ihn (und in ihm) eingreifen. Aber dieses Eingreifen
wäre auch unmöglich, wenn der Mensch „reiner Geist“ wäre.
So bleibt der Mensch, selbst in seinem Anderssein zur Natur, ganz
und gar Natur. Philosophisch gesprochen ist die Natur in der Dialektik
zwischen Natur („These“) und Mensch (Antithese“)
das „Vermittelnde“ bzw. das „Übergreifende“ und
deswegen begreift Marx diese Dialektik als „materialistische“.
Zwar ist Menschsein nur in der Natur möglich, aber der Mensch
kann sie, wie heute in besonderem Maße ersichtlich, für
sich unbehausbar machen, zumindest sich in die Gefahr begeben, das
zu tun (2). Selbst dies liegt noch in der Natur des Menschen, und
zwar in seiner Körperlichkeit, und das heißt, in seinem
Willen.
Nun haben wir uns eben schon gefragt, ob es nicht gerade der Wille
ist, der, obwohl er in sich reine Natur ist, im „Um-zu“-Denken
seine Verkehrung erleidet. Vieles spricht dafür. Diese Verkehrung
besteht darin, dass der Wille sich in diesem „Um-zu“-Denken
selbst an die zweite Stelle setzt, also seinen Primat nicht ausübt.
Das heißt, dass der Wille sich dazu verleiten lässt, nicht
mehr auf das ihm spontan Begehrenswerte zu zielen, sondern auf das,
was hinter diesem spontan Gewollten liegt. Er richtet sich also auf
Objekte, die nichts anderes mehr als Mittel zu Zwecken sind, während
sich diese Zwecke nach ihrem Erreichtsein auch wieder, wie wir oben
sahen, in nichts anderes als Mittel verwandeln. Ein solches Begreifen
kennt keine Befriedigung mehr, weil es nicht anders kann, als in
allem und jedem Investierbares zu sehen. In dieser Hinsicht unterscheiden
sich Kapitalist und Konsument nicht, allenfalls hinsichtlich der „Menge“ an
Einsetzbarem, also hinsichtlich des „Vermögens“.
Generell lässt sich sagen, was Marx nur ahnen konnte, nämlich
dass das heutige Wissen in einem von ihm nicht erdenkbaren Maße
Produktionskraft, ein mentales Kapital, geworden ist, dass es als
solches „keine Hürde hinnimmt“ und sich in diesem
Sinne seinem Wesen nach, also „tendenziell“ globalisiert.
Glorifizierend kann man dieses Vorwärtsdrängen als die
Vollendung des Faustischen im modernen Menschen bezeichnen. Ich würde
indes vorschlagen, in diesem Zusammenhang an Midas zu denken. Sein
Elend scheint mir miserabler als die Tragödie des Dr. Faustus:
Nichts gibt es mehr, was die „Midasse“ von heute befriedigen
könnte. Ihre eigenen Hände sind von so selbstverderblicher
Art, dass sie alles, was sie berühren, der Genießbarkeit
und Befriedigung berauben.
Das schon beim bloßen Berühren, ja Ins-Auge-Fassen der
Natur ihr zugefügte Verderben hat seinen Ursprung im Menschen:
sein Erkennen, Denken und Wissen ignoriert die diesen selbst zugrunde
liegende Natur. Ver-rückt von der Natur in ihm, bedroht der
Mensch, was er nur als „Umwelt“, also als von ihm geschiedene
Natur, erkennen kann. So lange der Mensch in diesem Sinne ver-rückt
bleibt, braucht er allerdings Gesetze, um die „Umwelt“ zu
schützen. Zu dieser „Umwelt“ gehört aber nicht
nur die „bloße“ Natur, sondern auch die in ihm
selbst und im Mitmenschen. Wo der Mensch sich derart – also
falsch, weil seiner Natur widersprechend - von der Natur absetzt,
bedarf es der Gesetze gegen die „Umwelt“-Zerstörung
und der „Regulierung“ des Verhaltens derjenigen Mitmenschen,
die per Finanz- und Produktionskapital und durch Anheizen des Konsumismus
unsere Lebenswelt bedrohen. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass
Maßnahmen regulierender Art hinreichend wären, uns Zukunft
nachhaltiger Art zu sichern. Regeln bedürfen der kostspieligen Überwachung
und benennen darüber hinaus nur den Preis ihrer Übertretung.
Gewiss müssen im jetzigen Augenblick politische und gesetzliche
Schritte für den Erhalt des Wirtschaftens getan werden, aber
das kann nicht alles sein. Weiß die Linke aber, was sie mit
diesen Gesetzen zu verknüpfen hat, damit sie zu mehr führen,
als den eingefahrenen Globalkapitalismus noch einmal zu prolongieren
? Wäre es nicht Aufgabe der Linken, die jetzt gewährten
Beihilfen an die Wirtschaft so zu strukturieren, dass sie einen Weg über
den Globalkapitalismus hinaus wenigstens nicht verbauen ? Mitbestimmung
in den Wirtschaftszentralen seitens der Politik mit dem Ziel humaner
Investitionen - im hier vorgestellten Sinne von „human“ – wäre
wohl eine Mindestforderung. Sie bedeutete zwar noch keinen Systemwandel,
läge aber auf dem Wege zu einem solchen. Ziel und Aufgabe zeitgemäßer
linker Politik muss es letztlich sein, die falsche, aber praktizierte
Dialektik zwischen einem abstrus gewordenen „Geist“ und
einer dadurch zur „Umwelt“ degradierten Natur zu korrigieren,
also „auf die Füße zu stellen“ und durch diesen
Systemwandel der wohl verstandenen Dialektik von Natur und „Anderer
Natur“, also der des Menschen, zum Leben zu verhelfen.
Nun wäre es aber immer noch falsch, weil weiterhin dem „Um-zu“-Denken
verhaftet, die Einsicht in diese Dialektik nur anzuwenden. Selbst
darin läge kein Fortschritt. Weiter hilft nur, aus dem Erleben
der Falschheit des Globalkapitalismus heraus – und dazu ist
jetzt viel Gelegenheit – sich mit denjenigen zusammenzutun,
die diese Falschheit nicht nur durchschauen, sondern erleiden und
aus dieser Erfahrung heraus durchschauen. Menschen dieser Art gibt
es nicht wenige, aber sie sind vereinzelt und hören niemanden,
der der drohenden Misere mit ihnen zusammen auf den Grund gehen will.
Um „hörbar“ zu werden bedarf die Linke angesichts
der hegemonialen Medien des Globalkapitalismus neuer Formen der Kommunikation.
Das Internet kann, wie schon erwähnt, in diesem Zusammenhang
sicher eine große Rolle spielen, aber es darf bezweifelt werden,
dass das hinreichend wäre. Auch in dieser Hinsicht gibt es sicherlich
noch vieles zu überlegen. Dennoch dürfte klar sein, dass
die derzeitige Krise des Globalkapitalismus eine schwer zu leugnende
Chance für einen Systemwandel in sich birgt.
Anmerkungen:
1.- Siehe Sixel, Friedrich W.: „Die Natur in unserer Kultur“,
Würzburg 2003; dort insbesondere die Kapitel 4 und 5. Siehe
auch: ders.: „Ist es nicht an der Zeit ? Überlegungen
zum Wissen als Kapital“, in: UTOPIEkreativ, Nr. 199, 2007,
pp. 395ff.
2.- Das Reden von der Naturzerstörung durch den Menschen hat
etwas Selbstverkennendes an sich. Der Mensch wäre längst
vom Erdboden verschwunden, bevor er diese Zerstörung fertig
gebracht hätte. Solche, wenngleich verbreitete Rede geht also
immer noch von dem Irrtum aus, dass der Mensch irgendwie über
oder außerhalb der Natur stünde.
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