Wie
soll man wachsen? PDS: Erste Zusammenkunft von Öko- Plattform
und AG Wirtschaftspolitik
Thomas Großmann
Das erste gemeinsame Treffen der Ökologischen Plattform und
der Arbeitsgemeinschaft Wirtschaftspolitik der PDS fand am Wochenende
in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin statt. Hauptstreitpunkt
der rund 50 Teilnehmer war die Frage nach der Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum.
Mit einem besonderen Wunsch begrüßte Klaus Steinitz von
der AG Wirtschaftspolitik die Teilnehmer des Workshops. Dieses erste
gemeinsame Treffen solle zeigen, dass ein sachliches, tolerantes
und kulturvolles Streitgespräch unter Linken möglich sei,
meinte er wohl nicht ohne aktuellen Bezug. Auch das Thema – Ökologischer
Umbau, soziale Gerechtigkeit, Wirtschaftswachstum – bot einiges
an Kontroversen. Klaus Steinitz machte dann auch in seinem Referat
klar, dass in absehbarer Zeit nicht auf Wirtschaftswachstum verzichtet
werden kann. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, der schwierigen
Situation der soziale Sicherungssysteme sowie der sinkenden Einnahmen
der öffentlichen Haushalte würde ein Wachstumsverzicht
die Probleme eher verschärfen, so Steinitz. Auch die Umwelt
würde von bloßem Wachstumsverzicht nicht profitieren,
weil sich die Produktionsweise ja nicht ändere.
Steinitz mahnte, dass linke Politik weder wachstumsfeindlich sein,
noch neoliberalem Wachstumsfetischismus anhängen dürfe.
Entscheidend sei die Qualität des Wachstums, betonte der Ökonom.
Das Ziel müsse daher eine sozial determinierte und von ökologischen
Erfordernissen bestimmte Wirtschaftsentwicklung sein, unterstrich
Steinitz. Er trat auch dem Vorwurf entgegen, dass Wachstum mit mehr
Produktivität erreicht werde und damit Arbeitsplätze verloren
gehen. Anhand von Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik
und deren Auswirkung auf die Beschäftigtenzahl sei dieser Zusammenhang
nicht erkennbar. Im Gegenzug könne auch nicht behauptet werden,
dass mehr Wachstum in jedem Fall mehr Arbeitsplätze bedeute.
Dies müsse differenziert betrachtet werden, so Steinitz.
Erwartungsgemäß setzte die Ökologische Plattform
beim PDS-Parteivorstand mit Wolfgang Borchardt andere Schwerpunkte.
In seinem Referat betonte Borchardt die Grenzen des Wachstums, die
in der Endlichkeit der Ressourcen sowie in der Problematik der begrenzten
Senken, also der Abgase, Abfälle etc. bestehen. Seiner Ansicht
nach sei Wirtschaftswachstum keine Quelle für eine Sozialisierung
der Gesellschaft, und er warnte vor einer undifferenzierten Orientierung
auf Wirtschaftswachstum und steigende Massenkaufkraft. Borchardt
betonte, dass eine vorsorgende Umweltpolitik nur bei einem »entschleunigten«,
langsamen Wachstum erfolgreich sein könne. Andernfalls hinke
sie den Umweltproblemen der fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung
allenfalls hinterher, betonte der Sprecher der Ökologischen
Plattform.
Nach einer kontroversen Diskussion, die auch die Nord-Süd-Problematik
nochmals deutlich vor Augen führte, einigten sich die Teilnehmer
auf Leitlinien für die künftige Zusammenarbeit beider Expertengruppen.
Eine Fortsetzung des bisherigen Wachstumstyps wird als nicht zukunftsfähig
abgelehnt. Die Wirtschaftsweise müsse daher in Richtung einer
sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit verändert werden.
Das bedeute, dass Wachstum zukünftig vor allem der sozialen
und ökologischen Entwicklung der Gesellschaft zu Gute kommen
soll, auch wenn über die Bedeutung des Wirtschaftswachstums
allgemein keine Einigkeit erreicht wurde. In drei Arbeitsgruppen,
unter anderem zu Innovation und regionalen Wirtschaftskreisläufen,
soll daher die Diskussion fortgesetzt werden. Die Experten, gleich
welcher Seite, zeigten sich nach der Veranstaltung zufrieden, sicherlich
auch weil die Diskussion hart aber fair war.
(Neues Deutschland, 22.10.2002)