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Rede auf der außerordentlichen Tagung der
SED-PDS im Dezember 1989
Unsere Kombinate und Betriebe sind längst planmäßig
potentielle Brückenköpfe der anderen Gesellschaftsformation
geworden
Rudolf Bahro
Wolfgang Berghofer: Vielen Dank. Nun zu dem Antrag. Ich gehe davon aus,
daß er schriftlich formuliert, mit 35 Unterschriften, in wenigen
Augenblicken hier liegt, so daß die Geschäfts-ordnung eingehalten
ist. Es haben 1.427 Delegierte, sprich 53,95 Prozent, dafür gestimmt,
daß Rudolf Bahro dreißig Minuten spricht. (Beifall)
Er hat das Wort. Ich schlage vor: Wir machen dann anschließend
Pause. Einverstanden?
Rudolf Bahro: Ich verstehe gut die Gespaltenheit des Parteitages zu dieser
Frage. Schließlich habt ihr heute früh erst gehört,
daß es um mich ganz anders bestellt sein soll. Mehr könnt
ihr im Augenblick auch gar nicht denken, als das die letzten Jahre
hier gedacht worden ist.
Ich will sagen: Der Schlußteil meines damaligen Buches, die letzten
200 und mehr Seiten haben die Überschrift gehabt: „Zur Strategie
einer kommunistischen Alternative“. Da das Ganze, das ich jetzt
hier vortragen wollte, ursprünglich ja sicher veröffentlicht
werden wird - ganz -, will ich jetzt nur eine Pflicht einleitend erfüllen
und dann zum Thema kommen.
Die Pflicht besteht darin, daß ich dankbar jene Menschen nenne,
die bei der Alternative mit mir waren - auch Parteilose -, fast alle
so oder so Kommunisten, darunter antifaschistische Widerstandskämpfer,
manche heute nicht mehr unter den Lebenden. Auch das jedenfalls war SED.
Auch ich war SED im Guten wie im Bösen, Kandidat seit 52, Mitglied
seit 54. Ich bin mit verantwortlich für ihren ganzen Weg bis jetzt,
bis heute. (Beifall)
Auch mich hat dieses Wort noch getroffen - drüben dann: Wer zu
spät kommt, den bestraft das Leben. Ich wollte etwas ausführen
zu all den Namen - das wird man lesen können -, nen-nen muß ich
diese Namen: Ursula Beneke, Werner Busold, Werner Naujock, Rudi Wetzel,
Marianne und Dieter Lorf, Fritz Behrens, Harry Goldschmidt, Volker Braun,
Walter Besen-bruch, Werner Tzschoppe, Rosemarie Zeplin, Ingrid und Günter
Mayer, Guntolf Herzberg. An der Qualität meiner Alternative hat
durch seine skeptische Kritik entscheidenden Anteil Wolfgang Heise gehabt.
Meine damalige Frau, Gundula Bahro, hat das mitgetragen, obwohl sie in
der Sache eigentlich nicht einverstanden war. Während der Haftzeit
ist Gregor Gysi mein Anwalt gewesen. Untadelig hat er voll seinen nur
zu begrenzten Spielraum zu meiner Verteidigung ausgeschöpft.
Zurufe: Zur Sache!
Ja, zur Sache. Was jetzt die Sache betrifft, da bitte ich euch, euch
doch so zu meiner Meinung zu stellen, daß es vielleicht ohne Beifall
und ohne Pfeifen geht. Es ist einfach ein Denkstück, das ich euch
vortrage, hinter dem aber eine ganze Menge theoretischer Arbeit steht.
Ich will mich, weil das jetzt die wichtigste Adresse für die Handhabung
dieser Sachen erst einmal ist, an Hans Modrow wenden und an seine Rede
vor Generaldirektoren anknüpfen, die am vergangenen Montag in der
Zeitung stand.
Zunächst eine methodische Vorbemerkung, um Mißverständnisse
zu vermeiden. Ich denke zum Beispiel kritisch über folgende Passage,
ich zitiere: „Auf keinen Fall dürfen wir auf den Märkten
erkämpfte Positionen verlorengeben. Die bestehenden außenwirtschaftlichen
Ver-flechtungen müssen im Gegenteil gefestigt und, wo nötig,
auch ausgebaut werden.“
Wenn ich das kritisiere, meine ich selbstverständlich nicht die
Umkehrung, nicht willkürliches oder fahrlässiges Aufgeben wichtiger
Möglichkeiten. Überhaupt bin ich völlig einverstanden
mit der Einstellung, der Bruch mit dem Status quo müsse einerseits
radikal sein, andererseits nicht so abrupt, daß es in ein wirtschaftliches
Chaos führt. Jedoch frage ich nach der Einord-nung so einer Äußerung über
die Kontinuität in der Außenwirtschaft vor Generaldirektoren,
die nur im Notfall für Versorgungsengpässe im Binnenhandel
usw. kritisiert wurden, jedoch viel öfter für Rückstände
bei der Valutabeschaffung.
Ich denke, ich bin hier schon bei dem entscheidenden Kettenglied in
dem jahrzehntelang be-währten Teufelskreis, in dem wir unsere Wirtschaft
zu Grunde richten, daß wir nämlich unse-re Wirtschaft de facto
von der Devisenbeschaffung für das ökonomische Wettrüsten
mit dem stets überlegenen Klassenfeind, statt von den Bedürfnissen
der Bevölkerung steuern lassen. Unten dasselbe: die Westmark herrscht
- das ist die natürliche Folge. Unsere Planung ist hauptsächlich
eine Transmission der auf dem Weltmarkt herrschenden Gesetze. Das Problem
wird sich multiplizieren, wenn jetzt die konzernanalogen Kombinate zu
Schleusen natürlich für die größten Schlachtschiffe
der anderen Seite werden. Wissen die Führungskräfte unserer
Industrie, daß sie bald nur noch bessere Filialleiter sein werden,
später dann auf Abruf?
Hans Modrow endet - seinen Vortrag meine ich -, unsere Wirtschaftsentwicklung
müsse sozi-al und ökologisch verträglich sein. Aber das
ist wider die Natur der Kräfte, die da hereindrin-gen, oder wir
dürfen nicht näher nachfragen, was sozial und ökologisch
da meint.
Ich glaube, er durchschaut das nicht ganz. Wir wissen überhaupt
nicht, was wir tun. Ein Joint-venture in fünf Milliarden Höhe,
wie ich gelesen habe, wie es bei IFA gemeint sein soll, be-deutet, erst
recht bei der gegenwärtigen Lage und strategischen Resignation,
Bewußtlosigkeit unserer Möglichkeiten in jeglicher rechtlicher
Form, die wir finden können - die Juristen sind ja da an der Arbeit
-, aber in jeglicher Form den Verlust der politischen und kulturellen
Ver-fügungsmacht der Gesellschaft. Es bedeutet einfach ein Stück
kapitalistischer Gesellschaft. Die IG Metall hat Recht, schon bei unseren
Belegschaften anzuklopfen, um es auch von der anderen Seite, vom Faktor
Arbeit her, perfekt zu machen. Natürlich, wir brauchen dann die
entsprechende Gegenstrategie im Kapitalismus von den Arbeitern her.
Man kann das mit Hans Modrow auch „tiefere Integration in internationale
Arbeitsteilung“ nennen. Ich denke, unsere stärksten, größten,
unbeweglichsten Bastionen der Arbeiterklasse, wie wir diese Dinger halt
nennen, die Kombinate und Betriebe, die immer vollständiger die
sozialökonomisch unschlagbare Konkurrenz da drüben zweit- und
drittklassig abbilden, sind längst planmäßig potentielle
Brückenköpfe der anderen Gesellschaftsformation geworden. Jetzt
soll die Besetzung folgen. Halbe/halbe ist bei der Dynamik und Entwicklungsrichtung
des Prozesses reine Augenauswischerei.
Es liegt in der Logik aller dieser Vorgänge, daß unsere Gesellschaft
Gebiet um Gebiet ihre Souveränität aus der Hand gibt. Es läuft
darauf hinaus, daß diese vielzitierte Vertragsgemein-schaft selbst
ein einziges Joint-venture wird. Es waren immer diese Renommierprojekte
des ökonomischen Wettbewerbs mit dem Klassenfeind, in den er uns
vom Militärischen bis ins Kulturelle immer tiefer hineinlockt, auf
die es nicht erst bei Mittag immer und immer wieder hinausgelaufen ist,
weil das unser Akkumulationsweg war - einholen und überholen.
Und deswegen haben wir keine Arbeitskraft, keine Zeit, kein Material,
kein Geld, keine Ei-geninitiative, keine Lust zur Pflege unseres Wohnhauses,
unseres Häuschens DDR mehr. Die-ser Akkumulationszweck, am internationalen
Klassenkampf, den wir aber auf der Ebene ver-loren haben, festgemacht,
erweist sich je länger je mehr als ein Spielfeld der anderen Seite.
Es ist okkupiertes Gebiet in unserem eigenem Bewußtsein. Es herrschen
dort jene Gesetze, de-rentwegen einmal gesagt worden ist, es sei das „Kapital“ von
Marx die Bibel der Kapitalisten.
Schalck-Golodkowski in seinen letzten Auftritten in unserem Fernsehen
war der berufene Priester dieser Gesetze, ihrer Unentrinnbarkeit.
Die tiefste Schicht dieser welthistorischen Korruption, der wir verfallen
sind, ist unser öko-nomischer Materialismus, unser prinzipieller Ökonomismus,
an dem Marx selbst trotz man-cher gegenteiligen Aussage nicht ganz unschuldig
ist. Dieser Materialismus ist Anbetung der Trägheitskräfte
in der Geschichte, Anbetung der entfremdeten Mächte des toten Geistes
Wis-senschaft und Technik und toter Arbeit Kapital - wir sagen Fonds
-, und es ist auch die Anbe-tung der an die Maschinerie versklavten Arbeitskraft,
die tiefste Schicht - das ist dieser öko-nomische Materialismus.
Auch wenn wir immer wieder die Erfahrung der Fehlinvestition und des
mangelnden Rückflusses, gerade der großen Wettlaufs- oder
vielmehr Aufholinvestitio-nen machen, es steht wieder viel davon drin,
daß wir da verlieren, auch Hans Modrow will das Hase-und-Igel-Spiel
fortsetzen, dieses Autorennen Trabi-Wirtschaft gegen Mercedes-Wirtschaft,
bei dem unsere Wirtschaft auf der Strecke bleiben muß.
Zuruf: Konkret.
Dazu komme ich, ich komme zu Vorschlägen. Erst muß die Analyse
sein. Wenn ihr das nicht fassen wollt, erst einmal, was wir hier machen,
da ihr keine Geduld habt, zuzuhören, dann wird auch die Alternative
nix. (Beifall)
Er sagt vor den Generaldirektoren, daß wir um die Devisen und
Kapazitäten für dieses aus-sichtslose Turnierbild immer wieder
unseren - das ist jetzt, ich zitiere ihn, er beschreibt das -, daß wir
deswegen immer wieder unseren Binnenmarkt, die Versorgung der Bevölkerung
stö-ren. Mit den für den Weltmarkt bestimmten Finalprodukten
ist es ebenso. Es ist alles total falsch herum aufgebaut, nicht, daß die
eine Seite wegfallen kann, es dreht sich falsch herum, meine ich, von
den Weltmarktbedingungen her. Sonst machen das in den Entwicklungslän-dern
die großen Konzerne von außen, wir machen es von innen. Vom
Weltmarkt her setzen wir unserer Wirtschaft Spitzen auf, die dann von
dem übrigen Schrotthaufen gar nicht getra-gen und integriert werden
können.
Genauso steht das Verhältnis zwischen Zulieferindustrie und Finalproduktion
grundsätzlich Kopf. Wir glauben beinahe selbst, daß die Mangelwirtschaft
ein ökonomisches Gesetz des Sozialismus ist. Dabei haben wir nur
bis heute in unseren Köpfen die Bedingung nicht erfüllt, die
entscheidend für die Sanierung unserer Wirtschaft von unten nach
oben wäre, einzusehen, daß der Kampf der Systeme in dieser
Lesart ein für allemal verloren ist. Diese Lage könnte auch
einen Freudenschrei auslösen, einer der jetzt so häufigen Befreiungsschläge
für unser Leben sein. Sie, die anderen, wollen uns doch in diesem
Wettlauf festhalten, ehe Gorbatschow das Spiel Parität im Militärischen
aufgab, hat ihm Reagan noch vorgeschlagen, Know-how für die sowjetische
Hälfte von SDI zu liefern, damit sie auch ja dabei bleiben, damit
das auch ja geht mit dem Totrüsten. Und wirtschaftlich ist das nicht
wesentlich anders. Unsere ganze Ak-kumulationsideologie, natürlich
muß Akkumulation sein, aber wie wir das gesehen haben, hinkt doch
am Wettrüsten seit den ersten Schwerindustrieplänen in den
zwanziger Jahren - damals hatte das Sinn, jedenfalls man sah es so, aber
heute, wo wir sehen, das ist verloren, wozu jetzt noch 8., 9. oder 10.
Industriemacht meinen - während der Industrialismus weltweit zum
Himmel stinkt, und er stinkt nicht für Bedürfnisbefriedigung,
sondern für Geldvermeh-rung, so daß es für die Erde zehnmal
teurer wird, als es nötig wäre.
Das qualifiziertere Stinken von Höchst und BASF ist langfristig
noch gefährlicher als das offenbare, unqualifizierte in Leuna, Buna,
Zeitz, Espenhain. Falls Paracelsus recht hat - die Dosis macht das Gift,
war seine Formel -, dann sind Zehntausende Tonnen aus irgendeiner umwelttechnisch
sanierten Produktion in der Regel auch noch Gift, das z. B. auf den Feldern
landet. Das gerade macht die westlichen Chemieriesen immer unbeliebter.
Die Emissionen der Fabriken sind das Phänomen, die Grundlast aber
- da wiederhole ich mich - ist das Prob-lem, die Grundlast des Industriesystems,
zehnmal zu schwer für die Erde. Der sogenannte Umweltschutz, der
oben drauf kommt auf die industrielle Expansion, noch ein Stockwerk,
kaschiert das tödliche Modell, mit dem die Menschheit arbeitet,
seit der das Kapital richtig durchsieht. Wenn wir da auch nur annähernd
mitziehen wollen beim Umweltschutz, brauchen wir die andere Hälfte
zu der, die für die Schulden schon sowieso draufgeht.
Neulich hat mir ein Ingenieur aus der Espenhainer Gegend erzählt,
sie hätten da für irgend etwas Elektronisches - ich glaube
Leiterplatten - 70 Prozent in den Umweltschutz gesteckt. Er war perplex,
als ich entgegnete, das widerlege wahrscheinlich die Investition als
solche.
Hans Modrow sagt den Generaldirektoren, wir wollen all das weiter machen,
was wir da bis-her im Kampf mit den anderen geliefert haben, und unser
Häuschen in Ordnung bringen. Das kann nichts werden, so nicht. Leider
nährt die Entartung unseres politischen Systems hier, die eher die
Folge ist, die Illusion, wir hätten nur erneut anzutreten ohne die
Deformationen, und dann geht das gut - eine Illusion ohnegleichen.
Nein, man braucht nicht den Günter Mittag, um zu verstehen, warum
wir nach Modrows Er-klärung genau diejenigen Zweige am meisten zugrunde
gerichtet haben, von denen direkt das alltägliche Leben des Volkes
abhängt: Bauwesen, Landwirtschaft, Verkehrswesen, Post- und Fernmeldewesen.
Das Stichwort „Kommandowirtschaft“ lenkt davon ab, die einfache
Ursa-che zu sehen. Drückt es am Ende gar hauptsächlich das
Interesse der vielen kleinen Mittags aus, nun autonomer, der lästigen
Kontrolle ledig, auf eigene Rechnung dasselbe Geschäft wie er zu
betreiben? Im Prinzip, ich meine nicht die Unterscheidung.
Zuruf: Vorschläge!
Nichts in Hans Modrows Rede, in ihrer Denkweise verspricht, daß die
Vernachlässigung von Grund auf aufhört, notfalls, statt glücklich über
den anderen Anfang, wird er halt Akkumula-tion opfern, damit der Putz
wieder dran kommt. Er wird davon opfern mit schlechtem Gewis-sen, wenn
ihm Lothar Späth wieder von den Imperativen des Weltmarkts erzählt.
Späth hat für seine Wende in die Zukunft für den nicht
ganz so aussichtslosen Kampf Mercedes gegen Mitsubishi alle unsere Parteibeschlüsse
seit den sechziger Jahren abgeschrieben, der Späth, und jetzt gucken
sie uns von dort wieder ins Gesicht. (Unmutsäußerungen)
Nein, ihr müßt es erst verstehen! (Heiterkeit)
Also, die dreißig Minuten, die laßt mal mir! Warum hat auch
Michail Gorbatschow für das Ökonomische aus der Not keine Tugend
gemacht? Warum hat er für die Ökonomie die Parität nicht
auch verabschiedet wie für das Militär?
Wolfgang Berghofer: Genossen, Entschuldigung, darf ich mal eine Bitte äußern?
Es bewegt uns jetzt vieles, dafür und dagegen. Wollen wir zeigen,
daß wir auch zuhören können, wenn wir anderer Meinung
sind! (Beifall)
Rudolf Bahro: Moskau macht einstweilen noch eine Wirtschaftspolitik
weiter, bei der ein Bo-ris Jelzin, wenn er vor Amerika auf dem Bauche
liegt, keineswegs aus dem Rahmen fällt, was die Wertmuster betrifft.
Warum verbindet sich Gorbatschow mit Abalkin statt mit dem Öko-logen
Rasputin? (Meine „Logik der Rettung“ liegt auf der Achse
Gorbatschow-Rasputin, und die Richtung Rasputin hat das übrigens
auch erkannt. Die „Logik der Rettung“ wird dort schon rezipiert.)
Ich glaube, die Antwort liegt in Michail Gorbatschows Abhängigkeit
von dem Komplex, der bei uns der westlichen Hydra - ich meine jetzt strukturell
- von Wissen-schaft, Technik, Kapital und Staat spiegelbildlich entspricht,
aber soziologisch anders gebaut ist. Die Antwort liegt in dem Titel eines
Buches, das György Konrad und Istvan Szeleniy, zwei Ungarn sind
das, gleichzeitig mit meiner „Alternative“ veröffentlichten
und das „Die Intelligenz als Klassenmacht“ heißt. Der
Bau Megamaschine, materiell und geistig, bis in die Volksbildungsplanung
hinein, ist das Selbstbestätigungsobjekt der Intelligenzija. „Strukturbe-stimmende
Spuren“ wollen wir ziehen, hat es Benito Wogatzki früher mal
gefeiert, unser En-gagement „armed race“, ökonomisch.
Klar, das ist allzu menschlich. Jetzt wollen es die Wissenschaftler,
Techniker, Ingenieure, Ökonomen, die besten Arbeiter mit ihnen,
noch einmal beweisen, daß wir nicht schlechter sind. Aber mit dem
Kapitalismus ist zu dessen ökonomischen und kulturellen Bedingungen,
die die Welt regieren, wo immer die den Fuß in der Tür haben,
nur Kapitalismus konkurrenz-fähig. Eine sozialistische Autofabrik
wird nie darüber hinaus kommen, ausländische Modelle zu produzieren.
Edzard Reuter von Daimler-Benz mag VW neidisch im Blick gehabt haben,
als er meinte, wir sollten doch gleich Mercedes fahren. Er erinnert sehr
an Marie Antoinette, als sie den Brotlosen empfahl, doch Kuchen zu essen.
Dennoch könnte er recht haben, daß wir - wenn es denn sein
muß - besser fahren, wenn wir Wagen, Gebrauchtwagen importieren.
Fünf Milliarden West[-Mark] sind allein schon mindestens 200.000
solche Karren, einschließ-lich Service. Die Dänen sind ein
kleines reiches Volk, meines Wissens, und sie bauen keine Autos. Zunächst
jedenfalls versteht es sich nur im Rahmen der bisherigen Strategie des öko-nomischen
Wettbewerbs von selbst, daß wir IFA ausliefern. Es kann am Ende
eines verlore-nen Krieges billiger sein, die Schiffe zu versenken, insbesondere
dann, wenn man noch Ret-tungsboote für die Mannschaft bauen kann.
Und das ist möglich.
Ich meine damit jetzt folgendes, politisch gesehen: Das Volk sieht erst
mal richtig, daß die ganze Intelligenz bei uns in dieses Projekt
verstrickt ist, solange wir nicht aufhören, es für diese -
in unserem Falle dann auch noch ergebnislose - Jagd de facto auszubeuten.
Unsere Wichtigkeit jetzt psychologisch in der technokratisch-kommerziellen
Olympiade ist schuld daran, daß wir seit Jahrzehnten das Mehrprodukt
durch den Schornstein jagen. Wir sind um dieser gruppenegoistischen Sisyphusarbeit
willen, daß sie unsere Selbstdarstellung drüben auch gelten
lassen, sozusagen Agenten der Kapitaldynamik wider Willen. Wir sind umgedreht
worden, innerlich wie faktisch.
Das Volk könnte tatsächlich nur gewinnen, wenn es unsere ökonomischen
und juristischen Akademien und Fakultäten zumachte, falls da demnächst
nicht was anderes rauskommt. Es hat absolut Recht, uns nicht weitere
40 Jahre experimentieren lassen zu wollen, es sei denn, wir gingen in
uns und wollten ihm statt uns, statt unseren Projekten dienen. Es will
nicht län-ger Bauer in einem Schach sein, in dem wir ohne Dame und
mit verrosteten Türmen Monopo-ly mitspielen.
Jetzt komme ich zu meiner Alternative. (Bewegung im Saal)
Und sage vorweg: Ich bilde mir mit dieser Alternative nicht ein, daß die
jetzt plötzlich akzep-tiert werden soll, sondern daß die erst
mal reingeht in den Diskussionsprozeß, Klein sagt seins, Modrow
sagt seins, ich sage hier was. Und natürlich wird etwas anderes
draus werden. Für mich heißt die Alternative also: Weltmarkt
oder ökologische Wende - selbstverständlich nicht als abstraktes
Entweder-Oder -, sondern auf die Umkehrung der Prioritätensetzung
hin. Während das so theoretisch nicht eben gleich durchkommt, stimmt
meine Option in der Ten-denz mit dem überein, was sowieso unmittelbar
getan werden muß: Es geht um die Befriedi-gung der Grundbedürfnisse
und der entsprechenden Nachfrage auf dem Binnenmarkt, und es geht um
die sofortige spürbare Verschönerung des Alltagslebens auf
den verschiedensten Fel-dern. Das muß der Ausgangspunkt der Wirtschaftspolitik
aber nicht nur jetzt sein als Not-maßnahme, sondern das muß er
bleiben. Hören wir doch erst einmal auf, all die schönen Sa-chen,
die wir produzieren, zu exportieren, damit der Erlös dann verpulvert
werden kann. Kei-ne Bevölkerungskredite mehr für die alte Art
Wirtschaftsführung. Und was den Umweltschutz betrifft, es gibt Produktionen,
die gestoppt werden können, jetzt, ohne daß alles zusammen-bricht.
Ohne gleich nihilistisch mit dem Plan umzugehen - seine Legitimität
ist keineswegs fraglos, nach allem, was wir gesehen haben. Ihr werdet
sagen, wir sitzen so fest, da geht einfach gar nichts mehr. Aber ich
denke, das hängt von einer veränderten Gesamtperspektive ab,
ob sich nicht doch bis in die Rechnung hinein bestimmte Sachen dann ganz
anders darstellen, und ob nicht andere Sachen unter dem neuen Blickwinkel
als möglich erscheinen. Da wird sich viel mehr rechnen, als man
auf Anhieb denkt, besonders wenn wir mit einer veränderten Reaktion
der Partner draußen, auf eine veränderte oder vielmehr auch überhaupt
eine eigene Konzepti-on dann rechnen können. Es gibt in der Bundesrepublik
bis hinein in höchste Finanz- und Industriekreise neben der Profitgier
doch auch eine gewisse Hoffnung auf Beispiele einer ökologischen
Wende hier. Diese Kreise haben wahrhaftig Selbstbewußtsein genug,
um nicht gleich alles erdrücken zu wollen, was nach einer anderen
als der kapitalistischen Ordnung aussieht. In ihrem Sinne haben die ja
gewonnen.
Welche Art Beratung wünschen wir uns denn? Wissen wir es? Wollen
wir von uns irgendwo-hin, oder warten wir darauf, daß sie es uns
sagen? Was für Menschen, was für Kapital, welche ausländischen
Strukturen ziehen wir besonders an? Und für welche auf andere Art
zum ge-meinsamen Vorteil gereichenden Zwecke? Es ist eine psychische
Deformation unserer Leute, wenn sie mit Schalck-Golodkowski glauben,
drüben zähle nur Geld machen. Angesichts der ökologischen
Krise rebelliert in so manchem Unternehmer der Mensch, und man kann halt
auf verschiedene Weise Geld machen, sucht auch nicht in jedem Fall gleich
den Höchstprofit.
Es gibt zum Beispiel ein ausgedehntes Stiftungswesen. Nur wenn wir nicht
wissen, was wir wollen, hat das einströmende Kapital noch nicht
einmal die Konzeption nötig, es ist einfach eine Konzeption und
arbeitet dann heute direkt oder indirekt spontan in Richtung Weltzerstö-rung.
Das ist uns doch eigentlich klar.
Also das Szenario „Einholen und überholen“ ist so klar
auf Null, daß wir die Chance haben, es theoretisch ganz zu verabschieden.
Daran ist mir gelegen, es theoretisch ganz zu verab-schieden und in der
Praxis natürlich sukzessiv, aber so schnell wie möglich das
Modell aus-laufen zu lassen. Es wird sich auch im allgemeinen Konsens
vermitteln lassen, wenn es ein-mal wirklich verstanden worden ist und
wenn eine bessere Alternative anläuft. Zuerst sollten wir anstreben,
unsern Umsatz außen von gut der Hälfte auf ein Drittel runterzubringen.
Gleichzeitig wären alle die Renommierprojekte zu prüfen. In
den meisten Fällen wird Ab-bruch der Investitionen ökonomisch-sozial-kulturell
billiger als die Vollendung sein; zuletzt jedenfalls. Unsere ganze Weltmarktproduktion
muß neu gesichtet und gelichtet werden. In den zahllosen Fällen,
wo Umweltschutz und Arbeitsbedingungen gleich katastrophal sind, wird
oft Schließung das Beste sein.
Unterschätzt nicht, was alles nicht mehr ausgegeben und verschleudert
werden würde. Ich gebe zu, ich überblicke es nicht im einzelnen,
aber der Bericht über die tatsächliche Lage, der andauernd
vorgelegt werden soll, wird mir auch kaum helfen, weil er völlig
im Status quo befangen sein wird.
Falls denn die BRD einerseits wirklich was an uns gutmachen und andererseits
das liebe Va-terland von unserm Dreck verschont wissen möchte -
das wäre ein guter Deal: Wir machen viele dieser alten Buden und
viele schlimme Produktionen zu und kriegen dafür bis auf weite-res
die wirklich - manchmal auch nur noch - notwendigen Dinge rein. Die Umweltbelastung
durch unsern großindustriellen Sektor, einschließlich Energiewirtschaft,
kann ohne ruinöse Investitionen rapide zurückgehen, wenn wir
ihn schlanker werden lassen und so zugleich Raum geben für den Einstieg
in einen sozialökologischen Sektor, der auch Massen von Men-schen
beschäftigen könnte.
Westdeutschland kann uns auch bei dieser Strategie helfen, kann uns
mit dem Reparations-ausgleich, wenn wir ihn denn schon fordern, von dem
Schuldendruck entlasten, zumindest zeitweilig. Das können wir mit
einer ökologischen Wende, die zugleich an die unmittelbaren Bedürfnisse
der Bevölkerung anknüpft und auch drüben Resonanz ausübt,
einwerben.
Wenn wir selbst die Akkumulation der nächsten Jahre in die Sanierung
eben der am meisten zugrundegerichteten Zweige stecken, Handel inklusive,
und produktive sozialökologische Projekte damit anschieben - Kooperative
mit Staatshilfe war ja mal ein alter Traum in der Arbeiterbewegung! -,
können wir in wenigen Jahren eine starke Strukturveränderung
zuguns-ten eines schönen Alltagslebens erreichen.
Und dieser neue Sektor, ebenso wie Reparatur- und Dienstleistungen,
ist arbeitsintensiv, so daß also niemand ins soziale Netz fallen
muß, das die uns anhexen wollen. Wir brauchen si-cherlich weniger
die riesigen Baumaschinen, wenn wir gewisse Großprojekte mal stehenlas-sen,
als vielmehr die Bauleute und die Baumaterialien für den großen
Hausputz in der Repu-blik schon dieses Frühjahr. Es wird an Handwerkszeug
und am Sortiment dafür fehlen, wenn wir die Zulieferindustrie weiter
dazu verdonnern, sich von den Finalproduzenten steuern zu lassen, weil
die Kapazität nicht ausreicht. Sonst müssen wir halt Eisenwaren
etc. vorüberge-hend zukaufen; auch das wäre eine Möglichkeit.
An sich sind unser Maschinenbau und unsere metallverarbeitende Industrie
- am Weltmarkt rückläufig - natürlich durchaus fit, diese
Nor-malbedürfnisse unserer Gesellschaft zu befriedigen. Wir lassen
es bloß nicht zu. Rationalisie-rung kommt sowieso. Aber statt eines
sozialen Netzes brauchen wir für die freigesetzten Menschen eine
positive soziale Perspektive, dafür Investitionen, dafür eine
Technik vom Stamme small is beautyful, die Ivan Illich „konvivial“ genannt
hat, das heißt so, daß der Mensch vor Ort richtig damit leben
kann, als bloß dranzuhängen.
Besonders wichtig, ja als der maßgebliche Zugang zu ökologisch-ökonomischer
Wiedergeburt der DDR, erscheint mir die Genesung der Landwirtschaft.
Ich denke, sie wird sich weithin entindustrialisieren, entchemisieren,
entbetonieren, entspezialisieren. Das Dorf wird das Zu-sammengehörige
wiedervereinen. (Pfiffe) Die Riesenflächen werden verschwinden,
die schweren Maschinen auch. Es wird wieder Platz für Raine, Hecken,
Büsche, Bäume, Teiche usw. sein. (Bewegung im Saal)
Verarbeitung der Erzeugnisse auf handwerklicher und kleinindustrieller
Stufenleiter - Mühle, Bäckerei, Fleischerei, Käserei usw.
- muß keiner zentralen Industrie obliegen. Direktvermark-tung kann
einen großen Raum einnehmen, mehr Menschen werden gebraucht werden,
und es können um entsprechende Initiativen schöne Lebensformen
entstehen. Und wenn ihr pfeift - das soll nicht dekretiert werden, sondern
die, die losgehen wollen, sollen positive Rückkopp-lung haben und
das Nötige an Investitionen.
Ökonomiegeschichtlich gesehen müssen wir wieder Physiokraten
werden, d. h. die primäre Produktion auch primär behandeln
und bewerten, unser Verhältnis zur Erde, zum Boden, zu Gewässern
und Lüften, zu Pflanzen und Tieren zum Ausgangspunkt der ganzen
gesellschaft-lichen Perspektiv- und Rahmenplanung machen.
Wolfgang Berghofer: Kollege Bahro, es tut mir leid, wir sind zeitlich
am Ende, ich bitte Sie um den Schlußsatz. (Beifall)
Rudolf Bahro: Ja, also ich denke, ich habe das Wesentliche meiner Orientierung,
meiner Bot-schaft euch sagen können und ich danke euch dafür,
daß das möglich war. Das ist auch erst einmal genug. (Beifall)
Quelle: http://www.sozialisten.de
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