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Klima
und Energie in den Mittelpunkt
Götz Brandt
In den Umfragen dümpelt die Linke um die 9 Prozent Wählerstimmen.
Als Sammlungsbewegung mit großer Bandbreite ist die vereinigte
Linke für die Wähler offensichtlich nicht attraktiv und überzeugend
genug. Es gelingt kein Durchbruch zu mehr Wählerstimmen.
Wir brauchen ein Topthema, mit dem wir in die Medien kommen, das bei
der Bevölkerung ankommt und uns in der Herangehensweise von anderen
Parteien unterscheidet. Dieses Thema muss folgende Bedingungen erfüllen:
Es muss aktuell sein und über mehrere Wahlperioden bleiben. Jeder
muss von diesem Thema betroffen sein und sich damit angesprochen fühlen.
Von diesem Thema müssen wir auf unsere Kernthemen Friedenspolitik,
soziale Sicherheit, Ökologie, Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit
und Verfassungsmäßigkeit kommen können.
Nur eine Thematik erfüllt gegenwärtig und zukünftig
in idealer Weise diese Forderungen: Klima in Verbindung mit Energie.
Sie stehen in einem dialektischen Zusammenhang, es gibt mannigfaltige
Beziehungen beider Themen, es gibt widersprechende Tendenzen in ihrer
Entwicklung, nur in der Synthese beider Themen gibt es Lösungen,
die Klimagasanreicherung in der Luft führt zu einer neuen Klimaqualität,
Klima- und Energiepolitik sind wechselseitig abhängig. Daran kommen
die Parteiprogrammstrategen für das neue Programm der vereinigten
Linken nicht vorbei.
Das Zeitfenster, in dem noch eine Abbremsung des Klimawandels möglich
ist, geben Experten mit 15 Jahren an. Findet in dieser Frist nicht
ein grundlegender Wandel in der Energiepolitik und im Abbau der Luftverschmutzung
statt, dann kommt es zu einer dauerhaften Heißzeit, wie es sie
auf der Erde seit Jahrmillionen nicht mehr gegeben hat, mit Verwüstung
ganzer Kontinente.
Legen wir den Maßstab unserer oben genannten Forderungen an:
Die Klimaveränderungen werden in dramatischen Auswirkungen in
den nächsten 100 Jahren die Menschheit treffen und damit in der
Politik ein »Dauerbrenner« sein. Die Klimaänderungen
und in ihrem Gefolge lokale Katastrophen werden nicht nur den Deutschen
und Europäern, sondern allen Völkern der Welt einen »ökologischen
Umbau der gegenwärtigen Produktions- und Lebensweise« abverlangen,
der »umfassender und komplizierter sein wird, als alle vorhergegangenen
Umwälzungen und Reformen der Menschheit« (Parteiprogramm
der Linkspartei). Wir haben es hier also mit einem Politikfeld zu tun,
auf dem sich die Funktionäre und Mandatsträger der Partei
Kenntnisse aneignen und einen Standpunkt erarbeiten müssen. Nicht
nur in Deutschland ist vom Problem der Klimaänderung und Energieversorgung
jeder Mensch heute und zukünftig einschließlich der nächsten
Generationen betroffen. Deshalb lassen sich mit diesen Themen die linken
Forderungen nach internationaler Verantwortung und Solidarität,
sozialer Gerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Arbeitsmarktpolitik
usw. gut verbinden und aktuell darstellen. Klima und Energie ist als
ein zentrales Politikthema geeignet.
Die Regierung hat auf dem Gebiet der Energiewende und der Klimagasreduzierung
versagt. Alle ungenügenden Zielstellungen sind nicht erreicht
worden. Auch die grüne Oppositionspartei führt keine kompromisslose
Kampagne gegen die Klimaänderung und für die Energiewende
durch. Der Einfluss der Industrie auf die Regierung hat eine neue Qualität
erreicht. Die Industrie braucht keine Lobby mehr, die Vorstandsvorsitzenden
geben als »Berater der Kanzlerin« direkte Anweisungen,
was sie im Interesse der Wirtschaft auf dem Standort Deutschland zu
tun hat. Die verantwortungslose und profitgierige Einstellung der Monopolchefs
kann heute am besten auf dem Gebiet der Energie dargestellt werden.
Wir müssen die Handlungen der Exponenten der Shareholder ins Visier
nehmen und ihre die Menschheit bedrohenden Wirtschaftsmaßnahmen
als das analysieren und erklären, was sie sind: ausschließlich
Maßnahmen zur Profitmaximierung. Es ist für die Linkspartei
weniger »gefährlich«, diejenigen Menschen unseres
Volkes mit Namen, Adresse und Funktion zu benennen, die unser Volk
sehenden Auges in die Katastrophe führen als über Dogmen
der kapitalistischen Gesellschaft zu referieren.
Die Linkspartei hat schon eine gute Konzeption zur Politik der Stromversorgung
als Vorstandsbeschluss verabschiedet. Es fehlt noch ein Beschluss zu
den ebenfalls wichtigen Themen der Wärmeversorgung und der Mobilität.
Erst alle drei Gebiete zusammen lassen eine in sich geschlossene und
abgestimmte Aussage zur Energiepolitik und der Verhinderung des Klimawandels
zu.
Eine zu erarbeitende Konzeption muss für Mann/Frau auf der Straße
leicht fassbar, einleuchtend, realisierbar und zwangsläufig sein.
Das müssen Vorschläge für die nächsten 15 Jahren
sein, die über die Vorschläge der Grünen hinausgehen
und zu einer Einschränkung der Macht der Energiemonopole führen.
Dazu ist eine enge Zusammenarbeit mit den Umweltverbänden notwendig,
denn diese haben entsprechende Konzeptionen bereits ausgearbeitet.
Die Linkspartei muss den Schulterschluss zu den NRO's finden und gegen Überbrückungs-
und Scheinlösungen, die nur den Status quo stabilisieren sollen,
mit Kritik und Alternativvorschlägen angehen.
An die Klima- und Energiepolitik lassen sich alle übrigen Politikfelder
ankoppeln. Im Herbst will die Linkspartei eine Bundeskonferenz »Klima-Energie-Arbeit« in
Hamburg durchführen und z. B. nachweisen, dass eine dezentrale
erneuerbare Energiegewinnung ein Arbeitsplatzmotor ist.
Sehr gut lässt sich die Energiepolitik mit der Friedenspolitik
verbinden. Unabhängigkeit von Energieimporten erübrigt imperiale
Rohstoffkriege. Die deutschen Imperialisten sind wieder einmal bei
der Energierohstoffverteilung in der Welt zu spät gekommen und
Kanzlerin Merkel will das durch von ihr eingeleitete Maßnahmen
wettmachen.
Da lässt sich einfach nachweisen, dass der Wirtschaftskrieg der
Monopole nicht nur gegen andere Konkurrenten und rohstoffreiche Länder
geführt wird, sondern auch gegen das Prekariat im eigenen Lande.
Hohe Rohstoffpreise treffen zuerst die Armen. Damit wird die Verbindung
zur Forderung nach Gerechtigkeit hergestellt. Alle Politikfelder lassen
sich an die Energiepolitik ankoppeln und werden dadurch aktuell, praxisbezogen
und medienwirksam.
Neues Deutschland 11.5.2007
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