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Die Ökologie muss die zentrale Bedeutung
bekommen
Götz Brandt und Manfred Wolf
Wer heute in den Industriestaaten wirksame ökologische Politik,
also Politik für die Menschen und ihre Zukunft machen will, muss
in den Schwerpunktbereichen der Wirtschaft und Politik entschieden und
konsequent antikapitalistische Positionen vertreten. Das heißt:
statt Wirtschaftswachstum spürbare Einschränkung des Ressourcen-
und Energieverbrauchs, statt Einvernehmen mit den Neoliberalen nach der
Formel Gleichrangigkeit zwischen Wirtschaft, Ökologie und Sozialem,
Vorrang der Ökologie.
Mit Rücksicht auf die Überlebenschancen künftiger Generationen
muss der Ressourcenverbrauch der Industrie um 80 Prozent abnehmen, die
Industrieproduktion muss zurückgefahren werden. Ein solches Ziel
ist unter Kapitalmacht schwer durchsetzbar, aber es ist politisch richtig,
weil es den Raubbau an den Ressourcen und die damit verbundene Umweltzerstörung
unterbinden will, und es muss nicht ein Sinken des Lebensstandards zur
Folge haben.
Wird auf Wegwerfartikel und modische Neuerungen verzichtet und werden
stattdessen langlebige und reparaturfähige Güter erzeugt, die
ein Leben lang halten, dann könnte schon die Hälfte des Materials
eingespart werden. Dabei reden wir noch nicht über Notwendigkeit
oder Nichtnotwendigkeit der Rüstungsproduktion und der Produktion
sonstigen Zivilisationsmülls, die der Menschheit mittels ausufernder
Werbeindustrie und Propaganda als lebenswichtig aufgedrängt werden.
Das Totschlag-Argument, dass bei einem Zurückfahren der Produktion
Arbeitsplätze verloren gehen, zieht nicht, denn die Linkspartei
hat viele Vorschläge, wie Arbeit auf alle, die arbeiten wollen,
gerecht verteilt werden kann.
Mit einer Forderung nach Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen
durch Industrie, Energiewirtschaft, Verkehr und Heizungsanlagen muss
die Linkspartei weiter gehen als andere und als sie es bisher tut. Denn
die Industrieländer sind die Verursacher der anstehenden Klimaveränderungen
und die Staaten in den Tropen und Subtropen die Hauptleidtragenden. Eine »solare
Energierevolution« könnte in Deutschland in den nächsten
20 Jahren zu Ende geführt werden. Die Industriekapazitäten
und Investitionsmittel sind dafür heute schon vorhanden. Die Linkspartei
muss das Verbot des Neubaus oder der Erneuerung vorhandener fossiler
Großkraftwerke und den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie
fordern.
Wer heute Politik für die Menschen und die Zukunft machen will,
muss sich für mehr Demokratie entscheiden. Mehr Demokratie im Sinne
von Zukunftsfähigkeit, also auch einer vor künftigen Generationen
vertretbaren wirtschaftlichen Tätigkeit, ist nur möglich, wenn
die wichtigen Entscheidungen des Lebens der Gesellschaft nicht den Banken
und Wirtschaftsvereinigungen überlassen werden. Zu diesen Entscheidungen
gehören vor allem die mit Krieg und Frieden verbundenen, aber auch
solche über Entwicklungsrichtungen von Wissenschaft und Technik.
Der Irrglaube an die Freiheit der Wissenschaft als Maxime des Handelns,
dem auch Linke anhängen, gibt den Konzernen die Möglichkeit,
die wissenschaftliche, technologische und damit auch weitgehend die gesellschaftliche
Entwicklung in eigener Machtvollkommenheit festzulegen. Zwillingsbruder
dieses Irrglaubens ist die Fortschrittsgläubigkeit, der die Menschen
unter der suggestiven Einwirkung der Regierenden, der Medien und der
Werbung so gern erliegen. Dabei wird leicht übersehen, dass wissenschaftliche
und technische Neuerungen in der Vergangenheit auch großes Unheil
für die Menschheit brachten und solches auch für die Zukunft
droht, wenn nicht die Gesellschaft als Ganzes die souveränen Entscheidungen
trifft.
Zukunftsfähige Politik, die unsere natürlichen Lebensbedingungen
erhalten soll, kann nur tragfähig sein, wenn sie internationalistisch
ist. Internationalistische Politik verlangt von den Industriestaaten,
die ihren Entwicklungs- und Lebensstandard der nahezu gegenleistungsfreien
Ausbeutung der Natur und anderer Völker verdanken, etwas völlig
Neues, wozu sie eigentlich auf Grund ihrer kapitalistischen Ordnung nicht
in der Lage sind: Zunächst haben sie als Hauptumweltverschmutzer
auch den Löwenanteil bei der Reduzierung der Schadstoffemissionen
zu erbringen. In einer neuen und gerechten Weltwirtschaftsordnung müssen
die ausgebeuteten Länder endlich frei über ihre Ressourcen,
ihre Produktions- und Lebensweise entscheiden können. Es muss Schluss
sein mit der Verlagerung umweltschädigender Produktion in diese
Länder.
Zukunftsfähige Politik für die Menschen kann schließlich
nur funktionieren und Bestand haben, wenn es gelingt, Mehrheiten dafür
zu gewinnen. Das ökologisch Notwendige muss eng mit dem sozial Machbaren
korrelieren. Die rot-grüne wie auch die Regierung der großen
Koalition gaben und geben mit ihrer Politik des Sozialabbaus eine Vorstellung
davon, wie sie auch auf die wachsenden Probleme der ökologischen
Krise zu reagieren gedenken. Die Linke muss dem ihr eigenes Konzept entgegenstellen.
Dabei geht es sowohl um eine gerechtere Lastenverteilung, als auch um
Einschränkungen des materiellen Verbrauchs, vor allem der Gesellschaft
als Ganzes, aber auch ihrer Mitglieder. Auch dabei müssen die Menschen
selbst entscheiden, wie es in der Erklärung des Bundestreffens der Ökologischen
Plattform heißt, »bis zu welchem Umfang ihr eigener materieller
Verbrauch für ein sinnerfülltes Leben erforderlich ist und
wo die Luxus- und ›Müll‹-Produktion sinnlos und für
ihr und ihrer Kinder Leben schädlich ist«.
Die neu zu gründende Linkspartei muss sich bei der Erarbeitung eines
Programms darüber klar werden, dass es an der Zeit ist, der Ökologie
die zentrale, alle Bereiche durchdringende Bedeutung einzuräumen,
die ihr auf Grund der bedrohlichen Lage zukommt. Sie muss sich darüber
klar werden, dass sie die einzige Partei in Deutschland sein wird, die
in der Lage ist, sich daraus ergebende Erfordernisse für die Politik
in der notwendigen Radikalität zu formulieren und für deren
Durchsetzung einzutreten. Der Ernst der Lage erfordert solche Fragen
aufzuwerfen, die tief in die herrschenden gesellschaftlichen Strukturen
eingreifen, wie die nach direkter Demokratie, nach dem Eigentum an Grund
und Boden, Banken und den wichtigsten Produktionsmitteln, nach Dezentralisierung
der ökonomischen Macht und Regionalisierung wirtschaftlicher Kreisläufe,
nach erheblicher Reduzierung des materiellen Verbrauchs, Einstellung
der Rüstungsproduktion und Abschaffung der Armeen. Es muss klar
gemacht werden, dass die Menschheit nur durch einen demokratischen Sozialismus
gerettet werden kann. Eine allgemeine Verarmung ist damit dank des erreichten
Standes der Kenntnisse und der Produktivkräfte nicht angesagt. Jedoch
ist der Hinweis Mahatma Gandhis zu beherzigen: »Die Erde gibt uns
genug für jedermanns Bedürfnisse, nicht aber für jedermanns
Gier«.
Prof. Dr. Götz Brandt, Eggersdorf (Brandenburg), geboren 1931,
und Manfred Wolf, Berlin, geboren 1936, früher Mitarbeiter im außenpolitischen
Dienst der DDR, sind Sprecher der 1994 gegründeten Ökologischen
Plattform bei der Linkspartei.PDS.
18.08.2006, Neues Deutschland
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