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Zu wenig
Power beim aktuellen Top-Thema
Eva Bulling-Schröter
Die Frage, wie »grün« die Linke ein muss oder sein
darf, hat manche meiner KollegInnen in der Fraktion arg irritiert.
Den Grünen hinterherlaufen? Nach Hartz IV und Kriegseinsätzen?
Nur um Mittelstandsökologen zu kopieren? Abgesehen vom Mangel
an dialektischem Humor – ich kann die GenossInnen beruhigen.
Es geht den UmweltpolitikerInnen der Bundestagsfraktion keinesfalls
darum, die Linke ökologisch mit Rezepten konkurrierender Parteien
zu beglücken. Grün steht schließlich für weit
mehr als für Bündnis 90/Die Grünen. Es ist international
die Farbe der Umweltbewegung, des Engagements für den Schutz bedrohter
Natur.
Sofort muss ich die Zweifler aber wieder aufrütteln. Denn die
Grünen in Deutschland bleiben natürlich in der öffentlichen
Wahrnehmung Maßstab für glaubhaftes Engagement im Umweltschutz.
Angesichts der enorm an Fahrt gewonnenen Klimadebatte hat dies im Parteienwettstreit
Gewicht. Ob das nun allen GenossInnen passt, ist unerheblich. Es wird
letztlich von den Wählerinnen und Wählern entschieden.
Eine Momentaufnahme dessen, was den Linken an umweltpolitischen Know-How
zugetraut wird, hat die Frankfurter Rundschau mit einer Umfrage im
März abgebildet: Danach wird von der Bevölkerung weder der
Linkspartei.PDS noch der WASG umweltpolitische Kompetenz zugeschrieben.
Die Zeitung sieht beide Parteien in der aktuellen Diskussion »mit
Null-Punkten sogar als klimapolitische Totalausfälle«.
Der Unterschied zwischen Linken und Grünen besteht in dieser Frage
weniger in der fachlichen Kompetenz in umweltpolitischen Fragen. Hier
hat die Linkspartei in der Vergangenheit eine Menge aufgeholt, wenn
auch auf vergleichsweise wenig Köpfen verteilt.
Der entscheidende Unterschied ist die Glaubwürdigkeit. Die Leute
ahnen: Ein Funktionär der Grünen könnte auf Parteitagen
Prügel beziehen, wenn er vor der Kohle- oder Autobahnlobby einknickt.
Bei den Linken wäre dies ein eher unwahrscheinliches Szenario,
sofern dabei vermeintlich Arbeitsplätze heraussprängen.
»
Ja, aber dafür ziehen wir nicht in den Krieg und kämpfen
gegen Hartz IV!« Genau. Und darum ist es ja so tragisch, dass
die einzige konsequent antimilitaristische Partei mit glaubhaftem sozialem
Gewissen bislang so wenig Power in das aktuelle Top-Thema der Menschheit
investiert hat – dem Kampf gegen Klimawandel und Ressourcenplünderung.
Denn die Aufgaben, die hier zu lösen sind, bräuchten eine
starke Linke mit frischen Ideen.
Diese kann man sich nicht einfach bei den Grünen abholen, das
ist wahr. Schließlich haben maßgebliche Funktionäre
dieser Partei mehr als einmal bewiesen, dass es ihnen gleichgültig
ist, ob bei der Ökosteuer oder im Emissionshandel Großunternehmen
entlastet werden oder gar zusätzliche Gewinne scheffeln, während
Geringverdiener, Rentner und Studenten nur draufzahlen. Sie müssen
sich auch nicht um die Kumpel kümmern, die im schrumpfenden Kohlebergbau
auf die Straße fliegen. Das sind nicht ihre Wähler. Sicherlich
streben die Grünen im ökologischen Umbau keine soziale Ausgrenzung
an, aber sie nehmen sie hin.
Was die Zielrichtung angeht, so bleiben die zügige Abkehr von
fossilen Rohstoffen hin zu einer regenerativen Erzeugung von Strom,
Wärme und Mobilität sowie eine konsequente Energieeinsparpolitik
zentrale Bausteine zukunftsfähigen Wirtschaftens. Einige Elemente
dahin haben Grüne und auch umweltpolitisch engagierte Sozialdemokraten
auf den Weg gebracht, die PDS hat dies unterstützt. Beispielsweise
das erfolgreiche Erneuerbare-Energien-Gesetz.
Die notwendigen Einsparungen für einen klimaverträglichen
Pfad sind jedoch derart drastisch (in Deutschland minus 80 Prozent
CO2 bis 2050 gegenüber 1990), dass es fraglich ist, ob diese mit
der gegenwärtigen Art kapitalistischen wachstumsfixierten Wirtschaftens überhaupt
erreichbar sind.
Das Primat von Profitmaximierung, Privatisierung und Wettbewerb um
jeden Preis scheint damit schon jetzt überfordert. Schließlich
liegt der CO2-Ausstoß in der Bundesrepublik wieder über
dem von 1999. Die Linke muss dem Modell eines grün angehauchten
Neoliberalismus, wie er gegenwärtig nicht nur von den Grünen
unter Labels wie »ökologische Marktwirtschaft« oder »ökologische
Industriepolitik« vorangetrieben wird, kraftvolle und schlaue
Konzepte entgegensetzen.
Ihr Engagement wird dafür gebraucht, den ökologischen Strukturwandel
so mitzugestalten, dass er weder auf Kosten der sozial Schwachen noch
zu Lasten von Millionen von Menschen in den Ländern des Südens
geht. Und sie hat gefälligst mit dafür zu sorgen, dass er überhaupt
stattfindet.
Denn Stagnation im Klimaschutz heißt nichts anderes als zunehmende
Dürren, Fluten und Stürme. Das bedeutet vor allem in armen
Ländern Hunger und Wassermangel, bedeutet neue Konflikte in vielen
ohnehin spannungsgeladenen Regionen der Welt. In der Konsequenz reden
wir über Tod und Armut, über eine ökologische Aggression
des Nordens gegenüber dem Süden.
Eine Art Arbeitsteilung zwischen einer Umweltpartei (den Grünen)
und einer Partei mit sozialem Schwerpunkt (den Linken), wie es einst
Spitzenfunktionären der PDS vorschwebte, wird es also nicht geben
können. Will unsere neue Partei Erfolg haben, so muss sie ihr ökologisches
Profil stärken. Nicht nur wegen Erdatmosphäre, biologischer
Vielfalt und Konfliktprävention. Auch um mit stärkerem Nachdruck
soziale Komponenten im ökologischen Umbau einfordern zu können.
Zudem muss sie mehr eigene umweltpolitische Instrumente entwickeln,
die diesem integrierten Ansatz gerecht werden. Dafür braucht es
geballte Kompetenz. Gefragt sind hier neben Umwelt- und SozialpolitikerInnen
ebenso ExpertInnen aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzen und Sicherheitspolitik.
Der Parteivorstand der Linken und die Bundestagsfraktion stellten kürzlich
wichtige Weichen. Der Klima- und Energiepolitik wird deutlich mehr
Raum eingeräumt. Nun kommt es darauf an, den Prozess in die Breite
der künftigen Partei zu tragen. Erfolg hätten wir vielleicht
dann, wenn die Konkurrenz irgendwann einmal titelt »Wie links
müssen die Grünen sein?«
Neues Deutschland 11.5.2007
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