Wie Retro ist die Wahlalternative?
Ökologen aus Linkspartei.PDS und WASG trafen am
Wochenende in Berlin aufeinander
Heiko Balsmeyer
Nach Debatten über den Widerspruch zwischen Ökonomie
und Ökologie sowie Versuche der näheren Bestimmung
eines Ökosozialismus widmete sich die Ökologische
Plattform bei der Linkspartei am Wochenende in Berlin der globalen ökologischen
Krise. Das Fundament der Debatte legten die Kapitalismuskritiker
Thies Gleiss aus dem Bundesvorstand der WASG und Winfried Wolf,
ehemaliger Bundestagsabgeordneter der PDS. Wolf betonte die
Macht der globalen Konzerne anhand der »Global 500«-Liste
der umsatzstärksten Unternehmen in der Welt. Diese wird
jährlich vom Wirtschaftsmagazin Forbes aufgestellt. Aufgelistet
sind 500 Unternehmen, welche 45 Prozent des Weltsozialprodukts
repräsentieren und fast 50 Millionen Menschen auf dem
Globus beschäftigen. Die Konzernzentralen sind regional
in der Triade, also den USA, Japan und in der EU beheimatet.
Für die Umweltfolgen wichtig ist, auf welchen Produkten
die Profite dieser Konzerne beruhen. So resultiert der Umsatz
von etwa 60 der 100 stärksten Industriekonzerne nach Wolfs
Berechnungen aus Geschäften mit Öl, der Ölverarbeitung
oder der Autoindustrie.
Abhängigkeit vom Öl steigt weiter
Diese weiter steigende Abhängigkeit der Weltwirtschaft
vom Öl wirft allerdings zunehmend mehr Probleme auf. So
ist Öl nicht unendlich verfügbar, und seine verbleibende
Förderung wird sich auf den Nahen wie Mittleren Osten sowie
das Kaspische Meer konzentrieren. Mit der zunehmenden Knappheit
fossiler Ressourcen steigt die Konkurrenz um diese Rohstoffe
und damit auch die Kriegsgefahr.
Thies Gleiss zeichnet im Bundesvorstand der WASG für den
Bereich Ökologie verantwortlich. Er etikettierte die WASG
selbstkritisch als »Retropartei«. Dort werde konventionelles
Wachstum mit staatlicher Regulierung und Umverteilung gefordert.
Für Gleiss kann es aber einen solchen ökologischen
und sozialen Kapitalismus nicht geben. Dies begründete er
mit den Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise.
So gebe es einen Widerspruch zwischen der Rationalität des
Handelns Einzelner mit der Irrationalität des Gemeinwesens.
Es sei für die Unternehmen einfach profitabel, Kosten zu
externalisieren. Umweltzerstörung ist daher eine rationale
Unternehmensstrategie zur Profiterhöhung. Die Umweltzerstörungen
wurden durch die Umweltbewegung ins öffentliche Bewusstsein
gebracht. Die bürgerliche Klasse ist nach der Analyse von
Gleiss dadurch wirklich herausgefordert worden. Die herrschende
Klasse habe Angst davor bekommen, seinen Anspruch auf den Fortschrittsbegriffs
zu verlieren. Allerdings sei in Westeuropa unterdessen bereits
eine sehr erfolgreiche Strategie zur Bearbeitung dieser Herausforderung
gefunden worden. Durch die Gründung grüner Parteien
wurde die Umweltbewegung domestiziert und der systemfeindliche
Stachel gezogen.
Ökobewegungen längst vereinnahmt
Durch den Erfolg solcher Einbindung haben die neuen sozialen
Bewegungen, neben der Friedens- und Frauen- auch die Umweltbewegung,
die Arbeiterbewegung als neuer revolutionäres Subjekt nicht
abgelöst. Gleiss sieht daher die Notwendigkeit, die alten
Strukturen der Arbeiterbewegung mit dem Thema der Umweltbewegung
weiterzuentwickeln. Gleichzeitig hält er die Wiederbelebung
einer Widerstandskultur für notwendig. Es fehle ein gesellschaftlich
formuliertes Nein.
Im Zentrum der anschließenden Diskussion standen die möglichen
Handlungsmöglichkeiten. Dabei wurde erwartungsgemäß auch
Kritik an der Führung der Linkspartei.PDS geübt. So
unterstütze diese Widerstand zu wenig, überschätze
das Potenzial parlamentarischer Politik und würde Harmoniemodellen
anhängen, statt die Widersprüche zu betonen. Der aus
der PDS ausgetretene Winfried Wolf bestätigte dies aus seiner
parlamentarischen Erfahrung. Die notwendige Verstärkung
der Basisaktivitäten durch die Parlamentsfraktionen gebe
es nicht. Er setze eher auf Graswurzelbewegungen.
Als Erfolg wird von den Umweltaktivisten die programmatische
Festlegung der Linkspartei auf eine solare Vollversorgung mit
erneuerbaren Energien gesehen. Eine konsequente Politik in diese
Richtung könne revolutionäre Wirkungen entfalten. Nun
müssen daraus für die unterschiedlichen politischen
Ebenen die Handlungsnotwendigkeiten aufgezeigt und auch praktisch
angegangen werden. Auch Thies Gleiss unterstrich die wichtige
Rolle einer solchen Strategie: »Ohne erneuerbare Energien
wird es keine menschliche Zukunft geben.«
Neues Deutschland, 28.11.2005