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Wachsen
oder Schrumpfen?
Prof. Götz Brandt
Eine Diskussion über Wirtschaftswachstum ist in der Linkspartei
und auch der WASG überfällig. Das Parteiprogramm lehnt Wirtschaftswachstum
prinzipiell nicht ab, schränkt aber die Zielstellung ein: Der
Typ des Wirtschaftswachstums soll sich ändern, die Sackgasse eines
sozial und ökologisch zerstörerischen Wachstums muss verlassen
werden, eine andere Regulation der Wirtschaft ist notwendig, aber ein „Konzept
dynamischer Wirtschaftsentwicklung“ wird gebraucht.
Nun haben wir seit Jahren in der BRD kein Wirtschaftswachstum mehr. „Nullwachstum“ und „Negativwachstum“ sind
Synonyme für Wirtschaftsschrumpfung. Kein Politiker traut sich
aber, diese Wahrheit den Wählern mitzuteilen, geschweige denn
vom Fetisch Wachstum abzurücken. Dabei zeigt sich, dass Wirtschaftswachstum
in den USA zum Abbau von Vollzeit-Arbeitsplätzen führt, die
soziale Sicherheit abnimmt und die Staatschulden wachsen.
Nicht auf der Höhe der Zeit
Die programmatischen Zielstellungen der Linkspartei befinden sich
nicht auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Bereits
vor über 30 Jahren hatte der Club of Rome das „Ende des
Wachstums“ prognostiziert. Die Rohstoffe sind bekanntlich endlich
auf dieser Welt und werden bei weiterer Industrialisierung auch Indiens
und Chinas in wenigen Jahrzehnten zur Neige gehen, sind bis dahin aufwendiger
zu gewinnen und werden damit teurer. Das merken wir jetzt schon.
Eine auf künftige Generationen Rücksicht nehmende Politik
wäre das Gebot der Stunde und müsste ins Parteiprogramm aufgenommen
werden. Der Ressourcenverbrauch muss eingeschränkt werden, die
Industrieproduktion muss zurückgefahren werden. Das betrifft vor
allem die Industrieländer, die mit 20 % der Weltbevölkerung
gegenwärtig 80 % der gehandelten Ressourcen verbrauchen.
Ein Rückgang der Industrieproduktion muss nicht unbedingt ein
Sinken des Lebensstandards zur Folge haben, wenn Wohlstand nicht nur
als höherer Verbrauch von materiellen Gütern verstanden wird.
Wird auf Wegwerfartikel und modische Erneuerungen verzichtet und werden
statt dessen langlebige reparaturfähige solide Güter produziert,
die ein Leben lang halten, dann könnte schon die Hälfte des
Materials eingespart werden. Vorliegende Forschungsergebnisse zu Langzeitautos
werden z. B. von der Autoindustrie nicht genutzt, denn bei sinkendem
Absatz würden die Profite schnell dahinschwinden.
Was Märkte nicht können
In der Marktwirtschaft kann die notwendige Ressourceneinschränkung
nicht zu Stande kommen, das kann nur über das Primat der Politik
erfolgen. Was können Märkte nicht? Die Tragfähigkeit
der Erde bestimmen; aufzeigen, ob der Kundenwunsch ein Grundbedürfnis
oder ein Luxuswunsch ist; anzeigen, wo die Bedürfnisbefriedigung
aufhört und Unersättlichkeit, Raffgier und Neid beginnen.
Im Parteiprogramm wird festgestellt, dass der „ökologische
Umbau der Produktions- und Lebensweise notwendig ist“ und dass
dieser Umbau „umfassender und komplizierter als alle vorangegangenen
Umwälzungen und Reformen in der Geschichte der Menschheit“ sein
wird.
Dieser Umbau soll jedoch mit „neuer Art des wirtschaftlichen
Wachstums“ erreicht werden. Diese Zielstellung ist eine Illusion,
wissenschaftlich nicht fundiert und gehört nicht in das Parteiprogramm.
Neues Deutschland, 14.07.2006
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