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Leserbriefe
zum Thema Wirtschaftswachstum
ND 28.08.2006: Ökologie nicht losgelöst sehen
Die radikale Forderung nach „Vorrang der Ökologie“ ist
als Aufschrei gegen die fortschreitende Zerstörung unseres Planeten
sicher berechtigt. Aber sie darf keineswegs als Abschwächung der
anderen Lebensprobleme der Menschheit missverstanden werden. Unser
Planet hat nur eine Überlebenschance, wenn zugleich auch die Bedrohungen
großer Teile durch Kriege und Massenverelendung verhindert werden.
Kriege großen Ausmaßes, zum Beispiel um Öl- und Wasserquellen,
bedrohen schon heute ganze Weltregion. Das komplex verflochtene „Überlebensdreieck“ Frieden
- Arbeit- Umwelt darf bei einem Postulat „Vorrang Ökologie“ keinesfalls
aus dem Blickfeld geraten.
Die Autoren unterliegen einem fragwürdigen Denkschema, demzufolge „die
Menschheit nur durch einen demokratischen Sozialismus gerettet werden
kann“. Ein demokratischer Sozialismus ist bekanntlich seit rund
anderthalb Jahrhunderten Kampfziel von Sozialisten in aller Welt. Aber
es ist bisher nirgendwo dauerhaft erreicht worden. Erneut auf unbestimmte
Zeit darauf zu warten, um danach die Menschheit „zu retten“,
wäre der sichere Untergang. Deren Rettung ist längst zur
unaufschiebbaren Tagesaufgabe geworden.
Der Beitrag beruht auf falschen Vorstellungen vom Wirtschaftswachstum
in den hoch entwickelten Industrieländern. Weil die Autoren offenbar
nur die extensive Form des Wachstums akzeptieren, das heißt Wirtschaftswachstum
durch Erweiterung des Produktionsfeldes „in der Breite“ bei
absolut wachsendem Ressourcenverbrauch und höherer Umweltbelastung,
fordern sie eine generelle Wachstumsbeschränkung. Sie negieren
damit ein qualitatives Wirtschaftswachstum „in die Tiefe“ bei
dem das Produktionsfeld durch Wissenschaft, Technik und Qualifikation
ergiebiger und fruchtbarer gemacht wird. Nicht genereller Wachstumsverzicht
ist daher der Programmatik der Linken zu empfehlen, sondern konsequente Änderung
des Wachstumstyps hin zu einem Rohstoffe sparenden, die Umwelt schonenden
und Arbeit fördernden lebensnotwendigen und nachhaltigen Wirtschaftswachstum.
Falsche Vorstellungen vom Wirtschaftswachstum gehen mit eben solchen
von der Entwicklung der menschlichen Lebens- und Entwicklungsbedürfnisse
einher. Hatte Mitautor Manfred Wolf bereits vor Monaten im ND (16.6.06)
negiert, dass immer neue Bedürfnisse entstehen und damit den Wandel
in den menschlichen Bedürfnissen bestritten, so fordern er und
Götz Brandt nun offen „Einschränkungen des materiellen
Verbrauchs, vor allem der Gesellschaft als Ganzes, aber auch ihrer
Mitglieder“. Es geht ihnen also nicht allein um die Bekämpfung
von sinnloser Verschwendung, maßlosem Luxus, ausufernder Werbung
für Scheinbedürfnisse und Fehlentwicklungen, sondern um Einschränkungen
des materiellen Verbrauchs schlechthin. Statt eines allgemeinen nebulösen
Appells zu „Einschränkungen des materiellen Verbrauchs“ stehen
bessere Befriedung notwendiger Bedürfnisse aller und qulitiative
Veränderungen des Verbrauchs zur Diskussion.
Völlig unbeantwortet lassen die Autoren die Frage nach der Realisierbarkeit
ihrer Konzepte. Radikales ökologisches Umdenken ist das eine,
dessen gesellschaftliche Durch - und Umsetzung das andere. Allen voran
erhebt sich davei die brennende Frage: Welche sozialen Kräfte
sollen sich eigentlich die Forderungen nach Beschränkung des Wirtschaftswachstums,
Zurückfahrung der Industrieproduktion, Verbot des Neubaus oder
Erneuerung vorhandener fossiler Großkraftwerke und Einschränkungen
des materiellen Verbrauchs zu eigen machen und politisch durchsetzen?
Herbert Schwenk, 10369 Berlin
ND 4.9.2006: Auch Maya-Könige träumten vom Wirtschaftswachstum
zu: G. Brandt, M. Wolf: Die Ökologie muss die zentrale Bedeutung
bekommen, ND 18.8. & H. Schwenk: Ökologie nicht losgelöst
sehen, ND 28.8
Wenn man sich geschichtliche Beispiele untergegangener Kulturen und
Gesellschaften ansieht, dann fällt auf, die ökologischen
Rahmenbedingungen spielten dabei eine zentrale Rolle. Selbst kreative
und intelligente Gesellschaften sind zu Fall gekommen, weil sie zu
spät erkannten, daß sie sich auf veränderte Umweltbedingungen
einstellen mußten bzw. die Schäden wirtschaftlicher Tätigkeit
ihre Existenz unterminierten. Auch unterbrochene Handelsbeziehungen
und kriegerische Nachbarn konnten den Zusammenbruch beschleunigen.
Das spricht für Herbert Schwenk, alle Problemlagen integral zu
betrachten. Man muß sich darüber klar werden, es drohen
neue totalitäre Umschwünge, globale Bürgerkriege und
Unruhen, wenn die Grundlagen für die heutige Zivilisation wegbrechen.
Dabei ist eine besonders offene Variable, wie stark der Klimaumsturz
ausfallen wird. Gigantische Methanausdünstungen, die Fehlberechnungen
im Kontext des Verdunkelungseffektes u.a. dürften jede Prognose
schnell zum Abenteuer machen. Niemand vermag vorhersagen, ob wir überhaupt
mit einem Zeitfenster rechnen können, um auf kärglichstem
Niveau Lebensmöglichkeiten zu erhalten. 40% der globalen Nahrungsmittel
werden heute bereits in ariden Gebieten angebaut, anthropogen bedingte
Dürren mit Langzeitcharakter würden für Milliarden Menschen
das Ende bedeuten.
Vor diesem Horizont sind Diskussionen um verschiedenartige Wachstumswünsche
ein Randphänomen. Gewiß wäre es ein weniger schädliches
Wachstum, dürfte kein PKW mit einem Verbrauch von mehr als zwei
Litern Benzin auf 100 Km vom Band gehen. Allein der globale Massenfaktor
der Blechmobile läßt fraglich erscheinen, dies als Umweltvorzug
zu preisen. Könnte sich Deutschland weitgehend selbst mit ökologisch
angebautem Gemüse und Obst versorgen, so wäre dieses zeitlich
begrenzte Wachstum nicht zwingend zum Schaden. Der Umweltpolitiker
Herbert Gruhl wies jedoch nicht zu Unrecht in seinen Werken immer wieder
darauf hin, eine ständige Vermehrung von Wirtschaftsvolumen kann
nicht Sinn der Produktion sein. Er rechnete vor, wollte man über
100 Jahre ein jährliches Wirtschaftswachstum von 3% erreichen,
so würde sich die Volkswirtschaft um den Faktor 19 vergrößern,
auch bei „qualitativ umwelthaltigem“. Gewiß gibt
es Störfälle beim Wachsen. Wäre die Kernschmelze in
Forsmark eingetreten, dann gäbe es Ostseefisch nur noch mit Cäsiumeinlage,
für Landwirtschaft und Tourismusbranche im deutschen Nordosten
hätten die Totenglöckchen geschellt.
Herbert Schwenk vermißt bei den Plattform-Autoren das Subjekt
einer ökologischen Zeitenwende. Bleibt es beim jetzigen Stand,
so wird es so ausgehen wie um 800 bei etlichen Mayagesellschaften.
Eine Dürreperiode mit Spitzen löschte sie komplett aus. Bodenerosion,
hohe Bevölkerungsdichte, Kriege und nicht zuletzt eine Oberschicht,
die immer mehr vortrefflichere Luxusbauten errichtete, dürften
den Untergang besiegelt haben. Diese und andere Aspekte übrigens
brillant dargestellt in Jared Diamonds Buch „Kollaps“,
in dem er analysiert warum Gesellschaften überlebten oder nicht
- mit direktem Bezug auf die heutige Ökologiedebatte.
Aber wer sagt denn, daß es global 2025 keine ökologische
Kultur- und Volksbewegung geben könnte, angesichts der unübersehbaren ökosozialen
Krise, eine neue geistige Hegemonie, die den Herrschaftseliten das
Fürchten lehren wird? Die antiplutokratische Wendung des Ganzen
liegt in der Logik der Notwendigkeiten, ob man es sozialistisch nennen
wird, sei dahingestellt. Nur regionale Versorgung verbunden mit einem
kleinen Sektor ökoeffizienter Industrie könnte günstigstenfalls
künftig eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz wahren. Dies
enthebt niemanden nicht unmittelbar das Mögliche zu tun. Linkspartei
wie Grüne sollten den vollständigen Umstieg auf eine erneuerbare
Energieversorgung politisch beschleunigen, Produkte müssen mit
immer niedrigerem Energie- und Ressourcenverbrauch hergestellt werden
usw.
Marko Ferst, 15537 Gosen
ND 08.09.2006: Ökologie gehört in linke Programmatik
und Praxis
Die Forderung nach einer radikalen ökologischen Wende und Wachstumsverzicht
sowie deren Widerspieglung in der Programmatik der Linken resultiert
gewiss nicht aus der falschen Vorstellung von Wirtschaftswachstum in
den hoch entwickelten Industrieländern und der ausschließlichen
Akzeptanz der extensiven Form des Wachstums wie von Herbert Schwenk
im ND vom 28.8. vermutet, sondern sehr wohl aus jenem komplexen „Überlebensdreieck“ Frieden
- Arbeit - Umwelt, das ja Schwenk selbst nennt. Zukunftsforscher Dennis
Meadow sieht in seinem jüngsten Buch die Tragfähigkeit der
Erde bereits überschritten. Er hält Wirtschaftswachstum ohne
materielles Wachstum für möglich. An seine Stelle muss qualitatives
Wachstum bei Bildung, Dienstleistung und Kunst treten.
Qualifiziertes Wirtschaftswachstum „in der Tiefe“, das
klingt gut. Nur führten Wissenschaft und Technik unter obwaltenden
Bedingungen trotz vieler Möglichkeiten beispielsweise eben nicht
dazu, den PS.-Größenwahn und damit den Verbrauch in Folge
der individuellen Motorisierung der Gesellschaft durch die Auto- und
Luftfahrtindustrie zu bremsen. Der Ruf, die Ökologie nicht losgelöst
zu sehen, erschallt leider auch bei den Linken, meistens dann, wenn
es darum geht, programmatisches Neuland zu betreten, sich um unbequeme
Konsequenzen zu drücken oder sie vor sich her zu schieben.
Herbert Schwenk hat meines Erachtens Recht, wenn er die Frage stellt,
welche sozialen Kräfte die Forderung nach Beschränkung des
Wachstums eigentlich durchsetzen sollen. Nur stellt sich diese Frage
nicht nur für ökologische, sondern für die Gesamtheit
der Prozesse zur notwendigen Umgestaltung der Gesellschaft, für
eine nachhaltige Wirtschaftsordnung ebenso wie im Hinblick auf soziale
Gerechtigkeit. Aber alle drei Fragestellungen sind weder programmatisch
noch in der politischen Praxis der Linkspartei.PDS geklärt.
Tatsächlich geht es Manfred Wolf und Götz Brandt (ND vom
18.8.) nicht nur um die Bekämpfung von sinnloser Verschwendung
und maßlosem Luxus, sondern um die Einschränkung des materiellen
Verbrauchs. Und es geht ihnen auch nicht um die Negierung sich verändernder
menschlicher Bedürfnisse, sondern um die Zerstörung der kapitalistischen
Mythen zu dem auf materiellem Konsum basierenden Wirtschaftswachstum.
Demokratischer Sozialismus, so heißt es, ist eine Bewegung gegen
die Ausplünderung der Natur. Verliert man diesen Grundsatz programmatisch
aus dem Auge, dann schiebt man auch den ökologischen Umbau der
Gesellschaft vor sich her und wird dem Anspruch eines demokratischen
Sozialismus nicht gerecht.
Verweigern wir uns jeglicher kapitalistischer Wachstumseuphorie. Sie
beruht darauf, wenig Reiche und viele Arme zu haben. Was mir aber noch
wichtiger ist als die reine Programmatik, das sind jene Tagesaufgaben
wie etwa die Einschränkung des fossilen Energieverbrauchs, die
Unterstützung des Öko-Landbaus und der Kampf gegen genmanipulierten
Mais.
Ich verstehen die radikale Forderung nach „Vorrang der Ökologie“ nicht
nur, aber auch als Reaktion auf die schmerzliche Empfindung einer betonten
Zurückhaltung von gewählten Parteivorständen und Fraktionen
gegenüber ökologischen Ambitionen aus der Parteibasis. Ich
erlebe das hautnah in der politischen Praxis vor Ort. Da wird oft ausgewichen,
pragmatische Interessen, wie die Rücksichtnahme auf Kooperationspartner überaus
wichtig genommen, sich neuen Kompetenzfeldern und damit außerparlamentarischen
Bewegungen verweigert, Ich bin der Meinung, Ökologie muss in der
linken Programmatik und Praxis endliche einen zentralen Platz bekommen.
Friedrich Pietsch, 15344 Strausberg
ND 16.06.2006: „Angesagtes“ Ende der Bescheidenheit
(Zu Harry Nick „Genug ist nicht genug“ -ND 09.06.2006,
Wirtschaftskolumne)
Beim Lesen der Wirtschaftskolumne dürfte so mancher nicht aus
dem Staunen heraus gekommen sein. Um zu beweisen, dass sich Theorien über
den Zusammenbruch des Kapitalismus bisher allesamt nicht bewahrheitet
haben und dass dieser noch lange in der Lage sein könnte, immer
neue „Bedürfnisse“ zu kreieren, deren Befriedigung
immer größere Profite bringt und das System so am Leben
erhält, muss ja inzwischen kein Professor mehr bemüht werden.
Harry Nick sagt: „Der springende Punkt ist. Es e n t s t e h
e n immer neue Bedürfnisse.“ Sie entstehen also! Und um
gleich mal klar zu machen, dass es nicht um Kleckern sondern um Klotzen
geht, holt er gleich ein par dieser „Bedürfnisse“ aus
seiner Trickkiste hervor, wie fliegende Teppiche, Weltraumbesiedlung
oder die Verlagerung des Massengütertransports unter die Erde.
Das mit der Weltraumbesiedlung, falls uns die Erde zu eng oder zu heiß wird,
hat meine Mutter selig auch schon vorgeschlagen. Ein klarer Beweis
dafür, dass es sich hier um Bedürfnisse des einfachen Volkes
handelt. Was mich wundert, ist folgendes: Harry Nick spricht selbst
von der „Erschöpfung der fossilen Energieträger und
Rohstoffe“. Er weiß auch sicher vom ökologischen Zustand
unserer Erde und ihrer Atmosphäre, von dem er allerdings nicht
spricht, erklärt aber trotzdem zum Schluss: „Nicht Genügsamkeit
ist angesagt, sondern das direkte Gegenteil, das Ende der Bescheidenheit“.
„
Angesagt“ bedeutet in diesem Falle also sofort, nicht nur als
Theorie für eine Zukunft. Und es ist nicht als Verteilungsproblem
und nicht an Geringverdienende und ALG-II-Empfänger gerichtet
zu verstehen, sondern als Aufforderung zur Schaffung neuer Bedürfnisse.
Denn nur so kann ja die Wirtschaft gerettet werden. Ich meine: Wenn
die Menschheit in 1 000 Jahren noch in der Lage sein wird, frei über
Bescheidenheit oder nicht zu entscheiden, dann wird sie das zu gegebener
Zeit tun. Wir sollten heute zunächst mal daran denken, wie wir
unserenn Kindern und Enkeln eine Überlebenschance erhalten, also
die Umwelt wieder in Ordnung bringen. Das geht sicher nicht so, wie
es Harry Nick vorschlägt.
Manfred Wolf, 10178 Berlin
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