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»Schizophrenie« der
Klimapolitik
Kanzlerin redet viel und handelt wenig oder falsch
Wolfgang Methling
Die EU wird unter deutscher Ratspräsidentschaft beim Klimaschutz
nicht vorankommen, meint Wolfgang Methling, Vize-Bundesvorsitzender
der Linkspartei. Der Oppositionschef im Schweriner Landtag, der Ende
2005 als Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns an der Klimakonferenz
in Montreal teilnahm, fordert auch von seiner Partei, sie müsse
sich stärker den politischen Herausforderungen des Klimawandels
stellen.
ND: Vor fünf Jahren hat die EU die CO2-Reduktionsziele aus dem
Kyoto-Protokoll für die Mitgliedsländer festgelegt. Viele
Staaten liegen aber nicht im Plan. Hat sich das Kyoto-Protokoll dennoch
bewährt?
Wolfgang Methling: Das lässt sich noch nicht eindeutig
bewerten. Das Protokoll ist ein völkerrechtlich bindendes Instrument,
um Fortschritte bei der Reduktion der Treibhausgase zu erzielen. Die
Ergebnisse sind allerdings nicht befriedigend, und zwar weltweit. Im
Moment sprechen alle über den Klimawandel und die Notwendigkeit
der Reduzierung der CO2-Emission, gehandelt wird jedoch fast gegenteilig.
Deutschland liegt in etwa im Schrittmaß, aber die aktuelle Energiepolitik
trägt eher dazu bei, dass die Ziele verfehlt werden.
Der Emissionshandel soll zum Erreichen der Kyoto-Ziele beitragen.
Dieses Instrument ist bei Linken umstritten, da es der Marktlogik
unterliegt.
Ich verdamme marktwirtschaftliche Instrumente nicht, wenn sie der
Umwelt nützen. Wir brauchen die Einheit von ökologischem Denken
und ökonomischem Handeln. Letztendlich ist die Ökologie eine
Langzeitökonomie. Der Emissionshandel ist ein Instrument, dessen
Wirksamkeit weder eindeutig bewiesen noch widerlegt ist. Hier kommt
es auf die Feinjustierung an. Es sind sicherlich nicht alle Details
richtig ausgestaltet worden.
Was vermissen Sie dabei?
Einen echten Anreiz, dass Konzerne in neue,
umweltfreundliche Energieanlagen investieren. Im Übrigen müssten
weitere Bereiche,
wie der Flugverkehr, in den Emissionshandel einbezogen werden.
Beim Emissionshandel ab 2008 will die Bundesregierung die heimische
Industrie zu üppig mit CO2-Verschmutzungsrechten ausstatten,
kritisiert die EU-Kommission. Was ist da von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft
zu erwarten?
Ich bin sehr skeptisch. Die Kanzlerin spricht zur Vorbereitung
des EU-Gifpels und des G 8-Gipfels in Heiligendamm ständig über
Energiepolitik und Klimaschutz. Was mir aber fehlt, ist das Handeln.
Insofern gibt es eine Schizophrenie, nicht nur bei der Bundeskanzlerin.
Steinkohlekraftwerke werden forciert, was die CO2-Emissionen erhöht.
Und die Klimadebatte wird dazu benutzt, die Atomenergie wieder hoffähig
zu machen.
Und dadurch wird die Frage an den Rand gedrängt, wie der Anteil
der Erneuerbaren an der Energieversorgung erhöht werden kann.
An erster Stelle steht die Notwendigkeit, den Energieverbrauch drastisch
zu reduzieren. Aber auch bei den regenerativen Energien muss die Weichenstellung
von der Politik kommen. Es muss stärker die Weiterentwicklung
der Nutzung regenerativer Energien gefördert werden – wie
man Energie speichern, Sonnenenergie in Strom umwandeln, Erdwärme
oder Meeresenergie effektiver nutzen kann.
Die Klima- und Energiepolitik der Bundesregierung geht sicher
in eine falsche Richtung, aber sie scheint Chefsache zu sein. Würden Sie
sich auch von Ihrer Partei wünschen, dass sie dem Thema mehr
Bedeutung beimisst?
Ich habe gewisse Zweifel, dass dies in der Bundesregierung
wirklich Chefsache ist. Sonst würde die Kanzlerin eine Verpflichtung
spüren, Ordnung reinzubringen zwischen dem, was Herr Gabriel,
und dem, was Herr Glos sagt. Es gibt da erhebliche Unterschiede. Was
die Linkspartei.PDS betrifft, da haben Sie völlig Recht: Ich würde
mir von Verantwortungsträgern auf Bundes-, Landes- und kommunaler
Ebene wünschen, dass sie sich diesem Thema konsequenter widmen.
Ich glaube aber, dass wir schon ein gutes Stück vorangekommen
sind. Der Parteivorstand hat vor Kurzem sehr vernünftige Beschlüsse
zu Energiesicherheit und Klimaschutz gefasst. Wir werden im Herbst
einen Kongress veranstalten, der sich mit Energie und Arbeit beschäftigt.
Es gibt Befürchtungen, dass konsequenter Klimaschutz Strom oder
Autofahren stark verteuert. Ist es immer möglich, das Soziale
und Ökologische zu verbinden?
Es kann natürlich partiell Widersprüche geben. Ich will aber
sehr deutlich sagen: Wer dauerhaft ökologische Erfordernisse in
der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung vernachlässigt,
ist in der Sackgasse. Die DDR ist auch an ihren ökologischen Defiziten
gescheitert. Möglicherweise müssen heutige Generationen im
Interesse des sorgsamen Umgangs mit den Ressourcen höhere Energiepreise
zahlen, damit ihre Kinder und Enkel nicht in eine Situation kommen,
sich überhaupt keine Energie mehr leisten zu können. Ich
glaube, den Menschen kann man das auch erläutern. Am Klimawandel
müssen alle interessiert sein, sonst kommt uns das alle teuer
zu stehen.
Interview: Kurt Stenger
Neues Deutschland, 03.03.07
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