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Ökosozialismus oder »Green New Deal«: Ist ökologisches
Wachstum noch möglich?
Saral Sarkar
Bei der Attac-Diskussion geht es um drei alte Fragen. A: Kann die Wirtschaft überhaupt
weiter wachsen, ohne die Umwelt zu zerstören und die Ressourcen
zu erschöpfen (nachhaltiges Wachstum)? B: Wenn ja, ist das im
Rahmen des Kapitalismus möglich? Und C: Wenn nein, d. h. wenn
die Wirtschaft eine stationäre sein oder gar schrumpfen soll,
ist das im Rahmen des Kapitalismus machbar?
Ö
konomen, die meinen, die Wirtschaft könne nachhaltig wachsen,
setzen auf die gegenwärtigen Möglichkeiten und angenommenen
Potenziale erneuerbarer und mithin umweltfreundlicher Ressourcen. Außerdem
hoffen sie auf Recycling. Die Frage, ob ihre Hoffnungen realistisch
sind, ist schwer objektiv zu beantworten. Hoffnung ist per se eine
subjektive Sache, die Zukunft ist ja, im Prinzip, nie unfehlbar vorhersagbar.
Darum stirbt die Hoffnung zuletzt. Trotzdem müssen wir versuchen,
die Frage objektiv zu beantworten. Denn wir sind gezwungen, heute Entscheidungen
für die Zukunft zu treffen.
Hier ist eine Unterscheidung wichtig. Der Menschheit ist die Mondlandung
gelungen, aber es ist ihr noch nicht gelungen, Kohle- und Atomkraftwerke
durch Solar- oder Windkraftwerke zu ersetzen. Warum? Warum gibt es
sogar Widerstand dagegen? Beim Projekt Mondlandung ging es um einen
Menschheitstraum. Wir waren bereit, jede Menge Ressourcen – Energie,
Materialien, Arbeit – aufzuwenden, um diesen Traum zu verwirklichen.
Aber Energie (z. B. Strom) ist heute ein banales Produkt. Wir sind
nicht bereit, mit, sagen wir, zehn Einheiten Energieaufwand neun Einheiten
Energie gleicher Qualität zu ernten (negative Energiebilanz).
Das macht keinen Sinn.
Aber die Protagonisten bestreiten, dass die Energiebilanz von Solarkraftwerken
usw. negativ ist. Diese Debatte ist alt. Bei der Geldbilanz einer Firma
ist es leicht festzustellen, ob ihr Netto-Ertrag positiv oder negativ
ist. Aber aus technischen Gründen ist es schwierig, die Energiebilanz
einer bestimmten Technologie zur Energieproduktion genau zu beziffern.
An dieser Stelle ist es nicht möglich, ausführlich über
diese Debatte zu referieren. Ich will den Leser nur informieren, dass
etliche Forscher die Energiebilanz der meisten Technologien zur Produktion
von erneuerbaren Energien für negativ oder zu wenig positiv halten.
(Für detaillierte Argumente dafür siehe die angegebenen Werke
des Autors).
Ein für Laien verständliches Argument für diese Meinung
ist die rhetorische Frage: Warum will Indien, das reich an Sonnenschein
und Wind, aber arm an Öl und Uran ist, weiterhin viel teures Öl
importieren und neue Kohle- und Atomkraftwerke bauen, statt hauptsächlich
auf Solar- und Windkraft und auf Solarwasserstoff als Speichermedium
zu setzen? Eine zweite solche Frage ist: Wieso brauchen erneuerbare
Energien noch Subventionen, die ja von der Gesamtwirtschaft kommen,
die größtenteils von nichterneuerbaren und umweltschädlichen
Energien getrieben wird?
Viele hoffen, dass technologische Entwicklung es bald schaffen würde,
dass die Erneuerbaren reichlich positive Energiebilanzen aufweisen.
Aber keine Technologie kann das Entropiegesetz (den zweiten Hauptsatz
der Thermodynamik) aufheben. Die Energie von Sonne und Wind ist uns
nur in sehr dissipierter (hoch entropischer) Form verfügbar, was
eine kosmologische Konstante jenseits unserer Kontrolle ist. Sie muss
zuerst mit sehr viel Energieaufwand konzentriert werden. Darum ist
es unwahrscheinlich, dass diese Energietechnologien je eine so reichlich
positive Energiebilanz erlangen wie die konventionellen. Das Entropiegesetz
gilt auch für Materie. Darum ist 100-prozentiges Recycling ausgeschlossen.
Aus diesen Gründen wird nachhaltiges Wirtschaftswachstum unmöglich
bleiben.
Aber ist nicht noch eine andere Art von Wachstum möglich? Der
Begriff Bruttoinlandsprodukt (BIP) bereitet uns einige Probleme. Unbezahlte
Wirtschaftsleistungen misst er überhaupt nicht. Jeder solchen
Leistung könnte man einen Geldwert zuschreiben und so die BIP-Ziffer
aufblasen. Das wäre aber kein wirkliches Wachstum.
Problematisch ist auch, dass das BIP nichts über die Qualität
einer Wirtschaftsleistung sagt. Auch solche, die keinen Nutzen bringen,
lassen das BIP wachsen. Zu dieser Kategorie gehören die sogenannten
defensiven und kompensatorischen Kosten, z. B. die Arbeit von Soldaten
oder der Wiederaufbau einer durch ein Erdbeben zerstörten Stadt.
Für die Volkswirtschaft sind solche Leistungen eigentlich Kosten,
kein Einkommen. Dadurch werden Ressourcen verbraucht, ohne dass irgendein
zusätzlicher Nutzen generiert wird.
In diesem Zusammenhang ist Herman Dalys Unterscheidung zwischen Wachstum
und Entwicklung sehr nützlich: »Eine wachsende Wirtschaft
wird größer, eine sich entwickelnde Wirtschaft wird besser.« Eine
wachsende Wirtschaft schafft mehr BIP durch mehr Ressourcenverbrauch,
eine sich entwickelnde schafft mehr Nutzen bei gleichem Ressourcenverbrauch.
Entwicklung kann auch von Erhöhung der Ressourcenproduktivität
auf der Makroebene kommen. Erhöhung der Arbeitsproduktivität
erfordert aber immer höheren Ressourcenverbrauch. So kann man
kein nachhaltiges Wachstum erreichen. Es gibt aber auch Grenzen des
Wachstums der Ressourcenproduktivität.
Beim Thema Entwicklung darf man das Bevölkerungswachstum nicht
ignorieren. Der Pro-Kopf-Nutzen sinkt, wenn, ceteris paribus, die Bevölkerungszahl
steigt. Bevölkerungswachstum fördert Wirtschaftswachstum;
es zu stoppen, ist aber eine Bedingung für Entwicklung.
Der Gesamtnutzen kann auch durch die Anwendung von mehr arbeitsintensiven
(statt ressourcenintensiven) Technologien geschaffen werden. Dann
wäre auch nachhaltiges Wachstum vom Gesamtnutzen möglich
Eine andere Bedingung dafür ist die Abschaffung des Kapitalismus,
dem ein Zwang zum BIP-Wachstum innewohnt. Eine schrumpfende Wirtschaft – nur
so kann eine industrielle Wirtschaft irgendwann nachhaltig werden – und
Kapitalismus sind schwer vereinbar. Um dem Volk eine Schrumpfung der
Wirtschaft und mithin des Lebensstandards (nicht zu verwechseln mit
Lebensqualität) akzeptabel zu machen, muss in einer Demokratie
egalitäre Verteilung der Kosten und Nutzen des Wirtschaftens
garantiert werden. Das ist aber inkompatibel mit dem Kapitalismus.
Das macht einen ökologischen Sozialismus notwendig.
Saral Sarkar, 1936 in West-Bengalen (Indien) geboren, lebt als Publizist
in Köln. Er war in der Ökologie- und Friedensbewegung politisch
aktiv und in den achtziger Jahren Mitglied der Grünen. Zuletzt
erschienen von Saral Sarkar »Die nachhaltige Gesellschaft«, »Ökosozialismus
oder Barbarei« (zusammen mit Bruno Kern) und »Die Krisen
des Kapitalismus«.
Quelle: Neues Deutschland, 9.4.2010
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