| |
Vom Öko-Sein
der Sozialisten
PDS verlor im Urteil der Bürger an umweltpolitischer
Kompetenz
Jörg Staude
Alle zwei Jahre erfragt das Umweltbundesamt das Umweltbewusstsein der
Deutschen, darunter auch deren Vertrauen in die Öko-Kompetenz
von Parteien. Wie andere Organisationen musste auch die PDS hier Verluste
hinnehmen.
Dass Parteien, wenn es um ihre umweltpolitische Kompetenz geht, generell
schlechter abschneiden als Verbände, Behörden oder Bürgerinitiativen,
verwundert nicht. Erstaunlich ist auch nicht, dass die Ökokompetenz
der Parteien in den Augen der Bevölkerung nachgelassen hat: Mit
dem Ökothema gewinnt man derzeit keine Aufmerksamkeit des Wählers
und auch keine Wählerstimmen. Der faktische Stillstand in der
aktuellen Umweltpolitik spricht eine deutliche Sprache: Die Regierungsparteien
weigern sich, die Ökosteuer weiterzuentwickeln, der Klimaschutz
erschöpft sich in einer Alibi-Politik, von einer Verkehrswende
ist die Bundesrepublik weiter entfernt denn je.
In dem »ökofeindlichen« Kontext hat es die PDS zweifellos
schwer, sich gegen dem Mainstream in der Umweltpolitik zu stemmen.
Dennoch muss zu denken geben, dass das Vertrauen in die umweltpolitische
Kompetenz der PDS in den letzten Jahren noch zurückging und 2004
nicht nur hinter dem Wert für alle Parteien, sondern auch noch
hinter den der Industrie zurückfiel. Nur im Osten lag die PDS
2004 im Mittelfeld und vor der politischen Hauptkonkurrenz von SPD
und CDU. Hier spiegelt sich die engagierte Umwelt-Arbeit vieler PDS-Politiker,
ehren- wie hauptamtlich, in den neuen Länder wider. Allerdings
bleibt festzuhalten, dass auch im Osten das Vertrauen in die Ökokompetenz
der PDS abnahm: Der schon seit 1998 stabile Wert von 3,4 verschlechterte
sich auf 3,6.
Das erscheint gerade gegenüber dem selbst gewählten Anspruch
der Sozialisten ärgerlich. »Man kann für die Umwelt
kämpfen, ohne Sozialist zu sein, aber nicht Sozialist sein, ohne
die Umwelt zu schützen«, hatte Mecklenburgs Umweltminister
Wolfgang Methling (PDS) Mitte November in Berlin auf einen Workshop
der Ökologischen Plattform bei der PDS betont. Dass die abnehmende Öko-Akzeptanz
in der Öffentlichkeit weniger an den programmatischen Aussagen
der Partei liegt, darüber war man sich auf dem Workshop im Großen
und Ganzen einig. Die grundsätzliche Kritik des Radikalökologen
Saral Sakar an Theorie und Praxis der PDS-Umweltpolitik fand dort keine
Mehrheit. Sakar verlangt nicht mehr und nicht weniger als eine Rückentwicklung
der Industriestaaten zu einem »mittleren« Technologie-
und Lebensniveau. Aus seiner Sicht – er kommt aus Indien – ist
dies konsequent: Denn viele Länder dieser Erde, die sich an der »Schwelle« zu
einem Industriestaat westlicher Prägung befinden, belasten pro
Kopf die Umwelt wesentlich weniger als die so genannten reichen Staaten,
deren Produktions- und Lebensweise sich eben global als nicht tragfähig
erweist. Für die PDS kann dies aber keine politische Perspektive
sein, sie würde sich absehbar zu einer Öko-Sekte degradieren.
Mit einer wesentlich praktikableren Vision hatte Wolfgang Methling
die linke Politikwelt schon Ende Oktober überrascht: Bis zum Jahr
2050 könnte die Bundesrepublik ihre Energiebasis zu 100 Prozent
auf erneuerbare Quellen umstellen. Das Ziel geht deutlich über
die üblichen rot-grünen Energiewendeszenarien hinaus, ist
klimapolitisch geboten, setzt stark aufs Energiesparen und hält
auch für den Osten einiges an wirtschaftlichem Entwicklungspotenzial
bereit. 100 Prozent Erneuerbare bis 2050 könnte so ein Markenzeichen ökologischer
PDS-Politik werden.
Erstaunlicherweise erntete Methling für seinen Vorschlag, der
bisher über den Zirkel von Umwelt- und Energieexperten hinaus
wenig bekannt ist, nicht nur Lob, sondern auch Kritik – frappierenderweise
nicht nur von traditionell auf fossile Brennstoffe und Atomkraft orientierten
Experten, sondern auch von von linken Ökologen. Beide Gruppen
bedienen sich dabei ähnlicher Argumente. Diese bauen in erster
Linie auf den Fakt, dass die Energiedichte vor allem der solaren Quellen
im engeren Sinne (Solarstrom, -thermie sowie Wind) gering ist, das »Einsammeln« dieser
Energie viel Aufwand kostet und also ineffizient sei. Für Sakar
ist der Boom der Erneuerbaren nur möglich, weil sie die konventionelle
Energiebasis (vermittelt durch die Förderung) als »Startrampe« nutzen.
Die Energiebilanz der Erneuerbaren allein, so seine These, wäre
negativ.
Dagegen ist ins Feld zu führen, was Methling auf der Konferenz
auch tat, dass neue Basistechnologien historisch gesehen immer im Schoße
der alten entstehen und ohne kräftige Hilfe von außen nie
den heutigen Wert erlangt hätten. Ökonomisch ist zu betonen,
dass die seit einigen Jahren anhaltende Ausweitung erneuerbarer Energiequellen
geradezu eine Voraussetzung für ihre betriebswirtschaftliche Effizienz
ist. Erst wenn eine Technologie bestimmte Marktanteile und Produktionsgrößen
erreicht, ist sie in der Lage, sich selbst zu tragen. Entscheidend
ist nicht der heutige Zustand der Erneuerbaren, sondern ihr Entwicklungstrend.
Und der zeigt klar in Richtung Zukunftsfähigkeit. Für Methling
bevorzugen die Sozialisten erneuerbare Energien auch wegen der weit
besseren Umweltverträglichkeit, besonders hinsichtlich des Klima-
und Atommüll-Problems – es komme eben auf die Öko-
und nicht allein auf die Energiebilanz an. Er kündigte an, dass
sich der Parteivorstand bis zum Frühjahr ausführlich mit
dem Zustand der PDS-Ökopolitik befassen will. Dazu ist es offenbar
auch höchste Zeit.
Neues Deutschland, 3.1.2005
|
|