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Die
Linkspartei wird grüner
Wahlprogramm enthält ambitionierte Ziele beim Klimaschutz
Von Jörg Staude
Vor allem mit Klimaschutz und Erneuerbaren Energien befasste sich die
5. Ökologische Konferenz der Linkspartei.PDS Brandenburg Anfang
September in Müncheberg im dortigen Zentrum für Agrarlandschaftsforschung.
Am Anfang stand ein Lob. Hermann Scheer, der Solarpapst der SPD,
hatte im ND am 1. 9. 2005 die Linkspartei.PDS für ihr Ziel gelobt,
die Bundesrepublik bis zum Jahr 2050 zu 100 Prozent aus Erneuerbaren
Energien zu versorgen. Ein solches Ziel vermuten nicht viele bei
der als sozialer Nostalgieverein verschrieenen Partei. Das hängt
auch damit zusammen, dass – wie der Schweriner Umweltminister
Wolfgang Methling auf der Tagung beklagte – die Vision einer
alternativen Energiepolitik im linksparteilichen Wahlkampf nur eine
geringe Rolle spielt. Das hatte Scheer auch in Bezug auf Rot-Grün
bedauert. Dabei spricht alles für die Befassung mit dem Thema. »80
Prozent aller heutigen Umweltprobleme hängen direkt oder indirekt
mit der Bereitstellung, der Umwandlung, dem Transport, der Nutzung
oder der Entsorgung von Energie zusammen«, betonte Methling
in Müncheberg. Dazu eine kleine Überschlagsrechnung: 1990
stieß die frisch vereinigte deutsche Energiewirtschaft knapp
440 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus, im Jahr 2010 werden es zwischen
350 und 370 Millionen Tonnen sein. Werden diese Mengen bis 2050 vollständig
durch CO2-freie oder -neutrale Energieträger ersetzt, würden
die gesamten deutschen CO2-Emissionen gegenüber 1990 um gut
ein Drittel sin-ken.
Das zeigt zweierlei: Ohne einen Umstieg auf alternative Energiequellen
gibt es keinen wirksamen Klimaschutz. Darüber hinaus muss man
auch an ein Bündel weiterer Maßnahmen denken vom Verkehr
bis zur Wärmedäm-mung, erklärte die Fraktionschefin
der Linkspartei. PDS im Brandenburger Landtag, Dagmar Enkelmann. Sie
forderte angesichts steigender Energiepreise dazu auf, »Lösungen
zu entwickeln, um den Klimawandel, die Res-sourcenverknappung und andere
Prozesse sozial gerecht zu gestalten«. Das könnte einer
konsequenten Umwelt-politik wieder Akzeptanz verschaffen, die unter
Rot-Grün sichtlich gelitten hat. Apropos Wärmedämmung:
Na-türlich sollen die Erneuerbaren die konventionellen Energieträger
nicht 1:1 ersetzen. Ohne eine 30prozentige Energieeinsparung bundesweit
funktioniert das nicht. Das Programm erfordert Investitionen von jährlich
2 bis 3 Milliarden Euro, wie Felix Christian Matthes vom Ökoinstitut
vorrechnete. Matthes schrieb den Sozialisten noch einige andere Schlussfolgerungen
ins Stammbuch. Wenn die Partei das Konzept »100 Prozent Erneuerbare
bis 2050« denn ernst nehme und, wie ebenso beschlossen, die deutschen
CO2-Emissionen bis 2050 um 90 Prozent senken wolle, müsse auf
den Neubau großer Braunkohlekraftwerke verzichtet werden.
Da bis 2050, auch nach dem Willen der Linkspartei, die AKW abgeschaltet
werden sollen, plädierte Matthes für Zwischenlösungen
wie den verstärkten Bau von Gaskraftwerken sowie möglicherweise
von Clean-Coal-Anlagen, deren CO2-Emissionen unterirdisch gelagert
werden. Atomkraft hält Matthes für keine realistische Alternative.
Wer die nötigen Klimaschutzverpflichtungen der Bundesrepublik
auf diese Weise erfüllen wolle, rede über 50 bis 70 neue
Atomkraftwerke. Nicht überall plädiert der Wissenschaftler übrigens
für marktwirt-schaftliche Instrumente. Stromfresser wie Standbye-Schaltungen
gehören für ihn schlicht ordnungsrechtlich verboten.
Einigen muss sich die Linkspartei noch, ob sie bis 2050 »nur« die
Stromerzeugung auf 100 Prozent regenerativ umstellt und es bei Verkehr,
Wärme und Prozessenergie bei einer »weitgehenden« Umstellung
belässt, wie es in neuesten umweltpolitischen Positionen heißt.
Auch Klärungsbedarf gibt es noch genügend. So wies Matthes
die auf globale Gerechtigkeit orientierten Sozialisten auch darauf
hin, dass europäische Zukunftstechniken wie Was-serstoff-Autos
oder Brennstoffzellen für Entwicklungsländer völlig
ungeeignet sind. Auch das Steuerkonzept enthalte falsche umweltpolitische
Anreize.
Auch Methling warb in Müncheberg für Zwischenschritte, die
zu Effizienzsteigerungen bei heute fossil betrie-benen Kraftwerken
führen. »Dazu muss sich die Linkspartei.PDS verhalten, ohne
Zweifel an der schnellstmögli-chen Energiewende aufkommen zu lassen« betonte
er. Aus seinem Land Mecklenburg-Vorpommern zählte er 12 konkrete
Beispiele auf, die Entwicklungen hin zu den 100 Prozent Erneuerbaren
repräsentieren, so die Stromer-zeugung mit Niedrigtemperaturwärme
und das Speichern von Sommerwärme fürs winterliche Häuserheizen.
Auch Enkelmann sieht in dem 100-Prozent-Konzept eine Vision, mit dessen
Umsetzung aber jetzt begonnen werden müsse. Das zu hören,
hätte einen Hermann Scheer ohne Zweifel erfreut.
„Neues Deutschland, 12.9.2005“
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