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Effizienz ist kein Allheilmittel
Bundestreffen der Ökologischen
Plattform der PDS kritisiert Programmentwurf
Manfred Wolf
Ende Mai(2003)
die Ökologische Plattform bei der PDS zu ihrem diesjährigen
Bundestreffen im brandenburgischen Hangelsberg zusammen. Es stand
wie auch andere Parteitreffen in dieser Zeit unter dem Eindruck
der Konflikte
und Führungsschwäche im PDS-Vorstand.
Deshalb taten die Ökologen
diesmal etwas, was sie sonst anderen Gremien überlassen. Geraume
Zeit widmeten sie dem Frustablassen. Am Ende überwog die Hoffnung,
dass diese Phase der Hilflosigkeit, kleinlichen Streitereien und Machtrangeleien
mit dem Juni-Parteitag überwunden wird. Grundvoraussetzung bleibt
für die Ökologen, dass in der gegenwärtigen Phase der
neoliberalen Demontage des Sozialstaates und des Ersetzens der Diplomatie
durch Aggressionskriege und militärische Muskelspiele die Orientierung
des Geraer Parteitages auf Opposition und Kapitalismuskritik gestärkt
werden muss. Die Reformpolitik der Partei ist als Reformierung der kapitalistischen
Gesellschaft hin zu einem sozialen, ökologischen und demokratischen
Umbau, aber nicht als Abbau zu verstehen. Nur so kann die PDS leichtfertig
verspieltes Vertrauen wieder gewinnen.
Trotz des drohenden Falls in den Turbokapitalismus wagten das
Bundestreffen gemeinsam mit Saral Sarkar, Kölner Wissenschaftler indischer und
kommunistischer Herkunft sowie Autor des Buches »Die nachhaltige
Gesellschaft«, einen Blick in die Zukunft. Unsere Zeit erfordert
von demokratischen Sozialisten, eine sowohl realistische, von den herrschenden
Bedingungen ausgehende Politik, um die Lage Arbeitender, Geringverdienender
und Ausgegrenzter zu verbessern, zu entwickeln. Es braucht aber auch
Visionen von einer Zukunft, in der alle Menschen auf der Erde in einer
gesunden Umwelt, in Frieden und Menschenwürde leben können.
Dieses Ziel ist weit. Wann es zu erreichen ist, kann jeder für sich
beantworten – falls er weiß, wann die neokoloniale Ausbeutung
der Welt durch die Industrieländer und die Partizipierung eines
jeden von uns daran beendet sein kann.
Die Ökologischen Plattform beriet weiter über die ökologierelevanten
Teile des Entwurfs eines Parteiprogramms und verabschiedete einen alternativen
Vorschlag des Teiles Umwelt. Einige Aussagen des Entwurfs wurden grundsätzlich
kritisiert, weil die Abschnitte Umwelt, Arbeit, Wirtschaftspolitik und
Ostdeutschland in ihren Zielen nicht immer im Zusammenhang gesehen werden.
Das aber ist unabdingbar, wenn – wie im Abschnitt Umwelt zu Recht
formuliert ist – es um nicht weniger als um eine Revolution im
Verhältnis des Menschen zur Natur geht. Bei solchem Anspruch wird
man sich wohl entscheiden müssen, ob man im Umweltteil des Parteiprogramms
feststellen kann, dass die kapitalistische, profitbestimmte Produktions-
und Lebensweise in den Industrieländern die natürlichen Lebensgrundlagen
zerstört, also eine Veränderung dieser Lebensweise zwingend
erforderlich ist – oder ob man in anderen Programmteilen, weniger
konsequent bzw. gar konträr dazu auf Wirtschaftswachstum, Stärkung
der Massenkaufkraft, die Regulation des Marktes oder die Ansiedlung großer
Unternehmen in Ostdeutschland setzt. Natürlich sind solche Positionen
im Programmentwurf bereits mit »ökologischen Verzierungen« versehen
worden, sie werden dem genannten Anspruch nicht gerecht. Es reicht nicht
aus, wenn sich das Programm nur gegen unkontrollierte Wachstumsinteressen
oder für nachhaltiges Wachstum oder einen neuen Typ des wirtschaftlichen
Wachstums ausspricht. Nachhaltiges Wachstum befürworten inzwischen
auch Konzerne, wie überhaupt alle den Begriff Nachhaltigkeit in
ihrem Sinne interpretieren. Herauskommen wird nur Wachstum und ein »Weiter
so«.
Dem würde die PDS auch mit anderen Positionen im Programm Vorschub
leisten, indem sie Unternehmertum und Gewinninteresse als wichtige Bedingungen
für Innovation und betriebswirtschaftliche Effizienz befürwortet.
Solche Effizienz bedeutet – erweitert auf die volkswirtschaftliche – den
Kampf um Standortvorteile, sie ist ohne billigsten Zugriff auf Ressourcen
weltweit, ohne das Fortbestehen von Ausbeutungsverhältnissen, nicht
möglich. Die Vorgänge in der Welt belegen das, denkt man an
die Aggression gegen den Irak. Wenn im Kongo der Bürgerkrieg tobt,
hat das auch mit dem Zugriff auf Coltan zu tun. Coltan wird weltweit
zur Produktion von Handys benötigt. Allein in Deutschland gibt es
davon zurzeit 30Millionen. Wer die Ressourcen kontrolliert, hat die Macht – auch
im Interesse des Erhalts der westlichen Lebensweise. Es ist unmöglich,
Innovation und Effizienz im heutigen Kapitalismus einfach mit der Bemerkung
akzeptabel zu machen, sie können mit sozial-ökologischem Wirtschaften
verknüpft werden.
Ö
kologen verstehen die großen Schwierigkeiten für Parteien,
sich mit radikalen Positionen für internationale Gerechtigkeit und
zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit für
Mehrheiten verständlich und wählbar zu machen. Aber die Ungerechtigkeit
in der Welt dauert schon viel zu lange und wird wie die Überlastung
der Ökosphäre an den Bestand der Gesellschaft rühren.
(Neues Deutschland, 02.06.2003)
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