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Der ungerechte Hunger

Workshop von vier Arbeitsgemeinschaften der PDS
 
Susanne Götze

Über 800 Millionen Menschen leiden an Unterernährung. Dennoch sind genug Nahrungsmittelressourcen vorhanden, um jeden Erdenbürger satt zu bekommen. Wie dem Widerspruch beizukommen ist, diskutierte ein Workshop von PDS-Arbeitsgemeinschaften Anfang November in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Erstmalig hatten die Ökologische Plattform, die AG Agrarpolitik, die AG Wirtschaft und die BAG Internationalismus der PDS gemeinsam eine thematische Konferenz organisiert – unter der Überschrift »Sicherung der Welternährung – ökologisch nachhaltig, sozial gerecht«. Regierungsvertreter aus dem Norden hatten sich auf dem Welternährungsgipfel in Rom 1996 eine hehres Ziel gesetzt. Bis 2015 soll die Zahl der Hungernden weltweit von 800 Millionen auf 400 Millionen halbiert werden.
Bis jetzt hat sich aber nicht viel bewegt. Entwicklungshilfe und Nahrungsmittellieferungen sind angesichts der großen Ungerechtigkeiten im Welthandel nur ein Tropfen auf den heißen Stein und reichen nicht aus, um Hunger und Armut zu bekämpfen. Auch das Scheitern des WTO-Gipfels in Cancun im September dieses Jahres hat gezeigt, wie wenig die Länder des Nordens bereit sind, ihre Vorrangstellung in der Weltwirtschaft zu Gunsten eines fairen Handelssystems aufzugeben. Experten bezweifeln, ob sich das Versprechen, den Hunger zu halbieren, unter den gegebenen Wirtschaftsverhältnissen überhaupt durchsetzen lässt. Nicht nur Mangel an Lebensmitteln »Hunger, das bedeutet heute nicht mehr ein Mangel an Nahrungsmitteln«, konstatierte denn auch Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut einleitend auf dem Workshop. Hunger sei in der Gegenwart die Folge gesellschaftlicher Missverhältnisse. Es gäbe genug Nahrungsressourcen, um alle Menschen zu versorgen. Für die Zukunft schränkte Sachs dies allerdings ein: Wenn die Weltbevölkerung weiterhin so rasant wachse, werde man in ein paar Jahren neben dem Verteilungs- auch ein Ressourcenproblem haben.
Eine Hauptursache des Hungers im Süden sind nach wie vor die vielen brachliegenden Flächen. Jan Schikora von der Nichtregierungsorganisation FIAN Deutschland erläuterte, dass viele Kleinbauern in den Entwicklungsländern immer noch unter der Knute der Großgrundbesitzer arbeiteten und kein Land besäßen, um Nahrungsmittel für sich anzubauen. Viele Großgrundbesitzer würden ihr Land gar nicht agrarisch nutzen, während die Bauern nicht genug Lebensmittel hätten. Die Emanzipation der Landlosenbewegung, beispielsweise in Brasilien, zeigt nach Ansicht von Schikora, dass die Unterdrückten ihr Vertrauen nicht mehr in Regierungsversprechungen legten. Stattdessen würden sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.
Geht es um den – aktuellen wie künftigen – Mangel an agrarischen Ressourcen, haben einige Experten neuerdings schnell eine Lösung parat: Gentechnik. Schon jetzt wird von den USA massiv genetisch verändertes Saatgut nach Afrika exportiert. Von Teilen des Westens wird die Gentechnik als Lösung des Hungerproblems gepriesen. Tatsächlich wird dadurch nur die Verteilungsproblematik zwischen dem reichen Norden und dem Süden auf die lange Bank geschoben.
Anja Laabs von der Rosa-Luxemburg-Stiftung befasste sich mit diesem Kernproblem näher. Jährlich wachse die Weltbevölkerung um 90 Millionen Menschen. Versuche der Leistungssteigerungen im Agrarbereich – wie etwa Gentechnik oder neue Züchtungsverfahren – würden unter den herrschenden Verhältnissen nicht ausreichen, um alle Menschen zu ernähren, betonte Laabs. Die zunehmende Weltbevölkerung und damit der steigende Bedarf an Nahrungsmitteln werde die bestehenden strukturellen Probleme der Weltwirtschaft nur noch verschärfen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer litten immer noch an den billigen Nahrungsmittelimporten aus den Industrieländern, die die einheimischen Märkte zerstörten. Durch die Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank seien die Bauern außerdem seit den 70er Jahren gezwungen worden, ausschließlich Produkte für den Export anzupflanzen. Die Folgen, so Laabs, sind Monokulturen, die den Boden zerstören, Dumpingpreise und niedrige Löhne für die Kleinbauern. »In Vietnam findet man mittlerweile an jeder Tankstelle einen Kaffeestrauch«, berichtet die Agrarexpertin. Selbstbewusste Länder des Südens Doch die Länder des Südens sind selbstbewusster geworden. Die billigen Arbeitskräfte sowie niedrigen ökologischen und sozialen Standards wandelten sich inzwischen zu »Vorteilen«. Was ihnen IWF und Weltbank seit Jahrzehnten predigen – Freihandel und Liberalisierung – wollen die Länder nun für sich in Anspruch nehmen und fordern von den Industrieländern eine Öffnung der Märkte für ihre Produkte. Der Protektionismus des Nordens, besonders im Agrarbereich, steht im diametralen Gegensatz zu den Forderungen, denen sich die Entwicklungsländern gegenübersehen. »Wenn Europa seine Zollgrenzen im Agrarbereich liberalisiert, wird von der Landwirtschaft hier nicht mehr viel übrig bleiben«, kommentierte Wolfgang Sachs. Schon die Osterweiterung stelle die EU-Staaten vor immense Probleme – auch wenn dies genau der Freihandel sei, den die Neoliberalen des Nordens vertreten. Diese Widersprüche zeigten, dass eine Globalisierung selbst im neoliberalen Sinne für den Norden unmöglich sei, stellte Sachs sarkastisch fest. Protektionismus oder Liberalisierung? Die Vertreter der einheimischen Landwirtschaft im Publikum brachte die Absicht, die hiesigen Märkte zu öffnen und damit auch ihre für den Süden nachteilige Subventionierung zu beenden, erwartungsgemäß auf die Palme. Die standardgerechte, ökologische Produktion in Europa dürfe nicht von billigen, gesundheitsgefährdenden Produkten des Südens unterwandert und das junge Pflänzchen des Ökologischen Landbaus zertreten werden. »Entweder Protektionismus für alle oder totalen Liberalismus«, rief Jan Schikora. Der Regionalwissenschaftler zieht die Strategie einer Dezentralisierung der Landwirtschaft vor. Die Regionen im Norden wie im Süden müssten gestärkt werden und auf Eigenversorgung im Agrarbereich umgestellt werden. Es mache ebenso wenig Sinn, in Deutschland Milch aus Usbekistan zu trinken, wie in Ghana Spaghetti aus Italien zu essen.

(Neues Deutschland,17.11.2003)