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Klimagipfel
in Kopenhagen völlig gescheitert
Deutschland und Europa haben sich verzockt
Eva Bulling-Schröter
Ist der Gipfel total gescheitert?Ganz klar: Ja. Formell gibt es weder
ein ratifizierungsfähiges Abkommen, noch – das war nach
Lage der Dinge die Minimalforderung – einen verbindlichen Beschluss
mit den Kernforderungen der Konferenz, auf dessen Grundlage etwa bis
zum Sommer ein ratifizierungsfähiges Abkommen hätte ausgearbeitet
werden können. Was wir jetzt haben, ist ein kosmetischer Trick,
der das völlige Scheitern der zwei Jahre lang vorbereiteten Konferenz
aufhübschen soll. Die Erklärung, die von der Konferenz lediglich »zur
Kenntnis« genommen wurde, hat keinerlei Verbindlichkeit.Und wenn
sie angenommen worden wäre?Dann wäre es auch nicht besser.
Denn nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt ist nicht das Papier
wert, auf dem es steht. Warum? Das 2-Grad-Ziel ist doch erstmals festgeschrieben.
Und es soll viel Geld in den globalen Süden fließen.Selbst
wenn das Papier als Entscheidung verabschiedet worden wäre: Wie
bitte schön soll das im Papier enthaltene 2-Grad-Ziel erreicht
und der globale Emissionsanstieg bis 2015 gebremst werden, wenn nicht
mal mehr der Zeitpunkt des Abschlusses eines neuen Abkommens in der
Erklärung benannt ist? Dem Text zufolge sollen die Industrieländer
lediglich freiwillige Minderungsziele für Treibhausgase bis Ende
Januar 2010 international festschreiben. Länderverpflichtungen
zu weniger Emissionen sucht man vergeblich.
Der Text nennt überhaupt keine Zahlen zur Minderung des globalen
Treibhausgas-Ausstoßes - nicht global bis zum Jahr 2020 und auch
nicht als langfristiges Ziel bis 2050. Letzteres war wenigstens in den
Entwürfen zuvor enthalten. Die Emissionen der Industriestaaten sollten
bis Mitte des Jahrhunderts um 80 Prozent sinken. Dieses Ziel wird jetzt
nicht mehr genannt. Selbst ob die versprochenen 100 Milliarden ab 2020
für den globalen Süden wirklich fließen, ist unklar.
Die entscheidende Frage bei der Langfristfinanzierung bleibt bereits
im Dokument unbeantwortet: Wer zahlt?Was ist in Kopenhagen schief gelaufen?Solche
Zustände der offenen Auflehnung wie gegen Ende der Konferenz soll
es noch nie bei einem UN-Gipfel gegeben haben. Das lag nicht nur an der
Hinterzimmerdiplomatie, die die dänische Konferenz-Präsidentschaft
und am Ende auch Barack Obama mehrfach mit ausgewählten Staaten
betrieb. Das hat sicher viele Entwicklungsländer auf die Palme gebracht,
die ständig neue Papiere vor die Nase gesetzt bekommen haben. Nein,
es lag auch am Unvermögen der Industriestaaten, bei den CO2-Minderungszielen
und Finanzen für den Süden einen großen Schritt auf die
Entwicklungs- und Schwellenländer zuzugehen. Entweder es wurde zu
lange gepokert oder man wollte nicht. Letzteres trifft vor allem die
USA, die ja bis 2020 nur 4 Prozent Minderung gegenüber 1990 anbot.
25 bis 40 Prozent wären aber von den Industriestaaten notwendig,
um den Klimawandel in einem erträglichen Rahmen zu halten. Unter
dem Strich lagen in Kopenhagen Minderungsangebote auf dem Tisch, die
zu einer Erwärmung von 3,5 Grad geführt hätten. Kein Wunder,
dass dabei einige Länder nicht mitspielen wollten. Warum soll der
Inselstaat Tuvalu seinen Untergang, warum Nicaragua seine Versteppung
beschließen?Aber viele Entwicklungsländer, sogar die Gruppe
der Inselstaaten AOSIS, wollten dem Dokument zustimmen. So schlecht kann’s
nicht gewesen sein.Was die Zustimmung vieler Entwicklungsländer
betrifft, so lockt wohl allein die Aussicht auf Milliarden-Transfers.
Die ökologische Substanz und Verbindlichkeit der Erklärung
kann es nicht sein. Was den Klimaschutz betrifft, ist und bleibt der
Text eine Katastrophe.Was hätte man anders machen sollen?Neben für
alle transparente Verhandlungen, hätte beispielsweise die EU ihr
Minderungsangebot bis zum Jahr 2020 von 20 auf mindestens 30 Prozent
heraufschrauben sollen. Das hätte andere mitgezogen und auch die
USA unter Zugzwang gebracht aufzustocken. Vielleicht wäre dann auch
China zu mehr Zugeständnissen bereit gewesen und hätte sich
beispielsweise zu einer Begrenzung seiner Emissionen ab 2020 völkerrechtlich
bindend verpflichtet. Zudem hätten Deutschland und die EU erklären
müssen, dass die Finanzzusagen nicht auf die Entwicklungshilfe-Zahlungen
zur Erfüllung der Millenniumsziele angerechnet werden. Denn es kommt
im Süden schlecht an, wenn der Norden mit seiner historischen Schuld
Armutsbekämpfung mit Klimaschutz verrechnet. Die EU und Deutschland
haben bis zur letzten Minute lieber gepokert, als durch eine Vorreiterrolle
die anderen Länder mitzureißen, und sie haben sich verzockt.
Viele Hoffnungen lagen auf Barack Obama. Welche Rolle spielte die USA?Die
Rolle der USA blieb bis zum Schluss enttäuschend. Sie führte
eine Koalition der Unwilligen an. Dies zeigt sich auch daran, welchen
finanziellen Beitrag die größte Volkswirtschaft der Welt mit
dem mit Abstand größten Anteil an der Erderwärmung bereit
ist, für arme Länder zu übernehmen: Von den versprochenen
30 Milliarden zwischen 2010 und 2012 bietet sie für die Soforthilfe
gerade einmal 3,6 Milliarden Dollar an. Das ist etwa ein Drittel des
Betrages der EU, »und in etwa das, was die USA alle 60 Stunden
für ihr Militär ausgeben«, wie ein Nachrichtenmagazin
zutreffend vergleicht. Eva Bulling-Schröter, umweltpolitische Sprecherin
der Bundestagsfraktion DIE LINKE und Vorsitzende des Ausschusses für
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, verfolgte vom 15. bis 18.
Dezember 2009 vor Ort in Kopenhagen den UN-Klimagipfel
Fragen: Uwe Witt, Quelle: Newsletter Umwelt und Energie, Dezember 2009
Eva
Bulling-Schröters Bericht von der Konferenz vom 15.-18. Dezember
2009 ist hier zu finden:
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