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Zur Katastrophe im indischen Ozean

Manfred Wolf

Es muß wohl niemand erst betonen, wie tief die von den Medien gelieferten Bilder und Fakten von den Schreckensereignissen die Gemüter bewegen. Auch unsere. Je mehr wir aber in die Lage kommen rational zu denken, tun sich doch auch einige Fragen auf, die in den Medien bisher sogut wie unbelichtet blieben (Ausnahmen wie ND bestätigen die Regel).
Erd- und Seebeben gehören inzwischen zu den wenigen Arten von Naturkatastrophen, für die der Mensch zunächst mal keine Verantwortung trägt. Das drängt in unseren Breiten Schuldgefühle zurück und erleichtert die Berichterstattung. Aber schon wenn es um die Auswirkungen geht, dürfte es erheblich anders sein.
Noch vor wenigen Jahrzehnten sahen die Küsten und Strände in der betroffenen Region anders aus. Mangrovenwälder konnten zwar nicht alles verhindern, aber sicher weite Gebiete vor den verheerendsten Auswirkungen schützen. Heute haben sich dort die reichen Schichten der reichen Länder der Welt Ferienparadiese aufgebaut. Die Bevölkerung dieser Länder, deren Jahrhunderte währende Wirtschaftsstrukturen wie auch ihr urwüchsiges Verhältnis zur Natur immer mehr zerstört werden, wird um weiter zu leben gezwungen, diesen reichen Teilen der Welt dienstbar zu sein. In echt kapitalistischer Manier bleibt dabei die Sicherheit der Menschen weitgehend auf der Strecke. Die vielen Toten mußten die Geldgier der Tourismusindustrie mit ihrem Leben, viele weitere mit ihrer Gesundheit und ihrem Eigentum bezahlen.
Wirtschaft, Regierung, Organisationen und Medien in Deutschland appellieren an die Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Dabei ist es so manchem nicht peinlich, auch den Ärmsten, wie den ALG II-Empfängern zu sagen, wie gut es ihnen in unserem „Sozialstaat“ im Verhältnis zu den Menschen dort geht. Ja es scheint, als käme ihnen die Katastrophe gerade zur rechten Zeit, um weitere Proteste gegen den Sozialabbau als völlig unberechtigt erscheinen zu lassen.
Um Fehlschlüssen vorzubeugen: Wir, das sind die MitstreiterInnen der Ökologischen Plattform, haben große Achtung für die Spendenbereitschaft der Menschen. Viele von uns gehören selbst zu den Spendern. Wir freuen uns auch über den Betrag, den die Bundesregierung zur Verfügung stellt und halten das alles für eine selbstverständliche humanistische Pflicht. Wir freuen uns über jede Million, über jeden Euro, der noch mehr einkommt. Wir haben aber große Vorbehalte, wenn diese Hilfsaktionen schließlich in ein allgemeines „weiter so“, nur noch großartiger und umweltschädlicher als bisher, mündet. Niemand soll sich Illusionen darüber machen, daß gerade dieses von den reichen Ländern nicht beabsichtigt ist. Ein deutscher Außenminister, der vielleicht auch mal ökologische Visionen hatte, jedenfalls immer noch für die Grüne Partei in der Bundesregierung sitzt, meinte bei seinem Besuch in der betroffenen Region, daß es jetzt darum ginge, schnell wieder aufzubauen, um den für diese Länder so wichtigen Tourismus wieder in Gang zu bringen. Für die relativ wenigen die glauben, ihren Urlaub am anderen Ende der Welt verbringen zu müssen, soll sich also nichts ändern. Sie dürfen sogar noch mehr glauben, daß sie den Ländern und Menschen dort damit helfen. Die nächsten Jahrzehnte könnten ihnen vielleicht scheinbar Recht geben, denn Tsunamies treten eben nicht jedes Jahr auf. Es ist so wie bei den Atomkraftwerken, wo es einen richtigen GAU bisher auch nur einmal gab. Aber wer weiß es genau? Die schleichende Zerstörung der Umwelt und einer selbsttragenden Wirtschaft der betroffenen am indischen Ozean Länder durch den globalen Tourismus geht indes weiter. Sollte der Minister nicht vielmehr darauf hinwirken, der Entwicklung nun eine andere, nachhaltige Richtung zu geben? Das wäre unsere Forderung. Umweltsicherheit wird nicht mit einem funktionierenden Warnsystem geschaffen.