Lothar Bisky, Vorsitzender des Bundesvorstandes der PDS
Grußwort zur Ökologie-Konferenz der PDS
Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Partnerinnen und Partner
in den Auseinandersetzun-gen um sozialen und ökologischen
Wandel in der Bundesrepublik.
Es mangelt mir nicht an Beschäftigung. Doch ich eröffne
diese ökologische Konferenz der PDS deshalb gern, weil das
Thema eine erstrangige Bedeutung für notwendige Veränderungen
in der Bundesrepublik hat. Auch für die PDS, die als Partei
für eine andere sozial und ökologisch nachhaltige Gesellschaft
wirkt. Aus diesem Grunde bin ich der Ökologischen Plattform
für ihren Anstoß zu dieser Konferenz dankbar.
Es ist an der Zeit, das Verhältnis von demokratischem Sozialismus
und Nachhaltigkeit neu zu bestimmen. Deshalb ist es gut, dass
der kommende Münsteraner Parteitag die Stellung eines sozial
zu bewältigenden Umbaus der Bundesrepublik in der Programmatik
und praktischen Politik der PDS zu behandeln hat. Und es ist
auch gut, dass sich die Partei gleichzeitig stärker solidarischen
Positionen im Nord-Süd-Konflikt zuwendet und ihre Auffassungen
zur Ent-wicklung der Geschlechterverhältnisse und entsprechender
praktischer Politik weiter ausarbei-tet.
Ich möchte euch in diesem Zusammenhang mehrere Anliegen
vortragen:
Erstens: Die PDS befindet sich am Beginn einer neuen programmatischen
Diskussion. Das heißt, dass Ihr auf Eurer Konferenz stets
an die Einordnung der Umweltpolitik in die Ge-samtpolitik und &endash;strategie
denken und daran mitwirken solltet. Damit das ökologische
Profil der PDS in der Öffentlichkeit deutlicher erkennbar
und im Bewusstsein der Mitglieder erheb-lich stärker verankert
wird. Aber auch, um die Öko-Aktivistinnen und &endash;Aktivisten
davor zu bewahren, dass sie sich von anderen elementaren Interessen
vieler Menschen lösen, die sich gegenwärtig oft mehr
um ihre Arbeitsplätze, Renten und gesundheitliche Betreuung
sorgen als um die zweifellos existenziellen ökologischen
Bedrohungen. Setzt euch bitte damit auseinan-der, wie Umweltpolitik
mit solchen elementaren sozialen Fragen zusammenhängt! Wir
wollen und müssen als Partei der sozialen Gerechtigkeit
mit ökologischen Herausforderungen umge-hen, die im Verhältnis
zu künftigen Generationen und zu den Menschen auf anderen
Kontinen-ten selbst Fragen der Gerechtigkeit sind.
Zweitens, und im Zusammenhang mit diesem ersten Aspekt: Ich
wünsche euch, dass ihr auf dieser Konferenz Visionen nachhaltiger
Entwicklung und das Herausarbeiten möglicher kleine-rer
Schritte in der realen Politik der Gegenwart eng miteinander
verknüpft. Demokratischer Sozialismus &endash; das ist
für uns ein Ziel und zugleich seit über einem Jahrhundert
eine der großen geistigen Strömungen, ein Wertegefüge,
das Maßstab für konkretes Handeln auch in der Ge-genwart
ist.
Es wäre ein großer Gewinn, wenn es der Konferenz
gelänge, in einer Reihe von Fragen des so-zial-ökologischen
Umbaus der Gesellschaft Überlegungen zu erarbeiten und Anstöße
für kon-kretes Handeln zu geben. Etwa für die Schaffung
von Beispielen lokaler Agenden. Oder für die demokratische
Erarbeitung regionaler Leitlinien in einem überschaubaren
Raum, gemeinsam mit Partnern vor Ort. Und auch für die Arbeit
an ihrer Realisierung mit Blick auf Umwelt und Be-schäftigung.
Visionen sind im Heute zu verankern, oder sie bleiben Illusion.
Drittens: Es wäre gut, wenn diese Konferenz Defizite in
der PDS-Umweltpolitik konkret be-nennen und Ansätze herausarbeiten
würde, wie diese zu schließen sind. Die Regierung
Schrö-der ist dabei, ihre Chance zu einer sozial-ökologischen
Wende in der Bundesrepublik zu ver-spielen. Um in solcher Lage
konsequente linke Opposition sein zu können, müssen
wir eigene Schwächen überwinden. Wir müssen durch
unsere Selbsterneuerung und Profilierung die Kraft und Fähigkeit
verstärken, in der Gesellschaft verändernd zu wirken.
Aber vergesst dabei bitte nicht, dass auch ihr selbst die Partei
seid, und die spezifisch ökologischen Kompetenzen nicht
irgendwo, sondern in beträchtlichem Maße bei euch
konzentriert sind.
Viertens: Ich wünsche mir, dass die drei besonderen Problemkomplexe,
die auf dem kommen-den Parteitag in die Gesamtprogrammatik und
Politik der PDS eingebettet werden sollen und sie zugleich wesentlich
bestimmen &endash; Nord-Süd, Umwelt, Geschlechterverhältnisse &endash;
in Münster nicht als Konkurrenzunternehmen zueinander und
zu anderen großen Fragen der Poli-tik behandelt werden,
sondern in ihren inneren inhaltlichen Verflechtungen. Es wäre
gut, wenn dies auch schon auf dieser Konferenz sichtbar und vorbereitet
wird.
Fünftens: Diese Konferenz sollte natürlich auf wissenschaftliche
Einsichten zurückgreifen. Deshalb freue ich mich, dass das
Konferenzprogramm dies beispielsweise zum Verhältnis von Ökologie
und Feminismus vorsieht. Aber sie ist selbst keine wissenschaftliche
Tagung. Sie findet in Vorbereitung des Parteitages in Münster
statt. Meine Bitte ist daher, dass in den Ar-beitsgruppen versucht
wird, auf konkrete Ergebnisse hinzuarbeiten, die der Orientierung
und den Entscheidungen des Parteitages dienen können. Wir
wollen auf dem Parteitag zwei Be-schlüsse fassen. Der eine
betrifft die Entscheidung darüber, ob eine Überarbeitung
oder eine Neufassung des Parteiprogramms stattfinden soll. Dahinter
stecken weitreichende Probleme.
Der zweite Beschluss ist zu einem Leitantrag zu fassen, der
die Positionen der PDS zur Nord-Süd-Problematik, zum ökologischen
Umbau und zur Entwicklung der Geschlechterverhältnisse betrifft.
Ich würde sehr froh sein, wenn die Ergebnisse der Arbeitsgruppen
schriftlich zusam-mengefasst werden, in die Parteitagsvorbereitungen
eingehen und bereits Substanz für den Leitantrag bieten
würden.