Eva Bulling-Schröter, umweltpolitische
Sprecherin der PDS-Bundestagsfraktion
Ende des umweltpolitischen roll-back unter Rot-Grün?
Liebe Genossinnen und Genossen, Liebe Freundinnen und Freunde,
ich möchte mich in meinen Beitrag auf zwei Dinge konzentrieren.
Erstens &endash; und das wird den Hauptteil ausmachen &endash;
werde ich die wichtigsten umweltpolitischen Auseinandersetzungen
im Bundestag skizzieren. Zweitens möchte ich in Vorbereitung
des Parteitages natürlich auch auf Dinge eingehen, die die
Partei selbst betreffen.
Die PDS im Bundestag befindet sich im Ergebnis der Bundestagswahlen
in einer neuen Situation. Eine Situation, die ungeahnte Chancen
bietet, wenn wir gewillt und in der Lage sind, sie zu nutzen.
Saßen wir in der letzten Wahlperiode noch mit SPD und den
Bündnisgrünen auf der Oppositionsbank, so teilen wir
sie uns nun mit der alten Koalitionsfraktion von CDU/CSU und
FDP.
Wir sind die einzige linke und, wie ich meine, grüne Opposition
im Bundestag. Eine Rolle, die uns Raum zur Profilierung gibt.
In der Umweltpolitik bedeutet dies u.a., daß unsere Arbeit
viel genauer als früher von den Umweltbewegungen beobachtet
und ernster genommen wird. Schließlich liegen in den meisten
Bereichen unsere Vorschläge auf der gleichen Ebene mit denen
von Umweltverbänden, Bürgerinitiativen und NGO's.
Die CDU/CSU und FDP dagegen sind für diese Organisationen
kaum Verbündete. Und auch die Regierungs- Fraktionen von
Rot-Grün sind nicht mehr automatisch erster Ansprechpartner,
sondern in vielen Fragen eher Angriffspunkt für zukunftsfähige
Umweltpolitik.
Im Umweltausschuss des Bundestages ergibt sich eine eigentümliche
Konstellation. Michael Müller von der SPD beispielsweise
ist sicher ein exzellenter Umweltpolitiker, und ein linker dazu.
Doch er hat natürlich - ähnlich wie Umweltminister
Trittin im Kabinett &endash; letztlich kaum etwas zu sagen.
Die Grünen wiederum haben ohne Zweifel den entscheidenden
Anteil an vielen positiven umweltpolitischen Veränderungen
in den vergangenen Jahrzehnten &endash; so unzureichend sie
auch sein mögen. Nun aber sind sie gefangen in einem Netz
selbstgeschaffener Zwänge, welches vor allem die zutiefst
neoliberalen Wirtschafts- und Finanzpolitiker ihrer Partei und
selbstredend Herr Fischer, geknüpft haben, um koalitionsfähig
zu werden.
Das Sparpaket, die Umverteilungsmaschine Ökosteuer &endash;
dazu sage ich nachher gleich etwas mehr - oder die Weigerung
von Rot-Grün, die wirklich Reichen in dieser Gesellschaft
zur Kasse zu bitten, zeugen davon. Erst am Donnerstag ist unser
Antrag zur Wiedereinführung der Vermögenssteuer abgelehnt
worden.
Unter dem Strich ist festzustellen: Die Führungen von SPD
und Grüne haben sich gnadenlos dem kapitalistischen System
und seinen Anforderungen verschrieben. Und sie tun dies bis an
den Rand der Selbstaufgabe, wie die Wahlergebnisse zeigen.
Dies alles spiegelt sich natürlich auch in der Umweltpolitik &endash;
und darunter fasse ich jetzt mal auch die Verkehrs- und Energiepolitik
- wieder.
Zunächst erst einmal zur Umweltpolitik im Bundeshaushalt.
Laut Finanzbericht des Finanzministeriums werden im gesamten
Bundeshaushalt 2000 Umweltschutzausgaben in Höhe von 8,33
Milliarden DM verteilt. Das sind im Vergleich zum Vorjahr 5,5
Prozent weniger. Die Summe liegt auch unter der der Kohl-Regierung
Der Umwelthaushalt selbst muß mit minus 3,4 Prozent zum
Sparpaket beitragen. Dabei wird der Stammhaushalt, also die Ausgaben,
die mit dem Umweltschutz im engsten Zusammenhang stehen, sogar
um 7,3 Prozent gekürzt.
In den nächsten Jahren geht dies weiter: Bis zum Jahre
2003 sollen insgesamt 445 Millionen DM eingespart werden. Damit
könnte fast ein halber Umweltetat eines Jahres finanziert
werden.
Klima
Eine Kernfrage der globalen Umweltpolitik ist der Klimaschutz
Seit Anfang letzter Woche tagt in Bonn die 5. Vertragsstaaten-
Konferenz zur Klimarahmenkonvention. Zur Erinnerung:
Das Kyoto-Protokoll verlangt global die Reduktion von 5,2 Prozent
Kohlendioxid-Äquivalent bis spätestens 2012 auf der
Basis von 1990. Das industriell entwickelte Europa soll 8 Prozent,
die USA 7 und Japan 6 Prozent bringen. Auf Deutschland, so einigte
sich die EU, fallen 21 Prozent. Auf der ersten Vertragsstaatenkonferenz
1995 in Berlin verkündet Bundeskanzler Kohl allerdings die
Selbstverpflichtung, daß Deutschland seinen CO2-Ausstoß um
25 Prozent gegenüber 1990 verringern werde. Und zwar schon
bis zum Jahre 2005.
Die PDS-Bundestagsfraktion fordert von der Bundesregierung,
an der Selbstverpflichtung, festzuhalten. Langfristig muß jedoch
weltweit der Ausstoß an den naturwissenschaftlich begründeten
Notwendigkeiten ausgerichtet werden. Das bedeutet mindestens
eine weltweite Halbierung dieser Emission bis Mitte des nächsten
Jahrhunderts. Für die Industriestaaten heißt dies,
eine Reduktion von 80 Prozent bis zum Jahre 2050, wenn den Entwicklungsländern
tatsächlich eine Chance zur Entwicklung gegeben werden soll.
Leider redet in Bonn jeder über komplizierte Anrechnungsmechanismen
und niemand mehr über diese Dimensionen. Denn mit den weltweit
5,2 Prozent von Kyoto kann der globale Klimakollaps nicht aufgehalten
werden.
Zudem finden immer mehr Länder an der Idee Gefallen, die
Mechanismen, über die gerade in Bonn verhandelt, wird recht
einseitig auszunutzen. Anderswo wollen sie sich billige Verschmutzungsrechte
kaufen bzw. sich zweifelhafte Forstmaßnahmen oder Umweltinvestitionen
in anderen Ländern auf ihre eigene Einsparverpflichtung
anrechnen lassen, anstatt im eigenen Land Emissionen zurückzuschrauben.
Angesichts der offensichtlichen Schlupflöcher sollten mit
diese Mechanismen höchstens ein Viertel der festgelegten
Quoten abgerechnet werden dürfen. Und auch nur dann, wenn
wenigstens die wichtigsten Schlupflöcher geschlossen werden.
Sonst ist abzusehen, daß sich der Ausstoß von Klimagasen
absolut weiter erhöhen wird. Hier werden vor allem die USA,
mit ihrem weltweit höchsten Pro-Kopf-Ausstoß von 20
Tonnen im Jahr, die Hauptblockierer fortschrittlicher Klimapolitik
sein.
Die Forderung von Entwicklungsländern, nach finanzieller
Unterstützung ihrer Reduktionsmaßnahmen, scheint der
PDS folgerichtig. Der jahrhundertlange Ressourcentransfer aus
der Dritten Welt in die Industrieländer rechtfertigt dies
genauso, wie die existentielle Rolle des Klimaschutzes.
Deutschland emittiert pro Kopf 10,9 Tonnen CO2 im Jahr. Das
ist fünfmal mehr, als klimaverträglich, zehn mal mehr
als Afrika und auch 20 Prozent mehr als Japan und 70 Prozent über
dem Niveau der Schweiz. Die Vorbildrolle im Klimaschutz, von
der nunmehr auch Umweltminister Trittin redet, relativiert sich
da wohl etwas. Insofern sollte Deutschland vor allem vor der
eigenen Haustür kehren. Was beispielsweise im Verkehrssektor
läuft ist klimapolitisch der reinste Horror.
Anstatt den Kahlschlag bei der Flächenbahn oder im ÖPNV
zu stoppen, soll das unsinnige einspurige Torso des Milliardengrabs
Transrapid finanziert werden. Ein Projekt, daß sich nur
rechnet, wenn zusätzlicher Verkehr produziert wird. Um den
Preis von 150 DM pro Ticket zu halten, müßten im Jahr
8 Millionen Menschen transportiert werden. Im Moment reisen aber
nur ganze 2 Millionen. Und zwar auf Schiene, Straße und
in der Luft. Alles Verkehrsträger, die es ja später
weiterhin neben dem Transrapid geben wird. Das Risiko dieser
Fehlinvestition soll die Bahn tragen, die in direkter Konkurrenz
zum Transrapid stehen wird.
Auch der deutsche Autowahn wird wohl nur noch von dem der USA übertroffen.
Der Tagesspiegel titelte vor einer Woche sarkastisch: „Rot-grüne
Wende: Mehr Straße, weniger Schiene". Vor einem Jahr
schrieb die Koalition in ihren Vertrag: Um die Modernisierung
des Schienennetzes voranzutreiben, streben wir an, die Investitionsmittel
für Straße und Schiene schrittweise anzugleichen." Und,
siehe da, die Rotgrüne Realität sieht etwas anders
aus. Von den 63 Milliarden DM, die von 1999 bis 2003 ausgegeben
werden, fließen nur 25,7 Milliarden in die Schiene. Der
Straßenbau erhält stolze 7,8 Milliarden DM mehr als
die Bahn und der Rest geht in die Wasserwege.
Wen wundert es da, daß von den gegenwärtig 38.100
Kilometern betriebenen Schienenstrecken 11.000 Kilometer, also
mehr als ein Viertel und in der Regel die für die Flächenbahn
so wichtigen Nebenstrecken, von der Schließung bedroht
sind.
Die Verkehrspolitik des Bundes ist klimapolitisch Irrsinn. Laut
einer aktuellen Wuppertal-Studie wird ohne Gegenmaßnahmen
das Wachstum des Verkehrs bis zum Jahre 2020 sämtliche Einsparungen
von Klimagasen in den anderen Bereichen zunichte machen. Allein
der LKW-Emissionen werden drastisch um 38 Prozent wachsen. Mit
einem Anstieg von 46 auf 120 Millionen Tonnen CO2-Äuivalent
wird der Flugverkehr im Jahr 2020 das Klima genauso stark belasten
wie der PKW-Verkehr.
Bundeskanzler Schröder hat gerade erst eingeräumt,
daß die bisher in Deutschland beschlossenen Maßnahmen
bis zum Jahr 2005 nur eine Verringerung um etwa 17 Prozent bringen
würden. Im Moment stehen wir bei minus 13,2 Prozent, bezogen
auf 1990.
Ein anderes Problem sind die Entwicklungsländer. Einige
von ihnen haben hohe Wachstumsraten, viele sehen sich gezwungen,
den Wirtschaftsmodellen des Nordens nachzueifern.
Der in Kyoto vereinbarte Fonds für den Technologietransfer
für die Länder des Südens ist eine Möglichkeit,
die Entwicklungsprozesse in Schwellenländer klimaverträglicher
zu gestalten. Andere sind beispielsweise zweckgebundene Entschuldungen.
Gläubigerländer verzichten auf Forderungen, wenn die
entsprechenden Mittel beispielsweise für den Erhalt von
Regenwäldern oder direkt für soziale Maßnahmen
verwendet werden, die der Brandrodung Einhalt gebieten. Eine
Regionalisierung großer Teile des Welthandels, also genau
das Gegenteil von weiteren WTO-Liberalisierungsrunden, würde
im übrigen mehr für den Klimaschutz und für menschenwürdige
Arbeit in den Ländern des Südens bewirken, als viele
Transferzahlungen.
Energie
Vom Klimaschutz ist es nicht weit zur Energiepolitik.
Jeder weiß es inzwischen: Strom ist angeblich gelb und
die Preise stürzen in den Keller. Daß die Liberalisierung
der Energiemärkte den Monopolpreisen der großen Energieversorgungsunternehmen
endlich das Genick bricht, ist sicher wünschenswert. Jetzt
wird deutlich, welch hohe Profite sich die Großkonzerne
der Branche jahrelang in die Tasche steckten.
Doch was hier losgetreten wurde ist ein liberales Wettrennen
um den am billigsten produzierten, nicht um den volkswirtschaftlich
günstigsten Strom. Wer Sonnen- oder Windenergie aus der
Steckdose zapfen, also Umweltzerstörung reduzieren und nachfolgenden
Generationen keine Hypotheken hinterlassen will, wird mit deutlich
höheren Energiepreisen bestraft. Eine kinderreiche Familie
kann also grünen Strom wollen, aber vielleicht nicht bezahlen.
Zwischen Yello- und grünen Stromverkäufern besteht
im Preiskampf keine Chancengleichheit. Erstere kaufen billig
Atom- und Kohlestrom ein, dessen Umweltkosten, Risiken und Forschungssubventionen
die ganze Gesellschaft zu tragen hat. Letztere müssen ihr
umweltfreundlicheres und zukunftsfähiges Produkt in der
Regel noch deutlich teurer anbieten.
Dazu kommt: Durch großzügige Rückstellungsregelungen
beim Atomstrom, mittels schon abgeschriebener Kraftwerke und
durch besagte Monopolpreise sind die Kriegskassen der großen
Energieversorger prall gefüllt. Es ist Ihnen ein leichtes,
noch mehrere Monate Dumpingpreise zu finanzieren, um kleinere
Anbieter und Stadtwerke aus dem Rennen zu werfen. So sind beispielsweise
gerade die Anlagen mit Kraft-Wärmekopplung vom Aus bedroht.
Diese Art der Energieerzeugung ist aber nun gerade im Vergleich
zu den klassischen riesigen Kondensationskraftwerken hocheffizient,
weil sie mit ihrer Abwärmenutzung Wirkungsgrade bis zu 90
Prozent erreichen. Die EVU's heizen dagegen mit ihrer Abwärme
Luft und Flüsse anstatt Wohnungen und Betriebe. Oder sie
erzeugen Strom und Wärme getrennt, was ebenfalls bis zu
40 Prozent mehr Primärenergie kostet.
Die Kraftwärmekopplung ist die mit Abstand kostengünstigste
Verfahrensart zur CO2-Einsparung im Bereich der Energieerzeugung.
Sie steht aber gerade den Interessen der Großkonzerne diametral
entgegen. Denn sie ist dem Wesen nach eine dezentrale Form der
Energieversorgung.
Die Großversorger haben deshalb gerade mal einen KWK-Anteil
von knapp über einen Prozent. Die Stadtwerke sind es, die
mit ihrer Nähe zum Kunden den KWK-Anteil an ihrer Energieerzeugung
auf 20 Prozent und mehr erhöht haben. Und sie sind es, die
jetzt von den EVU's gnadenlos bekämpft werden. Die Folge:
Investitionen in KWK's gehen drastisch zurück, einige hochmoderne
Anlagen, wie beispielsweise das Heizkraftwerk Mitte, stehen unmittelbar
vor der Schließung. Verdrängt durch eine Mischung
von Preis- und Umwelt-Dumping. So dürfte beispielsweise
Yello-Strom nichts anderes sein, als in der Schweiz weis- oder
gelbgewaschener französischer Atomstrom.
Weil die Extraprofite der Großversorger dahinschmelzen,
steigt der Fusions- und Rationalisierungsdruck um Kosten zu sparen.
Vieles wird dabei auf dem Rücken der Beschäftigten
ausgetragen werden.
Die PDS ist der Meinung, daß neben einem schnellstmöglichen
Abschalten aller Atomanlagen die Wettbewerbsnachteile regenerativer
Energien deutlicher als bisher durch folgende Maßnahmen
ausgeglichen werden müssen:
Solarstrom und die Windenergie sind kostendeckend zu vergüten.
Strom aus der Kraftwärmekopplung muß über Quotenregelungen
fester Bestandteil des jeweiligen Strommixes sein. Das Wirtschaftsministerium
hat hier bisher vor allem Abgewiegelt und die Probleme heruntergespielt.
Wir sind weiterhin der Meinung, daß über verschiedene
Förderinstrumentarien Investitionen in regenerative Energien
und in Energieeinsparungen deutlicher protegiert werden sollten.
Das 100.000-Dächerprogramm und das 200 Millionen-Energieeffizienz-Programm
der Bundesregierung kann hier nur ein Anfang sein. Und schließlich
ist eine umfassende Regulierung der Durchleitungen genauso wichtig,
wie die Entflechtung von Elektrizitätsmonopolen.
Im übrigen bedroht der Kampf gegen den Energiebereich der
Stadtwerke auch den Querverbund. Die Finanzierung des ÖPNV
oder andere kommunale Aufgaben sind so akut gefährdet. Dafür
gibt es bei der Bundesregierung und den Wettbewerbsverfechetern
von ROT-Grün nicht die Spur eines Lösungsansatzes.
Soll sich mal Herr Müller oder Herr Trittin hinstellen und
den Leuten erklären, „seht mal, der Strom ist jetzt
billiger, dafür könnt ihr noch einen Fünfziger
für ne Fahrkarte rauflegen.
Und in dieser komplizierten Situation werden im Bundeswirtschaftsministerium
noch andere alte Pläne aus der Schublade gezogen: Auch der
Gebietsschutz für die Wasserversorgung soll gestrichen werden.
Wird der Gebietsschutz aufgehoben, könnten Wasserversorger über
hunderte Kilometer Wasser in andere Gebiete transportieren. In
vielen Regionen würde sicher durch den Marktdruck die Wasserförderung
eingestellt werden. Sie müßten Fremdwasser beziehen,
wobei sich das Interesse am nachhaltigen Grundwasser- und Gewässerschutz
reduzieren wird. Im Wettbewerb um Marktanteile und Absatzmengen
wür-den also "lohnende" Ressourcen geplündert
werden, wobei nicht mehr genutzte Vorkommen aus dem Gewässerschutz
herausfallen könnten.
Und welche Farbe hat dann das Wasser? Vielleicht gelb? Dennn
Wasser unterschiedlicher Qualitäten läßt sich
nicht so einfach mischen wie Strom. Das gibt technische und hygienische
Probleme. Die lassen sich nur durch die Wiedereinführung
der Flächen deckenden Chlorierung lösen. Ein System
mit nicht nur geschmacklichen, sonder auch gesundheitlichen Nebenwirkungen,
von dem sich viele deutsche Kommunen durch ein gutes Wassermanagement
glücklicherweise trennen konnten.
Ein weiteres Problem besteht in der Gefahr, daß den Kommunen
Einnahmen an Konzessionsabgaben verloren gehen. Denn sie ist
nach Auffassungen von Verfassungsrechtlern an ein exklusives
Versorgungsrecht gebunden. Also wieder ein Schlag in die Kassen
der Kommunalhaushalte.
Atompolitik
Die Debatte um den Atomausstieg ist immer mehr zu einer Kosten-
und Entschädigungsdiskussion verkommen. Der Bundeskanzler
hat diesen Wandel schon im Wahlkampf eingeleitet, indem er
für den sogenannten entschädigungsfreien Ausstieg
plädierte. Dies haben sich natürlich die Atommanager
zu nutze gemacht. Sie spielen auf Zeit, und die Koalition läßt
sich an der Nase herumführen.
Beispiel Ausstiegsgesetz ...
Kurz vor dem Tukaimura-Unfall habe ich wieder überrascht
feststellen müssen, wie durch scheinbar simpelste Fehler
teuerste Technik zu Schrott wird. Eine 125 Millionen Dollar teure
NASA- Raumsonde zerschellte auf dem Mars.
Sie wurde, so dürfen wir annehmen, mit vergleichbaren Sicherheitsaufwand
und großer Sorgfalt konstruiert, ähnlich wie die aufwendig
hochgezüchtete Sicherheitstechnik in Atomkraftwerken.
Diese Sorgfalt hat aber nicht verhindern können, daß den
Bahnkorrekturbefehlen Berechnungen zu Grunde gelegt wurden, die
auf verschiedenen Maßsystemen beruhten. Die NASA rechnet
mit metrischen, der Zulieferer für die Steuerungsraketen
leider mit englischen Maßsystemen.
Ist das nicht verrückt? Und wer ist jetzt Schuld? Die Menschen,
die versagt haben, wie die Ingenieure und Arbeiter in Tukaimura,
oder die Technik, die solches Versagen zuließ? Oder ist
es vielleicht die Politik, die uns immer wieder weis machen will,
technisch wären Unfälle dieser Art zu verhindern.
Das Risiko eines Gaus in der Bundesrepublik innerhalb der nächsten
20 Jahre liegt - umgerechnet auf die 19 deutschen Reaktoren -
zwischen 1 zu 25 und 1 zu 2500. Der Vorschlag der Grünen,
die Betriebszeiten auf 25 Jahre zu begrenzen, nimmt dieses erhebliche
Risiko einer unbeherrschbaren Kernschmelze also billigend in
Kauf. Ich weis natürlich, daß dies nicht leichtfertige
Verantwortungslosigkeit ist, sondern ein Zugeständnis an
das Kräfteverhältnis hier im Land.
Dieses Kräfteverhältnis ist aber nicht vom Himmel
gefallen. Auch diese Regierung hat es durch ihr rumlavieren in
der Atompolitik mitbestimmt. Daran gibt es keinen Zweifel und
deshalb auch keine Entschuldigung.
Die PDS hat ein Ausstiegsgesetz in den Bundestag eingebracht.
Wir verstehen unter schnellstmöglichen Ausstieg eine Frist
von maximal 5 Jahren.
Ökosteuer
Auch der zweiten Stufe der Ökosteuereform von Rotgrün
mangelt es nicht nur an ökologischen Lenkungswirkungen,
sie ist auch zutiefst ungerecht.
Aus der mittelfristigen Finanzplanung des Bundes ergibt sich,
daß die Senkung der Rentenversicherungsbeiträge bis
zum Jahre 2003 im Rahmen dieser Reform 1,4 Prozent betragen wird.
Rechnet man die dann zu erwartenden Energie- und Mineralölsteuern
im Jahre 2003 gegen die Entlastung durch die Senkung der Rentenbeiträge,
so gehen Familien mit mehr als drei Personen und einem Auto im
Nettoeffekt nicht nur leer aus - sie zahlen noch kräftig
drauf. Und zwar umso mehr, je weniger sie verdienen!
Eine dreiköpfige Familie mit PKW müßte ein sozialversicherungspflichtiges
Einkommen von monatlich mindestens 7500,- DM Brutto beziehen,
um in den Genuß einer Nettoentlastung zu kommen. Und eine
fünfköpfige Familie und Auto mit 4000,- DM Bruttoeinkommen
im Monat büßt etwa 45 DM ein. Transferbezieher, wie
Studenten und Sozialhilfeempfänger, trifft es härter,
denn sie können nicht an der Senkung der Rentenbeiträge
partizipieren.
Andererseits wird die Nettoentlastung der Wirtschaft schon bei
der ersten Stufe der Ökologischen Steuerreform 3 Milliarden
DM betragen. Bis 2003 werden dann Milliardenbeträge im zweistelligen
Bereich in die Firmenkassen gespült, denn das produzierende
Gewerbe wird mehrfach entlastet:
Ein Betrieb bekommt durch die Gesetzeskonstruktion 96 Prozent
der Strom- oder Mineralölsteuern, die er über 1000,-
DM zu zahlen hätte, zurück. Eine Lenkungswirkung im
produktiven Bereich kann man da wohl schlichtweg vergessen. An
der Senkung der Lohnnebenkosten verdient das Unternehmen hingegen
ohne Beschränkung.
Um nicht falsch verstanden zu werden. Wir argumentieren hier
keineswegs gegen eine Erhöhung der Preise für die Nutzung
der Natur. Eine Erhöhung der Mineralölsteuer, die Besteuerung
von Flugbenzin und anderes mehr sind auch Forderungen der PDS.
Doch wenn im Rahmen dieser ökologisch unwirksamen Ökosteuerreform
in den nächsten vier Jahren über die Senkung der Rentenversicherungsbeiträge
zig Milliarden an die Unternehmen verteilt werden, und diese
Summe überwiegend - das DIW schätzt zu zwei Dritteln
- aus den Taschen der Arbeitnehmer und anderen Gruppen mit niedrigen
Einkommen finanziert wird, dann meinen wir, dies ist keine Ökosteuer,
sondern ein Raubzug.
Die PDS mußte zur Kenntnis nehmen, das das alte Märchen,
eine Senkung der Arbeitskosten führe zur Senkung der Arbeitslosigkeit,
auch bei den Umweltverbänden auf fruchtbaren Boden gefallen
ist. Die PDS setzt sich in der Ökosteuerdiskussion dennoch
klar von dieser neoliberalen Forderung nach Senkung der Arbeitskosten
ab, weil die Arbeitskosten in Deutschland kein Wettbewerbsproblem
darstellen. Zwar liegen in Deutschland die Lohnkosten je Arbeitnehmer
oder je Arbeitsstunde höher als in vielen Ländern.
Die für die Konkurrenzsituation entscheidende Kennziffer
sind jedoch nicht die Lohnkosten je Arbeitnehmer oder je Arbeitsstunde,
sondern die Lohnstückkosten. Und die sind durch die Produktivitätsentwicklung
im Trend deutlich weniger gestiegen und meist auch absolut niedriger
als im Ausland.
Wenn also die Höhe der Lohnstückkosten, die ja auch
die Lohnnebenkosten beinhalten, keinen Konkurrenznachteil bedeuten,
warum müssen dann die Lohnnebenkosten gesenkt werden? Wer
soll daran glauben, daß mit dieser Entlastung mehr Arbeitsplätze
geschaffen werden. Ist es nicht naheliegender, daß mit
den Einsparungen nur weitere arbeitsplatzvernichtende Rationalisierungsinvestitionen
bzw. Firmenkäufe, Spekulationen oder Finanzanlagen finanziert
werden?
Im übrigen ist Deutschland auch 1998 wieder Exportweltmeister
geworden, während die Gewinne der Unternehmen und Banken
explodierten. Empirisch spricht also so ziemlich Alles gegen
eine zu hohe Belastung durch Arbeitskosten.
Einen anderen Sachverhalt umschreibt dagegen die Forderung von
Umweltverbänden, daß Arbeit im Verhältnis zu
Naturverbrauch billiger werden muß. Dieses Ziel ist aber
auch ohne eine absolute Senkung der Arbeitskosten zu erreichen.
Schon bei einer Verteuerung des Umweltverbrauches verändern
sich die relativen Preise zwischen Lohnkosten und Kosten für
den Umweltverbrauch, beispielsweise durch Ökosteuern, zu
Gunsten von mehr Beschäftigung und weniger Umweltzerstörung.
Ein sozialer Ausgleich, beispielsweise Zuschüsse oder einen Ökobonus
im Steuerrecht für untere Einkommensgruppen muß dabei
selbstverständlicher Bestandteil einer solchen Reform sein.
Die Einnahmen aus der Erhebung von Ökosteuern müssen
zur Finanzierung eines ökologischen Umbauprogramms verwendet
werden. Es geht um den Ausbau des ÖPNV, die (Wieder-) Ausweitung
der Bahn in die Fläche, die Ökologisierung der Landwirtschaft,
die Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe, um Altlastensanierung,
Transferleistungen an die Länder des Südens und anderes
mehr.
Die Verwendung der Einnahmen zur Lohnnebenkostensenkung dagegen
entlastet im Übrigen auch immer die Unternehmen, welche überhaupt
keinen Beitrag zum ökologischen Umbau leisten. Eine weitere
Umverteilung von unten nach oben ist die Folge.
Dagegen hätte die von der PDS geforderte Veränderung
der Bemessungsgrundlage von Lohnnebenkosten (Wertschöpfung
statt Bruttolöhne, Einbeziehung Selbstständiger usw.)
für das Sozialsystem stabilisierende und für die Beschäftigung
positive Effekte.
Ich habe die Verteilungswirkung der Rot-Grünen Ökosteuer
so ausführlich dargestellt, weil so direkte Auswirkungen
auf die Umweltpolitik hat. Denn schließlich ist Rotgrün
mit seiner Ökosteuergesetzgebung auf dem bestem Wege, den
Gedanken einer notwendigen Verteuerung des Umweltverbrauchs völlig
zu diskreditieren. Der politische Spielraum für den Umweltschutz
wird deutlich reduziert werden. In Verbindung mit dem gesamten
Sparpaket ist dies die eigentliche Katastrophe.
Umwelt- und Wirtschaftspolitik
Jetzt möchte ich ein paar Worte zum Verhältnis von
Umwelt- und Wirtschaftspolitik in der PDS verlieren.
Weltweit, aber insbesondere in den Industrieländern hat
sich das Tempo von Naturzerstörung und Vernutzung ständig
erhöht. Gegenwärtig verdoppelt sich die globale Industrieproduktion
in nur 21 Jahren. In einem geschlossenen System - wie es die
Erde ist - in dem regenerierbare Ressourcen nur einen kleinen
Anteil des wirtschaftlichen Inputs einnehmen, muß eine
solche Entwicklung zu einem Kollaps führen.
Für die PDS müssen deshalb neben dem klassischen Umweltschutz
die sozialökonomischen Ursachen der Nicht-Nachhaltigkeit
kapitalistischer Weltwirtschaft im Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsdebatte
stehen. Sie kann sich dadurch deutlich von anderen Parteien unterscheiden.
Bündnis 90/Die Grünen haben in den letzten Jahren über
ihre Ökosteuerdiskussion die Beschäftigungsfrage mit
der Umweltproblematik verbunden. Auch wenn das Instrumentarium
ihrer Ökosteuerpolitik für eine zusätzliche Beschäftigungen
untauglich ist, liegt im Umbau der Industriegesellschaft, hin
zu einer global umweltverträglichen Wirtschaftsweise ein
Schlüssel zu mehr und sinnvollerer Beschäftigung. Der
Beitrag der PDS zu dieser Debatte muß in zwei Punkten bestehen.
Die PDS ist erstens die einzige Partei ist, die nachweist, daß nachhaltige
Wirtschaftsweise und weitgehende Vollbeschäftigung nur zu
erreichen ist, wenn gleichzeitig die Finanzierung dieses Umbaus
durch massive Umverteilungen von oben nach unten gesichert wird.
Die Beschäftigungs- und die Nachhaltigkeitsdebattedebatte
auf der einen Seite und die Verteilungsdiskussion auf der anderen
Seite haben also engsten Bezug zueinander, den nur die PDS herstellt.
Zweitens entwickelt unsere Partei zahlreiche Bausteine eines
sozialökologischen Umbaus bzw. greift vorhandene Ansätze,
die beispielsweise von den Grünen aufgrund ihrer Regierungseinbindung
schrittweise aufgegeben werden müssen, auf. Dazu zählen:
Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen, Ökologisierung
der Landwirtschaft, ökologische Verkehrspolitik, Wissenschafts-
und Technologiekritik.
Ein Streitpunkt in der PDS ist die Schwerpunktsetzung in der
Wirtschafts- und Steuerpolitikpolitik und die damit zusammenhängende
Förderung bestimmter Technologien oder Unternehmensgruppen.
Einige meinen, sich nun noch stärker als bisher dem Klein-
oder Mittelstand zuwenden zu müssen.
Ich denke, Klein- und Mittelständische sollten durch die
PDS nur unterstützt werden, wenn die Unternehmen einen entsprechenden
Beitrag zu einer ökologischeren oder sozialeren Wirtschaftsweise
liefern bzw. zu einem Zuwachs an umweltverträglichen Arbeitsplätzen
in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit führen. Deshalb unterstützen
wir die Windkraft, weil sie mit weniger Geld die gleiche Menge
Strom mit vier mal so viel Beschäftigten liefern kann. Deshalb
verteidigen wir die Blockheizkraftwerke, weil sie im Vergleich
mit herkömmlichen Anlagen bei jeder Kilowattstunde ein halbes
Kilo CO2 einsparen. Und deshalb haben wir natürlich auch
um den Erhalt fast jeden Arbeitsplatzes im inzwischen deindustrialisierten
Osten gekämpft. Übrigens auch wenn es Großbetriebe
waren.
Ansonsten sollte die PDS dem regionalen Standortwettbewerb,
der die Kommunen erpreßt und bezüglich der Arbeitsplätze
volkswirtschaftlich auf ein Nullsummenspiel herausläuft,
nicht noch unterstützen. Hilflosigkeit zu Politik zu machen,
rächt sich irgendwann mit Profillosigkeit.
Mittelstandspolitik ist kein Selbstzweck. Genauso wenig wie
die Wertschöpfung, an deren Schaffung die PDS angeblich
endlich mitwirken sollte, anstatt nur immer über Umverteilung
zu reden.
Ich meine dagegen, wir haben nicht zu wenig Produkte, sondern
zu wenig bezahlte Arbeit und eine zutiefst ungerechte Verteilung
der Ergebnisses dieser Arbeit. Und wir haben ein Umweltproblem
und einen Ressourcenverbrauch, der uns irgendwann das Genick
bricht. Vor allem mit diesen Dingen sollten wir uns beschäftigen,
und damit hätten wir wahrlich genug zu tun.
Noch ein Wort zur Förderpolitik, Innovation und Modernität. „Innovation" oder „modern"-
diese Vokabeln springen einen ja inzwischen inflationär überall
in PDS-Papieren aller Art an. Sie werden nicht definiert, genauso
wenig wie Postfordismus und andere Schlagwörter, die wohl
bald in unser Programm einfließen werden, obwohl sie eigentlich
nur einer Strömung entspringen.
Ich denke, förderungswürdige Unternehmen müssen
nicht unbedingt immer innovativ im herkömmlichen Sinne sein.
Innovation wird ja landläufig nur als traditionelle Technik-
und Wissenschaftsentwicklung, die den Produktivitätsfortschritt
beschleunigen, neue Märkte erobern und damit Arbeitsplätze
schaffen soll verstanden.
Aber was ist eigentlich modern? Regionale Schlachthöfe
beispielsweise, die im Gegensatz zu zentralen industriellen Schlachthöfen
Verkehr reduzieren, Arbeitsplätze schaffen und den Tieren
Qualen ersparen, sind keine neuen Erfindungen, aber ohne Zweifel
wünschenswert.
Innovativ und modern können auch Technologie im Ökologischen
Landbau sein, weil Düngemittel und Pestizide eingespart
sowie Boden und Wasser geschützt werden.
Selbstverständlich ist die Breiteneinführung der Solarenergie
innovativ, weil sie die einzig wirklich zukunftsfähige Energieform
ist. Innovationen können aber auch als Wärmeschutz-
und Wärmenutzungs-Verordnung daherkommen, die dazu führen,
endlich das enorme Wärmedämmungspotential für
drastische Energieeinsparungen zu nutzen.
Eine grundlegende Innovation wäre es, Wirtschaftsstrukturen
zu schaffen, die regionale Kreisläufe bedienen. Die Regionalisierung
von Wirtschaftskreisläufen ist nicht nur aus ökologischen,
sondern auch aus sozialen Gründen ein anzustrebendes Ziel.
Die Verkürzung der Wege zwischen Produktion, Verbrauch,
Recycling beziehungsweise Abfallentsorgung vermeidet Verkehr
und senkt damit Emissionen. Eingesparte Transportkosten können
für soziale oder ökologische Projekte verwendet werden.
Gleichzeitig würden kleinere Wirtschaftseinheiten die Anfälligkeit
von Regionen gegen Firmenzusammenbrüche vermindern.
Da eine Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe, genauso
wie eine ökologischere Landwirtschaft, die Tiefe der Arbeitsteilung
vermindert, ist mit einer Senkung der Arbeitsproduktivität
zu rechnen. Sinkt aber die Arbeitsproduktivität, steigt
der Anteil der lebendigen Arbeit je Produkt. Das Ganze könnte
also Arbeitsplätze schaffen. Und das Wort Innovationen könnte
demzufolge auch mit sinkender Arbeitsproduktivität, anstatt
wie üblich mit höherer, verbunden werden.
Wirklich Innovativ, weil sozial gerecht wären solche Prozesse
allerdings erst, wenn die umweltfreundlicheren, aber teurer produzierten
Produkte auch bezahlbar bleiben. Umverteilung steht also auch
in einem solchen Szenario auf dem Programm. Sozial und Umweltpolitik
sind nicht voneinander zu trennen. Das bleibt der unverwechselbare
Kern der ökologischen Politik der PDS.