Dieter Klein:
Der sozial-ökologische Umbau in einem alternativen Reformkonzept
Die PDS will einen neuen Entwicklungsweg, der mit der neoliberalen
Entfesselung des gegenwärtigen Kapitalismus bricht und auch über
den in den wenigen Industrieländern sozial relativ gebändigten
Kapitalismus der Nachkriegszeit hinaus weist.
Im globalen Maßstab treten vier zentrale Aufgaben tief
greifenden gesellschaftlichen Wandels hervor:
ein Übergang zu sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit
des Wirtschaftens und der Lebensweisen. Die Industrieländer
haben dafür die größten Möglichkeiten und
müssen sie für die Eröffnung neuer Chancen aller
Völker nutzen.
eine erdumspannende Offensive zur Überwindung von Armut,
Hunger und sozial- ökonomischer Entwicklung, die zu einer
gerechten Weltwirtschaftsordnung führen muss.
ein Aufbruch zur Überwindung patriarchaler Macht, zur Beseitigung
aller Bedingungen, die den emanzipatorischen Ansprüchen
und Kämpfen der Frauen entgegen stehen, um ihr Veränderungspotenzial
voll zur Geltung zu bringen, zur Gleichstellung der Geschlechter
nicht als bloße Anhebung des weiblichen Status auf patriarchal
definiertes Niveau, sondern als qualitativer Gewinn für
Frauen und Männer.
eine Bündelung aller Anstrengungen für Frieden in der
Welt: Abrüstung muss wieder in das Zentrum internationaler
Politik rücken, die erneute Legitimierung des Krieges als
Mittel der Politik beendet, das Gewaltmonopol einer demokratisierten
UNO wieder hergestellt, die OSZE gestärkt und ziviler Krisenprävention
ein völlig neuer Stellenwert verliehen werden.
Der Kosovo-Krieg hat tragisch gezeigt, wie eng der Zusammenhang
von Krieg und Umweltzerstörung ist: Durch die Armut in seinem
Gefolge, durch toxischen und karzinogenen Gehalt der Raketentreibsätze,
durch angereichertes Uran in Panzer brechender Munition, durch
Giftgase, Verölung und andere Folgen der Bombardierung von
chemischen, pharmazeutischen, Düngemittel- und Pflanzenschutzfabriken.
Der deutsche Naturschutzring hat zu Recht festgestellt, dass
die Bundesrepublik durch ihre Kriegsbeteiligung auch das Umweltkriegsübereinkommen
gebrochen hat.
Es wäre gut, wenn die Europaparlamentarier der PDS eine
internationale Konferenz zu den ökologischen Folgen des
Krieges gegen Jugoslawien und des Golfkrieges vorbereiten, die
das Bewusstsein für diese Zusammenhänge schärfen
könnte und auf der die PDS die Zusammengehörigkeit
ihres Antimilitarismus und ihres ökologischen Profils herausarbeiten
sollte.
Es steht nicht weniger als die Einleitung eines globalen Umbaus
und einer völlig neuen Entwicklungslogik auf der Tagesordnung,
möglich nur durch Überwindung der Vorherrschaft der
Kapitalverwertung, des zerstörerischen Umgangs der Gesellschaft
mit der Natur, der Herrschaft des "Nordens" über
den "Süden" und der Herrschaft von Männern
und Frauen.
Alle Welt spricht heute von ökologischem Wandel und Nachhaltigkeit
- wenn auch leiser als noch vor einiger Zeit. Aber umweltpolitische
Fortschritte bleiben durch das Zurückweichen vor den blockierenden
Mächten begrenzt. Eine Veränderung der Machtverhältnisse
einzuleiten, ist nicht zuletzt deshalb eine prometheische Aufgabe,
weil diese längst von Bevölkerungsmehrheiten verinnerlicht
ist.
Erschwerend für einen ökologischen Umbau kommt hinzu,
dass die sozialen Ängste dabei sind, das gewachsene ökologischen
Denken zurückzudrängen. 1999 bezeichneten sich nur
noch 15 Prozent der vom Allensbacher Institut für Demoskopie
Befragten als "sehr interessiert" an Umweltschutz im
Verhältnis zu 26 Prozent 1992, 79 Prozent der Deutschen
sahen sich 1999 als "interessiert" im Verhältnis
zu 87 Prozent vor sieben Jahren an. Die reale Handlungsbereitschaft
liegt weit unter diesen Selbsteinschätzungen.
Gleichwohl: Das Gefühl von Mehrheiten, dass es so nicht
mehr weitergehen dürfte, führte zur Abwahl der konservativ-neoliberalen
Parteien in dreizehn von fünfzehn EU-Ländern und zu
sozialdemokratisch geführten oder geprägten Regierungen.
Damit entstand die Chance, in Westeuropa tatsächlich einen
sozialen und ökologischen Umbau einzuleiten. Aber die Gefahr
ist übergroß, dass sie bereits im Moment ihres Entstehens
verspielt wird - unter Beteiligung der Grünen.
In diesem Kontext sehen wir unsere Verantwortung und unsere
Kritik an den Defiziten der Umweltpolitik der Regierung Schröder.
Zu begrüßen das 100.000-Dächer-Programm und die
jährliche Förderung von regenerativen Energie in Höhe
von 200 Millionen DM bis 2003. Aber insgesamt fallen die Umweltschutzausgaben
nach dem Bundeshaushaltsplan 2000 um 5,5 Prozent mit 8,327 Milliarden
DM noch unter das Niveau der Ausstattung zu Zeiten Helmut Kohls.
Der Atomausstieg mutiert zum Konsens mit der Atomwirtschaft über
die Festschreibung der Reaktorlaufzeiten bis zu 20 oder 30 Jahren.
Ein Signal für die Umwandlung der Automobilgesellschaft
in eine Gesellschaft der Verkehrsvermeidung und neuer Mobilität
ist nirgendwo zu entdecken. Der Kanzler sorgte während seiner
EU-Präsidentschaft weder für die Weiterführung
der Klimastrategie der EU noch für umweltpolitische Orientierungen,.
wohl aber für den Fall der Altautorichtlinie in der EU.
Noch nicht einmal ein Referentenentwurf für eine neues
Bundesnaturschutzgesetz liegt vor. Nicht einmal ein Moratorium
wie andere westeuropäische Staaten hat die Bundesregierung
verabschiedet. Die Debatte über eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie
wurde bisher nicht eingeleitet. Die Ökosteuer, "an
sich" eine Möglichkeit des Einstiegs in den ökologischen
Umbau, ist sozial missraten und umweltpolitisch defizitär.
Die Unternehmen werden im Verhältnis zu den privaten Haushalten
nur mit einem Fünftel der Energiesteuer pro verbrauchter
Einheit Energie belastet. Für sie wird die Energiesteuerbelastung
durch die Entlastung von Sozialbeiträgen zum großen
Teil ausgeglichen. Für Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen,
RentnerInnen und Studierende findet ein Ausgleich gar nicht statt.
Die Erstattungsregelung benachteiligt außerdem kleine Unternehmen.
Statt Energie aus regenerierbaren Quellen durch das Herausnehmen
aus der Ökosteuer zu fördern, wird sie genauso versteuert
wie Atomeenergie und Energien auf fossiler Basis. Die Wirkung
der erhöhten Mineralölsteuer wird durch die Verteuerung
des öffentlichen Personennahverkehrs konterkariert und belastet
ebenfalls die sozial Schwächeren stärker als andere.
Die rosa-grüne Koalition ist die Einleitung eines ökologischen
Umbaus und erst recht eines sozialen und ökologischen Umbaus
schuldig geblieben. Das ist gemeinsam mit dem BUND, mit dem Naturschutzbund
und anderen Umweltorganisationen unsere Einschätzung.
Dies ist die Konsequenz der Öffnung der neuen Sozialdemokratie
zum Neoliberalismus hin. Diese Öffnung geschieht vor allem
durch die Zentralität von Wachstum und einer mit globalen
Zwängen motivierten Weltmarktordnung in Schröders Wirtschaftskonzept.
(Wir sollten beispielsweise - auch mit Beteiligung an Aktionen
- die Expo 2000 sehr kritisch begleiten, deren Realität
ihrem umweltpolitischen Anspruch vielfach zuwider laufen wird.)
durch die Anpassung politischer Verantwortung und selbst neuer
Ansätze zu gestaltender Politik an die Interessen der großen
international operierenden Unternehmen,
durch den Verzicht auf Veränderung ökonomischer Machtstrukturen,
durch Verzicht auf überfällige Umverteilung von oben
nach unten und durch Abbau sozialer Standards auf gemäßigte
Weise als Folge dieses Verzichts.
Die PDS betrachtet den Schritt weisen Rückzug der Grünen
von ursprünglichen Zielen nicht mit Häme, sondern mit
Besorgnis und in dem Bewusstsein, dass dies nicht nur von der
Partei der Grünen selbst verschuldet, sondern auch Resultat
des enormen Drucks der Kräfteverhältnisse ist. In der
Gesamtheit dieser Zusammenhänge und Bedingungen hat die
PDS in ihrer programmatischen Debatte zu bestimmen, was sie tun
kann und will, um in der Bundesrepublik zu einem Einstieg in
den sozialen und ökologischen Umbau der Gesellschaft beizutragen.
Mit welchen Akzenten?
Erstens:
Das Charakteristische der Herausforderungen in Vorbereitung
auf das 21. Jahrhundert besteht vom Standpunkt der Linken betrachtet
darin, dass zwei große, miteinander unlöslich verbundene
und weit reichende Wandlungsprozesse eingeleitet werden müssen:
ein sozialer Umbau der Gesellschaft zur Lösung ihrer alten
und neuen sozialen Fragen und ein Umbau ihres Stoffwechselprozesses
mit der Natur auf dieser Grundlage: Öffnung der Gesellschaft
für soziale und ökologische Nachhaltigkeit zugleich.
Das könnte als Dreh- und Angelpunkt einer von der PDS zu
erarbeitenden und zu vertretenden Reformalternative angesehen
werden.
Der ökologische Umbau ist nur in Wechselwirkung mit tief
greifenden Veränderungen in den Produktions- und Lebensweisen
und einschneidender Veränderungen im kulturellen Wertegefühl
möglich. Vor allem aber nur im Verlauf der Demokratisierung
der Demokratie, weil nur unter dieser Voraussetzung sich die
Akteure des Wandels Gehör und Durchsetzungsmacht zu schaffen
vermögen.
Zweitens:
Der produktive Umgang mit dem Spannungsverhältnis zwischen
sozialen und ökologischen Interessen erfordert, im Grunde
jeden umweltpolitischen Schritt mit dem Maßstab sozialer
Gerechtigkeit kompatibel zu machen.
Die PDS ist nun zum ersten Mal dabei, durch die Öffentlichkeit
Kompetenz im Umgang mit einem zentralen Wert und Deutungsmacht
auf diesem Felde zuerkannt zu bekommen: soziale Gerechtigkeit.
Es geht für die PDS nicht darum, von einer Partei der sozialen
Gerechtigkeit zu einer Öko-Partei zu werden, sondern um
eine erneuerte, moderne Auffassung der sozialen Frage, der sozialen
Gerechtigkeit. Es muss unser Anspruch sein: jeden umweltpolitischen
Schritt nach vorn im Einklang mit diesem Maßstab zu tun.
Das muss das umweltpolitische Profil der PDS in hohem Maße
bestimmen. Wir wollen keine Ersatzgrünen werden, sondern
von unseren originären Stärken her - sozial verpflichtet,
kommunal verankert zumindest in Ostdeutschland, für die
Erneuerung der Demokratie wirkend und mit internationalistischen
frühen Wurzeln - stärker als bisher umweltpolitisch
zu wirken. Beispielsweise, wenn wir gemeinsam mit den von extremen
Abwassergebühren und Anschlussbeträgen Betroffenen
dafür eintreten, dass Menschen nicht für Umweltschutz
bestraft werden.
Soziale Gerechtigkeit - das bleibt die Herausforderung zur Neuverteilung
der Lebenschancen von oben nach unten, der Verfügung über
Eigentum und des Zugangs zu existenzsichernder Erwerbsarbeit.
Soziale Gerechtigkeit - das schließt ein, die natürlichen
Lebensbedingungen künftiger Generationen zu bewahren und
nicht heute auf ihre Kosten zu leben.
Soziale Gerechtigkeit - das umfasst solidarisches Wirken für
ein menschenwürdiges Leben aller im Trikont, eingeschlossen
eine gerechte Verteilung der Nutzung des Umweltraumes.
Soziale Gerechtigkeit - das heißt emanzipatorische Gestaltung
der Geschlechterverhältnisse für Frauen und Männer.
Soziale Gerechtigkeit ist nur verlängert in die Zukunft
und erdumspannend nur für beide Geschlechter, nur für
BürgerInnen inländischer und ausländischer Herkunft
zugleich zu haben.
Drittens:
Sozialer und ökologischer Umbau der Gesellschaft lässt
keinen Bruch zwischen Zukunftsvorstellungen und gegenwärtigem
Handeln zu, sondern erfordert eine Politik des Einklangs zwischen
beidem. Das muss unser Anspruch sein.
Doch in der PDS ist eine Tendenz verbreitet: Für die Visionen
sind die einen zuständig und in Gefahr, den Boden des Machbaren
und von Mehrheiten Mitvollziehbarem zu verlassen - entsprechend
gescholten als politikunfähig und Schlimmerem. Für
die Mühen des Alltags sind andere da und in Gefahr, auf
der Suche nach Detaillösungen und Kompromissen dafür
den Anschluss an strategisches Denken und weitergespannte Ziele
zu verlieren - entsprechend geschmäht als schnöde Pragmatiker.
Zusammengehöriges ist oft auf verschiedene Personen verteilt
und zuweilen ungleich zwischen West und Ost. Doch ist dies die
Weise, in der die Widersprüche der Wirklichkeit subjektiv
zu Tage treten.
Das Austragen dieses Widerspruchs erfordert ein Mehr an politischer
Kultur auch in der PDS selbst. Dies tritt zu Tage im Streit um
Kompromisse. Realistische Politik muss alltäglich an Werten
der sozialen Gerechtigkeit, Freiheit des Individuums und der
Solidarität einerseits gemessen werden und andererseits
abwägend in Kauf nehmen, das Kompromisse mit anderen Interessen
und Auffassungen auch Abstriche von eigenen Vorstellungen bedeuten
- im Übrigen aber auch das Lernen von anderen einschließen.
Die Ansicht, letztlich werde eine nachhaltige und global gerechte
Gesellschaft eine sozialistische sein, sollte die eigene Politik
heute und auf absehbare Zeit sozial, ökologisch, emanzipatorisch
und solidarisch orientiert bestimmen. Aber nicht auf die Deklaration
von Forderungen und Maßnahmen hinauslaufen, die potenzielle
Partner abstoßen statt zu mobilisieren. Und doch geht es
nicht beliebig um das, was gerade so geht und ausgehandelt werden
kann, sondern ein ökologischer Umbruch zum Überleben
ist die alles entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts und wird
die Politik der PDS wesentlich zu bestimmen haben. Das damit
gegebene Spannungsfeld muss in der Linken selbst akzeptiert und
in jedem konkreten Problemfall produktiv bearbeitet werden.
Allerdings darf die PDS im Umgang mit dieser Ambivalenz einen
weiteren Aspekt nicht aus dem Auge verlieren:
Viertens:
Im Unterschied zu unverbindlichen Deutungen von Nachhaltigkeit
nennen die demokratischen Sozialistinnen und Sozialisten wirtschaftliche
und politische Eigentums- und Machstrukturen, die sozial- ökologischem
Wandel entgegenstehen, beim Namen, wir wollen sie verändern
und schließlich überwinden - wie diese dem Grundgesetzgebot
der Gemeinwohlpflichtigkeit des Eigentums entspricht.
Sozialer und ökologischer Umbau ist nicht auf dem Weg der
Deregulierung, das heißt der Unterordnung unter Weltmarktmechanismen,
erreichbar. Die Dominanz des auf den Märkten bestimmenden
Entscheidungsmaßstabs, des Profits vor allem der großen
Kapitale, muss überwunden und durch die Einordnung des unternehmerischen
Gewinninteresses in soziale und ökologische Entwicklungskriterien
abgelöst werden. Das ist der ökonomische Kern linker
Reformalternativen und des Übergangs zu einer neuen Regulierungsweise,
mit der soziale und ökologische Nachhaltigkeit gestaltbar
würde.
Eines der großen Probleme ist nun aber, dass staatlicher
und zivilgesellschaftlicher Einfluss auf die Verfügung über
das Kapitaleigentum oder Schritte zu einer Pluralität von
Eigentumsformen in den verschiedenen Branchen und Bereichen der
Gesellschaft ganz unterschiedlich aussehen werden, der Ausarbeitung
geeigneter sehr konkreter Schritte und des Kampfes um ihre Durchsetzung
bedürfen.
Fünftens:
Die PDS muss sich weit ernsthafter und problembewusster zum
Wirtschaftswachstum verhalten, wenn sie einen sozial-ökologischen
Umbau der Gesellschaft erstrebt.
Linke Umweltpolitik muss sich damit auseinander setzen, dass
auch die gegenwärtige Regierung weltmarktorientiertes Wachstum
als entscheidenden Zugang zur Lösung der aufgestauten Probleme
betrachtet. Die Linke wird zu beachten haben, dass Wachstum günstigere
Bedingungen für die Beschäftigten bietet als Wachstumsschwäche
und dass daher Gewerkschaften meist auch auf Wachstum setzen.
Doch auch in Gewerkschaften gibt es Ansätze zur Korrektur
dieser Einseitigkeit. Sie erfahren ja längst, dass eine
Entkopplung von Wachstum und Beschäftigung stattfindet.
PDS-Politiker erwarten Arbeitsplätze ebenfalls oft von Wachstum
durch Ansiedlung von Investoren, auch wenn die Investitionen
der Umwelt abträglich sind.
Doch wenn das Wachstum die jahresdurchschnittliche Steigerung
der Arbeitsproduktivität von 2,5 Prozent übertreffen
sollte, um Arbeitslosigkeit abzubauen, müsste es - was unrealistisch
ist und ohnehin nur zu Lasten von Schwächeren auf den Weltmärkten
gedacht wird - etwa bei 3 Prozent liegen. Wenn dann aber noch
der Verbrauch entscheidender Ressourcen auf 10 Prozent bis 2050
abgesenkt werden soll, würde dies eine Steigerung des Ressourceneffizienz
um das 44fache erfordern, um zugleich Nachhaltigkeit und Beschäftigung
zu erreichen. Dies ist aber ebenfalls unrealistisch.
Die Wachstumskarte führt in eine Sackgasse.
Die erste Schlussfolgerung daraus: Modernisierung und Innovationen
müssen vorrangig statt auf das Wachstum des Bruttosozialprodukts
auf Ressourceneffizienz zielen. Linke Technologie- und Forschungspolitik
muss dem höchste Aufmerksamkeit zuwenden und bedarf selbst
weit größerer Beachtung als bisher.
Wir brauchen nicht mehr Geschwindigkeit am Boden, in der Luft
rund um die Erde, sondern ausgeprägte Konzentration der
Forschungs- und Technologiepolitik auf eine Effizienzrevolution,
auf Langlebigkeit, Reparatur- und Erneuerungsfähigkeit,
Recycelbarkeit, sparsamen Energieverbrauch, Eignung für
regionale Wirtschaftskreisläufe und zum Teil auch Eignung
für Dritte-Welt-Bedingungen.
Je mehr es gelingt, Beschäftigte auf diesen Wegen zu sichern,
desto mehr Handlungsfreiheit gewinnen wir für die Ablehnung
umweltbelastender Investitionen.
Technologie- und Wirtschaftspolitik erfordert auch äußerst
kritische Distanz zu Machbarem, wenn dies unübersehbare
Gefahren birgt. So müssen wir uns stärker in die Debatte
um Gentechnologien begeben. Nicht um alle Forschung abzulehnen.
Aber wir sollten die agroindustrielle Anwendung der grünen
Gentechnik zurückweisen - zumindest beim gegenwärtigen
Stand des Wissens um ihre Gefahren. Die Freisetzung manipulierter
Organismen ist irreversibel, ihre Langzeitwirkung und Verselbstständigung
unüberschaubar. Auch die Patentierung von Genen wird dramatische
Folgen haben. Pflanzen, Tiere und Nutzungsrechte an Teilen des
menschlichen Körpers werden zu Ware und geraten unter das
Monopol der Patentinhaber.
Die Kosten für das Saatgut und bestimmte medizinische Therapien
werden hochgetrieben. Lizenzzahlungen u. a. könnten Hunderte
Millionen Bauern ruinieren.
Jeder Schritt in der Gentechnologie bedarf strikter, gesetzlich
gesicherter Kontrolle, öffentlicher Kennzeichnung, angemessenem
Schutzniveau für die potenziell Betroffenen und vor allem
außerparlamentarischer Wachsamkeit und Gegenmacht. Ein
minimaler Schritt wäre, dass sich die Bundesrepublik dem
Moratorium anderer westeuropäischer Staaten, der Ablehnung
von Freisetzung gentechnisch manipulierter Organismen anschließt.
Unsere verstärkte Aufmerksamkeit sollte nicht allein Natur-,
Technik-, Agrar- und Medizinforschung betreffen, sondern ebenso
alle Sozial- und Geisteswissenschaften. Wir wollen, dass an Universitäten
und Hochschulen die Befähigung zu sozialer und ökologischer
Verantwortung eine zentrale Bedeutung erlangt. Und das ist Welten
von der Gegenwart entfernt.
Zweitens ist eine Ökonomie des Vermeidens, in der SPD von
Michael Müller, Peter Hennicke und anderen gefordert, aber
in der sozialdemokratischen Wirtschaftspolitik per saldo negiert,
unverzichtbar: absolute Verringerung des stofflichen Verbrauchs
in den Industrieländern.
Für linke Reformalternativen ist nicht das Wachstum des
Bruttosozialprodukts, sondern die Sicherung von Wohlfahrt und
Beschäftigung Maßstab der Entwicklung. Nicht nur Wachstum
und Beschäftigung, sondern auch Wachstum und Wohlfahrt sind
entkoppelt. Schon die gegenwärtigen Verluste durch Wachstum
sind erschreckend hoch. Forschungsergebnisse der Universität
Hohenheim belegen dies in alarmierender Weise. Danach stiegen
in der Bundesrepublik die monetär erfassbaren und tatsächlich
gezahlten so genannten Defensivkosten (darunter durch Schäden
an Umwelt und Gesundheit, durch Werbeaufwand, durch extreme Arbeitswege,
durch Verkehrsunfälle) von 36 Milliarden DM 1960 auf rund
209 Milliarden DM 1990. Sie erscheinen als Steigerung des Nettosozialprodukts,
obwohl sie tatsächlich ein Abzug an Wohlfahrt sind. Dazu
kommen die so genannten Verschlechterungskosten durch die Schädigung
von Luft, Wasser, Boden, Tierwelt, Vegetation, Bauten, Ozonschicht
und durch Verringerung nicht regenerierbarer Ressourcen, die
monetär geschätzt, aber nicht real bezahlt werden.
Sie stiegen nach den Berechnungen aus Hohenheim von rund 139
Milliarden DM auf 379 Milliarden DM.
Die PDS sollte deshalb fordern, die Ansätze des Bundesumweltministeriums
zur Erarbeitung eines Umweltbarometers, zur Erfassung von rund
100 Umweltindikatoren beschleunigt zu entwickeln, mit den Resultaten
regelmäßig in die Öffentlichkeit zu gehen und
den Umweltinitiativen und Bewegungen damit verdichtetes Material
für ihr Engagement verfügbar zu machen.
Eine dritte und entscheidende Schlussfolgerung ist, dass Wachstum
dort stattfinden kann und muss, wo es um die Bereitstellung anderer
Lebensqualitäten geht. Das ist vor allem die Sphäre
der Human- Dienstleistungen. Dafür muss allerdings die entsprechende
materielle Infrastruktur bereitgestellt werden. Für diese
spezifischen Zwecke wird Wachstum bei konsequenter Ressourceneffizienz
sicher weiter erforderlich sein.
Viertens wird es Unterschiede der Entwicklung zwischen stark
und schwach entwickelten Regionen geben. In Ostdeutschland beispielsweise
wird nach einer Deindustrialisierung, die die Industrieproduktion
auf ein Drittel des Jahres 1989 reduziert hat, ein Gegentrend
notwendig sein, jedoch als ökologie- und beschäftigungsorientierter
Wandel.
Fünftens: Für die Mehrheit der so genannten Entwicklungsländer
mit riesigen Armutsproblemen ist Wirtschaftswachstums unvermeidbar,
setzt aber voraus, dass wachsende Ressourcennutzung und Belastung
der Natursenken durch absolute Senkung des Ressourcenverbrauchs
und der Naturbelastung in den Industrieländern in der Größenordnung
des Faktors 8 bis 10 bis 2050 kompensiert werden, dass also der
Umweltraum gerechter verteilt wird.
Wenn aber andauerndes, von Beschäftigung und Wohlfahrt
inzwischen abgekoppeltes Wirtschaftswachstum der Zugang zur Lösung
der Probleme ist, wie kann ein anderer Entwicklungspfad unter
der Voraussetzung aussehen, dass künftig etwa 20 Prozent
der Erwerbsfähigen in den Industrieländern die nachgefragten
materiellen Güter für die gesamte Gesellschaft bereitstellen
können?
Sechstens: Ein neuer Entwicklungspfad sollte zwei große
Felder wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung mit
zentraler Bedeutung für eine neue Entwicklungslogik, für
Beschäftigung, Umwelt und soziale Stabilisierung zusammenführen.
den ökologischen Umbau der Produktion, produktionsbezogener
Dienstleistungen und der Infrastruktur, zum Beispiel des Verkehrs;
Wettbewerbsfähigkeit muss so mit Zukunftsfähigkeit
verbunden werden;
den Ausbau humanorientierter Dienstleistungen in den Bereichen
Gesundheit, Bildung und Weiterbildung, Erziehung, Pflege, kulturelle
Selbstbetätigung, Massensport, Freizeit, soziale und psychologische
Betreuung, Lebenshilfe, Unterstützung von Selbsthilfegruppen,
zwischenmenschliche Kommunikation und Umweltschutz.
Im Angesicht der Werbeschlachten mit einem jährlichen Umsatz
der deutschen Werbewirtschaft von 60 Milliarden DM erscheint
der Gedanke der Ökologisierung und Dematerialisierung der
Produktion nahezu abartig. Aber seine Verwirklichung ist überlebensnotwendig.
Und sein realistischer Gehalt wird deutlicher, wenn wir bedenken,
dass ökologischer Umbau beträchtlichen, wenn auch nicht
zu überschätzenden Zuwachs von Arbeitsplätzen
zu bieten vermag. 80.000 Arbeitsplätze vor allem in kleinen
und mittleren Unternehmen können im Bauwesen der Bundesrepublik
bei der Sanierung zur Wärmeisolation geschaffen werden.
Eine Deckung von 14 Prozent des Primärenergiebedarfs der
EU bis 2020 wäre mit der Entstehung von netto rund einer
Million zusätzlichen Arbeitsplätzen verbunden.
Der Ausbau humanorientierter Dienstleistungen erscheint angesichts
des Sparkurses der Regierung gerade im Sozialbereich vielleicht
noch wirklichkeitsferner. Aber der Widerstand gegen die Sparorgien
im Gesundheitswesen, wo beispielsweise vorbeugende Untersuchungen
bei unklarem Verdacht auf Hautkrebs von Kassen nicht mehr bezahlt
werden, die Initiativen gegen die Schließung von Kindergärten,
Jugend- und Seniorentreffs und für die Erhaltung von Kultureinrichtungen
zeigen, wie gegenwärtig die Ansatzpunkte für solche
Konzepte sind.
Siebentens: Ein solcher Entwicklungspfad würde mit der
dringlich notwendigen Suche nach neuen Lebensweisen korrespondieren.
Reichtum zwischenmenschlicher Beziehungen und Sicherheiten des
Lebens im umfassendsten Sinne - Beschäftigung für alle
Arbeit Suchenden, Lebenschancen für die Persönlichkeitsentfaltung
aller, Gesundheit, Verdrängungen von Gewalt, Freizeit als
Freizeitraum und Kultur - können wichtiger als der Zuwachs
stofflichen Verbrauchs werden, ohne einem kargen Leben das Wort
zu reden.
Sozialistinnen und Sozialisten wollen ihren MitbürgerInnen
und sich selbst nicht die Freude an schönen Dingen nehmen.
Die PDS verteidigt mit den Gewerkschaften die Kaufkraft gegen
neoliberale Angriffe und gegen sozialdemokratische Sparpolitik
zu Lasten der sozialen Schwächeren. Aber es ist durchaus
ein Diskussionsproblem, ob das wirklich bedeuten soll, dass auch
die Einkommen der Bessergestellten noch steigen müssen oder
keine Abstriche vertragen. Für die unteren Einkommensschichten
und erst recht für die arme Bevölkerung in Süd
und Ost ist das Erreichen menschenwürdiger Konsumstandards
eine existenzielle Aufgabe. So treten wir dafür ein, dass
auch und gerade für Sozialhilfeempfänger das Kindergeld
eine wirkliche Einkommenserhöhung ergibt und nicht mit der
Sozialhilfe verrechnet wird.
Aber nachhaltige Entwicklung macht den Ausstieg aus Lebensstilen
erforderlich, die in hektischer Jagd Genuss auf stofflichen Konsum
reduzieren und schließlich zu einer Verschlechterung der
Lebensqualität und einer Verödung der Lebensweise führen.
Es geht nicht um Verzicht, sondern um eine andere Nutzung des
materiellen Reichtums, der Mobilität, des Raumes und der
Warenwelt.
Engagierte Ökoaktivistinnen und -aktivisten schließen
daraus und vor allem aus der Dringlichkeit einer Neuverteilung
von Lebenschancen zwischen Nord und Süd, dass sozial gerechte
Umweltpolitik in den reichen Ländern geringeren Massenverbrauch
und daher ein Einlassen auf die Absenkung der Massenkaufkraft
erfordere. Dagegen wird geltend gemacht, dass unter den gegebenen
Bedingungen Einkommenssenkungen der Erwerbstätigen nicht
der Umwelt und den Armen der Welt zufließen, sondern nur
die Unternehmerprofite erhöhen. Diese Meinungsverschiedenheiten
spiegeln nur die Widersprüche der Wirklichkeit wider.
Lösungen könnten aus der Wechselwirkung folgender
Momente erwachsen: Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums
zulasten der Reichen und vor allem zu Gunsten der Selbsthilfe
der Armen in den so genannten Entwicklungsländern, Verteidigung
der Masseneinkommen bei gleichzeitig zunehmender Verwendung für
Umwelt bewahrende Lebensweisen, Erschließung weiterer Ressourcen
für Umverteilung zu Gunsten des Südens durch Überwindung
der Wegwerf- und Verschwendungsgewohnheiten sowie durch Abrüstung.
Im Verlauf eines solchen Prozesses könnte und muss größere
Bereitschaft zu Abstrichen an eigenem Verbrauch der Bevölkerungsmehrheit
zu Gunsten der Armen und Hungernden in der Welt gewonnen werden.
Die im Prozess der Ausdifferenzierung aus der Lebenswelt herausgetretene
Systemwelt, die Wirtschaft und Politik vor allem, haben nach
einer Deutung von Jürgen Habermas die Lebenswelt kolonialisiert,
als an die Stelle der Produktion für das Leben das Leben
für die kapitalistische Produktion und deren Absatz trat.
Dies erschien beim Übergang von den traditionellen Gesellschaftlichen
zur kapitalistischen Gesellschaft den Zeitgenossen so natürlich
wie der Mehrheit heute das Ablassen von Wachstumswahn und übersteigertem
Konsumismus. Max Weber schrieb über diesen Übergang: "Der
Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr
das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung
seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen. Diese für
das unbefangene Empfinden schlechthin sinnlose Umkehrung des,
wie wir sagen würden, `natürlichen` Sachverhalts ist
nun ganz offenbar ebenso unbedingt ein Leitmotiv des Kapitalismus,
wie sie dem von seinem Hauche nicht berührten Menschen fremd
ist."
"Eine solche Gesinnung ... wäre im Altertum wie im
Mittelalter ebenso als Ausdruck des schmutzigsten Geistes und
einer schlechthin würdelosen Denkart proskripiert worden,
wie dies noch heute von allen denjenigen sozialen Gruppen regelmäßig
geschieht, welche in die spezifisch moderne kapitalistische Wirtschaft
am wenigsten verflochten oder ihr am wenigsten angepasst sind."
Nun aber geht es um Umkehr, um die Rückeinbettung der Wirtschaft
in die Lebenswelt, um die wirklichen Bedürfnisse der Menschen
statt der künstlich produzierten. Verbunden mit der Umkehr
der Prioritäten zwischen Einsparung von Arbeit und Einsparung
von Naturressourcen. Dies ist abermaliger Kulturbruch von vermutlich
größerer Tiefe als der bürgerlichen Revolutionen.
Wir sind uns dessen bewusst, dass dies bedeutet, die Beschäftigung
auf Feldern entschieden auszubauen, die privatwirtschaftlich
nicht rentabel sind. Daraus resultiert die Aufmerksamkeit, die
wir eingeordnet in ein breites Spektrum beschäftigungspolitischer
Ansätze öffentlich geförderten regionalen Beschäftigungssektoren
autonomer Wirtschaftssubjekte zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem
Dienst zuwenden.
Achtens: Ein zentraler Zugang zu ökologischem Umbau ist
der Auf- und Ausbau regional vernetzter wirtschaftlicher und
kultureller Strukturen, die eine volle Ausschöpfung der
lokalen, regionalen Ressourcen für dauerhafte Reproduktionsfähigkeit
des Ortes und der Region ermöglichen. Die PDS muss ihre
kommunalpolitische Stärke in ihr umweltpolitisches Profil
einbringen.
Regionalisierte Wirtschaftsentwicklung ist einer der wichtigsten
Schnittpunkte linker Reformalternativen. Die größere Überschaubarkeit
regionaler und lokaler Räume für Bürgerinnen und
Bürger ist eine Chance für ihre Mitwirkung, für
die Demokratisierung der Demokratie. Für Ostedeutschland
mit einem Anteil von nur drei Prozent am Export der Bundesrepublik
hat die Regionalisierung besondere Bedeutung als Gegenstück
und komplementär zur Globalisierung. Im Rostocker Manifest,
das als Diskussionsbeitrag aus der PDS zu linken Regionalisierungskonzepten
in Europa betrachtet werden kann, haben wir die Bündelung
der Fördermöglichkeiten in "Innovationsprogrammen
Sozial-ökologischer Umbau Ost" auf Länderebene
vorgeschlagen und wiederholen dies.
Regionalisierung wie die Etablierung öffentlich regionaler
Beschäftigungssektoren zeigen exemplarisch, dass innovative
konzeptionelle Entwürfe nicht selbstläufig Realität
werden. Sie bedürfen andauernder organisierender, öffentlichkeitswirksamer
und Bildungsarbeit der Linken und größter Anstrengungen
zur Durchsetzung: der Analysen von Ursachen für die Defizite
zwischen Entwürfen und Realität, ferner im konkreten
Fall der Erarbeitung von "Leitbildern regionaler Entwicklung".
Das wichtigste ist, in solchem Prozess durchsetzungsfähige
Akteure zu finden und zu gemeinsamer Aktion zu vernetzen. Zwei
Schwächen der PDS sind die Inkonsequenz und der mangelnde
lange Atem bei der Verfolgung festgelegter Politikschwerpunkte.
PDS-Bürgermeister sollten - u. a. im Rahmen lokaler Agenden
und ihrer Vernetzung über Gemeindegrenzen hinweg - Initiativen
für die Entwicklung von Beispielen regionalwirtschaftlicher
Kreisläufe und geförderter Beschäftigungssektoren
entwickeln, unterstützt von Landes- und Kreisverbänden
und Fraktionen.
Wir sollten mit Nachdruck anstreben, dass sich umweltpolitische,
energiepolitische, wirtschafts- und finnanzpolitische Sprecher
der Fraktionen miteinander und mit Kommunalpolitikern zusammentun
und entscheiden, in welchen Orten und Regionen sie auf welche
Partner zugehen, um mit ihnen gemeinsam solche Beispiele zu realisieren.
Die für den Wahlkampf zuständige Agentur hat uns empfohlen,
solche Anstrengungen öffentlich zu kommunizieren.
Öffnung der Partei in die Gesellschaft hinein!
Projektarbeit als Parteiarbeit und Bündnisarbeit zugleich!
Schließung der Lücken zwischen konzeptionellen Entwürfen
und ihrer Überprüfung in der Praxis! Öffentliche
Kommunikation über diese Prozesse und Bildungsarbeit als
ihre Begleitung und Förderung!
Inhaltliche Konzentration auf Ökologie und Beschäftigung
zugleich!
Das wäre ein Beitrag zu dringlicher Erneuerung der PDS,
zu ihrer Parteireform.
Neuntens: Eng mit Regionalisierungsstrategien verbunden sollte
das Engagement der PDS für die auf Umwelt und Beschäftigung
orientierte Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen
sein; verbunden mit dem Aufnehmen ihrer Entwicklungsanstöße
und offen für ein Lernen von innen.
So hat die Fördergesellschaft Erneuerbare Energien e. V.
(FEE) Bundes- und Länderstrategien für die Entwicklung
regenerativer Energien, die Nutzung des Zukunftstechnologiemarktes
erneuerbarer Energien für die Reindustrialisierung Ostdeutschlands
und die kostendeckende Einspeisevergütung für Strom
aus erneuerbaren Energien eingefordert.
Die Fraktionen der PDS und SPD im Schweriner Landtag haben diese
und andere Initiativen aufgegriffen und einen gemeinsamen Antrag
zur Weiterentwicklung des Landesenergiekonzepts im Sinne des
EU-Weißbuchs gestellt. Die FEE hat Unternehmer für
entsprechende Beratung gewonnen. Ein ähnlicher energiepolitischer
Weg der Brandenburger PDS-Fraktion, der ebenfalls Förderchancen
für KMU enthielt, wurde abgelehnt. Die Bundesregierung ist
bisher ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, einen nationalen
Aktionsplan zum Erreichen des im Weißbuchs festgelegten
Ziels vorzulegen, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2010 auf
12 Prozent zu erhöhen.
Die PDS sollte die Kooperation mit den umweltorientierten KMU
entschieden verstärken.
Zehntens: Sozial-ökologischer Umbau ist nicht nur Wechselwirkung
mit dem schrittweisen Übergang zu einer veränderten
Regulationsweise durchsetzbar:
Neukonditionierung des Marktmechanismus durch Ordnungspolitik
und verbindliche Zielsetzungen zum Ausstieg aus gefährlichen
Technologien und zur Durchsetzung wünschenswerter Richtungen,
durch Gebote und Verbote und durch marktkonforme Instrumente,
soweit dies möglich ist;
Bedeutungszuwachs staatlichen Handelns mit emanzipatorischen
Gestaltungsansprüchen, nicht zuletzt stärkere Strukturpolitik.
Die Forderung im Rostocker Manifest nach "Innovationsprogrammen
Sozial-ökologischer Umbau Ost" zielt genau darauf;
Stärkung zivilgesellschaftlichen Einflusses von unten auf
Staat und Wirtschaft. Ohne Gegenmacht keine Umkehr!
Stärkung internationaler Wirtschaftsregulierung mit Beschäftigungs-
und Umweltorientierung, zunächst vor allem durch Demokratisierung
der Europäischen Union und bei der Nutzung der positiven
Ansätze in einer Reihe von Beschlüssen auf EU- Ebene.
Im Zentrum strukturpolitischer Anstrengungen muss nach unserer Überzeugung
eine alternative Energiepolitik stehen, 1. Konzentriert auf Energiesparen
durch volkswirtschaftlichen Strukturwandel, Effizienzrevolution
in Erzeugung und Nutzung von Energie und durch neue Lebenswesen,
2. auf konsequente Erschließung regenerierbarer Energiequellen,
konzentriert auf Sonnenenergie im weitesten Begriffssinn.
Dies war in ausführlicher Weise der Gegenstand unserer
beiden energiepolitischen Bundeskonferenzen. Ich verzichte deshalb
auf ein ausführliches Referieren energiepolitischer Aufgaben,
das von der Bedeutung dieses zentralen Überlebensproblems
an sich geboten wäre. Umweltfragen sind Fragen aus Leben
und Tod, wenn Umweltschädigung zu Krebs, zu Vergiftungen
und anderen Krankheiten führt, wenn Umweltwaffen wie im
Krieg gegen Jugoslawien eingesetzt werden, wenn Wassernot in
Afrika zu Kriegen führt, wenn atomare Unfälle und Atomwaffen
mit Vernichtung drohen, wenn Bauern des Südens im Interesse
der Exportproduktion transnationaler Unternehmen von ihrem Boden
als Lebensgrundlage vertrieben werden, wenn anthropogene Klimaveränderungen
zu Völkerwanderungen und in neue große Kriege hineingeführt
werden. Hermann Scheer arbeitet in seinem neuen Buch "Solare
Weltwirtschaft - Strategie für die ökologische Moderne " die
tödlichen Gefahren heraus, die entstehen, wenn die Erschöpfung
der fossilen Energieträger nicht gerade noch durch eine
solare Energierevolution abgewendet wird. Ohne dies drohen Ressourcenkriege
größten Ausmaßes.
Hier wird deutlich, dass einzelne umweltpolitische Forderungen
in globalen Langzeitzusammenhängen stehen. Das trifft beispielsweise
auf den Kampf um einen durch Quoten gesicherten Marktanteil kommunaler
Stadtwerke auf der Basis der Wärme-Kraft- Kopplung zu, trifft
zu für eine kostendeckende und reproduktionssichernde Einspeisung
für Strom aus erneuerbaren Energiequellen, für eine
faire und transparente Regelung der gegenwärtig regenerierbare
Energien behindernden Netzdurchleitungsgebühren, für
die Festschreibung des Least-Planning-Prinzips, für eine
Schwerlastabgabe bei LKW, für eine novellierte Wärmeschutzverordnung,
für Städte und Regionen kruzer Wege und einen bezahlbaren öffentlichen
Personennahverkehr, für konkrete Schritte zur Verlagerung
des Verkehrs von der Straße auf die Schiene. Das trifft
für die breitere Einführung des Prinzips kalter Rotten
bei Verwendung des Kaminzugverfahrens und mechanisch-biologischer
Vorbehandlungsanlagen anstelle großer Müllverbrennungsanlagen
zu - ein Projekt übrigens des Umweltministeriums in Mecklenburg-Vorpommern.
Eng mit einer energiepolitischen Wende hängt eine verkehrspolitische
Wende zusammen, konzentriert aus Verkehrsvermeidung als Aufgabe
der Struktur- und Raumplanung, der Regionalpolitik, des Wandels
der Lebensweisen und des Einsatzes ökonomischer Stimuli.
Die Thesen für die Arbeitsgruppe 8 benennen Hauptakzente,
die in der Verkehrspolitik der PDS bisher erarbeitet wurden und
weiter zu entwickeln sind.
Und Strukturpolitik ist keineswegs nur Industriepolitik. Wie
in den Thesen für die Arbeitsgruppe 4 skizziert, muss sie
dazu beitragen, der Agrarwirtschaft - als Ganzheit von Landwirtschaft
einschließlich der Bereitstellung von regenerierbaren Rohstoffen,
Forstwirtschaft, Verarbeitung und Vermarktung von Agrarerzeugnissen,
flächenbezogener Wasserwirtschaft, Reproduktion von Kultur-
und Erholungslandschaften - ein neues größeres Gewicht
und zugleich eine sozial-ökologische Entwicklungsrichtung
des ländlichen Raums zu geben.
Elftens: Globale Nachhaltigkeit erfordert die Überwindung
der Armut, der Beschäftigungslosigkeit, des Hungers und
der Bevölkerungsexplosion in den so genannten Entwicklungsländern,
weil diese Resultate ihrer Ausplünderung durch die kapitalistischen
Metropolen und ihrer inneren Verhältnisse die Umwelt unweigerlich
zerstören. Jede Umweltpolitik außerhalb eines Umbruchs
in den reichen Industrieländern zu eigener Nachhaltigkeit,
zu radikaler Senkung der Naturbelastung durch die eigene Entwicklung
zu Gunsten international gerechter Verteilung des Umweltraums,
zu Abrüstung und präventiver Kriegsverhinderung, zur
Ablösung neoliberal forcierter Weltmarktzwänge durch
eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung, zu solidarischer Unterstützung
sozialer und ökologischer Entwicklung im Süden wäre
zum Scheitern verurteilt.
Der sozialistische Charakter der PDS fordert nicht zuletzt von
ihr selbst ab, in der eigenen Strategie, in den eigenen alternativen
Reformkonzepten und in der praktischen Politik dem kämpferischen
Eintreten für derartige Veränderungen einen weit höheren
Rang einzuräumen als zur Zeit.
Wofür sollte die PDS streiten? Zunächst für die
Weitung des Horizonts der eigenen Mitgliedschaft und der eigenen
PolitikerInnen, damit wir bei innenpolitischen Schritten die
Zusammenhänge mit notwendiger Neuordnung der Entwicklungspolitik,
mit der Ostpolitik und mit internationaler Umweltpolitik bis
zu praktischen Konsequenzen durchdenken - angefangen beim individuellen,
solidarischen Verhalten.
Zunächst ferner: Die PDS darf ihre eigene internationale
Politik nicht auf Einflussnahme auf traditionelle nationalstaatliche
Sicherheits- und Außenpolitik begrenzen. Der Linken muss
es um die solidarische Unterstützung emanzipatorischer Kräfte
in der dritten Welt gehen, darum, dass Nichtregierungsorganisationen,
dass Basisbewegungen in den so genannten Entwicklungsländern
entschieden größeren Einfluss gewinnen, dass ihre
internationale Vernetzung gefördert wird und Entwicklungshilfe
weit stärker als bisher mit ihrer Hilfe dorthin gelangt,
wo sie wirklich gebraucht wird. Wir wollen eine starke zivilgesellschaftliche
internationale Politik.
Aus den umweltrelevanten Standpunkten und Forderungen der PDS
zur Nord-Süd-Problematik greife ich heraus: ? vollständiger
Schuldenerlass der Bundesrepublik für die ärmsten Länder
und substanzielle Reduzierung der Schulden der übrigen armen
Länder, eintreten dafür innerhalb von Weltbank, IWF
und Pariser Klub ? spürbare Aufstockung der deutschen Beitrags
und des der anderen Industrieländer für den Fonds der
Globalen Umweltfacilität nach Evaluierung der bisherigen
Projektarbeit unter Einbeziehung der Nichtregierungsorganisationen
? soziale und ökologische Reformierung der WTO. Dazu gehören
u. a. die Abwehr von dem Irrglauben, Entwicklung vorwiegend durch
noch stärkere Weltmarktliberalisierung bewirken zu können,
Stabilisierung der Rohstoff- und Exportpreise für Entwicklungsländer,
Sicherung des Vorrangs ihrer eigenen Nahrungsmittelversorgung
statt des Imports von Nahrungsmitteln und statt monostruktureller
Exporte bei gleichzeitiger Zerstörung der bäuerlichen
Agrarproduktion, schrittweise Durchsetzung internationaler Sozial-
und Umweltstandards, ohne dies als Instrument gegen die Entwicklungsländer
zu missbrauchen.
Kritisch wird die mögliche Einführung von handelbaren
Emissionsrechten zu begleiten sein, weil sie leicht zu einem
Monopol der reichen Länder auf die Zerstörung der Umwelt
zu Lasten der armen Länder führen könnte. Als
problematisch kann sich das in Rio beschlossene Instrument der
joint implementation, der gemeinsamen Umsetzung umweltpolitischer
Ziele erweisen.
Sicherung des Schutzbedarfs der Landwirtschaft in den armen Ländern
des Südens in der Millenniums-Runde, in der vor allem der
Agrarsektor verhandelt wird. Würde der Agrarweltmarkt zu
Lasten der dritten Welt liberalisiert, so könnten dort Hunderte
Millionen Bauern ihre Existenzgrundlagen verlieren. Die bisherige
Regelung des Patent- und Urheberrechts muss korrigiert werden,
u. a. damit eine Patentierung des Lebens und gentechnischer Entdeckungen
nicht zum Ruin von Millionen bäuerlicher Existenzen pervertiert.
Notwendig ist Druck auf die Bundesregierung, damit sie auf die
Einrichtung bzw. die zügige Arbeit eines zwischenstaatlichen
Gremiums für Finanzierungsfragen bei der Commission on Sustainable
Development (CSD) der UNO, eines "Intergovernmental Panel
of Finance" drängt. Seine Aufgabe wäre es, unverzüglich
Vorschläge für innovative Finanzierungsmöglichkeiten
(wie die Tobinsteuer und internationale Umweltabgaben) zu prüfen
und konkrete Vorschläge für eine Finanzreform der UNO
vorzulegen.
Die Bundesrepublik sollte auch unabhängig von entsprechendem
gemeinsamem Vorgehen der Industrieländer den armen Ländern
umwelt- und entwicklungsfreundliche Technologien zu sonderbegünstigten
Bedingungen verfügbar machen, z. B. zum Ersatz von FCKW
und H-FCKW.
Die PDS muss auf entschiedene Veränderungen der Entwicklungspolitik
der Bundesregierung drängen. Deren Schwerpunkt sollte die Überwindung
der Armut, die Sicherung der elementaren Lebensbedürfnisse
in der dritten Welt und die Unterstützung der Selbsthilfe
dort sein.
Die Linke muss auch jene Kriege in der dritten Welt in das öffentliche
Bewusstsein heben, die außerhalb von Interventionsinteressen
der NATO-Länder unbeachtet von den Medien das Leben von
Millionen kosten, Armut und Naturzerstörung zur Folge haben
und eine Herausforderung der internationalen Öffentlichkeit
sind - u. a. zum Verbot von Rüstungsexporten.
Eine Herausforderung für die Linke ist das transnationale
Agieren deutscher Unternehmen in den Nicht-Entwicklungsländern.
Deutsche Unternehmen verdienen an der Missachtung sozialer und ökologischer
Standards durch ihre Lieferanten im Süden. Ob in den Auspressungsregimen
der Fabrikarbeit für Adidas und Quelle, für Karstadt
und Otto, für Hennes & Mauritz und Triumph, ob im informellen
Sektor, in Leih- oder Zeitarbeit, in Heim- oder scheinselbständiger
Arbeit zu erpresserisch diktierten Bedingungen oder beim Abarbeiten
von "Hausfrauen-Krediten" im Süden - die Unternehmen
verdienen am Elend vor allem der Frauen in der dritten Welt,
und ihre Kunden, wir alle, sind daran beteiligt. Im Nike-Town
haben Jugendlich 1997 symbolisch einen riesigen Berg Sportschuhe
von Nike aufgetürmt und damit deutlich gemacht, dass sie
sie nicht mehr wollen, seitdem sie wissen, wieviel Leid an diesen
Schuhen klebt, von deren Erlös die Arbeiterinnen in Asien
nur 3,5 Prozent als Lohn erhalten.
Nord-Süd-Solidarität betrifft große Fragen der
Neuordnung der Weltwirtschaft und sollte zugleich Alltagshandeln
weit mehr als gegenwärtig sein. Umweltpolitik betrifft globale
Fragen und beginnt gleichwohl vor Ort.
Holen wir sie hinein in das Profil der PDS als Partei der sozialen
Gerechtigkeit! Machen wir unsere Konferenz zu einem starken Anstoß erweiterter
Kompetenz und Politikfähigkeit der PDS auf jenem Feld, auf
die Zukunft der Menschheit im 21. Jahrhundert entschieden wird!