Otto Ullrich
Westliche Technologie und „Dritte Welt"
(Dieser Vortrag wurde gehalten in der Arbeitsgruppe
Nord-Süd
auf der Konferenz, vor dem Hintergrund einer analogen Aufsatzveröffentlichung)
Als historisches Datum der offiziellen Verkündung für
das Ende des kolonialen Zeitalters kann die berühmte Regierungserklärung
von Harry S. Truman vom 20.1.1949 angesehen werden. Ein ökonomischer
Wachstums- und Wohlfahrtsplan für die ganze Welt wird verkündet,
in dem die "unterentwickelten Gebiete"ausdrücklich
eingeschlossen werden.
"We must embark on abold new program for making the benefits
of our scientific advances and industrial progress available
for the improvement and growth of underdeveloped areas... The
old imperialism - exploitation for foreign profit - has no place
in our plans. ... Greater production is the key to prosperity
and peace. And the key to greater production is a wider and more
vigorous application of modern scientific and technical knowledge."(1)
Größerer Wohlstand verlangt gesteigerte Produktion,
und mehr Produktion braucht wissen-schaftliche Technik, diese
Botschaft ist seither unzählige Male von den politischen
Eliten der westlichen und östlichen Führungskräfte
verkündet worden. Mit großer Emphase forderte etwa
John F. Kennedy am 14.3.1961 den Kongreß auf, sich seiner
historischen Aufgabe be-wußt zu sein und Finanzmittel für
die "Allianz für den Fortschritt" bereitzustellen: "Troughout
Latin America millions of people are struggling to free themselves
from the bonds of poverty and hunger and ignorance. To the North
and East they see the abundance which modern science can bring.
They know the tools of progress are within their reach."(2)
Im Selbstverständnis der Entwicklungsepoche nahmen Wissenschaft
und Technik die führende Rolle schlechthin ein; sie wurden
als der Grund für die Überlegenheit des Nordens und
als die Garantie für das Entwicklungsversprechen betrachtet.
Als der "Schlüssel zum Wohlstand" sollten sie
das Reich des materiellen Überflusses öffnen und die "Werkzeuge
des Fortschritts" die Länder der Welt aufwärts
zur Sonne der Zukunft führen. Kein Wunder, daß für
Jahrzehnte zahlreiche Konferenzen landauf und landab, auch und
gerade im Umkreis der Vereinten Natio-nen, mit fast religiöser
Hoffnung nach den "mighty forces of science and technology" Aus-schau
hielten.
Eine solche Botschaft weltweiter Assistenz schien endlich die
Blutspuren des Kolonialismus hinter sich zu lassen. Waren nicht
aus den ehemaligen Eroberern großzügige Helfer geworden,
welche die Instrumente ihres Reichtums mit den Ärmeren teilen
wollten? Vorbei schienen die Zeiten, wo die Weißen auszogen,um
die Heiden auf den Weg des Heils, die Wilden auf den der Zivilisation
oder die Eingeborenen auf den der Arbeitsdisziplin zu zwingen.
Keine Unterord-nung mehr, sondern "Partner des Fortschritts" schienen
unter dem Banner der Entwicklung zusammenzuarbeiten, um den wissenschaftlich-
technischen Fortschritt für einen globalen Aufschwung in
die Prosperität zu nutzen. Und die Hoffnungen auf die zukünftigen
Segnungen des Fortschritts wurden von fast allen, die sich hierzu
in der Dritten Welt äußern konnten, geteilt. Trotz
einiger kritischer Stimmen, von denen Mahatma Gandhis beispielsweise
eine der gewichtigsten war, hat sich der Glaube an den wohlstandsschaffenden
wissenschaftlich-technischen Fortschritt wie eine neue Weltreligion über
den ganzen Globus verbreitet. Trotz einiger Rückschläge
und Irritierungen hat er sich heute sogar in den meisten Köpfen
so verfe-stigt, daß eine Kritik daran immer noch eher als
unbelehrbare Ketzerei angesehen wird denn als warnende Stimme
vor einem falschen Weg.
Es ergeben sich nun eine Reihe von Fragen. Ist mit der neuen
Orientierung, die "anderen" Kul-turen zu "Entwicklungsländern" zu
erklären und ihnen beim Aufbau von Produktivkräften
zu helfen, wirklich das Ende des Kolonialismus eingeleitet worden?
Oder muß dies als neue, weni-ger erkennbare und darum um
so wirkungsvollere Stufe des "westlichen" Imperialismus
ange-sehen werden? Wenn das so ist, wie ist dann zu erklären,
daß die"Entwicklungsländer" so be-reitwillig
die imperiale Botschaft vom Segen durch Wissenschaft und Technik
aufnehmen? Worin begründet sich die weltweite Faszination
für die westliche Technologie? Erfüllen sich für
die "Entwicklungsländer" wenigstens die Versprechungen,
durch den Import von modernen Technologien materiellen "Wohlstand" zu
erlangen, oder holen sie sich dadurch nur Kultur- und Naturzerstörung
und eine modernisierte Armut ins Land? Ist überhaupt die
Grundannah-me für die Industrieländer selbst zutreffend,
daß der materielle Überfluß in den Metropolen
im wesentlichen geschaffen wurde durch die moderne verwissenschaftlichte
Technik, oder speist er sich aus ganz anderen Quellen? Wenn der
Glaube an die Heilswirkung des technischen Fort-schritts bereits
für die Industrieländer ein Mythos ist, wäre er
wohl kaum tragfähig als Basis für ein "Entwicklungskonzept" in
anderen Kulturen. Bevor man über Auswirkungen westlicher
Technologien in der "Dritten Welt" spricht, sollte
man also zunächst versuchen, eine möglichst realistische
Einschätzung über die "Leistungen" moderner
verwissenschaftlichter Techniken in den Industrieländern
selbst zu gewinnen.
Die "Leistungen" moderner Techniken in den Industrieländern
Kurz nach dem ersten Weltkrieg hat der Mathematiker und Philosoph
Bertrand Russell in sei-nem Buch "Die Kultur des Industrialismus
und ihre Zukunft" eine Standortbestimmung für die
Industriekultur versucht. Im Zentrum seiner Überlegungen
standen die Wirkungen von Wis-senschaft und Technik. Er kam
dabei zu folgendem Resultat: Die Anwendung der Wissen-schaft
sei bisher "im großen und ganzen unermeßlich
schädlich" gewesen und das würde erst dann aufhören,
so zu sein, "wenn die Menschen eine weniger energiebetonte
Anschauung vom Leben haben werden".(3) Russell schreibt
1923:
"Die Wissenschaft wurde bisher zu drei verschiedenen Zwecken
angewandt: um die Ge-samtproduktion von Bedarfsartikeln zu steigern;
um die zerstörende Wirkung des Krieges zu erhöhen;
und um Vergnügungen, die einen künstlerischen oder
hygienischen Wert hatten, durch triviale zu ersetzen. Auf die
Steigerung der Gesamtproduktion, die vor hundert Jahren eine
gewisse Bedeutung hatte,kommt es jetzt viel weniger an als auf
mehr Muße und eine kluge Regelung der Produktion."(4)
Russell war ein weitgereister und scharfsinniger Beobachter
seiner Zeit, und man wird davon ausgehen können, daß die
zitierte Feststellung aus der Sicht eines informierten und vernünfti-gen
Menschenfreunds bereits damals zutreffend war. Liest man diese
Zeilen heute, muß man zunächst feststellen, daß den
Menschen in den Industrieländern alle Maßstäbe
verlorengegan-gen sind. Die von Russell beklagte unermeßlich
schädliche Wirkung der Wissenschaft in den drei Bereichen "Steigerung
der Gesamtproduktion von Bedarfsartikeln", "Erhöhung
der Zerstö-rungswirkung der Kriegsmaschine" sowie der "Mechanisierung
und Trivialisierung der Kultur-tätigkeiten" wurde aus
heutiger Sicht ja erst nach dem zweiten Weltkrieg geradezu explosions-artig
vorangetrieben.
Die herausragendste Leistung der verwissenschaftlichten Technik
ist die "Destruktivkraftsteigerung3 der Kriegsmaschine.
Hier sind die Erfolge gigantisch. Das Leben auf der Erde kann
mehrfach ausgelöscht werden, und dennoch konzentriert sich
weltweit im-mer noch der Hauptteil der wissenschaftlichen Anstrengungen
(in Geld und Personen) auf die Steigerung der Tötungsproduktivität
der Kriegsmaschine. Das ist kein Zufall, und die Wissen-schaftler
werden dazu auch nicht gezwungen, denn die Perfektionierung dieser "Gegenstände" erweckt
aus einer inneren Logik heraus für ein normales naturwissenschaftlich
geschultes Ge-hirn das größte Interesse.
Eine Rakete, die "rücksichtslos", also ohne Irritierungen
im durchflogenen Raum, punktgenau steuerbar ist in ein vorher
berechnetes Ziel und dort kosmische Kräfte freisetzt, solch
ein mächtiges Techniksystem gehört ganz oben auf die
Liste derjenigen Produkte, die der Logik der mathematisch-experimentellen
Naturwissenschaft als realisiertes Resultat idealtypisch ent-sprechen.
Darum konzentrieren sich nicht zufällig zum Beispiel in
einer cruise missile wie in einer Nußschale fast alle gegenwärtigen "Spitzenleistungen" des
naturwissenschaftlich-technischen Fortschritts: der Computertechnik,
der Funk-, Radar- und Fernsehtechnik, der Raketenantriebs- und
Nukleartechnik, der Metallurgie, der Aerodynamik, der Logistik
und Informationstechnik usw.
Viele Länder in der "Dritten Welt" lernen vor
allem diese Errungenschaften der westlichen Technik kennen. Durch
Stützpunkte der Großmächte, durch eigene Militärregime
oder eigene Großmannssucht werden große Teile der
kargen Mittel aufgezehrt durch den Import von Kriegstechniken
bis hin zu modernstem Fluggerät und Nuklearsystemen. Oder
es kommen über "Militärentwicklungshilfen" reichlich
Kriegsgeräte ins "unterentwickelte" Land. Ich
ver-mute, und man müßte das einmal gründlicher
untersuchen, daß bis jetzt der größte Brocken
der "westlichen" Technikhilfe in der "Dritten
Welt" aus diesen Destruktivkräften besteht. Die Wirkung
dieser hochmodernen Technik in diesen Ländern läßt
sich eindeutig beschreiben: sie vergrößert den Hunger
und das Elend, sie behindert eine eigenständige Entfaltung
und schützt korrupte Regime vor einer Revolution durch das
Volk.
Der Schleichweg ins Paradies
Auch die verwissenschaftlichten "Produktivkräfte3 zur
Erzeugung immer größerer Berge von "Bedarfsartikeln" haben
seit Russells Feststellung in den Industrieländern gigantische
Ausmaße angenommen. Immer stärker fokussierten sich
fast alle Tätigkeiten der Industriemenschen auf die Herstellung,
die Vermarktung, den Gebrauch und das Wegwerfen von Bedarfsartikeln
aller Art. Die Industriegesellschaft folgte damit ihrem zentralen
Mythos über den Sinn des Lebens. Denn die neuzeitliche europäische
Gesellschaft war vor allem von einem Gedanken besessen: Durch
die Herstellung materieller Güter sollten die unfehlbaren
Bedingungen für ein "gutes Leben" geschaffen werden;
durch Arbeit, Wissenschaft und Technik sollte ein "Schleichweg
ins Paradies" gebahnt werden, wie Francis Bacon, einer der
theoretischen Begründer der Neuen Zeit vor rund dreihundert
Jahren programmatisch formulierte.
Der zentrale Mythos der europäischen Neuzeit ist ein weltlich
gewendeter Heilsplan, der von der Annahme ausgeht, daß durch
unabläßlichen Fleiß, durch ständiges Fortschreiten
in der Pro-duktion materieller Güter, durch lückenlose
Beherrschung der Natur, durch den Umbau der Welt in berechenbare,
technisch-organisatorisch manipulierbare Abläufe gleichsam
automatisch die Bedingungen hergestellt würden für
Glück, Emanzipation und Erlösung von allen Übeln.
Diese Annahme hat "das Selbstverständnis der Moderne
verhext" (Jürgen Habermas), und sie sei heute als "die
große Illusion der Epoche" erkennbar. Die verwissenschaftlichte
Technik war ein Traum vom Glück ohne Opfer. Technik erfüllt
diesen Traum, "indem sie die Opfer ver-drängt und das
Glück entleert".(Günther Ortmann) Durch die Entfaltung
der verwissenschaft-lichten Produktivkräfte sollte eine "Höherentwicklung" der
Menschheit erfolgen. Den Ent-wicklungsgedanken wendeten die entstehenden
Industrieländer zunächst also auf sich selbst an. Man
kann darum auch von einer inneren Kolonisierung der europäischen
Kulturen durch den Industrialismus sprechen.
Der Stand der Erkenntnis von kritischeren Menschen unserer Zeit
ist, daß auch die "westlichen" Völker sich
von dieser inneren Kolonisierung wieder befreien müßten,
denn die zentrale Arbeitshypothese des Industrialismus, durch
unablässige Produktivkraftentfaltung die Bedingungen für
ein "gutes Leben" zu schaffen, hat sich als falsch
erwiesen. So ist der Versuch, das Spektrum menschlicher Bedürfnisse
durch den Erwerb und Konsum von Waren zu befrie-digen, gescheitert.
Für Menschen wichtige Lebensbedingungen wie Zuneigung durch
andere Menschen oder soziale Wertschätzung lassen sich nur
sehr unzulänglich bis gar nicht durch materiellen Konsum
ersetzen. Besonders Kinder und ältere Menschen, Kranke und
Behinderte bekommen durch die Geschäftigkeit der Industriegesellschaft
eine soziale Kälte zu spüren. Die offene, grenzenlose
Produktionsdynamik des Industrialismus ist strukturell so angelegt,
daß materielle Bedürfnisse schneller produziert werden
als die Bedingungen zu ihrer Befriedigung. Es entstehen so permanent
frustrierte Menschen in einer endlosen Bedürfnisspirale.
Da die Subsistenzbedingungen im Industriesystem aufgelöst
worden sind in den dauernden Zwang, die eigene Arbeitskraft in
Konkurrenz zu anderen Arbeitskraftanbietern verkaufen zu müssen,
entsteht ein rastloses Wettrennen aller gegen alle. Zusammen
mit der endlosen Bedürfnisspirale wird der homo industriae
in eine sich beschleunigende Zeithetze eingespannt, die keinen
Raum läßt, daß seine Gefühle, seine Seele
und seine Gedanken sein geschäftiges Treiben einholen können.
Schließlich findet dieser vergebliche Versuch, durch materielle
Produktivkraftentfal-tung die Bedingungen für ein "gutes
Leben" herstellen zu wollen, auf einem sehr hohen, sich
ständig steigernden Niveau von Material-, Energie- und Datenströmen
statt, die den Planeten ausplündern und zerstören.
Aus diesen und noch weiteren Gründen gibt es seit einiger
Zeit in den Industrieländern die Suche nach neuen Orientierungen
für ein "gutes Leben" jenseits von Produktivismus
und Konsumismus.
Soweit einige Stichworte zur Kritik des industriellen Produktionsmythos,
die hier nicht weiter entfaltet werden sollen, ohne die aber
ein Verständnis der modernen Technologie nicht zu ge-winnen
ist. Ich will nun einige Eigenschaften der industriellen Technik
etwas näher beleuchten und zunächst der Frage nachgehen,
was es mit ihrer bewunderten hohen Produktivität auf sich
hat, die ja ein Grund für die große Attraktivität
in der "Dritten Welt" ist.
Technik als Quelle des industriellen Reichtums?
Marx und Engels, die ebenfalls vom Gedanken der Erlösung
durch Produktivkraftentfaltung "verhext" waren, kommen
1848 im Kommunistischen Manifest geradezu ins Schwärmen über
ihren Klassenfeind: "Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen
Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte
geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung
der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie
und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegrafen,
Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse,
ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerun-gen - welches
frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte
im Schoße der gesell-schaftlichen Arbeit schlummerten." Für
diese gewaltige und gewalttätige Umformung von Ge-sellschaft
und Natur mußte eine wohl bekannte, aber bis dahin kaum
genutzte, weil stinkende und qualmende Energiequelle ausgebeutet
werden: die Steinkohle. Zwar begann der industrielle Kapitalismus
auf der Energiebasis Holz, aber ohne die Möglichkeit der
Nutzung einer hoch konzentrierten und in großen Mengen
verfügbaren Energiequelle wie der Steinkohle wäre die
von Marx und Engels bewunderte Produktionslawine der Großen
Industrie des neunzehnten Jahrhunderts nicht in Schwung gekommen.
Ohne die fossilen Energien wären trotz aller Pro-duktionsmythen
auch die europäischen Gesellschaften "hölzern" geblieben.
Zumindest hätte ihr Produktionswahn nicht so gewalttätig
und imperial werden können. Die Expansionsdyna-mik des industriellen
Kapitalismus wäre auf eine natürliche Grenze gestoßen.
Mit den fossilen Brennstoffen jedoch und dem industriellen Produktionsmythos
begann eine "Wirtschaftsweise", die von nun an für
das Industriesystem charakteristisch wird: Man wirtschaftet nicht
mehr mit "nachwachsenden Rohstoffen" und dem ständigen
Energieeinkommen von der Sonne, sondern man verbraucht die nicht
selbst geschaffenen Vorräte der Erde und ignoriert die Folgen.
Bereits zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts wurde in England
so viel Steinkohle verbrannt, daß die Fläche von ganz
England und Wales bewaldet gewesen sein müß-te, wenn
der Energieverbrauch durch nachwachsendes Holz hätte gedeckt
werden sollen.
Gegenwärtig werden auf der Erde pro Jahr so viele fossile
Energieträger verbrannt, wie in ei-nem Zeitraum von fast
einer Million Jahren gespeichert worden ist. Den Löwenanteil
hiervon, etwa 80 %, verprassen die Industrieländer, in denen
nur rund 25% der Weltbevölkerung lebt. Noch deutlicher zeigt
sich die Ressourcenfreßsucht von überentwickelten
Industrieländern am Beispiel USA: Weniger als 6 % der Weltbevölkerung
verbrauchen hier rund 40 % der Erd-schätze der Welt. Wollte
man dieses Vorbild einer industriellen Produktions- und Lebensweise
auf alle Menschen der Erde übertragen, benötigte man
fünf bis sechs weitere Planeten wie die Erde zum Ausplündern
und als Müllplatz. Der Historiker Sieferle schreibt hierzu:
"Gegenüber der immerhin zehntausendjährigen Dauer
des Agrarsystems erscheint das Indu-striesystem jedoch als einmaliger
kurzer Rausch, in dem ein in vielen Jahrmillionen angesam-melter
Schatz in ein paar Jahrhunderten verpraßt wird. Dies gilt
für die fossilen Energieträger, aber auch für
die konzentrierten Mineralvorkommen, die mit ihrer Hilfe ausgebeutet
und dif-fundiert werden. Es spricht vieles dafür, daß auf
diesen Rausch ein schlimmer Katzenjammer folgen wird."(5)
Durch das Verprassen der fossilen Energievorräte wird das
Leben auf der Erde in mehrfacher Weise extrem bedroht: Die freigesetzten "Luftschadstoffe" schädigen
die Pflanzen und zerstö-ren das ausbalancierte Gleichgewicht
der schützenden Erdatmosphäre. Die "energiebetonte
Anschauung vom Leben" (Russell) kann erst mit Hilfe der
fossilen Energien alles zu "Rohstoffen" erklären
und in "Bedarfsartikel" umformen. Dadurch verwandeln
sich in immer rasenderem Tempo die Schätze der Erde in zumeist
giftigen Müll. Besonders die Produktions-wut der petrochemischen
Industrie, die all die scheinbar unverzichtbaren Gegenstände
unserer Plastikwelt hervorbringt, erzeugt riesige Mengen unverrotbarer
Schadstoffe in Form syntheti-scher Kohlenwasserstoffverbindungen,
die das Leben auf der ganzen Erde nachhaltig gefährden.
Bereits heute kann man etwa im Fleisch eines Pinguins am Südpol
feststellen, womit auf der Nordseite des Globus Wirtschaftswachstum
erzeugt wird.
Dies ist der nicht eingestandene Hintergrund für die so
viel gepriesene Leistungsfähigkeit des Industriesystems,
für die angeblich so hohe Produktivität industrieller
Technik. Sie kommt zustande durch die Ausplünderung nicht
selbst erbrachter Vorleistungen (Internalisierung von sogenannten "freien
Gütern" der Erde) und durch die massive Verschiebung
von Kosten auf die Natur, die "Dritte Welt", die zukünftigen
Generationen (Externalisierung von Kosten durch Schadstoffe,
Müllprobleme usw.) Das angeblich so produktive Industriesystem
ist in Wirk-lichkeit ein extremes Schmarotzersystem der Erde,
wie es die Menschheitsgeschichte bisher noch nicht gesehen hat.
Es hat die überragende "Produktivität" eines
Bankräubers, der sich mit schnellem, gewalttätigem
Griff auf Kosten anderer ein Leben in Wohlstand zu verschaffen
ver-sucht.
Dieser Sachverhalt wird von den meisten Menschen in den Industriegesellschaften
noch ver-drängt. Man kann es als zentrale "Lebenslüge" des
Industriesystems bezeichnen, daß so getan wird, als ob
dieser auf Ausplünderung und Kostenverschiebung zustandegekommene
materielle "Wohlstand" durch industrielle Produktion,
durch Wissenschaft und Technik, durch die Werk-zeuge des Fortschritts
eben, "geschaffen" wurde. Aufgrund dieser Lebenslüge
glaubt man auch, daß die Probleme der immer stärker
in Erscheinung tretenden Naturzerstörungen ohne "Wohlstandsverlust" allein
mit technischen Mitteln zu beheben seien und daß durch
den Ex-port dieser "produktiven" Techniken auch die "Dritte
Welt" am materiellen Wohlstand teilha-ben könnte.
Raubtechniken
Aber schaut man sich die im Erscheinungsbild so strahlenden Technologien
und technischen "Bedarfsartikel" der Industrieländer
der Reihe nach an, so sind sie ganz überwiegend vom Typ
externalisierende Raubtechnik: die gewaltigen fossilen oder
atomaren Kraftwerke, die Flugzeu-ge und Automobile, die Wasch-und
Spülmaschinen, Kühl- und Gefriergeräte, die
Produktions-stätten für Kunststoffe und die zahllosen
Kunststoffprodukte, die industrialisierte und chemi-sierte
Landwirtschaft, die "Veredelungsindustrie" für
Lebensmittel, die Verpackungsindustrie, die Häuser aus
Beton, Stahl und Chemie, die Papierproduktion usw., usf. All
diese glanzvollen Errungenschaften industrieller Technik funktionieren
nicht ohne massiven Verbrauch von "kostenlosen" Naturschätzen
und ohne Ausstoß von Müll, Giften, Lärm und
Gestank.
Man muß lange suchen, um in dem riesigen Berg von industriellen
Produktionsverfahren und industriellen Bedarfsartikeln Exemplare
zu finden, die nicht dem System der externalisierenden Raubtechniken
angehören und die man vorbehaltlos etwa für die "Dritte
Welt" empfehlen könnte. Darum gibt es ja nicht nur
die Debatte über "angepaßte Technologien" für
die "Dritte Welt", sondern auch seit Jahren eine Diskussion über "andere
Techniken" für die Industrielän-der. Die kritische
Technikdebatte in den Industrieländern hat ja zu dem Resultat
geführt, daß für eine Reihe ehemals gefeierter
Glanzstücke des wissenschaftlich-technischen Fortschritts
nur noch der "Ausstieg" eine Perspektive hat. Der Ausstieg
aus der Nutzung der Atomenergie, aus der Chlorchemie, aus großen
Teilen der synthetisierenden Chemie, aus dem Automobilis-mus
oder aus der industrialisierten und chemisierten Landwirtschaft
ist für ökologisch bewußte Menschen in den Industrieländern
eine Selbstverständlichkeit.
Die meisten industriellen Technikprodukte sind nicht verallgemeinerungsfähig.
Als einstige begehrte Luxusprodukte von Wenigen verlieren sie
bei massenhafter Verbreitung ihren Ge-brauchswert etwa durch "Verstopfung" und
erzeugen in der Regel gleichzeitig durch ihre Mas-senhaftigkeit
die Umweltprobleme. Beispielsweise können wenige Autos auf
den Straßen kom-fortable Prestigefahrzeuge für ihre
Nutzer sein. Aber bereits in den Industrieländern selbst
ist das Auto nicht verallgemeinerungsfähig. Obwohl nur ein
Bruchteil der Menschen in den Städ-ten sich mit dem Auto
fortbewegt, ersticken viele Städte im Blech, Lärm und
Gestank. Würde beispielsweise allein in China der Motorisierungsgrad
so groß werden wie in den Industrielän-dern, dann
wären in kürzester Zeit das Erdöl verbraucht und
die Atmosphäre der Erde am En-de.
Ähnliches gilt für fast alle anderen "Wohlstand" und "Komfort" erzeugenden
industriellen Techniken. Der angewöhnte Knopfdruckkomfort
und die selbstverständlichen Konsumverhal-tensweisen wie
fließendes warmes Wasser in Griffweite, ständig geheizte
oder gekühlte Räu-me, motorische Fortbewegung, Nahrungsmittel
der ganzen Welt plastikverpackt und tiefge-kühlt in ständiger
Verfügung, Berge von "unverzichtbaren" Bedarfsartikeln,
die durch be-schleunigten Modewechsel immer schneller zu Müllbergen
werden, dieser american way of life setzt sich zusammen aus zahllosen
kleinen Naturplünderungen und Kostenverschiebungen. Genau
dies macht in der Summe den beneideten "Wohlstand" des
Industriemenschen aus, und genau dieser"Wohlstand" ist
nicht verallgemeinerungsfähig. Ihn können sich nur
wenige Länder in wenigen Generationen leisten, bis die Erde
ausgeplündert und unbewohnbar geworden ist.
Die Botschaft von Truman, Kennedy und vielen anderen an die"Völker
der Welt", sie könnten durch die Übernahme der
westlichen verwissenschaftlichten Technik den materiellen "Wohlstand" des
Westens erlangen, erweist sich also als empirisch nicht haltbar.
Die vorhan-denen industriellen Techniken des Westens sind fast
ausschließlich hergerichtet zur Ausplün-derung und
Kostenverschiebung. Mit diesen Techniken könnten bestenfalls
die ersten "Entwicklungsländer", die am schnellsten
vor den anderen sich industrialisieren, einen "Wohlstand" nach
westlicher Machart erreichen. Für die Völker der ganzen
Erde ist das un-möglich.
Die Illusion, der westliche "Wohlstand" würde
durch Wissenschaft und Technik "geschaffen", diese
Illusion, die von Truman und Kennedy noch mit großer Naivität
vorgetragen wurde, spä-testens seit den siebziger Jahren
aber ernsthaft nicht mehr vertreten werden konnte, wurde dann
von einigen besonders Technikgläubigen während der
entstehenden Ökologiedebatte wie-der neu aufgewärmt
als Zukunftsvision. Nachdem die gewaltigen Naturzerstörungen
der vor-handenen Techniken zugestanden werden mußten, glaubt
man, ohne "Wohlstandsverlust" Auswege finden zu können
in einer "ökologischen Modernisierung" der Industrie.
Mit noch zu schaffenden Neuen Technologien soll genau der "Wohlstand" möglich
gemacht werden, der bisher mit den altenTechnologien möglich
war, nun jedoch "ökologisch verträg-lich".Durch
irgendeine geheimnisvolle Wunderkraft der Technik, durch eine
geniale Formel, ein neues Prinzip, einen technischen"Durchbruch" sollen
gleichsam aus dem Nichts genau so effi-zient, kostengünstig
und vor allem in gleich großen Mengen all die Dinge hervorgezaubert
wer-den, die bislang nur möglich waren durch Ausplünderung
und Verschiebung der Kosten.
Wie sehr dies illusionäres Wunschdenken ist, zeigt exemplarisch
die Energiedebatte. Die An-sätze für eine solare Energiegewinnung,
die in der Regel aufgrund der verwendeten Materialien noch weit
davon entfernt sind, wirklich verallgemeinerungsfähig und
naturverträglich zu sein, werden von den Energiebossen höhnisch
in die Ecke der "additiven", bloß ergänzenden
Ener-giegewinnungstechniken verwiesen, weil sie hinsichtlich
der Kostengünstigkeit und lieferbaren Energiemenge nicht
mithalten können mit ihren Großtechniken. Sie haben
recht. Mit vertretba-ren Kosten sind die gegenwärtig verbrauchten
Energiemengen auf solarer Basis nicht zu gewin-nen. Und solange
es keine Institution gibt, die verschobene Kosten bei den Nutzern "in
Rech-nung" stellt, solange sind solare Energiegewinnungstechniken
nicht konkurrenzfähig zu den bisherigen Techniken. Wer glaubt,
mit einer naturverträglichen Technik genauso "effizient" und"kostengünstig" materiellen "Wohlstand" schaffen
zu können, wie das bislang möglich war durch externalisierende
Raubtechniken, der ist ein Anwärter auf das Patent für
ein perpetuum mobile.
Wirklich zukunftsfähige, also menschenfreundliche und, über
lange Zeit betrachtet, naturge-mäße Techniken hat
die wissenschaftliche Zivilisation des Westens der Welt kaum
anzubieten. Darum richteten sich auch die Hoffnungen einiger
im Westen auf Hilfe aus umgekehrter Rich-tung. Nachdem in den
siebziger Jahren nach der Euphorie der technischen "Entwicklungshilfe" erkennbar
wurde, daß der Import von westlichen Technologien in den
Ländern der "Dritten Welt" Monokulturen, Millionenslums,
Verwüstungen, Kulturzerstörungen und menschliche Ruinen
zur Folge hatte, gab es, vor allem in Indien, Ansätze, stärker
eine eigenständige Technikentwicklung anzustreben. Robert
Jungk schrieb damals noch hoffnungsvoll:
"Wir stehen erst am Beginn einer Entwicklung spezifisch
asiatischer, afrikanischer und latein-amerikanischer Variationen
der Technik. Gemeinsam ist ihnen, trotz der großen geographischen
Distanz, daß sie lebens-und naturnäher sein wollen.
Die Ursache dafür ist nicht schwer zu erkennen. Sie alle
entstanden aus Protest gegen die mechanistische, unempfindsame,
normie-rende, vorwiegend auf Schnelligkeit und Höchstleistung
zielende okzidentale Technik. Es ist durchaus denkbar, daß noch
vor der Jahrtausendwende gelbe, braune und schwarze Techniker
als Entwicklungshelfer in die Hochburgen der Industrie auf unserer
Hälfte der Erdkugel gerufen werden, damit sie ihren einstigen
Lehrmeistern zeigen, wie man ohne Verschwendung und ohne Schaden
für Mensch und Umwelt, ohne Hast und ohne Entfremdung das
Lebensnotwendige erzeugen kann."(6)
Gründe für die hohe Attraktivität westlicher
Technik
Diese Hoffnung findet gegenwärtig nur noch wenige Fürsprecher.
Zu übermächtig sind wieder der Sog und die Blendung
durch die "leistungsfähigen" westlichen Techniken
geworden. Die gegenwärtig wieder vorhandene hohe Attraktivität
der westlichen Technik in der "Dritten Welt" hängt
vermutlich eng zusammen mit ihren beiden Hauptmerkmalen: mit
der Kostenver-schiebung und der Raubeigenschaft.
Die Fähigkeit, Kosten verschieben zu können, macht
es der modernen Technik möglich, in einer mystifizierten
Gestalt zu erscheinen. Sie täuscht die Sinne über ihre
Leistungsfähigkeit und verführt die Vernunft durch
einen kurzfristig kalkulierenden Verstand. Die Kosten werden
meistens räumlich und zeitlich sehr weit verschoben und
gestreut. Der räumliche und zeitliche sinnliche Wahrnehmungshorizont
ist in der Regel wesentlich kleiner. Was über Meßgeräte
an Schadstoff-Daten, über Kosten in der Zukunft oder in
fernen Gebieten vermittelt wird, bleibt abstrakt und hat einen
wesentlich geringeren Realitätsgehalt. Es berührt nicht
oder kaum ver-haltensbestimmende Gefühle und Gedanken. Wer
kann sinnlich konkret mit 300 000 Jahren Halbwertzeit eines radioaktiven
Mülls etwas anfangen? Was wiegt das Wissen über ein
Ozonloch gegen den augenblicklich empfundendenen Sinneseindruck
eines Nutzenvorteils etwa in Form eines komfortablen Transports
mit einem PS-starken Automobil? Die zeitliche, räum-liche
und personelle Trennung von Nutzen und Kosten, die Trennung von
Tatort und Leiden-sort oder auch von privat konsumierbaren Vorteilen
und allgemein zu tragenden Nachteilen ist eine ungemein verführerische
Eigenschaft moderner verwissenschaftlichter Technologien.
Wenn diese individuell attraktive Eigenschaft westlicher Techniken
noch gepaart wird mit der "modernen" Haltung " Verbrauche
und genieße jetzt und bezahle später" und wenn
das "später" sogar "spätere Generationen" bedeutet,
dann ist hiergegen eine nichtmystifizierende Technik, die alle
Kosten und Nachteile dem Nutzer sofort sinnlich zurückmeldet,
sehr unat-traktiv, "primitiv", wenig "fortschrittlich".
Solange es keine Instanz, kein Verfahren, keine Übereinkunft
gibt, die die verschobenen Kosten beim Nutzer einer Technik oder
eines Pro-dukts in Rechnung stellt, solange wird eine naturgemäße
und menschenfreundliche Technik gegen die hohe Attraktivität
der externalisierenden Raubtechniken keine Chancen haben.
Aus ähnlichen Gründen trägt die Raubeigenschaft
der westlichen Techniken zu ihrer hohen Attraktivität bei.
Trainiert in westlichen Schulen und vom Gedanken der geschichtlich
unaus-weichlichen "Modernisierung" des Landes durchdrungen,
sehen viele in der "Dritten Welt" nicht ein, warum
sie die Vorteile, die mit der Ausplünderung der Erdschätze
verbunden sind, den Industrieländern überlassen sollen.
Sie wollen teilhaben am Instant-Wohlstand und verlan-gen Atomkraftwerke
und die "effizienten" Technologien der Erdölnutzung
und halten das An-gebot einer appropiate technology für
die "Dritte Welt", eine intermediäre oder sanfte
Tech-nologie für einen raffinierten Versuch, sie im Stadium
der "Unterentwicklung" zu halten. Die Partner des Fortschritts
wollen Partner der Ausplünderung werden. Als auf einer Weltkonfe-renz
zum Schutz der Erdatmosphäre die geplante hohe FCKW-Produktion
für chinesische Kühlschränke als problematisch
angesehen wurde, sahen das chinesische Modernisierer ganz anders.
Für sie war ganz selbstverständlich, daß auch
Chinesen Coca Cola eisgekühlt trinken wollen und selbstverständlich
aus den kostengünstigen Kühlschränken auf FCKW-Basis.
Nach uns die Sintflut, läßt sich mit Hilfe westlicher
Technologien auch auf Chinesisch, Indisch oder Afrikanisch ausdrücken.
Wenn nicht von den Industrieländern in allernächster
Zeit ein vorbildhafter starker Impuls ausgeht für eine industrielle,
technisch-ökonomische Abrüstung, für eine Entschleunigung
der materiellen Produktionsprozesse, für attraktive Modelle
einer low-performance society, für einen kulturellen Paradigmenwechsel,
der den Produktionsmythos der Moderne überwindet, ist die
Mondwerdung unseres blauen Planeten besiegelt.
Technologischer Kulturimperialismus
Abgesehen von den physischen Kosten, bleiben der Technikbegeisterung
der 50ger und 60ger Jahre auch die sozial-kulturellen Kosten
der Einführung westlicher Technologie auf breiter Front
verborgen. Selbst "saubere" Technologien drücken
einer Gesellschaft in einer Weise ihre Gesetze auf, daß kultureller
Eigensinn und Autonomie nicht lange bestehen können.
Daß durch den Import der westlichen industriellen Techniken
ein schleichender kultureller Imperialismus mit der Zerstörung
der eigenen Kultur verbunden ist, hängt mit einer wenig
be-achteten Eigenschaft dieser Techniken zusammen, die ebenfalls
unter der Überschrift Mystifi-kation beschrieben werden
kann, mit der Trennung von Erscheinungsbild und Wirklichkeit,
von unmittelbaren Wirkungen und späteren, versteckten Folgen:
Die angeblichen Werkzeuge des Fortschritts sind nämlich
gar keine Werkzeuge, sondern Techniksysteme, die sich wie Kraken
in allen Winkeln des Landes festsaugen, einnisten und keine Alternativen
neben sich dulden.
Vom äußeren Augenschein her sind die industriellen
Maschinen und Produkte isolierte Gegen-stände, die wie Werkzeuge
beliebig und in freier Entscheidung des Nutzers verwendet werden
können. An ihnen hängt aber typischerweise ein infrastrukturelles
Netz von technischen, so-zialen und psychischen Bedingungen,
ohne die die Geräte nicht funktionieren. Damit bei-spielsweise
ein Auto auch wirklich genutzt werden kann, benötigt man
als technische Infra-struktur ein Straßennetz mit Tankstellen,
Raffinerien, Erdölquellen, Werkstätten, Versicherun-gen,
Polizei, Unfallstationen, Rechtsanwälte, Autofabriken, Ersatzteillager
und vieles mehr und auf der psycho-sozialen Seite die dazu passenden
und funktionsfähigen Menschen: das Trai-ning für den
Führerschein, die Verkehrserziehung für Kinder, den
gewissenhaften Tankwart und Werkstattmeister, generell den sachkundigen
und arbeitsamen Industriearbeiter, also Schulung, Disziplinierung,
Schulung. Entsprechendes gilt für jedes der industriellen
Produkte. Sie sind nur als Techniksysteme mit zugehöriger
Infrastruktur und psycho-sozialer Zurichtung der Menschen funktionsfähig.
Die Einführung der Fabrikarbeit und Industrialisierung
bedeutete auch für Europa eine "große Transformation" der
ganzen Gesellschaft, Kultur und psychischen Struktur der Menschen.
Sie ist nur mit viel Gewalt, Erniedrigung, Elend und Entmündigung über
die geschichtliche Bühne gegangen. Die Ausbreitung der verwissenschaftlichten
Technik war auch, wie Russell feststell-te, für die europäische
Kultur "unermeßlich schädlich", indem Kulturtätigkeiten
mechanisiert und trivialisiert wurden. Aber immerhin ist die
Industrialisierung in und durch die europäische Kultur entstanden
und somit ihr nicht wesensfremd.
Für die Kulturen der anderen Länder sehen die erforderliche
psycho-soziale Zurichtung der Menschen und die kulturelle Transformation
viel dramatischer aus, weil sie mit einer völlig wesensfremden
Kultur konfrontiert werden. Durch die technische"Entwicklungshilfe" aus
den Industrieländern erhalten sie "trojanische Maschinen" (Jungk),
die ihre Kultur und Gesellschaft von innen her erobern. Sie werden
gezwungen, nach und nach eine ihnen fremde industriekultu-relle
Arbeitsethik zu verinnerlichen, sich völlig ungewohnten
Zeitrhythmen unterzuordnen, mit der Zeit Sachbeziehungen höher
zu bewerten als Beziehungen zu Menschen, eine zunehmende Zeithetze
als normal zu empfinden, motivationsunabhängige Arbeit zu
akzeptieren, Lohnarbeit und Warenfetischismus werden sich ausbreiten,
ein Konkurrenzkampf aller gegen alle die Syn-these der Gesellschaft
bilden und selbstverständlich werden, daß sich alle
zurichten lassen als maschinelle Funktionselemente in einem großen,
vom Weltmarkt beherrschten Produktionsap-parat.
"The total picture ... is one of transfer of technology
as structural and cultural invasion, an invasion possibly more
insidous than colonialism and neo-colonialism, because such an
inva-sion is not always accompanied by a physical Western presence
..." (Johan Galtung)(7)
Das Zeitalter des "westlichen" Imperialismus ist also
noch lange nicht vorbei, zumal es zusätzlich, vor allem
durch die USA, einen direkten und offenen technologischen Imperialismus
gegenüber den Ländern der "Dritten Welt" gibt;
beispielsweise durch das gewaltige Arsenal der elektronischen Überlegenheit
in Form von Kommunikationssatelliten für "remote sensing" zur
lokalen Wetter- und Erntekontrolle in den Ländern der "Dritten
Welt", um früher zu wissen, welchen Marktwert ihre
Ernten haben werden, als diese Länder selbst, durch Computerdatenbanken
für das technische Informationsmonopol, durch Medienkonzerne
für die direkte Kulturpropaganda zur Überschwemmung
aller Fernsehstationen usw. "Tatsächlich könnte
die Bedrohung der Unabhängigkeit im späten 20. Jahrhundert
durch die neue Elektronik größer sein als selbst es
der Kolonialismus war."(8)
Anmerkungen
(1) H.Truman: Inauguaral Address, Washington D.C., 20 January
1949
(2)J.F. Kennedy: Special Message to the Congress, Washington
D.C., 14 March 1961
(3) Bertrand Russell: Die Kultur des Industrialismus und ihre
Zukunft, München/Berlin 1928, S. 212
(4) Russell wie oben
(5) Rolf Peter Sieferle: Der unterirdische Wald, Energiekrise
und Industrielle Revolution, München 1982, S.64
(6) Robert Jungk: Der Jahrtausendmensch, Berichte aus den Werkstätten
der neuen Gesellschaft, München 1973, S. 69f
(7): Johan Galtung: Towards a New International Technological
Order, in: Alternatives, Vol. 4 Nr. 3 (Januar 1979), S. 288,
zitiert nach Volker Rittberger (ed.): Science and Technology
in a Changing International Order, The United Nations Conference
on Science and Technology for Development, Boulder, Colorado1982
(8) Anthony Smith: Geopolitics of Information, New York 1980,S.
176, zitiert nach Herbert I. Schiller: Die Verteilung des Wissens,
Information im Zeitalter der großen Konzerne, Frankfurt/M1984
(Who Knows: Information in the Age of the Fortune 500, Norwood,
New Jersey, 1981
Literatur
Die herausragende Analyse und Kritik der modernen Technologie
ist Lewis Mumford's Mythos der Maschine, Frankfurt/M 1977.
Zu den grundlegenden Werken der Technikkritik gehören
auch Jacques Ellul: The Technological Society, New York 1964
und Friedrich Georg Jünger: Die Perfektion der Technik,
Frankfurt/M 1949. Sehr anregend und in den Einsichten fundamental
sind die philosophisch-anthropologischen Studien über
die Seele im technischen Zeitalter von Günther Anders:
Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bände, München
1979 und 1980.
Ivan Illich hat in einer Reihe von Untersuchungen (Selbstbegrenzung,
Eine politische Kritik der Technik, Reinbek 1975, Fortschrittsmythen,
Reinbek 1978) die spezifische Kontraproduktivität industrieller
Techniken analysiert und Anregungen für die Suche nach sozialkritischen
Grenzen von Technikentwicklungen gegeben. Andre Gorz hat diesen
Ansatz ausgedehnt zu einer gesellschaftstheoretischen Kritik
der industriellen Arbeitsgesellschaft (Ökologie und Politik,
Reinbek 1977, Ökologie und Freiheit, Reinbek 1980, Wege
ins Paradies, Berlin 1983). Entlang ähnlicher Argumentationslinien
habe ich das System des Industrialismus, insbesondere den linken
Glauben an die wissenschaftlich-technischen Produktivkräfte
kritisiert (Weltniveau, In der Sackgasse des Industriesystems,
Berlin 1980), nachdem ich versucht habe, die Zusammenhänge
zwischen verwissenschaftlichter Technik, der Logik des Kapitals
und Herrschaft zu ergründen (Technik und Herrschaft, Frankfurt/M
1977).
Viele Probleme des Industrialismus hängen mit seiner Maßlosigkeit,
auch hinsichtlich von Größenausdehnungen zusammen.
Der Pionier für diese äußerst wichtige, bis jetzt
aber vernachlässigte Diskussion ist Leopold Kohr (Die überentwickelten
Nationen, Rückbesinnung auf die Region, Salzburg 1983).
Die Rückkehr zum menschlichen Maß und die Entwicklung
von angemessenen, angepaßten Technologien sind auch das
Thema von E.F .Schumacher (Small is Beautiful,Reinbek 1977)
Grundlegend für die ethische Reflexion des wissenschaftlich-technischen
Eingriffs in die Natur sind die Studien von Hans Jonas (Das Prinzip
Verantwortung, Versuch einer Ethik für die technologische
Zivilisation, Frankfurt/M 1979, Technik, Medizin und Ethik, Frankfurt/M
1985). Sehr anregend für das noch wenig diskutierte Thema
der männlichen Dominanz im Machbarkeitswahn moderner Technik
ist Evelyn Fox Keller:Liebe, Macht und Erkenntnis, Männliche
oder weibliche Wissenschaft?, München, Wien 1986.
Wie bestimmte moderne Technologien das Bewußtsein und
den Lebensstil formen, beschreiben Wolfgang Schivelbusch (Geschichte
der Eisenbahnreise, Zur Industrialisierung von Raum und Zeit
im 19. Jahrhundert, München 1977) oder Wolfgang Sachs (Die
Liebe zum Automobil, Ein Rückblick in die Geschichte unserer
Wünsche, Reinbek 1984). Der Klassiker für die kulturellen
Verformungen durch industrielle Gebrauchstechniken (im häuslichen
Bereich) ist Siegfried Giedion: Die Herrschaft der Mechanisierung,
Frankfurt/M 1982.
Viele Anregungen für das Nachdenken über Alternativen
zur modernen Wissenschaft und Technik geben Gernot Böhme
(Alternativen der Wissenschaft, Frankfurt/M 1980), Rudolf Bahro
(Die Alternative, Köln 1977) oder Arnim von Gleich (Der
wissenschaftliche Umgang mit der Natur, Über die Vielfalt
harter und sanfter Naturwissenschaften, Frankfurt/M, New York
1989)
Dieser Text ist zuerst erschienen in: The Development Dictionary,
A Guide to Knowledge as Power, edited by Wolfgang Sachs, London
1992. In deutsch ist er erschienen in Wolfgang Sachs (Hg.): Wie
im Westen so auf Erden, Reinbek 1993 (vergriffen)