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Dagmar Vinz

Sozial-ökologische Politik aus feministischer Perspektive


Herausforderungen für eine sozial-ökologische Politik aus feministischer Perspektive


Welche Herausforderungen stellen sich aus feministischer Perspektive an eine Politik, die die Gestaltung einer ökologisch zukunftsfähigen und sozial gerechten Gesellschaft zum Ziel hat? Die naheliegenste Aufgabe besteht zunächst einmal darin, feministische und ökologische Politik miteinander zu verknüpfen, einen Dialog zwischen Akteuren in beiden Politikbereichen herzustellen und zu fragen, ob die Herrschaftlichkeit gegenüber der Natur und Frauen einer ähnlichen Logik im Denken und Handeln folgt, so daß Ökologie- und Frauenbewegung voneinander lernen könn(t)en und müßten.

Im Alltagswissen und in der politischen Praxis haben Feminismus und Ökologie allzuoft wenig Berührungspunkte: Engagierte Frauen und Männer, Gleichstellungspolitikerinnen oder Lesben kämpfen für egalitäre Geschlechterverhältnisse, volle Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit und zwar unabhängig von Geschlechtszugehörigkeit oder sexueller Orientierung. UmweltaktivistInnen oder UmweltpolitikerInnen hingegen suchen nach einer Lebens- und Wirtschaftsweise, die die Tragfähigkeit von Ökosystemen nicht überlastet, sondern ein Gleichgewicht zwischen der Einleitung von Schadstoffen und der Regenerationsfähigkeit der Natur herstellt.

Ökologische und feministische Diskussionen und Analysen verlaufen ebenso wie die Entwicklung von Lösungsstrategien in voneinander getrennten Zusammenhängen. Politische Entscheidungen werden in separierten Ministerien getroffen, und in Parteien wird in unterschiedlichen Gliederungen und Kommissionen zu beiden Themenbereichen gearbeitet. So waren beispielsweise Frauenbeauftragte in den Kommunen nicht automatisch über die Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Lokalen Agenda 21 informiert (Buchholz 1999). Umweltpolitische Entscheidungen und Lösungsvorschläge werden - wie ich am Beispiel der Abfallentsorgung und der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" noch zeigen werde - konzipiert, ohne darüber nachzudenken, inwiefern sie Hierarchien zwischen Männern und Frauen herstellen oder gar verstärken.

Die Herausforderung an eine sozial-ökologische Politik besteht darin, dass ÖkologInnen Feminismus und FeministInnen Ökologie mitzudenken lernen. Feminismus ohne Ökologie ist ohnehin absurd, weil es nicht um die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an einem ökologisch zerstörerischen System gehen kann (Ynestra King 1990). Ökologische Politik aber, die geschlechtsblind ist, läuft Gefahr, sozial ungerechte Strategien zu entwerfen, die implizit unbezahlte Arbeit von Frauen voraussetzt. Sie nimmt darüber hinaus ihr Scheitern in Kauf, wenn nämlich Strategien zur Ökologisierung des Konsum- und Alltagsverhaltens an der gesellschaftlichen Realität vorbeigehen, weil sie geschlechtsspezifische Unterschiede und Ergebnisse der Geschlechterforschung ignoriert (Schultz 1998).

Auf internationaler Ebene und innerhalb der Entwicklungspolitik werden aufgrund der starken Lobbyarbeit von internationalen Frauennetzwerken feministische Debatten sehr viel mehr aufgegriffen als in der deutschen Umweltforschung und -politik. Als Beispiel dafür steht das entwicklungspolitische Konzept "Women Environment Development", das internationalen Organisationen implementieren, um ihre entwicklungspolitische Arbeit mit ökologischen und feministischen Zielen zu bereichern (Braidotti 1994). Auf der internationalen Ebene ist das sog. „Mainstreaming von Gender", also die Einbeziehung von Geschlechterfragen in Politikfelder, sehr viel erfolgreicher als im bundesdeutschen Kontext. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Jahrbuch Ökologie 1999) werden die Interessen von Frauen in der Umweltplanung und -politik sowie die Ergebnisse der feministischen Umweltforschung ausgeblendet und ignoriert.

Ökologische Fragen hingegen sind bereits seit dem Entstehen der Frauenbewegung in den 70er Jahren in Westeuropa Gegenstand feministischer Debatten. Es gibt und gab eine Vielzahl von Frauenumweltgruppen, die sich aus einer lokal spezifischen Betroffenheit der jeweiligen Frauen von Umweltkrisen gegründet haben: die englischen Frauen von Greenham oder die zahlreichen Frauengruppen nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Aus ihnen sind auf nationaler und internationaler Ebene zahlreiche umweltbezogene Frauennetzwerke hervorgegangen, wie das FrauenUmweltNetz (Deutschland) oder das WEDO (Women, Environment Development Organization). Mittlerweile gibt es auch auf theoretischer Ebene eine bunte Vielfalt von ökologisch feministischen Ansätzen, die Ursachen, Folgen und Lösungskonzepte für Umweltprobleme aus feministischer Perspektive beleuchten: Kultureller und Sozialer Ökofeminismus, Feminist Environmentalism, Gender & Environment oder das entwicklungspolitische Konzept "Women, Environment and Development" . Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass sie nach gemeinsamen Ursachen von Naturausbeutung und Frauendiskrimierung suchen und die Verknüpfung von ökologischer Politik mit dem "Empowerment" von Frauen zum Ziel haben.

Die Herausforderungen an eine sozial-ökologische Politik bestehen darin, bei der Analyse von Umweltproblemen und bei der Gestaltung von Umweltpolitik die Ergebnisse der feministischen Umweltforschung aufzugreifen und Geschlecht als soziale Strukturkategorie mitzudenken. In Umweltplanung und &endash;politik ist zu berücksichtigen, dass Gruppen sich hinsichtlich Geschlecht unterscheiden, genauso wie sie sich auch hinsichtlich Klasse, Ethnie, Alter, sexueller Orientierung oder Region unterscheiden. Dabei wirken beispielweise Alter, Klassen- und Geschlechtszugehörigkeit aufeinander ein und beeinflussen sich gegenseitig, so dass es nicht möglich ist, von den Auswirkungen von Umweltpolitik auf "die Frauen" zu sprechen. Eine nicht erwerbstätige Frau, die auf dem Land in der Nähe eines Atomkraftwerkes lebt, ist anders durch die ökologische Krise betroffen, wenn ihr Kind an Leukämie erkrankt, als eine alleinstehende Rentnerin, die in der Großstadt infolge von erhöhten Ozonwerten an Atemwegserkrankungen leidet. Für beide wird es auf sehr unterschiedliche Weise von Bedeutung sein, „als Frau" den Folgen ökologischer Krisen ausgesetzt zu sein. Dementsprechend muß stets analysiert werden, ob sich Umweltprobleme oder ihre Bewältigungsstrategien in bezug auf lokal spezifische und konkrete Arbeits- und Lebensverhältnisse unterschiedlich auf Männer und Frauen auswirken.

Die Leitfragen für eine geschlechter-sensible Umweltforschung und -politik lauten:
1. Sind Frauen und Männer (einer konkreten sozialen Gruppe) unterschiedlich betroffen von ökologischer Zerstörung? Welche Folgen haben umweltpolitische Entscheidungen oder Lösungskonzepte für Männer und Frauen? Verstärken und reproduzieren sie Hierarchien zwischen den Geschlechtern oder führen sie zu ihrem Abbau?

2. (Wie) können umwelt- und frauenpolitische Strategien auf produktive Weise so miteinander verbunden werden, dass gleichzeitig der Abbau von Herrschaftlichkeit gegenüber der Natur und ein Machtabbau zwischen den Geschlechtern erreicht wird?

3. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Hierarchien in den Geschlechterverhältnissen und der Herrschaftlichkeit gegenüber Natur? Können beide Herrschaftsformen daher nur gemeinsam überwunden werden?

Das Umweltproblem ist nicht geschlechtsneutral:
Ergebnisse feministischer Umweltforschung
Um Antworten auf die genannten Fragen zu geben, möchte ich anhand von einigen Beispielen der These eines Sammelbandes nachgehen, dessen Titel proklamatorisch formuliert: "Das Umweltproblem ist nicht geschlechtsneutral" (Buchen et.al. 1994)

Am Beispiel Indiens hat Vathsala Aithal (1995) gezeigt, dass der Arbeits- und Zeitaufwand armer Frauen in ländlichen Regionen zum Holen von Wasser von Jahr zu Jahr steigt. Im Rahmen der geschlechtlichen Arbeitsteilung werden Kochen, Putzen, Waschen der Wäsche und z.T. auch das Füttern von Tieren oder das Bewässern des Landes als Aufgabe von Frauen verstanden. Nach einer Studie über die Verteilung der Arbeitszeit in einem indischen Dorf werden 80% der für das Wasserholen verwendeten Zeit von Frauen und Kindern aufgebracht. Aufgrund dieser Arbeitsteilung sind Frauen vom Rückgang der Wasservorräte am stärksten betroffen. Durch die Verstaatlichung nach der Unabhängkeit Indiens wurden Flüssen, Seen und Teiche zum Eigentum des Staates erklärt und Frauen verloren ihre traditionellen Nutzungsrechte am Wasser, das bis dahin als Gemeineigentum verstanden wurde. Die folgende Privatisierung des Wassers wirkte sich vor allem für arme Frauen negativ aus, denn Bewässerungsprogramme und die Überausbeutung des Grundwassers durch Tiefbrunnen kamen in der Regel reichen Bauern und ihrem Anbau von cash crop zugute. Kleinbauern und armen Frauen wurde buchstäblich das Wasser abgegraben, wie es Aithal drastisch formuliert.

Versiegen oder verschmutzen Wasserquellen, sind es die Frauen, die längere Wege in Kauf nehmen müssen. Wird Urwald gerodet, sind es die Frauen, die mehr Zeit für das Sammeln von Brennholz investieren müssen. Ist die Qualität des verfügbaren Wassers unzureichend, sind es Frauen, die Kranke pflegen müssen. Der erhöhte Arbeits- und Zeitaufwand in trocken (gewordenen) Regionen beeinflußt nicht nur die Arbeits- und Zeitökonomie der Frauen negativ und verschlechtert die Ernährung und die Gesundheit ihrer Familien. Darüber hinaus werden soziale Netze, auf die Frauen in Krisenzeiten zurückgreifen können, durch Umsiedlungsprogramme beim Bau von Staudämmen und hydro-elektrischen Anlagen zerstört. Das traditionelle Wissen von Frauen, die ihre Kentnisse über Technologien zur Wasserkonservierung und Methoden zur Wasserreinigung seit Generationen an ihre Töchter weitergegeben haben, wird entwertet und geht verloren. Wenn Frauen ihre Aufgabe zur Grundsicherung immer schlechter erfüllen können, sinkt wiederum ihr gesellschaftlicher Status und ihr Einfluß in der Gesellschaft. Ein Teufelskreis.

Nachdrücklich verweist Aithal darauf, dass die betroffenen Frauen auf der Bühne der großen Politik wenig Einfluß haben, wenn sie auf klassen- und geschlechterspezifische Auswirkungen der ökologischen Zerstörung aufmerksam machen wollen: "Sind es nicht größtenteils Männer (im Norden und der Eliten im Süden), die global denken, und sind es nicht eher arme Frauen (im Norden wie im Süden), die lokal handeln?" (ebd., S. 102). Um die Stimme von Frauen auf der Bühne der internationalen Politik zu verstärken, haben Frauen sich in Netzwerken wie WEDO oder DAWN zusammengeschlossen.

Über diese Netzwerke haben Frauen aus der ganzen Welt ihre umwelt- und entwicklungspolitischen Vorstellungen beispielsweise in die Vorbereitung und Durchführung der UNCED-Konferenz in Rio de Janeiro (1992) eingebracht. Im Vorfeld entwickelten 2000 Frauen aus 90 Ländern im November 1991 in Miami/USA auf der "Weltfrauenkonferenz für einen gesunden Planeten" einen Forderungskatalog, in dem sie sich für ein grundbedürfnis- und naturangepaßtes "Gegenmodell von Entwicklung" einsetzten. Wachstumsorientierte Konzepte von Nachhaltiger Entwicklung, wie sie im Brundtland-Report (1987) formuliert wurden, werden abgelehnt, da die Ursache der globalen Umwelt- und Entwicklungskrise in einer Weltwirtschaftsordnung gesehen wird, deren Institutionen durch Strukturanpassungs- und Welthandelsprogramme die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen verursacht. Es gelingt zwar, die Perspektiven und Forderungen von Frauen in die offiziellen Verlautbarungen der UNCED-Konferenz zu integrieren. So ist ein Kapitel der in Rio verabschiedeten Agenda 21 explizit Frauenfragen gewidmet. Jedoch wird, wie Christa Wichterich es schön beschreibt, im Vergleich zum Aktionsplan von Miami dem politischen Ansatz "die radikale und visionäre Spitze abgebrochen" (Wichterich 1992, S. 36ff.), denn die Fundamente des vorherrschenden Entwicklungs- und Zivilisationsmodells bleiben von den Entscheidungen in Rio unberührt.

"Früher Trümmerfrauen, heute Strahlenfrauen?" - der Reaktorunfall in Tschernobyl
Die These "Das Umweltproblem ist nicht geschlechtsneutral" gilt jedoch nicht nur für Länder des Südens. Dass Umweltprobleme Männer und Frauen unterschiedlich betreffen, verschieden von ihnen wahrgenommen und verarbeitet werden, läßt sich auch für Deutschland zeigen. Dabei möchte ich auf die Arbeiten von Irmgard Schultz (1986) vom Institut für sozialökologische Forschung verweisen, die geschlechtsspezifisch unterschiedliche Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl untersucht hat. Ihre Ergebnisse resultieren aus Befragungen von Frauen, die sich in Hessen nach dem Atomunfall in Mütter- und Elterninitiativen gegen Atomkraft engagierten. Überraschenderweise empörten sich die befragten Frauen kaum über Mehrarbeit im privaten Bereich, obwohl das häufigere Wechseln und Waschen von Kleidung, der erhöhte Aufwand für die Auswahl und Zubereitung von Nahrungsmitteln und andere Sicherheitsmaßnahmen ihren Arbeitsalltag erheblich veränderte. Vielmehr kritisierten die Frauen in den Interviews, dass ihnen die Verantwortung zur Bewältigung einer Krise zugewiesen wird, die solche Ausmaße angenommen hat, dass sie privat in den Haushalten gar nicht mehr aufgefangen werden kann: "Frauen seien für die Reparatur der Unfallfolgen verantwortlich, während "die Verantwortlichen" einer zerstörerischen Technikentwicklung - fast alles Männer - sie ratlos mit ihren Fragen allein ließen" (Schultz 1995, S. 13). So ärgerten sich die befragten Frauen bei alltäglichen Konsumentscheidungen besonders über das Ausgeliefertsein gegenüber dem Expertenwissen und dem Mangel an Entscheidungsspielraum. Die damals veröffentlichten Statistiken über Höchstdosen halfen schwangeren Frauen oder Müttern von Kleinkindern wenig weiter, denn sie waren häufig am Durchschnitt eines gesunden Mannes mittleren Alters orientiert. Ihre Männer kritisierten die befragten Frauen weniger wegen nicht geleisteter Haus- und Erziehungsarbeit, sondern wegen ihres ignorierenden Umgangs mit Gesundheitsgefährdungen, die von den Frauen sehr viel stärker wahrgenommen wurden.

Das Ergebnis dieser Befragung aus den 80er Jahren zeigt, dass ökologische Krisen nicht nur den Arbeitsdruck auf Frauen in den Haushalten erhöhen. Darüber hinaus wird ihnen als Privatpersonen im Alltag die Verantwortung zur Bewältigung von Restrisiken zugewiesen, die sie auf der politschen Ebene aufgrund der wirtschaftlich-politischen Dominanz von Männern nicht mit verursacht hatten. "Früher Trümmerfrauen, heute Strahlenfrauen", lautete der polemische Slogan der Frauenumweltbewegung aus Protest gegen diese Zumutung.

Die Veränderung der Arbeits- und Zeitökonomie in den Haushalten schreibt sich auch in weniger spektakulären und extremen Beispielen als dem Reaktorunfall in Tschernobyl fort. Heute müssen immer mehr Mütter aufgrund von Umweltgiften allergische oder hustende Kinder pflegen, spezielle Anforderungen an ihre Ernährung berücksichtigen und Arztbesuche bewältigen. Gleichzeitig sollen - wenn es nach Umweltplanung und -politik geht - die Haushalte auch noch zusätzlichen Aufwand für eine ökologische Haushaltsführung betreiben. Vor dem Hintergrund der ökologischen Krise ist eine neue Art von Arbeit entstanden: nämlich die sogenannten Öko- und Gesundheitsarbeiten, die unbezahlte Arbeit in den Haushalten voraussetzt und im Kontext der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung vornehmlich Frauen zugewiesen wird. Die ökologische Krise ist dabei nur der Eckpfeiler eines Krisenkonglomerats, das die Arbeits- und Handlungsrationalität von Frauen bestimmt. Sie trifft zusammen mit einer verschärften Wirtschaftskrise, die vom Abbau sozialstaatlicher Leistungen begleitet wird, und einer sozio-kulturellen Krise, in der sich das vorherrschende Muster der Kleinfamilie auflöst. Die neue Qualität von Frauenarbeit besteht darin, neben der Zerstörung der naturalen Lebensgrundlagen auch den staatlichen Sozialabbau auszugleichen (Wichterich 1993, S 27).

Feminisierung der Umweltverantwortung: umweltpolitische Strategien und Konzepte
Auf der Ebene der Haushalte könnte eine sozial gerechte und ökologisch zukunftsfähige Politik Wege suchen, die die Auflösung der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung mit Ökologisierungsstrategien von Alltags- und Konsumgewohnheiten verknüpft. Statt dessen gibt es zahlreiche Beispiele von umweltpolitischen Konzepten, die unbezahlte Arbeit in den Haushalten voraussetzen und damit zu Lasten von Frauen gehen. Das möchte ich im folgenden an zwei Beispielen verdeutlichen: Zum einen möchte ich auf die deutsche Müllpolitik eingehen. Zum anderen werde ich auf die Auseinandersetzung um die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie eingehen, in der ökologische Zukunftsszenarien entworfen werden.

Seit Ende der 80er Jahre wird mit Kampagnen für das Getrennt-Sammeln und Entsorgen von Hausmüll geworben. Mit der Einführung des Dualen Systems Deutschland (DSD) wird durch die Vergabe des Grünen Punktes die Abfalltrennung für die Haushalte obligatorisch. Geschlechtsspezifisch unterschiedliche Lebensrealitäten werden in der offiziellen Müllpolitik nicht berücksichtigt. Statt dessen wird die unbezahlte (Frauen)arbeit in den Haushalten stillschweigend vorausgesetzt, wenn die Verantwortung zur Müllentsorgung von den Verursachern auf die EndverbraucherInnen verschoben wird. Trotz gesetzlicher Festschreibung der Abfallvermeidung werden KonsumentInnen durch die Abgabe für den Grünen Punkt finanziell belastet. In den Haushalten muß gespült, gereinigt und sortiert und das nun säuberlich Getrennte zum richtigen Ort wegtransportiert werden. Dabei ist fraglich, ob die tatsächliche Umweltentlastung durch das erhöhte Transportaufkommen kompensiert wird (man/frau denke an die Werbung für das Duale System). Und es ist fraglich, ob die ganze Arbeit und Organisation sich lohnt, da über 90% der Gesamtmüllmenge nicht in den Haushalten anfällt und somit vom DSD nicht erfaßt wird. Irmgard Schultz spricht von einem „Frauen-Müll-Syndrom", weil um den Kern von erwünschten Einspar-Ergebnissen herum ein riesiges Beschäftigungsprogramm für Frauen etabliert wird, das zeitaufwendig und gleichzeitig ineffektiv ist. Dabei steht der erhöhte Arbeits- und Zeitaufwand nicht im Zentrum ihrer feministischen Kritik. Das Patriarchat besteht nicht darin, dass Frauen den Müll hinuntertragen. Diese Arbeit wird ohnehin in vielen Familien den Kindern zugewiesen, während Frauen sich für die Organisation und das Management der verschiedenen Tonnen und Abholpläne verantwortlich zeigen. Wenn Schultz von einer „Feminisierung der Umweltverantwortung" spricht, ist die ständige Ausweitung der umweltbezogenen Verantwortlichkeiten auf unbezahlte Arbeit in den Haushalten gemeint. Insofern werden auch Männer feminisiert, wenn auch in geringerem Maße. Am problematischsten ist, dass die Feminisierung der Umweltverantwortung mit der gleichzeitigen Enteignung von Mitgestaltungsmöglichkeiten einhergeht. Statt die EndverbraucherInnen an der kommunalen Abfallpolitik zu beteiligen, wird falsches Trennen kriminalisiert und von Müll-Sheriffs, die die Abfalltonnen durchsuchen, geahndet. Das bringt die Moralisierung der Hausarbeit und eine obrigkeitsstaatliche Ausrichtung von Mentalitäten mit sich. Anstatt alltagsrelevante Entscheidungen von alltagsfernen Bürokraten treffen zu lassen, wäre es eine Aufgabe sozial-ökologischer Politik, die Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten der EndverbraucherInnen und damit insbesondere der Frauen auszuweiten.

"Technik für die Männer - Sparen für die Frauen?"
Zur Studie Zukunftsfähiges Deutschland"
Wie wird die Geschlechterfrage in sozial-ökologischen Politikvorschlägen und Zukunftsszenarien aufgegriffen? Dieser Frage möchte ich am Beispiel der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" vom renommierten "Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie", die nach ihrem Erscheinen 1996 vom Spiegel als grüne Bibel für das kommende Jahrtausend bezeichnet wurde, nachgehen. Als zentrale Ansatzpunkte für eine sozial-ökologische Politik nennt das Wuppertal Institut zwei Strategien, die die Steigerung der Energie- und Ressourchenproduktivität zum Ziel haben: Effizienz- und Suffizienzstrategien.

Effizienzstrategien zielen darauf ab, mit möglichst wenig Ressourcen recycelbare langlebige Produkte herzustellen, die zudem sparsam im Energieverbrauch sind und deren Reparatur sich lohnen soll. Suffizienzstrategien dienen dazu, die absolute Gütermenge zu begrenzen. Zum einen durch gemeinsame Nutzung von Gütern und durch öko-effiziente Dienstleistungen (wie Car-Sharing), die das Motto "Nutzen statt besitzen" realisieren. Zum anderen geht es um eine Ökologisierung von Alltags- und Konsumgewohnheiten durch eine "neue Genügsamkeit" (z.B. Reisen im eigenen Land statt Fernreisen, Verringerung des Fleischkonsums etc.).

Eine feministische Arbeitsgruppe des BUKO hat die Vorschläge der Studie mit dem Slogan "Der Ökologen Lust, der Frauen Frust" kommentiert. Die Kritik richtet sich dagegen, dass gespart werden soll und im zentralen Blickpunkt der Ressourcenschonung wiederum die privaten Haushalte stehen. Ausgerechnet die Hausarbeit soll arbeitsintensiver, luxusfrei und enttechnisiert verrichtet werden. So schreibt Claudia Bernhard: "Da spielt es plötzlich eine Rolle, wieviel Wäsche gewaschen wird, wie hoch der Befüllungsgrad von Spülmaschinen zu sein hat, oder warum denn der Trockner benutzt wird, wenn sich die Wäsche viel energiesparender auf die Leine hängen läßt" (Bernhard 1999, S. 113f). Die Einspar- und Suffizienzpolitik steht in auffallender Diskrepanz zum Umgang mit Ressourcen im hochproduktiven Exportsektor. Hier ist von Suffizienz kaum die Rede. Statt dessen sollen neue Öko-Technologien helfen, die Chancen auf dem Weltmarkt zu verbessern und durch das "Begrünen" des Standorts Deutschlands Investoren anzulocken.

Dadurch wird die Spaltung zwischen einem Hoch- und Niedriglohnsektor fortgeschrieben. Während für viele Frauen schlecht bezahlte Teilzeitarbeitsplätze im öko-effizienten Dienstleistungsbereich übrig bleiben, sollen "Ingenieure, Entwickler, Konstrukteure, Marketingfachleute, Facharbeiter usw" (BUND/ Misereor 1996, S. 202) ökologisch effiziente Strategien für den Export erarbeiten. Die Frage, wie ein sozial-ökologischer Gesellschaftsentwurf die herrschende geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in Beruf und Familie verändern könnte, wird in der Studie nur sehr oberflächlich behandelt. So heißt es lapidar, dass die notwendige Motivation von Mann und Frau eine Veränderung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung zur Folge haben könnte. Zu Recht verweisen Feministinnen darauf, dass geschlechtliche Arbeitsteilung ein strukturelles Problem darstellt, das individuell nicht überwunden werden kann (Littig 1998). Und dass zusätzlich gerade die Motivation von Männern und Frauen zur Veränderung sehr unterschiedlich ist. Während Frauen Berufstätigkeit als integralen Bestandteil ihres Lebens sehen, zeigen sich Männer sehr viel zurückhaltender, wenn es darum geht, Verantwortung für Haushalt und Familie zu übernehmen.

Die Kritik an suffizienten Sparmaßnahmen im privaten Bereich wendet sich teilweise auch gegen den hohen Grad an technischer Ausstattung. Es muß gefragt werden, ob die "Zeitsparmaschinen" des Alltags tatsächlich immer Arbeitserleichterungen mit sich bringen, oder ob die ständige Reinigung, Wartung und Pflege einen Terror der Dinge entfaltet, der in einigen Fällen Zeiteinsparungen wieder aufhebt und den Güterreichtum zum Streßfaktor werden läßt. Aus der Perspektive feministischer Umweltforscherinnen muß geprüft werden, ob die geforderte Enttechnisierung der privaten Haushalte die Arbeitslast von Frauen erhöht. Entscheidend für die feministische Kritik ist zum einen, dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht als gesellschaftspolitisches Problem verstanden wird. Zum anderen wird die künstliche Trennung zwischen Effizienzstrategien für den Exportsektor und Suffizienzstrategien für den privaten Bereich kritisiert, die aus der unzureichenden Kritik an weltwirtschafltichen Strukturen resultiert.

Wie kann eine ökologisch zukunftsfähige Gesellschaft aussehen, die auch die gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter realisiert? Im Bereich der öko-effizienten Dienstleistungen sind durchaus Strategien denkbar, die feministische und ökologische Ziele miteinander verbinden: Zum Beispiel Gemüsekisten aus regionalem biologischen Anbau, die wöchentlich in Privathaushalte geliefert werden, und gleichzeitig regionale Wirtschaftskreisläufe stärken, den biologischen Landbau fördern und den Zeitaufwand für Einkäufe verringern. Denkbar sind auch Bringdienste, die Individualverkehr begrenzen und gleichzeitig Eltern von Transportaufgaben entbinden. Oder Projekte, die Kindern den Gebrauch von öffentlichen Verkehrsmitteln beibringen. Die Aufhebung der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung im Haushalt wird durch die Einführung öko-effizienter Dienstleistungen möglich sein. Sie können einen Beitrag dazu leisten, der Gesellschaft den Wert von Hausarbeit vor Augen zu führen (Littig 1998).

Eine sozial-ökologische Politik, die egalitäre Geschlechterverhältnisse realisieren will, müßte das herrschende Modell der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in Beruf und Familie verändern. Das würde jedoch die Herausbildung von neuen Formen des Zusammen-Arbeitens und -lebens erfordern ebenso wie eine Veränderung von Rollenbildern. Zusammenfassend müßte eine sozial-ökologische Politik aus feministischer Perspektive berücksichtigen, dass

die Kosten des ökologischen Umbaus nicht vornehmlich von Frauen getragen werden,
eine Umverteilung von Aufgaben, Pflichten sowie der weniger werdenden Ressourcen zwischen den Geschlechtern erfolgt,
die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung also aufgebrochen wird,
eine neue Balance zwischen unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Arbeit (bezahlter/unbezahlter Arbeit, Eigenarbeit, Versorgungsarbeit) gefunden werden muß,
neue Arbeitszeitmodelle durchgesetzt werden und eine Entkoppelung von Einkommen und Arbeit erfolgt.
Die Verknüpfung von sozialer und ökologischer Politik wird um so wahrscheinlicher gelingen, wenn gleichstellungspolitische Forderungen in den Institutionen verankert werden. Dazu gibt es folgende Möglichkeiten

Einbeziehung von Frauenbeauftragten oder Quotierung von umweltpolitischen Gremien,
Controlling umweltpolitischer Maßnahmen unter Berücksichtigung geschlechterpolitischer Perspektiven,
" Gender-Trainings" für Beschäftigte in Umweltministerien (Gender-Trainings sind Fortbildungen, die TeilnehmerInnen für Geschlechterfragen sensibilisieren sollen und in der Entwicklungspolitik bereits seit einiger Zeit praktiziert werden).
Das sind realpolitische Forderungen, über deren Wirksamkeit man/frau streiten kann. Sozial-ökologischer Umbau ist eine gewaltige gesellschaftliche Kraftanstrengung und es muß gefragt werden: Wer soll das alles ändern? Nichts wäre notwendiger als ein breiter gesellschaftlicher Konsens für eine sozial-ökologische Politik. Dem steht zur Zeit allerdings ein sehr viel wirkungsmächtigerer Konsens gegenüber: In ihm verbindet sich die Ideologie der national(istischen) Standortideologie mit einer allumfassenden Konkurrenz um Arbeitsplätze und Lebenschancen, soziale Versorgung und knapper werdende kollektive Güter. Dieser von oben geschürte Konsens macht sich die individuellen Ängste um Arbeitsplatzverlust und Armut zunutze. Es ist zu befürchten, dass der Wettlauf der nationalen Ökonomien um Standortvorteile - in der Regel verbunden mit einer gesellschaftlichen Spardebatte - einer ökologischen Wende im Wege steht. Denn die Anforderungen der ökonomischen Globalisierung verlangen eine Steigerung von Arbeitsproduktivität, um die Wettbewerbsfähigkeit aufrechtzuerhalten und weiterhin Profit zu erwirtschaften. Die Substitution von fossiler Energie durch erneuerbare Energie und menschliche Arbeitskraft im Rahmen einer „solaren Wende" würde unweigerlich zu einer Absenkung des Produktivitätsniveaus führen und die Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinträchtigen.

Im Unterschied zu dem aus den 80er Jahren bekannten Themenfeld "Umwelt und Entwicklung", das ein Spannungsverhältnis zwischen gleichrangigen Zielen ausdrückte, wird mit der Bezeichnung "Nachhaltige Entwicklung" die Vereinbarkeit von Entwicklung/Wachstum und Ökologie bereits auf der begrifflichen Ebene suggeriert. An die Stelle der Frage, ob die raubbauende kapitalistische Dynamik profitgerichteter Konkurrenz ökologisches Wirtschaften überhaupt zuläßt, tritt der Glaube an Technik und Organisation, mit deren Hilfe Wachstum mit weniger Energiedurchsatz ermöglicht werden soll. Eine noch so wirksame Effizienzrevolution zögert tatsächliche Problemlösungen jedoch nur hinaus.

Feministische Ökologie erfordert Gesellschaftskritik und -umgestaltung. Das ist mehr als eine besseres Management von Natur, das die Widersprüche zwischen ökonomischem Wachstum und Naturverbrauch angesichts der expansiven Kraft des Kapitalismus langfristig nicht auflösen kann. Diese Fragen werden vom 3. Welt-Frauennetzwerk DAWN aufgegriffen und mit der Forderung nach "Entglobalisierung" und einem alternativen Entwicklungsmodell, das die Befriedigung von Grundbedürfnissen der Menschen in Ländern des Südens ins Zentrum stellt, beantwortet. Welche Antworten auf die globale Krise des vorherrschenden Wirtschafts- und Entwicklungsmodells von einer geschlechter-sensiblen, ökologisch zukunftsfähigen und sozial gerechten Politik in einem Industrieland wie Deutschland gegeben werden können, das muß Gegenstand einer breiten gesellschaftlichen Debatte werden.

Literaturverzeichnis
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