Wachstum, Einkommen und Konsum

Zusammenfassung der Ergebnisse der AG 2 der Ökologie-Konferenz der PDS

Eingangs stellte Uwe Witt sein Papier „Gibt es nachhaltig umweltverträgliches Wachstum?“ vor. Die Hauptthese lautete: Umweltverträgliches Wachstum sei nicht möglich, weil, allein um ein Ansteigen des Ressourcenverbrauches zu verhindern, ein Reduktion des spezifischen Verbrauchs an Rohstoffen und Energie pro Einheit Sozialprodukt (SP) notwendig wäre, die die Grenzen des technisch machbaren schon in überschaubaren Zeiträumen überschreiten würde.

Die Mehrheit der Gewerkschaftsfunktionäre oder der gewerkschafts- bzw. PDS-nahen Wirtschaftswissenschaftler fordern ein Wirtschaftswachstum von mehr als 2,5 Prozent, weil erst ab dieser Marke der volkswirtschaftliche Produktivitätsfortschritt kom-pensiert wird, also aus der Produktivitätssteigerung resultierende Beschäftigungsverluste ausgeglichen werden könnten.

Aus Nachhaltigkeitssicht erfordere jedoch allein zur Wahrung des Status Quo beim Ressourcenverbrauch ein jährliches Wachstum des SP von 2,5 Prozent alle 28 Jahre eine Halbierung des Ressourcenverbrauchs, weil sich in dieser Zeit das SP verdoppelt. Sollen bei dieser Wachstumsrate die allgemein wissenschaftlich für die Industriestaaten als zum Überleben der Menschheit als notwendig erachteten Reduktionsziele beim Verbrauch von Rohstoffen und Energie erfüllt werden (Reduktion bis zum Jahre 2050 um 80 bis 90 Prozent) so müssen die entsprechenden Verbräuche pro Einheit Sozialprodukt in 50 Jahren auf ein Siebzehntel bis Siebenunddreißigstel gesenkt werden. Ein solche Entmaterialisierung sei völlig illusorisch.

Die Argumentation wurde mit empirischen Daten belegt. Außerdem wurde der enge Zusammenhang zwischen Dienstleistungen, Produktion und Konsum bezüglich des Ressourcenverbrauches dargestellt. Eine weitgehende Entmaterialisierung des Sozialprodukts sei aus volkswirtschaftlicher Sicht Unsinn. Das Mitwachsen des Rohstoffverbrauchs mit dem Sozialprodukt könne zwar verlangsamt, aber nur zeitweilig auch gestoppt werden. Langfristig ist eine Senkung der absoluten Verbräuche bei wachsenden Wirtschaften weit außerhalb jeglicher empirischer Erkenntnis.

Die Triebkraft des Wachstums wird im Mehrwertgesetz der kapitalistischen Wirtschaftsweise gesehen. Wachsen oder Weichen wäre das Selektionsprinzip, Profitmaximierung Folge und Antrieb dieser Selektion.

Gegen diese Argumentation, die mehrheitlich geteilt wurde, entgegnete ein Diskussionsteilnehmer, es wäre nicht mit mathematischer Logik nachzuweisen, daß sich auf volkswirtschaftlicher Ebene Verbrauchsreduktion und Wachstum ausschließen. Außerdem bedürfe es sektorieller Betrachtungen, um die Qualität von Wachstum zu beurteilen. Beispielsweise wäre Information als Wachstumsbereich nicht notwendigerweise mit höheren Ressourcenverbräuchen verbunden. Eine generelle Verdammung des Wachstums wäre deshalb nicht haltbar.

Darauf wurde entgegnet, daß auch die Informationsverarbeitung bei der Herstellung der Mikroelektronik sehr Ressourcenintensiv sei und außerdem die entsprechenden volkswirtschaftlichen Bereiche der Informationsverarbeitung nur existieren könnten, entweder als produktionsnahe Dienstleister oder im vermittelte Austausch mit materieller Produktion. Schließlich würden die Beschäftigten der Informationsbranche, wie im übrigen auch die anderer ,,nichtmaterieller Bereiche“, wie Kultur, Bildung etc., ihre Einkommen letztlich großenteils für materielle Güter (z.B. Essen, Kleiden, Wohnen) und ressourcenverbrauchende Dienstleistungen (z.B. Reisen) ausgeben. Und schließlich erfolge der Umbau zum Dienstleistungsstandort bei Verlagerung von vielen ressourcen- und energieintensiven Branchen ins Ausland.

In einer längeren Debatte verständigte man sich mehrheitlich auf folgende Grundaussagen:

  1. Formal-mathematisch ist nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand nicht zu beweisen, es wäre im volkswirtschaftlichen Maßstab ausgeschlossen, daß drastische Ressourceneinsparungen im oben erläuterten Umfang durch Effizienzrevolutionen ein Wachstum bei sinkenden Ressourcenverbrauch ermöglichen würden.
  2. Eine einmalige Halbierung des Ressourcenverbrauchs pro Einheit SP innerhalb von 28 Jahren – bei 2,5 Prozent Wachstum und gleichbleibenden absoluten Ressourcenverbrauch als Zielgröße – erscheint bei enormen Anstrengungen hinsichtlich von der Erhöhung der Rohstoffproduktivität und .der Vermeidung von Umweltverbräuchen als möglich.
  3. Demgegenüber ist es aus Plausibilitätsüberlegungen heraus, und unter Berücksichtigung empirischer Erhebungen, wenig wahrscheinlich, daß sich diese Entmaterialisierung des Sozialproduktes um den Faktor 2 alle 28 Jahre (bei 2,5 Prozent Wachstum. und gleichbleibenden Ressourcenverbrauch als Zielgröße) beliebig fortschreiben läßt. So würde diese Entwicklung in dem durchaus überschaubaren Zeitraum von zehn Perioden á 28 Jahren, also, insgesamt über 280 Jahre, eine Entmaterialisierung der Einheit SP um das tausendfache erfordern. Dies dürfte an technische und physikalische Grenzen stoßen.
  4. Wenn diese Einsparungen schon als unrealistisch angesehen werden, dann ist es unter dem Gesichtspunkt des Vorsorgeprinzips und der Nachhaltigkeit, also der Verantwortung für nachfolgende Generationen und für die Länder des Südens, schlechthin unverantwortlich, auch die eigentlich notwendige noch höhere Reduktion auf 10 bis 20 Prozent des heutigen Verbrauchs bis 2050 als mit Wachstum vereinbar einzustufen. Der vage Hinweis auf fehlende mathematische Beweise kann kaum die auf die Empirie und auf Plausibilitätsüberlegungen gestützten Argumente entkräften, die eine solche Entwicklung für illusorisch halten.
  5. Die Wachstumskritik müsse im Übrigen auch Konsequenzen für die wirtschaftspolitischen Zielstellungen der PDS haben.
  6. Da diese Diskussion nicht weniger als die Lebensgrundlagen der Menschheit zum Gegenstand hat, sollte zur wissenschaftlichen Absicherung der Position von Seiten der PDS oder der Stiftung eine Studien vergeben werden, die die möglichen Verhältnisse von materieller Produktion und immaterieller Dienstleistungen unter dem Blickwinkel der langfristigen Umweltverträglichkeit, insbesondere des Ressourcenverbrauchs und der Klimagasemissionen, durchleuchtet. Als Idee wird eine Anlehnung an die Gleichgewichtsformeln von Produktion 1 (Produktion von Produktionsmitteln) und Produktion II (Produktion von Konsumtionsmitteln) bei Karl Marx angeregt. Diese Formeln belegen, daß dieses Verhältnis der beiden Produktionssektoren nicht beliebig ist. Ähnliche Ergebnisse sind für den Zusammenhang zwischen materieller Produktion und immateriellen Dienstleistungen zu erwarten.

Im weiteren wurde Anhand der Bereiche Landwirtschaft, Verkehr und Energie die Wirkung eines ökologischen Umbaus auf das volkswirtschaftliche Sozialprodukt beleuchtet. Im Ergebnis konnte festgestellt werden, daß in diesen Bereichen mit dämpfenden Impulsen auf das Sozialprodukt gerechnet werden könnte, sollten sie umweltverträglich gestaltet werden. Die Argumentationslinien müssten aber noch auf Ihre Stichhaltigkeit überprüft werden. Eine solche wird im folgenden dargestellt:

Beispielsweise würde der Zweig „Ökolandbau“ zunächst wachsen, aber dabei entsprechende Marktanteile der Intensivlandwirtschaft verdrängen müssen. Letztere würden schrumpfen. Bei Substitution des Marktanteils würden sich die Umweltsituation und die Produkte, also die Lebensqualität verbessern, allerdings würde die Arbeitsproduktivität des Landwirtschaftssektors sinken.

Die dadurch verteuerten landwirtschaftlichen Produkte würden unter sonst gleichen Bedingungen das Budget der privaten Haushalte bzw. nachfolgender Verarbeitungsstufen belasten. Diese erzwungene Umlenkung des Budget auf die zusätzlichen Kosten der nunmehr teureren landwirtschaftlichen Produkte wirkt nachfragemindernd auf die nichtlandwirtschaftlichen Konsumtions- und Investitionsmittel. Letztlich würde sich also eine Ökologisierung der Landwirtschaft in einem dämpfenden Impuls zum volkswirtschaftlichen Sozialprodukt darstellen. Ähnliche Wirkungen wären bei der Ökologisierung der Mobilität oder der Energieversorgung zu erwarten.

Daraus lassen sich folgende vorsichtige Schlußfolgerungen ziehen:

Es geht nicht darum, abstrakt den Gürtel enger zu schnallen. Ein ökologischer Umbau erhöht die Lebensqualität, senkt Emissionen und Ressourcenverbrauch und wirkt in seiner Widerspiegelung in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wachstumsdämpfend.

Gleichwohl hat ein solcher Umbau gleichzeitig auch dämpfenden Einfluß auf die Nettolöhne. Kein Wunder, denn ein Absinken der volkswirtschaftlichen Nachfrage muß sich auch auf der Einkommensseite finanziell widerspiegeln.

Ein ökologischer Umbau muß also – soll er durchsetzbar sein – mit einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen begleitet werden, wenn die unteren Einkommen einen Ausgleich erhalten sollen. Dies ist eine große Herausforderung für PDS-Politik.

Abschließend behandelte der Arbeitskreis die Wirkung von Regionalisierungen auf das Wachstum. dabei wurde erarbeitet, daß der Begriff der ,,optimalen Betriebsgröße“ einen methodischen Ausgangspunkt für die Definition eines ,,optimalen Raumes“ sein könnte. Selbstverständlich ändert sich dieser optimale Raum je nach Produkt oder Dienstleistung. Regionalisierung beinhaltet also ein System von Räumen, soll sie volkswirtschaftlich effizient und ökosozial nachhaltig sein.

Weiterhin ändern sich Struktur und Umfang der Räume nach der jeweiligen Zielfunktion. So ist es aus betriebswirtschaftlicher Sicht unter den heute gegebenen Bedingungen optimal, aus Süddeutschland Kartoffeln zum Waschen über die Alpen nach Italien zu karren und anschließen wieder in Deutschland zu Pommes zu verarbeiten oder die Zutaten für einen Joghurt aus ganz Europa zu beziehen oder die Apfelbäume im Havelland umzuhauen um aus Portugal oder Neuseeland Äpfel zu importieren. Würde jedoch die Zielfunktion ,,Nachhaltigkeit“ einbezogen, also beispielsweise der Verkehr entsprechend des Verursacherprinzips seine Umweltkosten bezahlen müssen, würde sich der optimale Raum sofort verkleinern. Gleiches gilt für ethische Zielfunktionen, beispielsweise das Verbot von Lebendtiertransporten über 600 (oder weniger) Kilometer, welches logischerweise eine Tendenz zur (Re-)Regionalisierung des Schlachtbetriebes auslösen würde.

Auch Regionalisierung würde wahrscheinlich wachstumsdämpfend wirken, da sie die Tiefe der Arbeitsteilung vermindert, also die Arbeitsproduktivität senkt.