Eine Begrenzungsordnung einrichten

Die Mitverschwörung an dem allgemeinen Monopoly beenden
Von Rudolf Bahro

In meiner Alternative hatte ich an Rudolf Herrnstadts Buch über die Entdeckung der Klassen erinnert. Mir kam es damals beinahe so vor, als hätte er es, als Vermächtnis seines [nach dem 17. Juni] 1953 gebrochenen Lebens, nur deshalb geschrieben, um die Erinnerung an jenen ebenso großen wie kurzen Augenblick der Französischen Revolution wachzurufen, da das Volk von Paris eine gewisse Evidenz für die Selbstlosigkeit seiner jakobinischen Führung hatte – und deshalb zu jeder Stunde zu jedem politischen Einsatz bereit war.
Natürlich beruhte auch das und gerade das auf Interessenvertretung; auch handelt es sich durchaus nicht darum, aus der Kenntnis der übrigen Geschichte desselben Jahres ’93 die ganz anderen politisch-psychologischen Momente zu verdrängen, die den Jakobinismus auch zum – freilich wiederum unobjektiv gespiegelten – Schreckgespenst gemacht haben. Was Herrnstadt zu beschreiben hatte, war dennoch eine jener Sternstunden der Geschichte, in denen von dem eigentlich unausrottbaren Phänomen der Klientel und der Klientelen der „Ismus“ abfällt. Da war kein Klientelismus mehr, weil sich Volk und Führung vor allem in einem wesentlich allgemeinen Interesse trafen.
Und das Aufschlussreichste: Indem wir nun außerdem wissen, wie hochgradig individualistisch die meisten Köpfe der Bergpartei waren, ist völlig klar, dass der eigentliche Akzent in der ganzen, gleichwohl nur als Einheit verständlichen Bewegung jenes Augenblicks beim Volk von Paris (und natürlich auch Frankreich) gelegen haben muss. Insofern erscheint mir immer noch als die einzig erlaubte nostalgische Anwandlung hier bei uns, nach dem freilich nur soviel kürzer stabilen Augenblick von ’89 zu fragen, in dem „Wir sind das Volk!“ noch nicht umgeschlagen war in das – unabhängig von der objektiven Bedeutung des Wiedervereinigungsthemas – einfach seelisch ausflüchtige „Wir sind ein Volk!“
Und: Kein demütigenderer Beweis für das 40- oder 45-jährige Versagen unseres Sowjet- bzw. SED-Sozialismus als diese allzu rasche Kapitulation des DDR-Volkes vor der D-Mark, die ja in dem Parteiverhältnis zu der Strauß-Milliarde vorweggenommen war und die bis in die wiederum so verständliche Leninsche Anbetung des Taylorismus wie der deutschen und Zürcher kapitalistischen Kultur zurückreicht.
Aus dem alten, „hölzernen“ Russland das neue zu machen, mit Sergej Jessenin gewissermaßen, dann also nicht einfach ein „eisernes“ an seine Stelle setzen zu wollen, das hatte sich Lenin, das hatte sich der Bolschewismus nicht vorgenommen. Er ist eben, belehrt durch die Notwendigkeit der Maschinengewehre, der Tanks, der Flugzeuge, der Atom- und Wasserstoffbomben – auch, nicht nur, natürlich – an seinem eigenen Modernismus in den unterschwellig stets als Maßstab angesehenen Westen abgestürzt. Auch hat er – dies die Lehre bis in unser ’89 hinein – das Volk, die sowjetischen Völker […] letztlich in der Richtung dieser Abhängigkeit erzogen.
Selbst und gerade der Sputnik war eben ein temporärer Sieg auf dem Boden der westlichen „Werte“, die zudem um diese Zeit längst nicht mehr primär aufklärerische waren, wie es Russland 100 Jahre früher, zu Zeiten Tschernyschewskis, noch scheinen konnte, sondern technologische, in ihrem eigenen Kontext unvermeidlich siegreich nach dem vor jetzt schon 150 Jahren von Marx so genannten „Gesetz der gefühllosen baren Zahlung“, inzwischen eben über Schecks und Chips …
Die Stunde von 1793, wie sie Herrnstadt beschrieb, hatte nun mal – offenbar ein unausgleichbarer Unterschied – innerhalb eines der laut Hegel/Marx „fortgeschrittenen“ Völker gespielt, deren mit sowas denn doch überfordertes Proletariat auch die menschheits-allgemeine Emanzipation verbürgen sollte. Dies für Marx noch selbstverständlich nach englisch-französisch-deutsch-amerikanischem Muster rund um die ganze Welt – die nun durch dieses selbe metropolitane „Proletariat“, das in der Rolle der „zweiten industriellen Klasse“, des egoistischen Copiloten der „Bourgeoisie“ (dieser „ersten industriellen Klasse“), festsitzt, beinahe noch heftiger verwüstet wird als durch die Superreichen selbst, einfach weil das nördliche weiße Volk die weitaus größere Zahl der „Agenten“ stellt.
Genau darin ist heute der sozialökonomische Zusammenhang der weltweiten ökologischen Krise mit Händen zu greifen. Inzwischen ist auch jeder dem Wolfsburger gegenüber soviel ärmere Arbeiter von VW do Brasil ein Agent derselben Weltzerstörungsmaschine, von den darüber gesetzten Weißkitteln und von all den „drittweltstädtischen“ Beamtenscharen, die gleich uns die entsprechenden Autos „brauchen“, zu schweigen.
Ist zu sehen, hier noch einmal, auf welchen verhängnisvollen Weg die Russische Revolution gesteuert und gezwungen war und auf welchen verhängnisvollen theoretischen Kurs zuvor schon sich unsere Väter Marx und Engels eingelassen hatten?! Und warum die russische „Entwicklung“ jetzt, den Rest von Autonomie verloren, noch einmal überschnappt, aber völlig in der Logik ihres bisherigen Weges? Man muss bereit sein, die Sache bis in die Leninsche Verehrung für den fürchterlichen Zaren Peter zurückzuverfolgen. […] Es wäre so wichtig, dem auf den Grund zu gehen, denn näher können wir uns selbst nicht kommen, und ohne diese Selbstbegegnung wird sich nie wieder jemand kommunistisch nennen dürfen […]
Heute müsste, wer überhaupt erst einmal kommunistisch denkt, sogar leichter als manche(r) Andere sehen, dass dieses „Entwicklungs“-Konzept in seiner bloßen gedankenlosen Fortschreibung der Untergang der Menschheit ist, dass damit spätestens seit der Renaissance die Evolution der Gattung Mensch schief geht, weil es kein immanentes Maß enthält. Denn seine tatsächliche psychologische Perspektive ist, dass wir alle absolutistische Sonnenkönige werden – wo wir Dienerlnnen des universellen Zusammenhangs sein sollten.
Das kapitalistische Monopoly ist nur das Non-plus-ultra-Verfahren der Machtakkumulation dafür, bei dem halt manche Spieler verlieren. Wollen wir – bei diesen Spielregeln illusorisch – alle gewinnen machen oder endlich erreichen, dass das verdammte Spiel abgebrochen wird?! Dann aber stimmt an der Strategie der PDS [heute LINKEN] – was da auch immer angeboten wird – absolut nichts.
Von der Ökologischen „Plattform“ will ich nicht reden, weil sie einstweilen – selbst auch noch etwas grobschlächtig – vielleicht noch nicht mehr als ein Trojanisches Pferd für euch ist, während die Kommunistische „Plattform“ – unabsichtlich/unbewusst bis absichtlich/bewusst – den Bodensatz der sowjetischen Modernisierungs-Katastrophe, der abhängigen Industrialisierung hütet.
Aber die PDS als solche agiert […], nun mit jenem französischen Beispiel verglichen – als die Klientelpartei schlechthin und im schlimmsten Sinne als die Partei des allgemeinsten Nationalinteresses – ich meine dessen objektiv imperialen Charakter. Indem sie sich nicht darauf beschränkt, ihre eher erbärmlichen eigenen unmittelbaren Interessen und die Interessen der Vereinigungs-Zukurzgekommenen im Osten zu promovieren, sondern sich – ganz logisch – um das nationale Optimum für diese ihre Anliegen sorgt, kommt ihre Option nämlich dem nationalen Optimum überhaupt recht nahe.
So funktioniert es jetzt generell mit den Interessen der metropolitanen Underdogs; sie sind meist „noch schlimmer“. Im gegebenen Sonderfall bedarf es bestimmt keiner besonderen Bosheit dazu, weil es die quasi automatische Quintessenz „normaler“ Interessenvertretung für die „unterentwickelten“ Ostprovinzen ist. Das ist das Übersozialdemokratische an dem Verein. Die klügeren Strategen im Lande wissen auch längst, dass man ihm eigentlich dankbar sein müsste. […]
Es hat sich keine andere als die (west-)europäische Zivilisation erlaubt, aus Anlass des tatsächlichen Scheiterns von Kaisertum und Papsttum die beiden Integrationsebenen des gesellschaftlichen Prozesses abzuschaffen bzw. de facto außer Kraft zu setzen, für die diese beiden Instanzen einstmals standen und ohne die kein größeres menschliches Gemeinwesen kultiviert existieren kann. Und jetzt wird die Welt, die Menschheit an diesem unserem hausgemachten Manko zugrunde gehen, es sei denn, uns fällt etwas anderes dazu ein als die Schürung der alten Ängste, aus denen wir uns schrittweise in aufgeklärten Absolutismus, bürgerliche Kriegsrepublik und Faschismus bis Golfkriegsimperialismus hinein „gerettet“ haben.[…]
Ja nicht zugeben, dass da etwas zu Ende, dass da mehr als der russische Kommunismus gescheitert ist, nämlich das ganze abendländische „Projekt der Moderne“, dem die Kupierung der höchsten gesellschaftlichen Instanzen wesenseigen ist?! Denn es hat eben selbst in den reichsten Ländern nicht vollbracht – und verrät im Weltmaßstab schon gar keine Aussicht, dies nachzuholen -, was es versprochen hatte, nämlich im aufgeklärten Citoyen das Königliche und das Meisterliche herauszubringen, indem es die entfremdeten Höfe und die entfremdete Klerisei überwand. […]
Worum es geht, das ist eine allerdings umwälzende, eine fundamentale Ergänzung der de facto herrschenden, im Grundgesetz nicht einmal wirklich widergespiegelten Realverfassung der Gesellschaft. Eine Begrenzungsordnung, nicht weniger und nicht mehr, muss bei dieser Ergänzung herauskommen, schon soweit wir unseren vernünftigen Egoismus walten lassen – so dass ich die Veränderung sogar für letztlich „machbar“, für „politisch durchsetzbar“ halte.
Das Volk ist in seiner Mehrheit hüben wie drüben nicht so blöd, das jetzige Spiel seiner Politiker und sein eigenes jetziges Spiel mit den Politikern nicht zu durchschauen. Hier könnte schon mittelfristig die richtige Kandidatur, könnten die richtigen, überparteilich, d. h. problemangelegten Kandidaturen in zwei oder drei Anläufen neu die Weichen stellen. […] Es gibt ja bisher gar keinen institutionellen Rahmen für eine ökologische Wende. Wer den nicht schaffen will, sollte wenigstens aufhören, die Resignation zu verallgemeinern, die nur bei der jetzigen Unangemessenheit der Verfassung an die unabweisbare Herausforderung begründet ist.

Die Auszüge entstammen einem sehr ausführlichen Essay über Kommunismus, Ökologie und linke Parteistrategien in dem Band „Denker, Reformator, Homo politicus“, der von Guntolf Herzberg bei der Edition Ost herausgegeben wurde. In diesem sind viele Beiträge Rudolf Bahros aus seinen letzten Lebensjahren abgedruckt.