Was soll das eigentlich heißen: “Natur”?

Friedrich W. Sixel

Als ich vor einiger Zeit in einen Kreis von Leuten kam, die sich durchaus ernsthaft mit sogenannten „Umweltproblemen“ befassten, konnte ich nicht umhin, ein paar Fragen in die Diskussion zu werfen, vor allem als von „Naturzerstörung“ die Rede war. Ich erbat Aufklärung darüber, was das denn sei: „Naturzerstörung“ ? Ob der Mensch dazu überhaupt in der Lage wäre ? Würde er sich nicht längst vor Vollendung solch eines Zerstörungswerks selbst den Garaus gemacht haben ? Unwille war die überwiegende Reaktion auf meine Fragen. Einer der Teilnehmer an der Diskussion erklärte mir, dass ein Blumenbeet ja doch wohl „zerstört“ sei, wenn man Beton darüber gösse. Abgesehen von dem Hinweis, dass ein Blumenbeet nicht die ganze Natur sei, habe ich mir auch die Frage versagt, welche Art von Stoff denn Beton sei ? Etwa ein „unnatürlicher“ oder gar ein „übernatürlicher“ ? Jedenfalls begegnen uns viele Betonbauten in den wunderbarsten Formen, sprechen direkt zu unseren Sinnen, also zu der Natur, die wir selbst sind und zerstören dabei nichts und niemanden. So einfach ist das also nicht mit der Natur und der Beziehung zwischen ihr und uns; zwischen ihr und, sagen wir, Beton.

Ich verließ diese Diskussion einigermaßen beunruhigt. Immerhin fand sie in einem Kreis von Leuten statt, die „von Marx herkamen“. Aber offensichtlich hatten sie sein Denken nicht weiterentwickelt. Es war ihnen offenbar zu „reiner“, längst abgestandener Philosophie geronnen. Ohne jedoch den Geist (besser: Ungeist) unserer Zeit aus der heute herrschenden Praxis kritisch und damit lebendig zu erfassen, wird das großartige, aber jetzt historisch gewordene geistige Produkt des Marxschen Materialismus nicht nur missverstanden, vielmehr begibt sich derjenige, der diesen Fehler macht, auch der Möglichkeit, die jetzige Praxis von innen heraus „aufhebend“ zu verändern.

Nun sei eingeräumt, dass sich Karl Marx mit Fragen zur Natur vornehmlich in seinen philosophischen Schriften auseinandergesetzt hat (1), und auch dort nicht in einer Weise, wie wir das heute müssen. Wie konnte er auch ? Für die Wirtschaftsform seiner Zeit, also für den traditionellen Industriekapitalismus, waren Naturkräfte gratis; sie kosteten nichts. Nur ihre Sicherstellung, ihr Transport und die Wegschaffung verbrauchter Stoffe als Abfall verursachten Kosten. Lediglich in so fern mussten sie damals bei einer Kritik der Politischen Ökonomie in Rechnung gestellt werden. Daran hat sich im Globalkapitalismus nichts geändert. Neu ist an ihm jedoch, dass er auf die Zerstörung der Natur abzielt, die uns zum Leben erforderlich ist. Das rapide Anwachsen von Ressourcenausschlachtung und von Abfall sind die Ursachen dieser immer ernster werdenden Gefahr. Die Aufwendungen zum Eindämmen dieser Gefahr wachsen phänomenal und veranlassen die Kapitaleigner immer mehr dazu, diese Kosten zu externalisieren. Und da bleibt in ihrer Sicht kein anderer Ausweg, als sie in zunehmenden Maße dem Steuerzahler, also der Gesamtgesellschaft aufzubürden. Ähnlich den Bankenpleiten der letzten Jahre werden exorbitante Profite egofokal hereingeholt, während Bankrotte von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Dies ist einer der vielen, indes offensichtlichen Widersprüche des Globalkapitalismus, die der kritischen Analyse bedürften, aber über den Rahmen eines kurzen Aufsatzes hinausgeht.

Da indes das Grundübel des Globalkapitalismus darin liegt, die Natur für uns unbehausbar zu machen, heißt das, dass wir vor allem zu erkennen haben, was unserem praktischen Umgang mit der Natur heute zugrunde liegt. Wer dieser Frage nachgeht, wird einerseits zu einem zeitgemäßen Begriff von Ausbeutung gelangen. Dieser Begriff entwickelt das Marxsche Verständnis von Ausbeutung jedoch nur weiter. Andererseits wird beim Durchleuchten unseres Umgangs mit der Natur ein Begriff von Natur ans Licht kommen, der, statt sich dem üblichen Gerede von „Umwelt“-problemen anzuschließen, uns Klarheit darüber verschafft, dass wir und wie wir den Haushalt der Natur für uns, nicht für „die Natur“, zum Problem machen. Es geht also um Ökologie, nicht um „Umwelt“. Letzterer Begriff suggeriert uns fälschlich, dass die Natur nur „da draußen“ existiere. Stattdessen gilt es endlich zu begreifen: Wir sind sie.

Es ist hier überflüssig, Klarheit darüber zu suchen, dass wir der allumfassenden Natur in so vielen ihrer Erscheinungsformen Schaden zufügen. Darüber ist massenhaft geschrieben und geredet worden, wenngleich so häufig unter dem hier als falsch charakterisierten Vorzeichen „Umwelt“. Hier geht es um den Klärungsversuch der Frage, wie wir den Haushalt der Natur für uns zum Problem machen. Was sind die Bedingungen dieses suizidalen Geschäfts?

Halten wir mit Blick auf diese Frage zunächst einmal fest, dass wir seit etlichen Jahren vor allem in bezug auf die hochindustrialisierten Länder oft von Konsumismus reden. Darunter verstehen wir die zum Prinzip gewordene Vorstellung, dass der Konsum immer weiter zu wachsen hat. Niemandem sagt man etwas Neues, wenn man bemerkt, dass damit auch die Produktion immer weiter ansteigen muss. Der dadurch zunehmende Rohstoffverbrauch und das Anwachsen des Abfalls werden auch gesehen. Immerhin geben sie dann Besorgten hinreichenden Grund, Mahnungen und Maßnahmen in dieser Hinsicht vorzuschlagen. Des ungeachtet herrscht seit der jüngsten Finanzkrise und dem damit einsetzenden Schrumpfen des Wirtschaftsvolumens aber auch Einigkeit darüber, dass das Wirtschaftswachstum wieder angekurbelt werden muss. Dieser Glaube verbindet nicht nur Kapitaleigner und Lohnabhängige, Produzenten und Konsumenten, sondern auch Kulturschaffende in Erziehung, Religion, Kunst etc. Zweifel an ihm gibt es praktisch nicht. Dieser Glaube ist so stark, dass er alte Klassentrennungen verdeckt; er „eint“ uns. Nur in gemütvollen Augenblicken freizeitlichen Tiefsinns wird daran gedacht, dass schon vor vielen Jahren vom „Ende des Wachstums“ die Rede war, und das schon damals mit Recht.

Wenn also gegen den Konsumismus und damit gegen das Wirtschaftswachstum weder moralisierendes Anmahnen tradierter Werte („Bescheidenheit“) noch rationale Argumente („Ressourcenknappheit“, „Klimawandel“) etwas ausrichten können, dann muss er Teil eines anscheinend unerschütterlichen Gesellschaftssystems sein. Dem entspricht, dass viele Theoretiker dieses System für alternativlos halten, ja in ihm das „Ende der Geschichte“ sehen (2). Worin besteht dieser Glaube? Worauf gründet er sich?

Zur Beantwortung dieser Fragen scheint es angebracht, sich daran zu erinnern, dass der „alte“ Kapitalismus, den Marx einst kritisch analysiert hat, im heutigen Globalkapitalismus fortlebt. Nicht nur hat sich die „alte“ Ausbeutung am Arbeitsplatz verschlimmert (3), es sind auch andere Formen der Ausbeutung hinzugekommen. Sie erleidet man z. B. dann, wenn man sein Erspartes der Bank anvertraut, sich beim Einkauf selbst bedienen muss, statt Öffentlicher Verkehrsmittel das so viel teurere Auto zu nehmen hat, um „in“ zu sein, sich der Magersucht hingibt oder sich für Millionengewinn zum Leistungssport zwingt. Diese wenigen Beispiele deuten darauf hin, dass die „Globalisierung“ des Kapitalismus nicht nur geografisch zu verstehen ist, sondern auch in dem Sinne, dass das dem Kapital schon immer essentielle Verwertungsdenken jetzt in alle menschlichen Beziehungen eingedrungen ist. Ohne diesen Entwicklungsprozess (4) hier nachzeichnen zu können, hat dies dazu geführt, dass das Begreifen, Erkennen und Denken jedweder Objekte vom Instrumentalismus (5) dominiert werden, also von einer jede Alternative ausschließenden Konzeptualisierung von Objekten als Mittel. Da erreichte Zwecke im Nu wieder als Mittel begriffen, erkannt und gedacht werden, ist das Perpetuum Mobile des Erreichens von Nur-noch-Mitteln in Gang gesetzt. Es ist nicht nur weiterhin essentielles Interesse des Kapitals, auf Wachstum abzuzielen, sondern es steht ganz allgemein nur derjenige auf der Höhe der Zeit, der allem und jedem mit der Frage gegenübertritt, „was steckt für mich da drin“, „was kann ich damit anfangen“. Es ist nahezu überflüssig darauf hinzuweisen, dass es der herrschende Wettkampf eines jeden gegen jeden ist, der einerseits das Aufwerfen von Fragen dieser Art unvermeidlich macht und der andererseits nützliche und trotzdem flexible Bündnisse nicht auschließt. Alles, und das heißt die Natur in allen ihren Erscheinungen, sei es die Natur „da draußen“, sei diese nun „unberührt“ oder vom Menschen überformt, sei es die im Mitmenschen oder die in einem selbst, alles ist lediglich Mittel zu einer Befriedigung, von der von vorneherein klar ist, dass sie, zum Mittel geronnen, nicht vorhält und dass sie nicht „satt macht“. Diese Praxis bestimmt heute unser Wissen von der Natur aller Dinge; das ist Natur für uns.

Es bleibe dahingestellt, ob Marx bereits diese Art von Wissen im Auge hatte, als er schon vor 1860 davon schrieb (6), dass das Wissen sich in Zukunft vom Produktionsmittel zur Produktionskraft wandeln würde. Klar war ihm jedoch, dass das Wissen in der für ihn nahen Zukunft nicht mehr bloß in der Produktion angewandt werden würde (wie Physik beim Herstellen von Eisenbahnschienen), sondern dass es die Produktion (durch Betriebs- und Volkswirtschaftslehre oder heute auch durch Systemtheorie) strukturieren würde. Wie so viele andere Gedanken hat Marx auch diesen nicht ausführen können (7); außerdem bestand für ihn dazu auch noch kein Anlass. Aber es darf gewiss angenommen werden, dass er dem heutigen Entwicklungsstand im Zuge von Denkergebnissen nachgegangen wäre, die aus seinen frühen Auseinandersetzungen mit Hegel und auch Feuerbach stammen. Indem er den Idealisten Hegel durch gründliche Kritik „vom Kopf auf die Füße“ stellte und den Materialismus von Feuerbach zu Ende dachte, gewann Marx die Einsicht, dass nicht dem Geist, sondern der Natur der Primat in allem Seienden zukommt. Das Gemeinsame, oder wie Marx sagte, das „Übergreifende“ zwischen Natur und Mensch war demnach die Natur, nicht der Geist. Geist wurde von ihm erkannt als „das Andere“ in der menschlichen Natur. „Geist-an-sich“, also Geist ohne sich in der menschlichen Natur zu äußern, war damit in Horizonte verbannt, in der der Mensch nichts verloren und nichts zu suchen hat. Das menschliche Erkennen und Wissen und deren Ergebnisse entwickeln sich für Marx genau so wie alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Produkte aus der Auseinandersetzung zwischen Natur (These) und dem Menschen, der „Anderen Natur“ (Antithese) (8). Von da aus lässt sich, hier aber nur ganz grob skizziert, die materialistische Dialektik von Karl Marx durchaus weiterdenken.

Beim Versuch eines solchen Weiterdenkens gehe ich von Ergebnissen der heutigen Neurobiologie und –philosophie aus. Diese können hier selbstverständlich nur zusammengefasst ins Spiel gebracht werden (9).

Der Mensch ist mit der Natur nicht nur, wie offensichtlich, durch Atmen, Essen, Geschlechtsverkehr, Körperausscheidungen etc. aufs engste verbunden, sondern auch durch seine Denk- und Wissensfähigkeit. Jede dieser Beziehungen des Menschen zur Natur hat ihren materiell-konkreten Aspekt, und zwar nicht nur hinsichtlich des Bereichs der ihm äußeren Natur, sondern auch hinsichtlich des Bereichs der Natur, die ihn selbst ausmacht. Das höchst kompliziert geordnete Zünden der Neuronen eröffnet dem Menschen zudem einen Bezug zur Welt, der weit über das In-der-Natur-sein anderer Lebewesen hinaus geht. Neuronal gesteuert kann er nicht nur seinen Hunger stillen, sondern auch seinen Wissensdurst. Das heißt nicht, dass die in ihm neuronal gesteuerten Bezüge zur Welt alle in sein Bewusstsein vordringen, aber es bleibt Grundlage allen Wissens und Erkennens, dass dem Menschen materiell-konkrete Gegenstände auch materiell-konkret erscheinen und er sie materiell-konkret (neuronal) verarbeitet; kurz: dass er sie wahrnimmt. Ohne dass ihn Signale erreichen, so weiß auch die Kommunikationsforschung seit langem, könnte er diese nicht zu Symbolen, also zu verstandenen Signalen, erheben. Auch „geistig“ steht der Mensch also ganz und gar in dieser Welt. Muss es da nicht als seltsam angesehen werden, dass es von den allermeisten Menschen akzeptiert wird, dass wir mit unseren oft als „bloß körperlich“ bezeichneten Bedürfnissen der Natur zugerechnet werden, nicht aber mit unserer Geistigkeit ? Wird aber gerade durch eine solche Einengung unsere Geistigkeit nicht zu einem Fremdartigen in dieser Welt ? Da halten wir es doch eher mit Marx, der den Geist als „das Andere“ der Natur erfasste, aber eben als Natur.

Es nimmt nicht Wunder, dass da, wo das „Übergreifende“ der Natur nicht auch in der Natur des Geistes erlebt wird, die Menschen vereinzelt und sich gegenseitig fremd bleiben. Es fehlt das materiell-konkrete Band – früher hieß das „Solidarität“ – , das die Menschen in ihrer durch Geistigkeit gewonnenen Individualität zusammenhält (10). Dann aber wird der Kampf aller gegen alle gelebte Praxis, und es wird zum ideologischen Überbau, dass dies in der Natur des Menschen läge. Selbst wenn der individuierte Machtkampf alternativlos in der Natur des Menschen läge, und wenn Geistigkeit, bzw. wie der Anthropologe Richard Adams formuliert, „Kultur“ nichts anderes als „die Geheimwaffe des Menschen im Überlebenskampf“ wäre (11), dann hieße das immer noch nicht, dass das Benutzen dieser Geheimwaffe unserer Spezies diente. Wir sehen ja, – und das kann gerade heute zu einer uns allen dienenden Einsicht werden – , dass diese Geheimwaffe nach rückwärts losgehen kann. Wenn sie nicht uns allen den Garaus macht, dann macht sie zumindest das Leben für uns alle immer miserabler. Hunger und vorzeitiges Sterben nehmen unter den Armen dieser Welt zu, und es kann keine Rede davon sein, dass es das Glück derer steigere, die dem wachsenden Überfluss hinterher hetzen. An all dem ist gewiss nichts „Unnatürliches“. Aber es stellt sich doch die Frage, ob an der so einzigartig ausgestatteten Natur des Menschen, an seiner Geistesfähigkeit, derzeit nicht etwas verkehrt bzw. etwas verdreht worden ist. Selbstmord die Bestimmung unserer Spezies ? Vielleicht stimmt da etwas nicht mit dem Zünden unserer Neuronen ?

Wenn wir mit diesen Fragen die heute herrschende Denkweise des Instrumentalismus, also das globalisierte Interesse an Mitteln, ein wenig genauer in Augenschein nehmen, dann lässt sich anhand von Ergebnissen der heutigen neurobiologischen und -philosophischen Forschung ein wichtiges Resultat herausschälen. Der „rein geistige“ Fortschritt des Instrumentalismus liegt ja in seiner scheinbar unbegrenzten Fähigkeit, die Bedeutung von Objekten jedweder Art immer wieder so umdefinieren zu können (12), dass sie als Mittel einsetzbar erscheinen. Bedeutend am Umdefinieren ist nicht so sehr, dass es bestehende Definitionen nicht einfach abschafft („garbage out“) und von ihnen angesichts mangelnder Verwertbarkeit „bis auf weiteres“ abrückt, sie also nur „virtualisiert“ für später. Von entscheidender Bedeutung ist vielmehr, dass bei instrumentalistischem Denken unsere Neuronen in einer Weise zünden, die einerseits einem schon vorher erfolgten, spontanen Zünden hinter her hinkt, und die andererseits immer auf ein Noch-Nicht abgestellt ist. Das heißt, dass das Zünden der Neuronen unter den derzeit dominanten Bedingungen so abzulaufen hat, dass ihm als innerer Natur die äußere, aber zuhandene Natur zu nichts anderem als zum Objekt distanzierten Kalküls wird. Wo dieses Denken von Kindesbeinen an eingeübt wird (13), erscheint die Distanz zur äußeren und inneren Natur als das „Normale“. Wo alles dem Verwertungsdenken verfällt, also einer Wissensform, die Marx nicht bis ins Einzelne hinein, aber immerhin in klaren Zügen als eine neue Produktionskraft voraussah, da kann es nichts anderes mehr geben als Wachstumsorientierung; Kapitalismus global !

Damit erwacht die mythische Figur des Midas zum Leben. Wie ihm verwandelt sich auch uns alles, was wir berühren, ja ins Auge fassen, in Gold, dem Mittel par excellence. Aber Gold können wir genau so wenig essen wie Midas. Genuss und Befriedigung bleiben uns fremd. Dadurch haben Ausbeutung und das Wachstum des traditionellen Kapitalismus im jetzt herrschenden Globalkapitalismus eine neue Qualität angenommen. Das heißt, sie sind nicht nur weit größer als zuvor, sie haben auch ein neues Fundament erhalten. Und dieses liegt in der oben angedeuteten Verdrehung der innermenschlichen Natur.

Uns, die wir im Abendland seit Jahrtausenden an den Primat des Geistes geglaubt haben, ja sogar die endlich eingesehene „Dialektik der Natur“ und den Dialektischen Materialismus zu Praxis anleitenden (!) Wissenschaften „erhoben“ haben, fällt es schwer zu sehen, was denn heute „Zurück zur Natur“ praktisch heißen soll (14). Wir sind immer noch versucht zu meinen, dass, wie oben erwähnt, moralisierende Anmahnungen und rationale Argumente einen Ausweg aus unserem verdrehten Leben weisen könnten. Dabei ist längst zu sehen, dass bloß Verbales nicht gegen den Instrumentalismus gefeit ist. Wachstumsorientierte Moralunternehmen florieren schon seit langem vielerorts, nicht nur in Parteien, Parlamenten und Gemeinden jedweder Couleur. Selbst große Unternehmen beanspruchen, „ökologisch bewusst“ zu sein, zielen aber vor allem auf typisch kapitalistisches Wachstum. Angesichts des grassierenden Instrumentalismus scheint uns die von der Linken oft gestellte Leninsche Frage „Was tun ?“ nicht mehr beantwortbar. Dies aber nur so lange, wie wir den Primat der Natur nicht selbst auf neue, Natur gegründete Weise verstanden haben. Nur aus einem solchen Verstehen heraus wird die LINKE diejenige System verändernde Politik betreiben können, die unsere Spezies vor der immer mehr drohenden Misere bewahren wird. Ohne dieses Verstehen bleibt Politik jedoch Teil, ja durch Teilnahme fördernder Bestandteil des herrschenden Systems.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man allenfalls in groben Zügen (15) materiell-konkrete Schritte für neue Politik vorschlagen kann. Sie müssen sich in einer Praxis entwickeln, die über ethische und rationale Argumentationen hinausgeht, da diese ja immer noch dem bloßen Intellekt den Primat geben. Neue Politik wird vielmehr durch eine neue Ästhetik überzeugen, wie sie unter anderen Maxim Gorki als „Ethik der Zukunft“ vorschwebte. Sie wendet sich nicht nur gegen die traditionelle Ausbeutung am Arbeitsplatz, die ja nach wie vor die Grundlage gewaltiger Kapitalakkumulationen und des Verwertungsdenkens ist, sondern auch gegen die Ausbeutung, die globalisiert durch Raub an wahrem Genuss und satt machender Befriedigung das ganze Leben zu unstillbarem Hunger macht. Ansätze einer zukunftweisenden Ästhetik, die über das bloß denkerische Argument hinausgeht, kündigen sich an in neuen Formen politischer Demonstrationen, z. B. in den aufgezogenen Menschenketten gegen Atomkraftwerke. Auch in anderen Gruppierungen, denen das Leben unter den herrschenden Bedingungen zu Ärgernis und Leid geworden ist, entwickeln sich Formen des Andersseins, drücke sich dies nun in Musik, Kleidung, Wohnformen und anderem aus. Solche Gruppierungen mögen aus Gewerkschaften stammen, Lebensgemeinschaften bilden wie Kommunen oder sich nur ad hoc zusammenfinden, in ihnen vermittelt sich den Menschen vor allem sinnlich ihre gezielte Verneinung dessen, was herrscht, und worin die zu bejahende Zukunft liegt. Ohne lebendige Verbindung zu solchen oppositionellen Bewegungen ist oppositionelle Politik auch heute nur scheinbar oppositionell. Nur mit ihnen kann die LINKE Avantgarde sein. Und die Tragweite solchen Zusammengehens ist nicht abzusehen, wenn die LINKE sich auf Parteiversammlungen, auf Tagungen und sonstigen Begegnungen von diesem Geiste leiten ließe und auch hülfe, ihn weiter zu entwickeln, ihm gar festliche Dimensionen zu verliehe. Ästhetik solcher Art bedeutet nicht ein Zurückdrängen geistiger Fähigkeiten – alle wissen, um was es geht ! – , sondern deren Kultivierung. Dann ist Kultur nicht mehr individuierte „Geheimwaffe im Überlebenskampf“, sondern Steigerung der in uns wirkenden „Anderen Natur“.

Anmerkungen:

1..- Zum Naturbegriff von Karl Marx siehe Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: „Das dialektische Verhältnis des Menschen zur Natur“, Freiburg, München 1984.
2.- Fukuyama, Francis: „The End of History and the Last Man“, Glenco 1992.
3.- In einem Aluminium-Presswerk, in dem ich Mitte der 50er Jahre Werkstudent war, musste eine Presse von fünf Arbeitern bedient werden. Schon in den 80er Jahren bediente in demselben Betrieb ein Arbeiter mehr als zehn Pressen. Der Lohn dieses Arbeiters war erheblich höher als der seiner Kollegen 30 Jahre vorher, aber bei weitem nicht um das Fünfzigfache. Er wurde also um ein Vielfaches mehr ausgebeutet als seine Vorgänger.
4.- Siehe hierzu die Zusammenfassung in Sixel, Friedrich W.: „Die Natur in unserer Kultur“, Würzburg 2003, pp. 41ff und die dort auf den pp. 344ff angegebene Literatur.
5.- Zum Instrumentalismus siehe u. a. Adams, Richard N.: „The Eighth Day“, Austin 1984, Habermas Jürgen & Luhmann, Niklas: „Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“, Frankfurt (Main), 1971; siehe auch die Diskussion des Instrumentalismus in: Sixel, F.W., op. cit, pp. 115ff.
6.- Siehe Marx, Karl.: „Grundrisse“, Frankfurt (Main) o. J. (verfasst 1857/8), z. B. pp. 587, 594.
7.- Siehe hierzu Brandt, Götz: „Die Naturfrage bei Karl Marx“, in: „Tarantel“, Nr. 45, 2010, pp.6ff.
8.- Siehe hierzu Sixel, Friedrich W.: „Understanding Marx“, University of America Press 1995, p.12 und die dortigen Verweise auf Karl Marx.
9.- Siehe z. B. Roth, Gerhard: „Das Gehirn und seine Wirklichkeit“, Frankfurt (Main) 1994; Spitzer, Manfred: „Geist im Netz“, Heidelberg 1996.
10.- Zur Ich-Werdung des Menschen sind die Denkergebnisse von George Herbert Mead und seinen Nachfolgern in der Kommunikationsforschung zu beachten. Als Einführung siehe Mead, George Herbert: „Mind, Self and Society“ zuerst Chicago 1934.
11.- Adams, Richard N.: „Energy and Structure“, Austin 1975, p. 283.
12.- Zusammenfassend siehe hierzu Sixel, Friedrich W.: „Die Natur in unserer Kultur“, Würzburg 2003, pp.126ff.
13.- Als eines von unzähligen Beispielen sei hier darauf hingewiesen, dass in den Schulen heute allzu häufig für die Kinder nur die erreichte Zensur gilt, nicht aber das wirkliche Verstehen, d.h. die Bereicherung der persönlichen Identität durch Nachvollzug der Gedankenwelt „hinter“ dem Lehrstoff.
14 Neben dem oft verkannten Umstand, dass Rousseau dies als ein methodologisches Motto verstanden hat, war es von ihm auch als Aufforderung an den Menschen gedacht, sich seiner eigenen individuellen Natur bewusst zu werden. Ohne dem wäre für ihn Begriff und Praxis des „Gesamtwillens“ nicht denkbar. Auf keinen Fall stellt dieses Motto eine Aufforderung zur Rückkehr zu Primitivgesellschaften dar.
15.- Hierzu sei verwiesen auf Sixel, Friedrich W.: „Überlegungen zur Systemveränderung“, in: „Tarantel“, Nr. 48, 2010, pp. 12ff.

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