Abschied vom Wachstumszwang

Tabu Wachstumszwang – und wie man es knacken kann. Zu einem fundamentalen Pamphlet des Bremer Senators Loske.

von Rupert Neudeck

Eigentlich sind Bücher sensationell und wichtig ganz unabhängig von ihrer Seitenzahl und Quantität. Das ‚unanständig dicke’ Buch von Sarrazin wäre nach meiner Meinung durchaus von zwei ganz kleinen winzigen Brochschüren in ihrer Wirkung zu schlagen, wenn…ja, wenn es noch mit rechten Dingen zugehen würde auf dem Buch und Medienmarkt: Das eine ist das kürzeste, was der Buchmarkt in neuerer Zeit als Buch je zugelassen hat und hoffentlich auch bald ins Deutsche übersetzt wird: „Indignez Vous“ heißt das in der Quantität dürftige aber inhaltlich (Oho) unglaublich aufmüpfige Pamphlet, das Frankreich aufrüttelt wie eine Clairon Fanfare zur Zeit des Bastillesturms 1789.

Das andere ist von einem Mann geschrieben, der noch vergleichsweise unbekannt ist, aber der mit seinem Büchlein „Abschied vom Wachstumszwang – Konturen einer Politik der Mäßigung“ ein Tabubrecher von Herkules Format zu sein scheint. Heilige Kühe werden da auf nur 60 Seiten geschlachtet und jedes Schlachtopfer gibt der Vernunft unseres Überlebens mehr Raum. Bevor Loske die neun zentralen Handlungsfelder einer neuen, die Zukunft und die Menschheit bewahrenden Politik skizziert, widmet er sich dem – theologisch gesagt – Schisma, das  der ökologischen Politik droht.

In der Nachhaltigkeit und ökologischen Vernunft stehen sich zwei Denkrichtungen diametral und unversöhnlich (?) gegenüber – diese Debatte verstanden als eine zu der Frage, wie wir unsere Lebensgrundlagen erhalten und funktionstüchtig an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Auf der einen Seite stehen die Effizienz- und Technikoptimisten, auf der anderen Seite die Kämpfer für die Suffizienz und –deutsch gesagt – das heftige Sparen.

Loske macht ganz schnell klar, auf welcher Seite er als Bremer Senator steht: Die Effizienzrevolutionäre setzen auf Ökotechnik und grünes Wachstum, aber eben dennoch Wachstum. Der Kapitalismus soll nur umgepolt werden: auf erneuerbare Energien, Elektromobilität und nachhaltige Chemie. Das alles nennt man den „Green new Deal“.

Die Suffizienzrebellen dagegen glauben auch, dass es effizientere Autos, effizientere Elektrogeräte usw. geben wird. „Aber das, was an Umweltentlastung gewonnen wird, wird durch Wachstumseffekte schon wieder aufgezehrt.“

Loske beharrt darauf, dass dem qualitativen Wachstum Schrumpfungen und Einsparungen auf der Stoffseite gegenüber stehen müssen, damit es zu absoluten Umweltentlastungen kommen kann, nicht nur zu weniger.

Kurz, volkstümlich gesagt, es muss gespart werden. Niemand kann uns davon entlasten. „Es wäre kein Vergnügen, sich eine Landschaft vorzustellen, die dominant der Erzeugung von Energie und Industrierohstoffen aus erneuerbaren Quellen diente. Loske kritisiert das Gerede von den Bauern als den „Ölscheichs von morgen“. Die Ölscheichs können gar nicht ökologisch wirtschaften und taugen deshalb auch nicht zum Vorbild.

Der neue Umweltsenator von Bremen – es musste für das Pilotprojekt einer Politik zur Einhegung des Wachstumszwangs das kleinste Bundesland sein, das das Experiment wagen würde – lässt dann die Maßnahmen hintereinander Revue passieren, mit denen wir den Wachstumszwang eindämmen und den Wachstumsdrang einhegen sollen.

Loske will nicht die moralische Keule des Abraham a Sancta Clara schwingen, gleichsam als Öko-Savonarola. Der Aufruf zum individuellen Maßhalten reicht nicht. Es muss eine Politik des Kulturwandels und der Suffizienz her. Das ‚Immer weiter, mehr, schneller’ wird keine gute Grundlage für das künftige Zusammenleben der Menschen und Völker sein.

Die neun Handlungsfelder

  1. Es muss der Wohlstand richtig gemessen werden, das BIP, das Bruttoinlandsprodukt reicht auf Dauer nicht, es müssen alternative Wohlstandsindikatoren populär gemacht werden.
  2. Es müssen die Kommerzialisierungs-Tendenzen zurückgedrängt werden. Obwohl in Deutschland nur weniger als 10 % der Bürger Aktienbesitzer sind, hat sich das von uns Bürgern bezahlte Fernsehen (ARD und ZDF) auf unser aller Kosten eine eigene Börsenberichterstattung an täglich privilegierter Stelle eingerichtet. Loske: „Es wäre mehr als angemessen, wenn die öffentlich-rechtlichen Anstalten die aufdringliche Aktienberichterstattung einstellen“ oder auf das Niveau der Lottozahlen herunterbringen würden.
  3. Es gäbe zwei neue Arbeits- und Lebensmodelle: Die Verlangsamung des Wachstums der Arbeitsproduktivität und die Verkürzung der Arbeitszeiten. Massiv kritisiert Loske die Gewerkschaften, die sich nur noch um höhere Einkommen schlagen und sich mit dem Wachstumszwang verheiratet haben Es muss die Marktwirtschaft und der kapitalistische Markt durch einen klaren Ordnungsrahmen sozial und ökologisch gebremst und eingebettet werden. Den Multis und dem Größenwachstum von großen Unternehmen müssen von der Politik Grenzen gesetzt werden.
  4. Dem Wachstum der erneuerbaren Energien müssen „Schrumpfungen des ’Falschen’“ gegenüberstehen. Das „Wachstum des ’Richtigen’“ sollte sich organisch vollziehen. Aber wie wird das umgesetzt ohne eine neue Politik und Glaubenslehre?
  5. Das fünfte Feld ist das der ökologischen Steuerreform Eigentlich eine Erfolgsgeschichte, da wo diese Steuer kam, hat sie ihren Lenkungseffekt klar erfüllt. Und: „Hohe Spitzensteuersätze für hohe Einkommen sind ein Fairnessgebot“.
  6. Das 6. Feld gilt der Förderung von sozial ökologischen Innovationen: „Car Sharing“ z.B. Autos im Privatbesitz, schreibt der Senator, sind öfter Steh- als Fahr-zeuge. „Bauteilebörsen“. Überall sind Bauteile erhalten, die problemlos wiederverwendet werden können. Gute und funktionierende Dinge sollten nicht ohne Not verschrottet werden.
  7. Dem Autor liegt am (7.) Schutz öffentlicher Güter. Stadtwerke und regionale Infrastrukturunternehmen sind Akteure des Wandels: Small is sustainable. Durch die Fixierung auf die örtliche Kundschaft bieten Stadtwerke einen wesentlichen Vorteil gegenüber Großkonzernen: Sie folgen nicht Prinzipien wie Wachstum und Renditemaximierung, sondern der regionalen Versorgung.
  8. Der achte Handlungsplatz betrifft die Regionalisierung von Wirtschaftsprozessen. Loske beschreibt den Supermarkt in einer Großstadt. Es muss die Rückbindung der Wirtschaft an die lokalen Ressourcen dringlich umgesetzt werden.
  9. Der schwierigste Wandel, den Loske einfordert, kommt als Feld 9. zum Schluss: Die Reform des Geldwesens. Auch hier bei den Banken gilt Mäßigung. „Aus den krachend gescheiterten Ausflügen der Landesbanken in die Welt der internationalen Spekulation kann nur eine Lehre gezogen werden: Größenwahnsinn macht blind und gefährdet die Existenz“.

Ein Buch, das man atemlos liest, aber nicht einfach weglegen kann: Wir müssen unsere Politik und Lebensweise als Gesellschaft ändern.

April 2011