„Grüne“ Gentechnik geht in die zweite Runde

Das „Grüne“ an der Gentechnik kennzeichnet die Anwendung bei Pflanzen, in der Landwirtschaft. Es ist aber auch eine Beschönigung und wird verwendet, um die Gegner milder zu stimmen.

Neue gentechnische Verfahren

Das ist um so wichtiger, als zur Zeit neue gentechnische Verfahren in die Freiland-Erprobung gehen: Kartoffeln mit Resistenzgenen gegen Kraut- und Knollenfäule und Weizen, der mit Duftstoffen Läuse abwehrt. Der – zumindest theoretische – Vorteil ist, dass nicht Gifte eingesetzt werden müssen, um Schädlinge zu vernichten, sondern die Pflanzen diese selbst vertreiben bzw. widerstandsfähig werden.
Dazu wurde den Kartoffeln ein Resistenzgen von Wildkartoffeln übertragen. Bisher werden gegen Kraut- und Knollenfäule bis zu 15 Mal im Jahr Spritzungen mit Fungiziden durchgeführt, die entfallen könnten.
Weizen wurde so modifiziert, dass er – wie Hopfen oder Minze – einen Duftstoff bildet, den auch Blattläuse unter Stress erzeugen, wodurch sie sich gegenseitig vor Gefahren warnen. Wenn die Versuche erfolgreich sind, könnten auch hier Spritzungen entfallen.
Ob der Weizen dann ohne Hopfenzusatz zu Bier vergoren werden oder das Brot nach Minze schmecken soll, ist nicht bekannt.

In Schweden wurden in Gerste zwei Gene eingeführt, die zu einer besseren Stickstoffverwertung führen (sollen). Stickstoff wird ausser von Hülsenfrüchten nur aus dem Boden aufgenommen und muss diesem in Form von Kunstdünger oder Gülle zugeführt werden. Bei Überdosierung, die nicht selten vorkommt, gelangt er als Nitrat in das Grundwasser.

Den genannten Verfahren ist gemein, dass durch gentechnische Modifikationen der Einsatz chemischer Mittel (Gifte, Dünger) reduziert werden könnte. Insofern wären sie ein Beitrag zu Verbesserung der Ernährungssituation weltweit. Das wäre auch die Begründung dafür, dass das BMBF in der Antwort auf eine Anfrage der Grünen den Anteil an Forschung zu gentechnisch veränderten Pflanzen in den einschlägigen Initiativen im Bereich Welternährung derzeit ca. 15 Prozent schätzt.

So viel zu den Heilsversprechen der „grünen“ Gentechnik. Wie sieht die Praxis aus?

Seit Jahren kämpft der Hobbyimker Karl Heinz Bablok aus Kaisheim im Landkreis Donau-Ries gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen. Bereits im Herbst 2011 hatten er und andere Imker beim Europäischen Gerichtshof erreicht, dass Honig mit Spuren genveränderter Pflanzen ohne Lebensmittelzulassung nicht verkauft werden darf.
Jetzt wollen sie vor Gericht einen Schutzanspruch erreichen, der den Freistaat verpflichtet, ihren Honig vor einer Verunreinigung mit gentechnisch modifiziertem Pollen zu schützen. Ohne die Entscheidung des EuGH konnte sich das Bayerische Verwaltungsgericht in einem früheren Verfahren nicht dazu entschliessen, den damals beklagten Freistaat zu Schutzmaßnahmen zu verpflichten. Das damalige Urteil hatte aber unter anderem zur Folge, dass seit 2009 kein Mais der Sorte MON810 mehr angebaut werden darf.

Dennoch wurden beim Bundesamt für Verbraucherschutz insgesamt 330 ha in Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt für den Anbau von MON810 angemeldet – für den Fall, dass der Anbau vor Beginn der Aussaat wieder zugelassen wird. Sachsen ist mit 11 von 21 Anmeldungen (in Dreiheide, Bad Düben, Laußig, Wiednitz und Zabeltitz) führend bei der Anbauplanung.
Dabei wird offenbar ignoriert, dass in den USA eine Gruppe von Wissenschaftlern die EPA darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Wirksamkeit (Insektenresistenz) des Bt-Mais gegen den Maiswurzelbohrer in bedrohlichem Ausmaß sinkt („Scientists warn EPA on Monsanto corn rootworm“).

Auch der Bt-Mais (MON810 ist eine Bt-Mais-Sorte) wurde entwickelt, um den Pestizideinsatz zu senken, weil der Mais selbst ein Gift produziert. Tatsächlich konnte die Umweltbelastung durch Pestizide um ca. 30% gesenkt werden. Im Zusammenhang mit den aufgetretenen Resistenzen rät Monsanto1) nun, beim Anbau mit anderen Biotech-Pflanzen zu rotieren oder Insektizide einzusetzen. Zwar wäre das sicher im Interesse des Chemieriesen, würde aber die Resistenzbildung wahrscheinlich noch mehr verschärfen.
Es wäre für viele Farmer ein Leichtes, auf Bt-Mais zu verzichten, aber seine Verbreitung ist bereits so weit fortgeschritten, dass in einigen Gebieten gentechnikfreie Ware einfach nicht verfügbar ist.

Das Resistenzproblem wird möglicherweise durch eine unerwartete Wechselwirkung verschärft:
Chinesische Wissenschaftler von der Universität Tianjin haben bei Bakterien nachgewiesen, dass Aluminiumoxid-Nanopartikel die Verbreitung von Resistenzgenen fördern können.
Genaustausch ist bei miteinander verwandten Organismen nichts Neues; bei Bakterien führt er zu einer besonders schnellen Anpassung an sich ändernde Umweltbedingungen und im Speziellen durch Austausch von Resistenzgenen zur Bildung von Resistenzen bei ganzen Stämmen. Allerdings tritt das normalerweise nur bei nah verwandten Arten auf, z.B. bei Escheria coli untereinander. Als die Forscher jedoch verschiedene Nanopartikel zu den Proben gaben, führte das dazu, dass wesentlich mehr Resistenzgene aus E. coli-Bakterien in Salmonellen auftraten, als üblich. Besonders hoch war der Einfluss von Aluminiumoxid, wobei auch Titan-, Eisen- und Siliziumoxid in Nano-Größe getestet wurden. Das ist besonders bedeutsam, weil Nanoteilchen aus Aluminiumoxid sehr weit verbreitet sind. Sie kommen zum Beispiel in vielen Farben, Lacken, Putzen, Schleif- und Poliermitteln vor. Was davon letztendlich in den Boden gelangt, ist nicht vorauszusagen.
Auch kann aus den Laboruntersuchungen zur Zeit keine direkte Umweltrelevanz abgeleitet werden, denn in der natürlichen Umwelt ist mit geringeren Konzentrationen zu rechnen als in den Laborversuchen und außerdem  können die Teilchen leicht verklumpen und ihre Wirkung dadurch verlieren. Eine Entwarnung ist damit aber keinesfalls gegeben….

Was kann Mensch tun?

Es gibt viele Indizien und Beweise, dass „grüne“ Gentechnik nicht die versprochene Lösung der Ernährungsprobleme liefert.
Im Gegenteil: Auch das BMBF schätzt in seiner oben genannten Antwort ein, „dass sehr unterschiedliche Auffassungen von Bedeutung und Umfang der sozioökonomischen Dimension des Anbaus von GVO bestehen. Dies betrifft auch den Beitrag zur Sicherung der Welternährung…:“
Lobby-„Arbeit“ im Interesse der profitierenden Konzerne ist dagegen die treibende Kraft für die Gentechnikbefürworter. Die muss niemand unterstützen und wer sich gegen ihre wirtschaftliche Stärkung wehren und gleichzeitig kein unnötiges Risiko eingehen will, kann beispielsweise handeln, wie Mailin und Heiner und sein persönliches Einkaufen und Handeln entsprechend anpassen…

 

Wolfgang Borchardt; 7.4.2012

1)   Zu Monsanto und seinen Produkten siehe zum Beispiel

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