Marx Kritik am Finalitätsanspruch der bürgerlichen Gesellschaft

Raimund Köhn eröffnet unseren neuen Themenbereich mit seinem Artikel

Naturabsicht oder Entfremdung?
Marx Kritik am Finalitätsanspruch der bürgerlichen Gesellschaft.

Einleitung

Spätestens mit dem Niedergang des so genannten realexistierenden Sozialismus scheint sich die Annahme, dass der Vergesellschaftungstypus der westlichen Industrienationen allen anderen Formen überlegen ist, historisch bestätigt zu haben. Mit unverkennbarer Häme wurden die Debatten über das Ende der Geschichte angestimmt. Nicht wenige fühlten sich in den letzten Jahren berufen, über die beste aller möglichen Gesellschaftsordnungen zu schwadronieren. So meint zum Beispiel der Börsenspekulant Gottfried Heller das Fazit ziehen zu können: „Der Wettkampf zwischen den beiden Systemen hat weltweit stattgefunden. Das Ergebnis liegt vor – und das Ergebnis ist eindeutig: Die Bataillone des Trierer Philosophen haben auf der ganzen Linie verloren. Sie scheiterten wegen ihres irrealen Menschenbildes“ (Heller 1992, S. 145).
Ganz abgesehen von der Gültigkeit dieser Behauptung zeigt sich, dass der Kampf der Systeme mit zwei Komponenten verknüpft wird: dem Menschenbild und dem Wirtschaftssystem. Beide sind wichtige Aspekte der Konzeptualisierung der fortgeschrittenen Industriegesellschaften. Das »reale« Menschenbild ist mit Berufung auf Adam Smith das des eigennützigen Individuums, das nur auf den eigenen Vorteil bedacht, dennoch den größten gesellschaftlichen Wohlstand ermöglicht. Vor diesem Hintergrund garantiert die bürgerliche Gesellschaft das Recht auf Freiheit unter dem Vorzeichen der Freiheit des Eigentums. In Deutschland ist das im Artikel 14 des Grundgesetzes niedergelegt. Während der Grundgesetzartikel das individuelle Eigentumsrecht formuliert, wird die gesellschaftliche Konzeption in den Erläuterungen deutlich. So heißt es bei Besson und Jasper: „Versucht man die Hauptmerkmale unserer heutigen technisch wissenschaftlichen Zivilisation und die durch sie bedingten gesellschaftlichen Lebensformen zu beschreiben, dann zeigt sich rasch, wie hier im Gegensatz zu früheren Sozialverhältnissen auf der einen Seite neue Chancen für Freiheit, Selbstentfaltung und Mitbestimmung des einzelnen eröffnet werden; auf der anderen Seite wird aber auch erkennbar, dass in der industriellen Gesellschaft neue Abhängigkeiten und Bedrohungen der Freiheit entstehen“ (Besson, Jasper 1979, S. 92).

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