Geballte Ladung Naturschutzgeschichte Ostdeutschlands

Seit kurzem ist im Internet eine spezielle Seite zur Naturschutzgeschichte in Ostdeutschland zwischen 1945 und 1990 freigeschaltet.

Diese Webseite unter dem Namen www.naturschutzgeschichte-ost.de wurde im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekts „Zeitzeugen als Quelle für Forschung und Bildung – Das Beispiel Naturschutz in der DDR“ erarbeitet. Das Projekt wurde im Zeitraum 2011 bis 2013 an der Hochschule Neubrandenburg in Kooperation mit dem Institut für Umweltgeschichte und Regionalentwicklung e.V. durchgeführt.

In dem Projekt wurden 31 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Naturschutzes in der DDR befragt.

Die Internetseite www.naturschutzgeschichte-ost.de enthält nicht nur Ausschnitte aus den Zeitzeugenberichten, sondern stellt die Naturschutzgeschichte in Ostdeutschland zwischen 1945 und 1990 insgesamt in vier Phasen dar, die anhand der entwicklungsbestimmenden Rechtsgrundlagen und anhand wesentlicher Ereignisse gegliedert wurden:

In der Phase 1945 bis 1954 galt das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 weiter. In dieser Phase gab es innovative Ansätze der Landschaftsdiagnose und –gestaltung.

In der Phase 1954 bis 1970 galt ein neues Naturschutzgesetz, das „Gesetz zum Schutz und zur Pflege der heimatlichen Natur“ von 1954. Auf seiner Grundlage erfolgten eine Neuorganisation der Naturschutzarbeit und die Gründung des ersten zentralen Naturschutzforschungsinstituts in Deutschland. Zu den Erfolgen gehört, das ein wissenschaftlich begründetes System der Natur- und Landschaftsschutzgebiete entstand.

In der Phase 1970 bis 1982 bot das 1970 verabschiedete „Gesetz über die sozialistische Landeskultur“ von 1970 zunächst Anlass für Hoffnungen auf mehr und besseren Natur- und Umweltschutz. Es führte zur Einrichtung des Ministeriums für Umweltschutz und Wasserwirtschaft. Die „sozialistische Intensivierung“ in Land- und Forstwirtschaft, der „Ölschock“ und die darauf folgende Renaissance der Braunkohle ließen alle Hoffnungen bald sterben.

Die Phase 1982 bis 1990 begann mit der Umweltdaten-Geheimhaltungsverordnung des Ministerrates der DDR. Umweltprobleme wurden zu Merkmalen des Niedergangs der DDR-Gesellschaft und ließen eine oppositionelle Umweltbewegung entstehen und erstarken. Anspruch und Wirklichkeit klafften im staatlichen Natur- und Umweltschutz weit auseinander, Anpassungsstrategien kamen 1989 zu spät. Ein später und „zufälliger“ Erfolg war das Nationalparkprogramm der DDR, das in der „Wende“ etwa zehn Prozent der Landschaften einem Schutzstatus zuführte und als „Tafelsilber“ in die Vereinigung der beiden deutschen Staaten einbrachte.

Die Zeitzeugenberichte machen deutlich, dass trotz enger Handlungsspielräume in der DDR eine intensive, vor allem ehrenamtliche, aber auch von Mitarbeitern der staatlichen Naturschutzverwaltung und wissenschaftlicher Einrichtungen getragene Naturschutzarbeit geleistet wurde, die trotz aller Restriktionen beachtliche Ergebnisse hervorbrachte, was wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen.

Räumlich konzentrierte sich der Naturschutz in der DDR allerdings auf die „ländlichen Räume“ und darin vor allem auf die geschützten Objekte und Gebiete. Seine Erfolge blieben daher weitgehend auf Naturschutzgebiete, Naturdenkmale, Flächennaturdenkmale, Landschaftsschutzgebiete (Erholungsgebiete) und auf den Artenschutz in diesen Gebieten beschränkt.

Gegenüber der „industriemäßig“ betriebenen Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft herrschte Ohnmacht ebenso wie gegenüber Problemen in den (anderen) industriellen Schwerpunktgebieten (Braunkohleabbau, Braunkohlechemie, Uranbergbau) und gegenüber städtisch-industriellen Umweltproblemen wie Freiraumschutz, Luftverunreinigungen, Abfall- und Abwasserentsorgung oder -reinigung, Lärmbelastung usw., wenngleich die Probleme bekannt waren und vor Ort ständig Konflikte verursachten.

Die Internetseite führt mit Zeitleisten in jedes Entwicklungsjahr der sowjetischen Besatzungszone und dann der DDR. Für jedes Jahr werden die wichtigen Ereignisse im Natur- und Umweltschutz den wichtigen Ereignissen in Wirtschaft und Gesellschaft gegenübergestellt.

Die im Projekt befragten Zeitzeugen kommen mit Kommentaren zu Ereignissen oder Entwicklungen im Naturschutz zu Wort. Hinweise zu Literatur und Materialien ergänzen ihre Informationen. Die Zeitzeugen werden auch jeweils auf einer eigenen Seite anhand eines Fotos, einer Kurzbiografie, anhand weiterführender Literatur zur Person sowie anhand eines jeweils charakteristischen Auszugs aus den Zeitzeugengesprächen vorgestellt.

Die Herausgeber der Internetseite www.naturschutzgeschichte-ost.de laden insbesondere andere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur kritischen Auseinandersetzung mit den Inhalten der Website ein. Da die Seite ständig erweitert und verbessert werden soll, würden sie sich über weitere Zeitzeugenberichte, Kommentare und Anregungen freuen.

Prof. Dr. Hermann Behrens
Hochschule Neubrandenburg
Fachbereich Landschaftswissenschaften und Geomatik

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