Lampedusa weiterdenken

Saral Sarkar hat auf seinem Blog unter diesem Titel einen sehr lesenswerten Artikel1 veröffentlicht. Darin zeigt er den Zusammenhang zwischen Überbevölkerung und Umweltzerstörung mit den zunehmenden Flüchtlingsströmen auf.

Er schließt mit den Worten:

„Die Länder, von denen die Wirtschaftsflüchtlinge kommen, werden also ihr Überbevölkerungsproblem nicht durch die Förderung von Emigration der überschüssigen arbeitslosen Menschen lösen können. Sie müssen ihre Probleme selbst und zu Hause lösen. An guten Ideen dazu mangelt es nicht. … Die reichen Länder können ihnen dabei etwas helfen. Mehr aber nicht.“

Mit dem Beitrag bin ich weitestgehend einverstanden, nicht aber mit dem unterstrichenen Schluss, denn dieser blendet die wirtschaftliche und politische Verantwortung der „reichen Länder“ aus.
Wenn wir das nicht machen, kommen wir zu ganz anderen Schlussfolgerungen, als „mehr aber nicht“.
Dann sind Fragen unserer Mitverantwortung zu beantworten. Sie betrifft im Kleinen sowohl unser Kaufverhalten als auch unsere Bequemlichkeit und Trägheit (Teilnahme an Aktionen und Demos, Wahl der Verkehrsmittel usw.).
Im größeren Maßstab stellt sich dann die Frage, wie die kommende Regierung zumindest so unter Druck gesetzt werden kann, dass sie ihren internationalen Verpflichtung in der Entwicklungshilfe nachkommt. Und dann natürlich, wie Deutschland zu einer progressiven Regierung kommt…

Wolfgang Borchardt
20.10.2013


  1. http://ak-oekopolitik.blogspot.com/2013/10/lampedusa-weiterdenken.html 

4 Gedanken zu „Lampedusa weiterdenken“

  1. „Die Entwicklungshilfe soll eine sog. Arbeitshilfe sein. d.h. Strukturen schaffen, die die Bewohner selbst erarbeiten.
    Welche Spezialität hat das Land. Was kann es exportieren. Hier geht es nicht darum, dass landwirtschaftliche Produkte exportiert werden und die Bevölkerung hungert.
    China stellt z. B. Mittel für Schaffung einer Struktur zur Verfügung. im Austausch erhält es Mineralien.“

    • Das ist alles richtig, entkräftet aber keinesfalls die von mir erhobene Forderung, dass „die kommende Regierung … ihren internationalen Verpflichtung in der Entwicklungshilfe nachkommt.“
      Zur Illustration nur die drei folgenden Zitate (siehe auch Tarantel 55: „Bundesregierung bringt neue Rohstoffstrategie auf den Weg“;
      weitere einschlägige Informationen über die Suchmaschine Eures Vertrauens – meine Empfehlung: ecosia oder startpage):

      • Süddeutsche.de; 20. November 2012
        Entwicklungshilfe wird gekürzt Deutschland begräbt ein Stück globaler Verantwortung
        Seit Jahrzehnten gilt das Ziel der Industrieländer, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung in die Entwicklungshilfe zu stecken. Nun steht Deutschlands Zusage vor dem Aus. Wenn wir nicht einmal mehr versuchen, in Reichweite unserer Versprechungen für eine gerechtere Welt zu gelangen – warum sollten es dann die anderen?
      • ntv; 9. November 2012
        Sparrunde für Entwicklungshilfe: Niebel klagt über Haushalt
        Deutschland hat sich verpflichtet, den Anteil öffentlicher Mittel für Entwicklungszusammenarbeit bis zum Jahr 2015 auf 0,7 Prozent der Wirtschaftskraft zu erhöhen. Ein Ziel, das mit dem Haushalt 2013 in weite Ferne gerückt ist. Das Budget sieht zum ersten Mal seit Jahren wieder eine deutliche Kürzung vor.
      • EurActiv.de; 27 August 2013: Entwicklungspolitik
        Meinungsumfrage zur Entwicklungszusammenarbeit
        80 Prozent der Deutschen wollen 0,7-Prozent-Ziel einhalten
        Vier von fünf Deutschen halten nichts von der Ankündigung von Entwicklungsminister Dirk Niebel, wonach das 0,7-Prozent-Ziel „nicht mehr zeitgemäß“ sei. Die Bundesregierung verabschiedet sich von ihren Verpflichtungen und geht damit auf Konfrontationskurs zu der Mehrheit der Deutschen, wie eine aktuelle Umfrage belegt.

      W. Borchardt
      22.10.2013

  2. Der folgende Kommentar ist um solche Passagen gekürzt, die eine Personalisierung der Auseinandersetzung beinhalten.

    Hallo Wolfgang,

    im Gegensatz zu Dir finde ich diesen Artikel „Lampedusa weiterdenken“ von Saral Sakar wenig lesenswert! Dort wird zwar vollmundig versprochen „eine tiefschürfende Ursachenanalyse“ vorzunehmen, aber wenn man sich die dann anschaut, kommen starke Zweifel. Völlig richtig wird zunächst davon ausgegangen, dass hier ein Globales Problem vorliegt, das nicht nur Europa betrifft, wohl auch (in weit schwächerem Maße) Australien, aber die USA? Die Aufzählung ist genauso geschickt gewählt wie die Wortwahl, denn der Autor erzielt eine hohe Aufmerksamkeit, der er dann vom Leser kaum bemerkt, unglaubwürdige Abschwächungen nachschiebt. (Bootsflüchtlinge in die USA ?) Dieser Stil wird im fortlaufenden Text verstärkt. Das beginnt mit der Ursachenaufzählung. Völlig zurecht werden die vor einem, ihre Familie und ihre Lebensgrundlagen zerstörenden Krieg gezeichneten Flüchtlinge aus Syrien und Irak genannt und mit den hungernden Somalis geschickt gemischt, um dann wieder … die … Erkenntnis … dem Leser unterschieben zu wollen; es handle sich um Wirtschaftsflüchtlinge (also der gleiche Duktus; die gleiche Umschreibung wie bei denen, die damals die DDR verließen, weil sie glaubten im Westen noch besser leben zu können – nur die waren herzlich willkommen) ! Und dann wird es schon demagogisch, wenn der Autor die Erkenntnis verbreitet, es wären gar keine Armutsflüchtlinge, denn die könnten sich ja die Schlepperbanden gar nicht leisten. „Sie gehen dabei ein hohes Risiko ein, sie könnten dabei sterben. Aber so ist halt die Jugend.“ Also die gar nicht so Armen setzten sich nicht einfach in den Flieger um ihre trostlose Heimat zu verlassen, nach Sakar ist es wahrscheinlich der besondere Kick den man empfinden muss, um auf baufälligen Bootswracks mitten durch ein hightech-überwachtes todbringendes Meer, in die „Freiheit“ zu gelangen.

    Aber dann verspricht der Autor die Welt zu erklären. Es sind Überbevölkerung und Dürre, – nicht die erzwungene neoliberale Öffnung der Binnenmärkte die z.B. die Ökonomie Syriens zerstörte, nicht die ruinöse Ausplünderung kleinteiliger nationaler Volkswirtschaften durch globale Finanzakteure, nicht die Ausplünderung der Meere durch EU-Fangflotten, nicht die Zerstörung der Landwirtschaft durch Genmanipulierte Saatgutpatente – nein er will Maltus Theorien – der Kriege durch Überbevölkerung erklären – uns neu verpackt als einzigste Ursache von Not und Elend verkaufen.

    Und wie denn nun der Klimawandel zu erklären wäre, der die hungerbringenden Dürren hervorruft, dazu fällt ihm auch nichts ein. Damit das ganze nun wissenschaftlich und glaubhaft wirkt, wird ausgerechnet Friedman zitiert und durch übermäßigen Brunnenbau hervorgerufene Wasserprobleme von Ägypten bis in den Iran als Ursache benannt. Ja, wer bohrt denn eigentlich mit welchem Geld die Brunnen und wem gehört das gewonnene Wasser? Und warum fließt es nicht dorthin wo Not ist?

    Soviel zu Sakars „tiefgreifenden Ursachenanalyse“. Aber er versprach ja eingangs seines Artikels auch den guten Willen das Problem zu lösen. Darauf kommt er zum Schluss zurück: „Kann denn überhaupt etwas getan werden, um das Problem zu lösen? Was es ganz sicher nicht lösen würde, ist die Öffnung aller Ländergrenzen, die einige Gutmenschen, darunter viele Radikallinke, seit etlichen Jahren fordern.“

    Hier benutzt er eine Lingua, die zu denken gibt, Die des „Gutmenschen“. Ein Begriff, den eigentlich die extreme Rechte benutzt, um Menschenrechte unzeitgemäß zu machen und Humanistisches Gedankengut zu diffamieren. Folgerichtig fährt er fort: „Anders als in den 1950er und 1960er Jahren, wenn die westeuropäischen und nordamerikanischen Wirtschaften boomten, gibt es heute keinen Job für die hunderttausende ungelernte Wirtschaftsflüchtlinge, die bei totaler Grenzöffnung in diese Länder strömen würden.“
    Polemisiert er eingangs die Notwendigkeit eines ernsthaft guten Willens, um die Flüchtlingsproblematik lösen zu wollen, hat er selbst nichts, aber auch gar nichts anzubieten! ….

    Also nicht nur die Schlussfolgerung, die du kritisierst, lieber Wolfgang, ist unwürdig der Kolumne „Lampedusa weiterdenken“. Diese Quelle ist vergiftet!

    Hans Joachim Börner

    • Wie der Kommentar zeigt, ist das Problem des Bevölkerungswachstums – wenn man vermeiden will, in die rechte Ecke gestellt zu werden – außerordentlich schwierig zu diskutieren. Nichtsdestotrotz stellt die zunehmende Bevölkerungszahl auf der Erde ein Problem dar, das zur Kenntnis genommen werden muss. Das ist auch das Thema des Beitrages von Saral Sarkar und aus diesem Grund bezeichne ich den Artikel als lesenswert. Einen Artikel lesens- und darüber nachdenkenswert zu finden, heißt aber nicht, der darin vorgeschlagenen Lösung zuzustimmen – oder?

      Unbestritten gibt es andere, in der kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung liegende Ursachen, aber sind das die einzigen für Umweltzerstörung und Flüchtlingsströme? Und selbst wenn – wie gehen wir jetzt damit um? Warten auf das Ende des Kapitalismus?
      Es geht um Menschenleben.

      Was sind unsere linken Lösungskonzepte?

      W. Borchardt
      21.10.2013

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