Die Natur kennt keine Kompromisse

Jörn Schwarz, ASPO Deutschland (klick), und Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group (klick), haben eine Studie vorgelegt mit dem Titel „Deutsche Klimapolitik – vom Vorreiter zum Bremser“ (klick). In fünf Kapitel untersuchen sie
  • Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015;
  • das Energiekonzept der Bundesregierung von 2010;
  • die Umsetzung des Energiekonzepts bis 2015;
  • die Umsetzung des Energiekonzepts bis 2035 und
  • eine mögliche Nullemissionswirtschaft in Deutschland – Lösungsansätze.

Sie gehen von der Pariser Vereinbarung aus,

„den Temperaturanstieg der Erde über dem vorindustriellen Niveau der mittleren Oberflächenerdtemperatur von etwa 15°C auf höchstens 2°C, besser 1,5 °C zu begrenzen. Doch dieses Ziel bedeutet, dass sich die heute schon immensen Schäden infolge der bereits erfolgten Temperaturerhöhung von 1 °C in unbekannte Dimensionen erhöhen werden. …

Der momentane Pfad des Anstiegs lässt aber eher eine Erdtemperaturerhöhung um 4 °C bis 6 °C bis Ende diese Jahrhunderts erwarten – ein Temperaturwert, der schon weit darunter mit großer Sicherheit zum Auslöschen des größten Teils der Menschheit führen wird – wohlgemerkt bis Ende dieses Jahrhunderts, also in der Lebenszeit unserer Kinder und Enkel.“ (S. 5f; Hervorhebung W.B.)

Daraus ergeben sich für die Autoren folgende

„Notwendige globale Konsequenzen
Vor dem Hintergrund obiger Bestandsaufnahme dürfen, wie das New Climate Institute vorgerechnet hat, global ab 2035 keine Treibhausgase mehr emittiert werden; für die Industrienationen sollte dies spätestens ab 2030 gelten. Außerdem muss eine wirksame Agenda für deren Reduktion in der Atmosphäre auf den Weg gebracht werden, um das Pariser Abkommen einzuhalten. …

Die notwendigen Maßnahmen zur Einhaltung von Klimaschutzzielen ergeben sich eben nicht aus den möglichen politischen Kompromissbeschlüssen, sondern aus den naturwissenschaftlichen Fakten. Die Natur kennt keine Kompromisse, sondern nur die den Menschen bekannten Naturgesetze.“ (S. 9; Hervorhebung W.B.)

Soweit – so klar. Doch beim „Energiekonzept der Bundesregierung von 2010“, von dem es heißt:

„Im September 2010 hatte die Bundesregierung ein Energiekonzept in Kraft gesetzt, mit dem die Energieversorgung Deutschlands grundlegend verändert und die Emissionen bis 2050 um mindestens 80 % reduziert werden sollten. Darüber hinaus sollte es der Einstieg in die erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz sowie der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern sein.“

hätte ich nach dem vorher Dargelegten erwartet, dass es wegen der unzureichenden Ziele (-80% bis 2050 statt naturwissenschaftlich notwendiger -100% bis 2030 für das Industrieland Deutschland) kritisiert wird. Das Energiekonzept von 2010 beruhte nämlich auf den IPCC-Empfehlungen von 2007, die bereits einen Kompromiss darstellten zwischen dem, was Klimawissenschaftler schon damals forderten und dem, was Politiker meinten, ihren Wählern zutrauen zu können.
Doch zunächst wird ge“zeigt, wie anspruchsvoll diese Ziele gesetzt sind“ (S. 10) und überprüft, wie bzw. ob diese erreicht wurden.

Die Analyse selbst dieses objektiv zu weichen Zielpfades ergibt, dass er bei fast allen Klimagasen bzw. Wirtschaftsbereichen verfehlt wird, wenn nicht zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden. Konsequenterweise stellen die Autoren daher fest:

„Der Projektionsbericht der Bundesregierung zeigt insgesamt:

  • die bis Mitte 2014 ergriffenen Maßnahmen reichen nicht annähernd aus, um die Treibhausgase-Emissionen in dem vom Weltklimarat geforderten Umfang zu senken,
  • die Ende 2014 zusätzlich ergriffenen Maßnahmen stellen zwar einen Schritt in die richtige Richtung dar, genügen aber immer noch nicht, um das Ziel bis 2050 zu erreichen.“ (S. 34)

vorgelegtDas Schlusskapitel „Nullemissionswirtschaft in Deutschland – Lösungsansätze“ bezieht sich dann auf das Pariser Abkommen und nicht mehr auf die 2007-er Vorgabe des Weltklimarates, den globalen Temperaturanstieg auf höchstens 2–2,4°C zu begrenzen:

„Im Pariser Klimaschutzabkommen vom Dezember 2015 wurden weitaus anspruchsvollere Ziele gesetzt. Der globale Temperaturanstieg soll möglichst auf 1,5 °C begrenzt werden.
Das erfordert zusätzliche nationale Maßnahmen in erheblichem Umfang. Deren Ziel sollte eine frühere Nullemissions-Wirtschaft sein – vorzugsweise schon 2030.“ (S. 36; Unterstreichung im Original)

Hier werden technische und politische Lösungsansätze genannt. Die Zusammenfassung schließt mit

„Zur Erreichung des Pariser Ziels sind sowohl technische als auch politische Schritte in sämtlichen Sektoren erforderlich. Neben der Umstellung auf 100% erneuerbare Elektroenergie, ist zum Beispiel auch eine vollständige Kreislaufwirtschaft notwendig. Politisch ist die Aufnahme des Klimaschutzes in die Verfassung entscheidend. Anreizinstrumente sowie die gezielte Förderung von Forschung und Bildung in diesem Bereich sind erforderlich und in der vorliegenden Studie ausgeführt.“

Studie „Deutsche Klimapolitik – vom Vorreiter zum Bremser“ lesen (klick)

Wolfgang Borchardt
8.11.2016

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