Idee des Ökosozialismus im Zeitalter der globalen ökologischen Krise

von Kohei Saito (Osaka City University)

Dieser Text gehört zum Schwerpunkt Wirtschaft und Gesellschaft der Tarantel 83, fand darin jedoch leider keinen Platz mehr.

Der Juni 2018 war nach dem Juni 2016 und 2017 der dritte mit Hitzerekorden. Dies heißt, dass wir gegenwärtig auf der seit 120.000 Jahren heißesten Erde leben. Mit der stets wachsenden Emission von Kohlendioxid kann nunmehr laut Prognose bereits bis 2030 die durchschnittliche globale Temperatur auf 1,5 Grad steigen. Diese Erwärmungsgeschwindigkeit übersteigt alle früheren Erwartungen. Ohne effektive Gegenmaßnahmen kann also die Temperatur bis 2100 um 4,8 Grad steigen. Um jedoch die Temperaturerhöhung bis 2100 auf 2,0 Grad zu halten – was ohne Zweifel schon ziemlich gefährlich und dramatisch ist –, ist es nötig, die Nettoemission von Kohlendioxid bis 2050 auf null zu reduzieren[1]. Wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass 80% vom derzeitigen Energieverbrauch in den USA aus fossilen Brennstoffen stammen, sieht man leicht, wie radikal kurzfristig eine Wende im Produktions- und Konsumptionsprozess durchgeführt werden muss. Je später die Restrukturierung des Energieverbrauchs beginnt, desto kleiner ist die Chance auf Erfolg und desto größer ist der wirtschaftliche Schaden. Diese Tatsache liegt da ja schon seit Jahren vor, aber es gibt augenscheinlich kein ernsthaftes Engagement. Ein Grund dafür ist, dass die Marktlogik nicht funktioniert, um die zukünftigen tatsächlichen Kosten zu minimieren. Im Gegenteil, unter dem Motto „Après moi, le déluge“ veranlasst sie dazu, fossile Brennstoffe so schnell und günstig wie möglich zu fördern. Die globalen Eliten sind unter dem Druck von Ölkonzernen und überhaupt nicht im Stande, erforderliche Regeln, Pläne und Kooperation zu koordinieren.

In der Konsequenz scheint sich das „Ende der Geschichte“, das Francis Fukuyama nach dem Verfall der UdSSR als globalen Sieg des demokratischen Kapitalismus optimistisch propagierte, in Form vom „Ende der Zivilisation“ zu verwirklichen – bei Dominanz der neoliberalen Politik auf dem globalen Niveau. So erklärt nun sogar eine Gruppe von finnischen Resilienzforscher*innen in einem Bericht für die UNO, dass der neoliberale Markt die Bedingungen für den Klima-Vertrag von Paris nicht erfüllen kann: “Market-based action will not suffice – even with a high carbon price. There must be a comprehensive vision and closely coordinated plans. Otherwise, a rapid system-level transformation toward global sustainability goals is inconceivable.”[2] Neoliberalismus ist inkompatibel mit den materiellen Bedingungen innerhalb der „Belastungsgrenzen des Planeten“. Der neoliberale Mythos der Omnipotenz des Marktes als bestes, effizientes System ist in ökologischer Hinsicht deutlich in Frage gestellt.

Diese Inkompatibilität ist noch offensichtlicher, wenn man berücksichtigt, was zur Verhinderung der immer näher kommenden Katastrophe getan werden muss. Eine Reihe von Vorschlägen schließen neben dem Ersatz fossiler Brennstoffe durch erneuerbare Energie die Erweiterung des öffentlichen elektronischen Verkehrs, den Wandel von der Export orientierten Monokultur zur lokalen suffizienten Nahrungsproduktion, den Bau von energieeffizienten öffentlichen Wohnungen und den Ausbau der sog. „low carbon“ Bereiche wie Ausbildung und Pflege ein. Alle sagen an, dass die neoliberale Politik entschieden beendet werden muss.

In diesem Kontext glauben Järvensivu et al. in dem erwähnten UNO-Bericht, dass „a Keynesian world with planetary boundaries[3]“ eine mögliche Alternative zum gegenwärtigen Neoliberalismus sein sollte. Zwar erheischen der erforderliche Energiewandel sowie die Kompensation und der Schutz gegen die zunehmende Naturkatastrophe die massive staatliche Intervention und Investitionen, die unter dem Neoliberalismus nicht möglich waren. Allerdings ist der Keynesianismus auch nicht die einzige politische Möglichkeit. Schließlich man kann sich selbstverständlich fragen, ob es eigentlich nicht einfach der Neoliberalismus, sondern vielleicht der Kapitalismus ist, der nicht in der Lage ist, den Klimawandel verhindern. Kapitalismus, dessen treibendes Ziel die Kapitalverwertung durch massive Produktion und Konsumtion ist, erweist sich seit langen als nicht nachhaltig und daher als in ökologischer Hinsicht unakzeptabel. In der Tat betonte Karl Marx, dass das organisierende Prinzip des Kapitalismus nicht nachhaltige Produktion zwecks der Koexistenz und Koevolution vom Menschen und der Natur, sondern die maximale Kapitalverwertung ist. Sofern die kapitalistische Produktion am Marktpreis als organisierendem Prinzip des Stoffwechsels zwischen dem Menschen und der Natur orientiert ist, ist die nachhaltige Produktion nur von marginaler Bedeutung. Denn die Verwertung des Kapitals ist, so Marx, möglich, auch wenn die materiellen Bedingungen der Koexistenz vom Menschen und der Natur weitgehend zerstört wird: Die ökologische Krise ist nicht mit der ökonomischen Krise identisch. Kapital findet sogar neue Businesschancen im Klimawandel und den daraus resultierenden Katastrophen, um mehr davon zu profitieren. So werden nicht nur mehr Klimaanlagen, Häuser und Autos, sondern auch neue gentechnisch veränderte Organismen (GVO) mit Resilienz gegen Hitzewellen und Dürren, Versicherungen und Schutzräume gegen Hurrikane und Hochwasser, sowie Emissionsrechthandel profitabel verkauft. „Die 1%“ könnten dadurch noch reicher werden. Gleichzeitig werden negative Konsequenzen des Klimawandels soweit wie möglich durch Offshoring transportiert. Damit erhöhen sich die Leiden im Globalen Süden und der Armen, denen es an notwendigem Kapital und Technologie fehlt. Die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, am meisten unter seinen Folgen leiden, während die Reichen in den industriellen Ländern trotz ihrer massiven Treibhausgasemissionen künftig noch mehr oder weniger ihre Lebensweise sichern und sogar noch mehr Profit machen können. Daher gibt es einen klaren Klassencharakter hinsichtlich der Konsequenzen des Klimawandels, und dementsprechend erweist sich der Klassenkampf auf dem globalen Niveau in den kommenden Jahren als noch wichtiger, um mit dem Prinzip der Klimagerechtigkeit den erforderlichen Schutz und Entschädigungen für die Betroffenen durchsetzen zu können. Mit anderen Worten: der Kampf für die nachhaltige Gesellschaft und die Klimagerechtigkeit erfordert die direkte Konfrontation mit der Logik der Kapitalakkumulation und den Übergang zur zunehmenden Planung gesellschaftlicher Produktion auf der Basis von internationaler Solidarität, sodass der Erfolg gleichzeitig zur Möglichkeit einer anderen Gesellschaftsordnung führen kann.

Es gibt also den Ökosozialismus als eine dritte, postkapitalistische Alternative zum Neoliberalismus und Keynesianismus. Die Idee des Ökosozialismus ist in der Tat attraktiver denn je – sogar nachdem der real existierende Sozialismus auch hinsichtlich der Nachhaltigkeit gescheitert ist. So wurde in der UdSSR massive Umweltverschmutzung verursacht und die sozialdemokratische Regierung in Venezuela war weitgehend vom Extraktivismus des Öls abhängig. Ökosozialismus kann aber immerhin eine attraktive Alternative dadurch werden, dass er im Gegensatz zum real existierenden Sozialismus mit dem enormen Staatsapparat nicht auf das kurzsichtige Wachstum in der Konkurrenz mit den kapitalistischen Ländern zielt, sondern sich auf Basis der assoziierten Produzenten an der Nachhaltigkeit der Produktion und freien Entfaltung der Menschen orientiert.

Eine solche Idee ähnelt dem vom Marx formulierten Entwurf des Ökosozialismus bemerkenswert. Marx wurde lange Zeit unökologisches Denken verworfen, das die absolute Herrschaft des Menschen über die Natur mittels unendlich wachsender Produktivkräfte propagierte. Im Gegensatz dazu zeigt eine Reihe neuer Studien, dass Marx – vor allem im „Kapital“ – statt naiven Lobs auf die kapitalistische Entwicklung der Produktivität den „räuberischen“ Charakter der kapitalistischen Produktion scharf kritisierte.[4] Marx erklärte dabei, dass die kapitalistische Produktion wegen ihres maßlosen Triebs nach Mehrwert den „Stoffwechsel zwischen dem Menschen und der Natur“ stört und einen „irreparablen Riss“ in diesem Stoffwechsel bewirkt – so dass die materiellen Bedingungen der freien menschlichen Entwicklung wesentlich unterminiert werden.[5] Gegen diese kapitalistische Tendenz forderte er, dass „die associirten Producenten“ – also nicht die Staatsdiktatur – „diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln“ müssen.[6] Marx formulierte seine Idee des Sozialismus als Kritik des unregulierten, destruktiven Umgangs mit der Natur im Kapitalismus, wobei nicht der Staat von oben, sondern die assoziierten Produzenten von unten die gesellschaftliche Produktion bewusst organisieren sollen.

Heute wird Marx’ Theorie des ökologischen Bruches (metabolic rift) über die Agrarwirtschaft hinaus auf mannigfaltige ökologische Probleme wie den Klimawandel, die Meeresökologie und die Viehzucht bezogen.[7] Dementsprechend verbreitet sich auch die Idee des Ökosozialismus in den Ökobewegungen über einen engen Kreis von MarxistInnen hinaus. So erklärt auch Naomi Klein, die früher nur den Neoliberalismus zu kritisieren schien, explizit den Ökosozialismus als die beste Perspektive für die Vision einer postkapitalistischen Gesellschaft: “[A] new form of democratic eco-socialism, with the humility to learn from Indigenous teachings about the duties to future generations and the interconnection of all of life, appears to be humanity’s best shot at collective survival.”[8] Im Zeitalter der globalen Ökokrisen gilt weiter das Erbe von Marx im 21. Jahrhundert.

  1. Johan Rockström et al. (2017). “A roadmap for rapid decarbonization,” Science 355(6331), 1269-1271.
  2. Paavo Järvensivu et al. „Governance of Economic Transition“. https://bios.fi/bios-governance_of_economic_transition.pdf „Marktbasiertes Handeln wird nicht ausreichen – selbst bei einem hohen CO2-Preis. – „Es muss eine umfassende Vision und eng abgestimmte Pläne geben. Anders ist eine schnelle Transformation auf Systemebene hin zu globalen Nachhaltigkeitszielen nicht denkbar. “
  3. “eine keynesianische Welt mit planetaren Grenzen“
  4. Kohei Saito, Natur gegen Kapital: Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus, Frankfurt am Main, 2016.
  5. MEGA II/6. S. 476; MEGA II 4:2. S. 000.
  6. MEGA II/4.2. S. 838.
  7. John Bellamy Foster und Paul Burkett, Marx and the Earth. Leiden: 2016.
  8. Naomi Klein, „Capitalism Killed Our Climate Momentum, not ‚Human Nature‘,“ in The Intercept. https://theintercept.com/2018/08/03/climate-change-new-york-times-magazine/
    „[Eine] neue Form des demokratischen Ökosozialismus mit seiner Demut, von den UreinwohnerInnen die Pflichten der zukünftigen Generationen und die Zusammenhänge des gesamten Lebens zu erlernen, scheint der beste Schutz der Menschheit für das kollektive Überleben zu sein.“

 

Seite drucken Drucken