Der Eid des Hippokrates

Zu den laufenden „Grenzwert“-Diskussionen nimmt der Verein Naturnahe Stadt e.V. wie folgt Stellung:

Wir sind sehr erstaunt, auch was den Umgang mit Fakten betrifft. Rund 100 Lungenärzte halten die Gefahren von Stickoxiden für die menschliche Gesundheit für „schlicht erfunden“. Diese Lungenärzte sind allerdings eine klare Minderheit. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie hat ca. 4000 Mitglieder. Von ihnen haben ca. 100 „Experten“ sich öffentlich zu Wort gemeldet. Sie bestreiten u.a., dass eine „Feinstaub-Erkrankung der Lunge überhaupt existiert“.

Dem stehen Fakten wie diese gegenüber:

  1. Die nach WHO-Richtlinien errechneten ca. 6.000 vorzeitigen Todesfälle (Folgen von Feinstaub1 und Stickoxiden, mit denen vor allem Fußgänger und Radfahrer tagtäglich konfrontiert werden, wenn sie vor einer roten Ampel stehen und Dutzende Autos an ihnen vorbeiziehen).
  2. Der BUND weist u.a. auf diesen Zusammenhang hin: NO2 bildet mit der Feuchtigkeit in den Atemwegen salpetrige Säure, die nicht nur Asthmatikern schadet.
    Aus NO2 entsteht durch Sonnenlicht in Bodennähe Ozon; dies erhöht die Reizung der Bronchien. Feinstaub verbindet sich mit Pollen, die dann dreimal so allergieauslösend sind; es wird so die Infektiosität von Bakterien und Viren verstärkt. Dies betrifft nicht zuletzt alle Menschen, die an Hauptverkehrsstraßen wohnen und so besonders betroffen sind.
„Krankheiten überfallen den Menschen nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern sind die Folgen fortgesetzter Fehler wider die Natur.“ (Hippokrates2)

gekaufte Wissenschaftler?

Wir fragen uns, ob hier Wissenschaft für bestimmte Interessen (etwa der Auto-Lobby) instrumentalisiert wird. Wir fragen, ob jene Ärzte, die behaupten, dass Schadstoffe nicht schädlich für die menschliche Gesundheit seien, jemals etwas vom Eid des Hippokrates gehört oder diesen Eid persönlich geschworen haben.

Welches Ziel hat die gegenwärtige Debatte? Die Mehrheit der Bürger, die keine Mediziner sind, wird tief verunsichert. Und die Autoindustrie hat bereits in anderen Fällen „Wissenschaftslobbyismus“ betrieben Die Bundesregierung hat den Diesel-Skandal bis heute nicht aufgearbeitet. Das sollte jetzt endlich geschehen! Sinnvolle Lösungen wurden bisher kaum vorangetrieben, geschweige denn präsentiert.

Naturnahe Stadt e.V.
Aktiv für ein lebenswertes Hamburg
30.01.2019
Jürgen Stopel, Michael Kretschmer
http://www.naturnahe-stadt.de/


  1. siehe https://www.oekologische-plattform.de/2015/11/feinstaub-warnung/ 

  2. griechischer Arzt, 460 bis etwa 377 v. Chr. 

1 Gedanke zu „Der Eid des Hippokrates“

  1. Sehr geehrter Herr Stopel,
    Sehr geehrter Herr Kretschmer,

    herzliche Grüße an Ihren „Verein Naturnahe Stadt e.V.“ – aber wo in ganz Deutschland gibt es auch nur eine einzige naturnahe, autofreie Stadt mit kostenfreiem ÖPNV, wie Ihr Verein es fordert?
    Ich glaube, aufgrund der großen Sehnsucht nach so einem Paradies wären die Grundstückspreise dort für uns unerschwinglich. So verbringen wir persönlich wenigstens das Sommerhalbjahr auf einem geheim zuhaltenden Mobilheimstandplatz tief im Wald zwischen mehreren Seen gelegen, eine Rarität auch im Land Brandenburg.

    Ich wurde durch Ihren Artikel „Der Eid des Hippokrates“ auf Ihren Verein aufmerksam. Dort ist im Absatz „1. Die nach WHO-Richtlinien errechneten ca. 6.000 vorzeitigen Todesfälle (Folgen von Feinstaub) und Stickoxiden, mit denen vor allem Fußgänger und Radfahrer tagtäglich konfrontiert werden, wenn sie vor einer roten Ampel stehen und Dutzende Autos an ihnen vorbeiziehen).“ auf meinen älteren Artikel verlinkt, wo ich aber ganz andere Zahlen als nur 6.000 vorzeitigen Todesfälle zitierte:
    Aber sind ca. 430.000 Tote in Europa und 45.000 in Deutschland nicht genug, um endlich eine restriktive Politik gegen die Luftverschmutzung lautstark einzufordern, ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Partikulärinteressen und die Braunkohlenlobby“ Quelle: ”Air quality in Europe — 2015 report” Quelle: ”Air quality in Europe — 2015 report”
    Siehe aber auch hier

    Dass diese Zahlen nicht nur statistische Erhebungen sind, die aus Zufallskorrelationen resultieren können (oft treten Feinstaub, Lärm und Stickoxide gemeinsam auf), zeigt z.B. die Dissertation über die experimentell nachgewiesene „Gentoxische, mutagene und immunmodulatorische Wirkung von Feinstaub“ in einer geheim zuhaltenden Stadt in der Nähe von zwei ebenfalls geheim zuhaltenden Industriebetrieben und einer Müllverbrennungsanlage.

    Meinen ganzen Bericht über die Feinstaubbelastung in unserer Region und speziell in Gemeinde (Messstation Herzfelde) sowie eine Feinstaub-Studie, veröffentlicht im Deutschen Ärzteblatt / Jg. 112 / Heft 12 / 20. März 2015, finden Sie hier.

    Dort heißt es zu den empfohlenen Feinstaub-Richtwerten: „Die gegenwärtigen Empfehlungen der World Health Organisation (WHO) liegen bei Jahresmittelwerten von 20 µg/m3 für PM10 beziehungsweise 10 µg/m3 für PM2,5 und sind damit deutlich niedriger, als derzeit in vielen städtischen Ballungsräumen in Deutschland gemessen wird.“

    In Deutschland sind im Jahresmittel aber lediglich 2 – bzw. 2,5 – fach höhere Konzentrationen einzuhalten!

    Das andere große Thema sind aktuell die Stickoxid-Grenzwerte. In der Presse hieß es z.B.:
    „Während die Europäer 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft festgelegt haben, ist in den USA sogar die zweieinhalbfache Menge erlaubt. In der EU wiederum sind in Büros 60 und in Produktionsstätten satte 950 Mikrogramm zugelassen. Dies verstärkt den Eindruck, dass die Festlegung der Grenzwerte einem politischen Prozess unterworfen ist – der gelegentlich vielleicht sogar an Willkür grenzt.“
    Der letzte Satz ist völlig richtig. Wie sonst kann es sein, das in der Nacht in Wohngebieten ein Lärmpegel von max. 40 dB(A) erlaubt ist – und zwar einzuhalten in auch in der lautesten Stunde einer jeden Nacht. Das gilt aber nur für Lärm, der durch Industrieanlagen verursacht wird. Im Autoland Deutschland gelten auf vorhandenen Straßen für den Verkehrslärm in denselben Wohngebieten völlig andere, sehr viel höhere Richtwerte (anstatt Grenzwerte): 60 dB(A), einzuhalten im Jahresdurchschnitt!

    Die 40 dB(A) sind wissenschaftlich begründet – und jeder Mensch nimmt Lärm störend wahr. Diese extreme Privilegierung des Verkehrslärms ist das Ergebnis der herrschenden Politik.
    Diese Privilegierung des Straßenverkehrs unter Hinnahme der gesundheitlichen Folgen will die Politik nun auch auf die Luftschadstoffbelastung ausdehnen und die ihr hörige Presse verbreitet ohne zu recherchieren Lügen wie diese: „Während die Europäer 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft festgelegt haben, ist in den USA sogar die zweieinhalbfache Menge erlaubt“.
    Denn was die schädlichen NOx-Spitzenbelastungen betrifft, ist das Gegenteil der Fall:
    In Deutschland liegt der maximale NOx-Stundenwert doppelt so hoch wie in den USA, nämlich bei 200 µg/m3 und darf dazu noch 18 x im Jahr überschritten werden! Quelle
    Auch die von Herrn Scheuer geforderte Überprüfung der Grenzwerte fand in den USA gerade im Vorjahr 2018 statt, die bestehenden Grenzwerte wurden begründet und bestätigt:
    Rule Summary
    On April 6, 2018, based on a review of the full body of scientific evidence, EPA issued a decision to retain the current national ambient air quality standards (NAAQS) for oxides of nitrogen (NOx). The EPA has concluded that the current NAAQS protect the public health, including the at-risk populations of older adults, children and people with asthma, with an adequate margin of safety. The NAAQS for nitrogen oxides are a 1-hour standard at a level of 100 ppb based on the 3-year average of 98th percentile of the yearly distribution of 1-hour daily maximum concentrations, and an annual standard at a level of 53 ppb.

    Die komplette Begründung der Grenzwerte im aktuellen US-Standard kann man hier lesen:
    Unterstützende Beweise stammen aus epidemiologischen Studien, die über Zusammenhänge zwischen kurzfristigen NO2-Expositionen und einer Reihe von mit der Asthma-Exazerbation zusammenhängenden Vorfällen (z. B. Asthma-Krankenhauseinweisungen und Notaufnahme (ED) bei Kindern und Erwachsenen) berichteten.

    Ist es nicht interessant zu sehen, wie stringent auch dieser Zusammenhang erscheint:

    1. Deutschland wies schon in der Vergangenheit, lange vor dem Diesel-Skandal, die höchsten NOx-Konzentrationen aller Länder der EU auf:

    Quelle
    Auch in den Folgejahren belegte Deutschland die hintersten Plätze bei diesem Parameter.

    2. Die Deutschen haben die geringste Lebenserwartung von 22 EU-Ländern:
    Mit je 78,2 Jahren für männliche und 83 für weibliche Neugeborene liegt die Bundesrepublik deutlich unter dem Mittelwert – und bildet damit sogar das Schlusslicht unter allen 22 westeuropäischen Ländern.“ (Zitat Focus)
    Quelle:
    Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 354 diseases and injuries for 195 countries and territories, 1990–2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017; GBD 2017 Disease and Injury Incidence and Prevalence Collaborators; The Lancet, Vol. 392, No. 10159; Published: November 10, 2018

    Aber genauso könnte an diesem peinlichen letzten Platz auch der Stress der Exportweltmeister- und Pendlernation Deutschland schuld sein und die naturferne Industrienahrung mit den möglichst billigsten und daher minderwertigsten Rohstoffen.

    Jürgen Rudorf

    Bürgerinitiative Gesund Leben am Stienitzsee e.V.

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