Neuer Bericht zu Hasankeyf und Ilisu-Staudamm

Zerstörung und Widerstand in Hasankeyf und am Tigris

Die türkische Regierung hat angekündigt, am 10. Juni 2019 mit dem Aufstau des kontroversen Ilisu Staudamms im kurdischen Südosten zu beginnen. Das Ilisu Staudamm- und Wasserkraftwerkprojekt führt zu Zerstörung, Ausbeutung und Herrschaft, weshalb es seit 20 Jahren lokalen und globalen Protest und Widerstand gibt.

Zur kurzen Geschichte des Ilisu Projekts und Gegenkampagnen

Das Ilisu Projekt am Tigris 40 km vor der syrisch- irakischen Grenze wurde 1997 von der türkischen Regierung in das Investitionsprogramm aufgenommen. Dieses 2 Mrd. Euro Projekt ist Teil des größeren aus 22 Talsperren und 19 Wasserkraftwerken bestehenden und 32 Mrd. $ teuren Südostanatolienprojektes (GAP). Umgesetzt wird es vom Staatlichen Wasseramt (DSI). Das Ilisu Projekt würde nur der türkischen Regierung in Ankara, einigen Großunternehmen wie Cengiz, dem österreichischen Wasserkraftwerksbauer Andritz und einigen Großgrundbesitzern und lokalen Unternehmen einen tatsächlichen Nutzen bringen. Die Gesellschaft am Tigris würde die Kosten tragen, denn sozial, kulturell und ökologisch wäre es im wahrsten Sinne der Wortes eine Mega-Katastrophe. Der sich dagegen formierende Widerstand äußerte sich ab 2006 vor allem in der Initiative zur Rettung von Hasankeyf (HYG). Im Zentrum der Diskussionen steht der antike Ort Hasankeyf, welches seit 12.000 Jahren ununterbrochen besiedelt ist und ein wichtiges Element der Identität der Lokalbevölkerung darstellt. Aber es würde mehr verloren gehen: Das ökologisch weitgehend intakte Tigristal, Lebensgrundlage für bis zu 100.000 Menschen, würde durch den künstlichen Stausee unter Wasser gesetzt werden. Die große Mehrheit ist kurdisch, wobei die Hälfte der Einwohner von Hasankeyf arabisch ist. Bis zu ihrem Genozid im 1. Weltkrieg war ein großer Teil von Hasankeyf assyrisch (Suryoye).

Um den sich anbahnenden Verlust anders auszudrücken: Ein Herzstück von Ober- Mesopotamien würde zerstört werden, wenn nicht das Ilisu Projekt gestoppt wird. Denn das Tigristal gibt der Gesellschaft eine besondere Vielfalt und Tiefe. Ilisu würde zu einem gesellschaftlichen Trauma führen.

Proteste von zehntausenden Menschen und erfolgreiche Kampagnen mit internationalen NGO‘s haben zum Stopp der internationalen Finanzierung 2009 geführt – das zweite Mal nach 2002. Das war historisch, denn bisher wurden international noch nie bewilligte Exportkreditgarantien zurückgenommen. Neben den Regierungen zogen sich auch die europäischen Banken (Societe Generale, Dekabank und Bank of Austria/UniCredit) und mehrere europäische Unternehmen (Alstom aus der Schweiz und Züblin aus der BRD) zurück. Die Wasserkraftwerksfirma Andritz aus Österreich übernahm die Anteile der europäischen Unternehmen und erhielt zusammen mit vier türkischen türkischen Unternehmen (allen voran Cengiz und Nurol) von drei türkischen Banken Kredite: von der öffentlichen Halkbank sowie privaten Akbank und Garantibank. Da die türkische Regierung das Ilisu Projekt als sehr strategisch betrachtet, hat sie die finanziellen Risiken wahrscheinlich auf sich genommen. So konnte der Bau beginnen. Daraufhin gab es 2010 eine längere Kampagne gegen die zwei privaten Banken, die erste ihrer Art in der Geschichte der Zivilgesellschaft der Türkei. Andere Formen von Protesten folgten durch die HYG und anderer Organisationen und wieder einmal Anfang 2013 konnte Ilisu durch das Verwaltungsgericht Ankara gestoppt, weil eine Umwelträglichkeitsprüfung (UVP) nach türk. Gesetzt fehlt. Doch wurden Gesetze geändert und nach drei Monaten ging der Bau weiter. 2014 wurde durch die kurdische Guerilla und 2015 durch einen Streik der Bauarbeiter das Projekt jeweils einige Monate gestoppt.

Ab 2012 formierte sich im Irak die Save the Tigris1 im Irak gegen Ilisu und andere Talsperren. Trotz Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sie konnte die irakischen Regierungen nicht ausreichend unter Druck setzen, damit diese international gegen Ilisu vorgeht.

Zwangsenteignungen und Umsiedlung

Von den 2 Mrd. Euro Projektkosten sollen 800 Mio. Euro für die Umsiedlung (Zwangsenteignung, Umsiedlung, Neubau von Infrastruktur usw.) verwendet werden. Die Zwangsenteignungen in den 200 betroffenen Siedlungen begannen zum großen Teil 2012. Neben dem Ilisu Dorf (umgesiedelt im Oktober 2010) und Hasankeyf gibt es nur für zwei Dörfer eine staatlich geplante Umsiedlung. Alle anderen Menschen erhalten Geld und können ihren neuen Wohnort frei wählen. Erste Berichte legen dar, dass 80% der Entschädigungssummen weit weg investiert werden.

Es gibt 2019 immer noch bis zu einige Hundert Haushalte, die nicht die vorgeschlagene Entschädigungssumme akzeptiert haben und deren Klage noch anhängig ist. Die Entschädigungssummen sind in allen Fällen viel zu gering; die zuvor mündlich zugesagten höheren Summen durch die DSI trafen nicht zu.

Die größten Verlierer werden die mehr als 20.000 Landlosen sein, sie bekommen absolut keine Entschädigung, nur Kredite. Genauso die bis zu 25.000 Nomaden, die den Tigris jährlich nutzen und vom Staat überhaupt nicht kontaktiert werden. Dann gibt es rund 23.000 Menschen, die in den 90er Jahren aus den betroffenen Dörfern vertrieben und auch nicht einbezogen wurden.

Alle Einwohner, die in Neu-Hasankeyf eine Wohnungen beziehen sollen, wären nach ihrer Umsiedlung hoch verschuldet. Denn die Preise für die neuen Appartements sind zwei bis dreimal höher als die für ihre aktuellen Eigenheime und die Einnahmen der Bevölkerung sind sehr gering. Weiteres Problem ist, dass mehr als die Hälfte der Hasankeyf Bevölkerung eine neue Wohnung in Neu- Hasankeyf wegen sehr eng gesetzten Regeln verwehrt wurde; eine weitere Verletzung ihrer Rechte.

Die DSI musste immer wieder die Umsiedlung der Einwohner nach Neu-Hasankeyf verschieben. Jetzt soll es noch im Juni 2019 etappenweise starten. Doch die Bevölkerung bemängelt neben den Kosten, dass die Qualität der Gebäude sehr gering sei und wegen schnellem und schlechtem Bauen bereits jetzt Mängeln an den Gebäuden zu beobachten sind. Ein grundlegendes Problem bleibt jedoch die Ungewissheit, wovon die Menschen ihre Einkünfte beziehen sollen. Die angebliche „Tourismuswelle“ ist sehr zweifelhaft und kaum geplant.

Ein weiteres Problem bei Neu-Hasankeyf ist, dass nach den Bewohnern von Hasankeyf weitere tausende Menschen nach Neu-Hasankeyf durch den Bau von weiteren Wohnquartieren ziehen könnten und zwar aus der ganzen Region – die neue Stadtfläche ist für mindestens 5000 Menschen ausgelegt. Dies könnte zu schwer kalkulierbaren sozialen Spannungen führen.

Das Ilisu Projekt breiter gedacht ist festzustellen: Es wird in einem Gebiet des militärischen Konfliktes zwischen türkischer Armee und der kurdischen PKK Guerilla gebaut und würde diesen nur intensivieren. Auch würde es die seit Republiksgründung gegen dieKurd*innen (und alle Nicht-Türk*innen) durchgeführte Assimilationspolitik verschärfen.

Zerstörung von Kultur

Das Ilisu-Projekt liegt im Oberen Mesopotamien, der „Wiege der Zivilisation“, wo die ersten menschlichen Siedlungen entstanden. Dieses Projekt würde neben Hasankeyf rund 400 archäologische Stätten überfluten. Bis heute wurden nur in 15 Stätten Ausgrabungen durchgeführt.

Das seit ununterbrochene 12.000 jährige Hasankeyf stellt ein unvergleichbares Schauspiel an Geschichte, Kultur und Natur dar. So lag Hasankeyf jahrhundertelang an der Seidenstraße und war einer der größeren Städte der Region im Mittelalter. In der Stadt finden sich Spuren von über 20 östlichen und westlichen Kulturen, mehrere hunderte Monumente und bis zu 5500 Menschen gemachte Höhlen. Ausgrabungen der letzten Jahren sagen aus, dass es als der Zwilling von Göbeklitepe – die älteste Tempelanlage der Menschheit 225 km westwärts – betrachtet werden sollte und eine außergewöhnlichen Wert hat. Hasankeyf muss mit seinem umliegenden Gebiet gesehen und mehrere Jahrzehnte lang sorgfältig ausgegraben werden. Hasankeyf und das umgebende Tigris Tal erfüllt nach unabhängigen Expertenuntersuchungen neun von zehn UNESCO Kriterien für einen Welterbestatus. Aber weder durch die UNESCO noch die türkische Regierung gab es je dementsprechenden Vorstoß. Angesichts des universellen Wertes, würde die Zerstörung von Hasankeyf im Wesen der Zerstörung der Buddha Tempel durch die Taliban in Afghanistan und von Palmyra in Syrien durch den IS entsprechen.

Zu einem großen Aufschrei infolge von Felsensprengungen in Hasankeyf im August 2017 kam es durch schnell verbreitete Videobilder über diesen Akt der Zerstörung. So musste selbst die (DSI) und der zuständige Minister Stellung mit ihren Lügen beziehen.

Bild der Versetzung des Zeynel Bey Grabmals
Versetzung des Zeynel Bey Grabmals

Die Zerstörung der Felsenstücke ist eine neue Stufe der „physischen Intervention“ in Hasankeyf. Der irreparable Schaden hat aber schon im Herbst 2014 begonnen, als angefangen wurde, die drei Pfeiler der mehr als 1000 Jahre alten historischen Brücke mit Natursteinen zu bedecken und ihn angeblich so unter Wasser zu konservieren. Sie sollte ursprünglich wie weitere Monumente auch versetzt werden, was sich als nicht realisierbar herausgestellt hat.

Der zweite Schritt in der Zerstörung des Kulturerbes von Hasankeyf war die Versetzung des 550 jährigen Zeynel Bey Mausoleums im Mai 2017 ins zwei km nördliche „Kulturpark“ bei Neu-Hasankeyf. Mit dem Know-How der holländischen Firma Bresser konnte das türkische Unternehmen Er-Bu Insaat diese äußerst risikohafte Versetzung durchführen.

Eine im Juli 2017 gestartete OECD Klage gegen Bresser in den Niederlanden führte zu erheblicher Kritik an der Vorgehensweise, vor allem in Bezug auf die Beteiligung der Bevölkerung und Information der Öffentlichkeit. Doch dies hielt nicht Bresser davon ab, an drei weiteren Versetzungen mitzumachen und dabei noch undurchsichtiger vorzugehen.

In der Zeit bis zum Frühjahr 2019 wurden sechs weitere Monument in den „Kulturpark“ der reihe versetzt. Diese sind der Artuklu Hamam, das Imam Abdullah Mausoleum, das mittlere Tor zur Felsenburg, die Kizlar Moschee, die Sultan Süleyman Koç Moschee und die im Landschaftsbild hervorstechende El Rizk Moschee mit ihrem Minarett. Inwieweit Zerstörungen an diesen Monumenten vorgekommen ist, ist unklar, auch weil es keine unabhängige Untersuchungen es gibt. Die Versetzung von diesen Monumenten bildet einen wichtigen Teil der Propaganda des türkischen Staates zur angeblichen „Rettung von Hasankeyf“. Die Versetzung von sieben Monumenten –hat kulturell keinen Wert, weil es in Hasankeyf mehr als 300 feststellte Monumente gibt und die Denkmäler ihre Bedeutung an einem zusammenhangslosen Ort verlieren.

Die Sprengung von Felsenstücken im war der Auftakt einer Reihe von Zerstörungen und einer großen physischen Intervention. Weitere ähnliche Sprengungen folgten in den anschließenden Monaten. Der Schutt wurde dafür genutzt, für den geplanten „antiken Hafen“ (es soll eine wichtige Anlaufstelle für den geplanten Tourismus sein) am Burgfelsen aufzuschütten. Zur angeblichen Stützung des Burgfelsens wurden mehr als 200 Höhlen zugeschüttet und eine riesiger Damm errichtet. Dieser sticht hervor beim Blick auf Hasankeyf.

Auch am Tigris in Hasankeyf wurde erheblich eingegriffen, in dem er kanalisiert und eine neue temporäre Brücke für Bauarbeiten und die Versetzung der Monumente errichtet wird. Dies hat zur Zerstörung von Habitat von Tieren und Pflanzen auf 2 km Länge geführt. Heute gleicht ganz Hasankeyf einer großen Baustelle.

Zerstörung von Natur

Bild der Euphrat Weichschildkröte
Die Euphrat Weichschildkröte

Der Stausee Ilisu des Projekts würde insgesamt 400 Kilometer Flussökosystem (136 km Tigris und Rest Nebenflüsse) überfluten, welches die Heimat von tausenden Pflanzen und Tieren ist, darunter bedrohte Tierarten wie die berühmte Euphrat Weichschildkröte. Alleine 123 Vogelarten wurden bei Hasankeyf festgestellt. Der Tigris ist einer der letzten halbwegs frei fließenden Großflüssen in Kurdistan und im Mittleren Osten.

Da jedoch bisher wenig die ökologische Vielfalt erforscht wurde, können wir nicht wirklich sagen, was verloren gehen würde. Das regionale Klima würde sich ebenso spürbar verändern, wie dies am Euphrat mit mehreren Stauseen bereits geschehen ist. So erfuhr zum Bsp. dort die traditionelle Landwirtschaft schwerwiegende negative Auswirkungen. Es wird erwartet, dass die zukünftige Wasserqualität des Stauseen so niedrig sein wird, dass es zu einem massiven Fischsterben kommt und die Gesundheit der Anwohner*innen gefährdet wird. Weiter flussabwärts wird der Fluss wegen verringerter Wasserqualität und -quantität ökologisch erheblich beeinträchtigt. Am meisten werden die Sümpfe Mesopotamiens im Südirak – das größte Feuchtgebiet im Mittleren Osten und seit 2016 als UNESCO Welterbe aufgelistet – betroffen werden.

Internationale Auswirkungen

Syrien und insbesondere Irak sind auf das Wasser des Tigris angewiesen, welches eine unersetzliche Quelle für die Landwirtschaft und die Wasserversorgung der Haushalte ist. Die Türkei hat die UN Konvention über die nichtschiffahrtliche Nutzung internationaler Wasserläufe von 1997 nicht unterschrieben und setzt statt einer umfassenden gegenseitigen Übereinkünft mit Irak und Syrien nur bilaterale Abkommen an, die sie selbst diktieren kann. Damit ist dem Abgraben von Wasser aus Sicht des internationalen Rechts keine Grenzen gesetzt. Dass der türkische Staat es nicht gut meint, zeigt das aktuelle Verhalten gegenüber das befreite Rojava/Nordsyrien, welches es bekämpft. Seit 2016 lässt die Türkei im Frühlingund Sommer nur die Hälfte des im bilateralen Abkommen mit Syrien von 1987 zugesagten Fließmenge des Euphrat passieren. Dies reduziert dementsprechend die Bewässerung, Stromerzeugung und Trinkwasserversorgung für eine halbe Millionen Menschen.

Leider verhandelt der Irak zurzeit mit der Türkei hinter verschlossenen Türen ohne die Rechte der Menschen Iraks wirklich im Blick zu haben. Der Irak könnte den UN Sicherheitsrat anrufen, wofür sie mit einem bilateralem Abkommen aus dem Jahr 1947 eine gesetzliche Grundlage hat. Doch zurzeit liegt ein Gesetzesentwurf zur „Wassernutzung zwischen der Türkei und dem Irak“ im türkischen Parlament vor, welches sich auf technische Belange begrenzt und ökologische Belange überhaupt nicht beachtet.

Klagen gegen Ilisu

Seit 1999 haben AktivistInnen und Betroffen vor türkische Gerichten eine Reihe von Klagen gegen das Ilisu Projekt mit verschiedenen Argumenten gestartet. Eine wichtige Klage wurde 2010 wegen angeblichem höhergestellten öffentlichen Interesse seitens türkischer Gerichte abgewiesen. Viele kleinere Klage von Betroffenen gegen Enteignung wurden in allen Fällen abgelehnt und oft die Entschädigungssummer weiter heruntergesetzt. 2006 wurde Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EMRK) von fünf Personen aus der West-Türkei eingeleitet mit der Forderung nach Zugang zum kulturellen Erbe als Menschenrechte. Im Februar 2019 wurde die Klage abgewiesen, weil das EMRK sich aufgrund der Europäischen Menschenrechtskonvention nicht dazu fähig befinde zu entscheiden. Nach 13 Jahren wurde gesagt: „Sorry darüber können wir gar nicht entscheiden.“2 Das EMRK entzieht sich damit jeder Verantwortung, parallel zum Verhalten der EU zur Türkei.

Zurzeit laufen Diskussionen durch die HYG für weitere Verfahren vor türkischen Gerichten. Auc hwenn die Rechtsstaatlichkeit kaum noch vorhanden ist, soll jede Möglichkeit ausgenutzt werden.

Entwicklungen der letzten Jahre

Ab Anfang 2015 nahm die Kampagne gegen das Ilisu Projekt wieder zu. Dieses Mal war auch die neugegründete in ganz Nord-Kurdistan sich ausbreitende Ökologiebewegung Mesopotamiens (MEM) dabei. Eine Reihe von Demonstrationen, Konferenzen, Justizverfahren und der 1. Globale Hasankeyf Aktionstag waren u.a. die Resultate. Es wurde nach 3 Jahren der Stille der Proteste wieder Hoffnung geschöpft. Im Mai 2016 folgte eine internationale Konferenz in Batman und Hasankeyf für die Rettung Hasankeyf‘s.

Doch wurde diese Entwicklung durch den wieder losgetretenen Krieg durch die AKP-Regierung im Sommer 2015 gegen die KurdInnen und den Ausnahmezustand ab Juli 2016 im ganzen Staat erheblich eingeschränkt.

So erlaubte der Krieg der türkischen Regierung, den Streik der Arbeiter von der Ilisu Baustelle, der im Juni 2015 begann, im November 2015 zu unterdrücken. Es handelte sich um einen umfassenden Streik der ArbeiterInnen wegen Verletzung ihrer Rechte und tätlichen Angriffen der Bauunternehmen. Seitdem kommt die große Mehrheit der ArbeiterInnen aus nicht-kurdischen Provinzen. Diese leben auf der Baustelle, wo sie vom Militär geschützt werden, und haben kaum Kontakt zur Bevölkerung.

Die Regierung hat ab 2015 hunderte zusätzliche Menschen als sogenannte „Dorfschützer“ angeworben und diese für die „Sicherheit“ der Ilisu Baustelle bewaffnet. Tatsächlich richtet sie sich gegen mögliche Proteste an der Baustelle als auch gegen die sich in der Nähe agierende PKK Guerilla. Tausende von Soldaten sind um die Baustelle herum stationiert, die in laufende Militäroperationen gegen die Guerilla werden. Die Militarisierung hat so ein hohes Level erreicht, das es unmöglich geworden ist, die Baustelle als ein unabhängiger Journalist oder Forscher zu besuchen. Hinzu kommt, dass seit Kriegsbeginn permanent viele betroffene Gebiete des Tigristales zu militärischen Zonen durch die Regierung erklärt werden und sie somit nicht zugänglich sind.

Die Kampagne gegen Ilisu ging natürlich weiter, jedoch war es fast nicht mehr möglich, Menschen auf die Straßen zu bringen, wozu auch die physische Zerstörung in Hasankeyf beitrug.

Bild der Demo in Frankfurt/M, 2. Globalen Hasankeyf Aktionstag 2017
Frankfurt/M, 2. Globalen Hasankeyf Aktionstag 2017

Doch beim 2. Globalen Aktionstag am 23.09.2017 konnte eine Gruppe von 50 Menschen – zumeist aus Istanbul – sich in Hasankeyf vor der Presse versammeln. Auch dank der anwesenden Presse und guten Taktierens in Hasankeyf in Zusammenarbeit mit der HYG, war das möglich. Das große Interesse der Medien durch die Sprengung der Felsenstücke einen Monat zuvor erleichterte dies außerdem. An diesem Aktionstag nahmen Menschen sowohl in 7 europäischen orten als auch erfreulicherweise in Silemanî, Bagdat und Nedschef teil.

Im Frühjahr 2017 wurde eine Petition von mehreren iranischen Zivilorganisationen gestartet, die von 150.000 Menschen unterzeichnet wurde. Sie richtet sich an den UN-Generalsekretär und kritisiert, dass das Ilisu-Projekt zur Austrocknung der Mesopotamischen Sümpfe im Südirak und dies wiederum zu erhöhten Sandstürmen im Süden Irans bereits führt. Dies ist Ausdruck eines gestiegenen ökologischen Bewusstseins auch im Iran.

Im März 2018 wurden die Geschäftsinhaber der Tourismusstraße im Zentrum Hasankeyfs aufgefordert, in die neuen Geschäfte Neu-Hasankeyfs umzusiedeln, obwohl noch kein Mensch aus Hasankeyf in die Geisterstadt Neu-Hasankeyf gezogen war. Dies löste am 22. März 2018 eine Demo von hunderten Menschen aus, die von der Polizei angegriffen wurde. Ein Novum bei Protesten gegen das Ilisu Projekt. Wegen verbreiteter öffentlicher Kritik hat die DSI daraufhin zugesagt, dass sie erst mit der Bevölkerung ihre Geschäfte räumen können.

Am 28. April 2018 wurde ein internationaler Aktionstag für Hasankeyf und Sur, die halb zerstörte Altstadt von Diyarbakir, durchgeführt. In 5 Orten innerhalb der Türkei und in 13 internationalen Orten fanden Aktionen gegen die laufenden Zerstörungen von Kulturerbe und Siedlungen in Türkisch- Kurdistan statt.

Am 1. Juni 2018 ging ein Aufschrei durch die irakische Gesellschaft, als der Tigris in Bagdad kaum Wasser führte. Das Ilisu-Projekt wurde verantwortlich gemacht, doch die wahren Gründe ist der ausfallende Schneefall in den Bergen Kurdistans im Winter vorher und der seit 20 Jahren abnehmende Niederschlag durch die Klimakrise als auch die zerstörerische und zentralistische Wasserpolitik der Türkei und des Iraks. Auch wenn sich Anfang 2019 Rekordniederschläge ereigneten, wird die Wasserkrise im Mittleren Osten verschärfen.

Die DSI und andere türkische Regierungsleute lassen immer wieder seit 2016 verkünden, dass das Ilisu Projekt zu 97% oder gar 99% fertiggestellt sei und der Aufstau sehr bald beginne. Bei der angeblichen Fertigstellung des Projekts ist weiterhin zu beachten, dass in die Prozentsätze die Umsiedlungsmaßnahmen nicht einberechnet sind.

Ob am 10. Juni 2019 der Aufstau tatsächlich beginnt, ist unklar. Denn viele Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen. So ist es unklar, ob das Wasserkraftwerk wirklich betriebsbereit ist und alle drei Umleitungstunneln bei Ilisu geschlossen wurden. Die neue große Brücke bei Hasankeyf ist zu 2/3 fertiggestellt und wird frühestens im nächsten Jahr betriebsbereit sein.

Eine Reihe von Klagen von Bewohnern von Hasankeyf , die gegen das Ilisu Projekt sind, sind noch anhängig. Die Umsiedlung von bis zu 20.000 Menschen (das ist die offizielle Zahl der Umzusiedelnden) wird bestimmt eine Reihe von Problemen und Verzögerungen bringen. Der Bau der zwei neu geplanten Dörfer bei Hasankeyf hat noch nicht begonnen.

Hinzu kommt, dass es zum Sommer aus wasserwirtschaftlicher Sicht es keinen Sinn macht, mit dem Aufstau zu beginnen. Denn der Durchfluss ist im März und April am größten, im Sommer ist er sehr niedrig. Die vielen Niederschläge von 2019 werden daran auch nichts Essentielles ändern. So können wir folgern, dass mit dem Beginn des Aufstaus bis Ende 2019 nicht viel passieren wird. D.h. es würde sehr langsam aufgestaut. Das Ziel des türkischen Staates dabei wäre es, der Bevölkerung und den Anrainerstaaten zu vermitteln, dass Widerstand zwecklos sei. Es geht hier also um eine psychologische Überlegenheit in einer Phase der politischen und wirtschaftlichen Krise im Staate Türkei.

Wie geht es weiter?

Perspektivisch gesehen ist der Kampf gegen das Ilisu Projekt noch nicht gelaufen. Bis zum letzten Moment wird der Widerstand weiter gehen. Weltweit gibt es eine Reihe von Investitionsprojekten, die baulich fertig gestellt, aber nicht in Betrieb genommen wurden. Das beste Beispiel sind Atomkraftwerke in Österreich und der BRD. Auch sind mehrere Talsperren wie Pak Mun in Thailand darunter. Eine Gesellschaft kann sich gegen besonders zerstörerische fertiggestellte Projekte stellen und sie sogar rückbauen. Im Falle der Türkei kann es aber schon vorher passieren, dass Veränderungen der nicht stabilen politischen und ökonomischen Verhältnisse dieses Projekt zum Stoppen bringen könnten.

Schließlich ist der Kampf gegen das Ilisu-Projekt eine Gewissensfrage. Ilisu und vor allem Hasankeyf ist nicht nur in Nord-Kurdistan, sondern in der ganzen Türkei ein Symbol des Widerstandes gegen sozial- kulturell-ökologische Zerstörung durch Mega- Infrastrukturprojekte. Das „Freilichtmuseum“ Hasankeyf und das umliegende Tigristal sind im globalen Rahmen ein außergewöhnliches Erbe.

Einer sich anbahnenden großen sozial-kulturell- ökologischen Zerstörung dürfen kritische Menschen und Gesellschaften nicht schweigen. Es ist wichtig, bis zum letzten zu kämpfen. Hasankeyf könnte unter gewissen Umständen sogar eine wichtige Rolle beim gesellschaftlichen Protest in Nord-Kurdistan und sogar der Türkei spielen – vielleicht in Kombination mit anderen Orten bedroht durch Investitionsprojekte. Auch deshalb müssen auf internationaler Ebene Kampagnen weitergehen und stärker werden.

Es ist nie zu spät.

Freundliche Grüße
Ercan Ayboga

Juni 2019
Initiative zur Rettung von Hasankeyf (HYG)
http://www.hasankeyfgirisimi.net/
hasankeyfgirisimi@gmail.com
Facebook: hasankeyfyasatmagirisimi
Twitter: @hasankeyfdicle


  1. https://www.savethetigris.org// 

  2. https://www.oekologische-plattform.de/2019/02/eugmr-unzustaendig-fuer-hasankeyf/